Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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S |, Soptonibcr 1990 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 8 Aus aller Welt i oleiMI Simon Dubnow 70 Jahre. Am 24. September vollendet Professor Simon Dubnow, der reisentativo jüdische Historiker der Gegenwart, sein 70, Lebensjahr,! ubnows Hauptwerk ist die zehnbündige „Weltgeschichte des jüdii hen Volkes" (Jüdischer Verlag Berlin), die ein Standardwerk nioi' rner jüdischer Ooschichtsforschung und -Schreibung ist und aus , in russischen Original ins Deutsehe, Hebräische, Jiddische, Englische und in mehrere andere Sprachen übersetzt worden ist. Er hat über auch verschiedene Gebiete der jüdischen Geschichtswissenschaft in Sonder-Monographien behandelt. Methodisch und stofflich hat sich i ilmow über Graetz und seine anderen Vorgänger erhoben, er eman- / pierte sich von der goistosgoschichtlichon Einstellung und huldigt einer soziologischen (ioschichtsnuffassung. Kr lehnt die Auffassung . die dem jüdischen Volke in der Diaspora lediglich eine geistige .' ktivltäl lubilligt, während es im sozialen Leben nur als Objekt ge- , artet wird. Nach seiner Auffassung ist das jüdische Volk stets Subji kl. Schöpfer seiner Geschichte auf allen Gebieten des Lebens, eine I bendige Nation, gewesen. Aus «lieser Auflassung heraus entwickelte i nbnow sein modernes politisches Programm, den „Folkismus". 1!K)(! I ^gründete Dubnow in Rußland die ...lüdisclie Volkspartei", «lie heute In Polen, Lettland und in anderen Oststaaten stark vertreten ist. Der Kern des Programms der Volkspartei ist die Auffassung, dal.) die uden eine historisch-kulturelle Gruppe sind. Sie bilden keinen >taal im Staate, sondern eine Nation unter Nationen und erstreben eine politische, sondern kulturelle Autonomie (Selbstverwaltung der Gemeinde, Sprachen-Freiheit, Schul-Autonomie). Die Judenstaatsidee I hnt Dubnow ab, aber dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina als iner gesamljüdischen Aufgabe steht er, namentlich in den letzten '.ihren, positiv gegenüber, Simon (Seinjon Markowitsch) Dubnow wurde 1800 in Mstislawl Gouv, Mohilew) geboren. In den Zeitschriften „Russkl Jewrei", Wos'chod", „Haschiloach" usw. veröffentlichte er monographische Arbeiten über Sabbataj Zewi, Jakob Krank, sowie eine quellenmäßige Darstellung der Dogmatik und Geschichte des Chassldismus. Später erOltentlichte er mehrere grundlegende Monographien über die Geschichte der .luden in Polen, Litauen und Rußland und gab die Ge- »chichtswerke jüdischer Gelehrter aus Deutschland (Beeck undBran'n) in russischer Sprache heraus. Kr verfaßte auch ein sehr verbreitetes Lehrbuch der jüdischen Geschichte, Alle diese Arbeilen gipfelten in ler „Allgemeinen Geschichte des jüdischen Volkes", die in der deutichen Ausgabe den Titel „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" trägt. Eine dreibändige ..Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" wurde bereits 1020/28 vom Jüdischen Verlag als selbständiges Werk herausebracht, Neu ist bei Dubnow die Periodislerung des historischen Stoffes, r «Jehl von zwei Gesichtspunkten aus: dem der geschichtlichen Umehung und dem der Hegemonie des einen ««ler anderen nationalen Zentrums gegenüber unbedeutenderen Zentren in anderen Ländern, iir die jüdische Geschichte ergeben sich nach Dubnow zwei große Perioden: die orientalische mit den nationalen Hauptsentren in Pa- Istina, Syrien, Mesopotamien und N'ordafrika und die westliche. deren Schauplatz Europa ist und die in folgenden Stadien verläuft: lationale Hegemonie des arabischen und christlichen Spaniens (11. is 14, Jahrht.), des südlichen und dann des nördlichen Frankreichs 11. bis 18. Jahrht.), der deutschen Judenheit (18. bis 14. JahrhL). in der Neuzeit 18. bis IS. Jahrht.) rivalisieren die jüdischen Zentren n Deutschland und Polen um die Hegemonie. Der Verlauf der neuesten Geschichte (17N0 bis 101 D. in «ler die deutsche Judenheil in «ler tufkläranssbewegung voranschreitet, während die polnisch-russische ludenheil bis lief in «las Iii. Jahrhundert hinein die Grundteste der nationalen Kultur verbleibt, wird auf die Prosesse Emansipation und Reaktion einerseits, Assimilation und Nationalismus andererseits zurückgeführt. Am Schlüsse dieser Entwicklung entstehen in den letalen Dezenten vor dem Weltkriege zwei große .ludenzenlren: Amerika md Palästina, die der künftigen Entwicklung neue Bahnen weisen. Simon Dubnow. «ler eine bedeutende Lehrtätigkeit an den von Daran?. GQniburg in Petersburg eingerichteten Kursen für jüdische Vissenschafl entfaltete, Mitbegründer «ler Jüdisch-Historisch-Ethnographischen Gesellschaft" und Redakteur der Vierteljahresschrift „Jewreiskaja Starina" gewesen war. lebt seit einer Reibe von Jahren in ''erlin, wo <-r «ich Intensiv seiner Lebensarbeit widmet. Nach Vollendung seines '.'rotten Geschichtswerkes „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" ging er an die Abfassung einer zweibändigen Geschichte «les Chassldismus heran. Auch harren des Gelehrten weitere Aufgaben und mau bat den Kindruck, daß er noch lange nicht daran denkt, sich iur Rulle zu setzen. Die jüdische wissenschaftliche Welt und weile jüdische Kreise in Berlin, in Ost- und Westeuropa und in Amerika rüstet zur Feier «les 70. Geburtstages «les still und zurückgezogen arbeitenden Gelehrten. Am 1. Oktober tritt du bayerische Schäehtverbol in Kraft. Die Bayerische Rabbiner-Konferenz veröffentlicht den folgenden Aufruf: An alle bayerischen .luden! Der 1. Oktober, der Vortag «les diesjährigen Vereöhnungsfestes, ist für uns bayerische .luden ein Tag des tiefsten Schmerzes, ein Tag schwerster seelischer Bedrückung. An ihm tritt das vom bayerischen Landtag beschlossene lletäubungsgesetz in Kraft, «las in seiner Auswirkung in Wirklichkeit nichts anderes als ein Verbot des rituellen Schlachtens bedeutet. So hält «lieser Tag uns die schmerzliche Tatsache vor Augen, dal! in unserem geliebten bayerischen Vaterland — einstmals das Land der Gerechtigkeit und Duldsamkeit, das Land «ler Gewissensfreiheit und der ungehinderten Religionsübung für alle Bekenntnisse — uns .luden gegenüber ein Angriff auf das Palladium der Gewissensfreiheit, wie auf unsere staatsbürgerlichen Rechte möglich geworden ist. Wir müssen uns leider vor dieser Tatsache beugen, die uns für kürzere oder längere Zeil schwere drückende Notwendigkeiten auferlogt. Unmännliches Klagen vermag uns nicht zu helfen. Ks gilt dem Unabänderlichen ins Auge zu schauen, den Schwierigkeiten die Stirne zu bieten, das Schwere und Unbegreifliche würdig zu tragen. In eingebenden Beratungen und treuer, umsichtiger Arbeit haben die religiösen und weltlichen Führer des bayerischen Judentums zusammen mit den Vertretern «les jüdischen Metzgergewerbes in Bayern, auf dessen Erhaltung «Ii«' jüdische Bevölkerung bedacht sein muß. dir Voraussetzungen für den Fleischbesug aus außerbayerischen Ländern geschaffen. Die Durchführung wird sich zumal in der ersten Zeit nicht leicht gestalten, und die Mitglieder unserer Glaubensgemeinschaft werden nicht geringe Opfer bringen müssen. Dennoch zweifeln wir keinen Augenblick, daß «las bayerische Judentum mit starkem Willen und mit zähem Opfersinn sich der schwierigen Lage gewachsen zeigen und an «ler Heiligung seines Lebens im Sinne der religiösen Speise Vorschriften festhalten wird. Hat doch zu allen Zeiten, wenn es galt, einen Angriff auf ihre religiösen Heiligtümer abzuwehren, die jüdische Glaubensgemeinschaft einmütig zusammengestanden und. wie die jüdische Geschichte es auf allen Ihren Blättern zeigt, rühmenswerte Stärke und leuchtenden Opfersinn bewährt. Wir hegen deshalb zu der Gesamtheit unserer Glaubensbrüder und Glaubensschwestern «las feste Vertrauen, «laß auch diejenigen, «Ii«' bislu-r in der Beachtung der religiösen Speisevorschriften zurückstanden, nicht mehr zur Seite stehen, daß sie durch ihre Beteiligung an den zu bringenden Opfern uns im Kampfe um unsere Gewissensfreiheil unterstützen und auf solche Weise ihr Gemeinschaftsgefühl und ihre brüderliche Gesinnung betätigen werden. An alle unsere bayerischen Glaubenbrüder und Glaubensschweslern richten wir somit die dringende und herzliche lülte. daß sie der heiligen Sache der Religion die Treue wahren und in richti!_r<'r Wiirdigung «ler schweren Zeit, in die wir hineingestellt sind, sich als pflichtbewußte Bekenner unseres Glaubens bewähren mögen. Möge «las bayerische Judentum in solcher Zeit der Drangsal nicht versagen und nicht enttäuschen! Nürnberg, den 19. Flui 12. September 1980. Häver Ische Rahbinerkonfoienz Dr. Freudenthal Dr. stein. Jüdische Verbände und Gemeinden Dir Tagesordnung des Weltkongresse* für das arbeitende Palästina, Vom 27. bis Zinn 80, September 1980 Andel in Herlin «l«"r Weltkongress für «las arbeitende Palästina statt: die Eröffnungssitzung des Kongresses wird im ehemaligen Herrenhause abgehalten werden. Das Zentralkomitee zur Vorbereitung des Kongresses hat «lie Folge der allgemeinen Tagesordnung festgesetzt: a) Die Nöte des jüdischen Lebens in der Gegenwart; in diese Gruppe fallen Referate über «lie soziale Struktur «b's Jüdischen Volkes, «lie Laue «ler .luden überall in der Well, «Ii«- jüdisch«- Arbeiterbewegung, die jüdischen Auswanderernöte, Probleme «les westeuropäischen Judentums, b) Palästinas Rolle im jüdischen Leben; in diese