Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 39 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seit«' 2 GEMEINDE» LA TT DKli ISUAKLITIseilKN H KI. I < i IONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer eine Last erblickt, eine Bürde, die den Mensehen niederdrückt nnd ihn zur Ninilc zwingt. Das Judentum ist daseinsfroh und bejaht da« Leben. Leben Ist Sinn der Schöpfung, im Leben verwirklicht sich das Gute, durch das Leben wird das Göttliche selber Wirklichkeit. Nicht mit Schuld belastet werden wir geboren, sondern sur Verwirklichung des Guten wilden wir ins Dasein gerufen. Leben ist die Voraussetzung alles Guten. Danini nimmt das Gebet Im Leben einen so großen Raum ein in den Geboten des Tages. Ks ist eine alte Präge, mit der sich die Menschen schon viel boschättigt lialien. ob die Welt »ut oder schlecht ist. Die Uebei in der Welt scheinen unvereinbar zu sein mit der Vorstellung einer guten Well. Darum hat man gezweifelt, ob es möglich sei. in dieser Welt das Gute zu verwirklichen und hat das Reich des (inten, das Reich der Erlösung in eine jenseitige Welt versetzt. Diese weltverneinende l.. hie ist dem (leist des Judentums zuwider. Gewiß gibt es Gebe! in der Welt, aber sie sind Verschuldungen der .Menschenseele, die es zu überwinden gilt. Nicht ein böses Verhängnis ist die Sünde, vor dem es kein Entrinnen gibt: des Menschen Wille ist frei, und in freier Entscheidung wühlt er seinen Weg. Gut und Möse ist in des Menschen Hand gegeben. Des Menschen Wille entscheidet über seinen Wee. Dann ist die Welt schlecht, wenn die Menschen das Boso wühlen. Aufgabe des Menschen aber ist es. das (iute zur Verwirklichung zu bringen. In zahllosen Aussprüchen und Beispielen haben die Lehrer d. s Judentums darauf hingewiesen, dafi der Kampf um das (iute, das Stieben nach Verwirklichung des Heiligen, des Menschen eigentliche Bestimmung sei. Eine absolut gute Welt, in der kein l'ebel möglich isl. das wäre eine Welt heiliger Hube, eine Welt, in der nur Engel leben könnten; ..die Thon wurde nicht Engeln gegeben", „Gott hat den Trieb zum Bösen ins Herz des Menschen gepflanzt, aber er hat zugleich seine Lehre gegeben, um das Böse zu überwinden". „Der Trieb des Menschen ist zur Erhaltung des Lebens erforderlich, ohne den Trieb zum Leben gäbe es kein Leben." Linen Ausgleich schatten zwischen dem Streben nach dem Heiligen und den Fordi Hingen irdischen Dasein, das isl die Aufgabe des Menschen', il irdische Welt zu gestalten nach dem Vorbild des Helligen, ist seil Aufgabe. Himmel und Knie soll er gleichsam zur Versöhnung bringe und so das Reich (iolles auf Knien errichten; denn das Reich Gotli das wir erstreben, ist auf dieser Welt. Das Reich Gottes auf Knien ist ein Reich der Menschheit. \\ Menschen im Streite miteinander liefen, ist das (iotlesreich in weit. Kerne. Den frieden zu erstreben, isl Aufgabe jedes Menschen, ist i besonderen Pflicht jedes .luden. Gott sprach: „Die ganze Thora leh den Frieden, und wem anvertraue ich sie? dem Volke, das den Frii den liebt." Ist es nicht ein Widerspruch zur Lehre des Judentums, dafi sovii streit und Hader die Judenheit entzweit. Gewiß, aller Fortschritt I dingt Kampf; das Alle kämpft um seinen Bestund, das Neue rn um Geltung. Aber der Kampf der Meinungen sollte ein Kampf u Meinungen sein, nicht ein Kampf gegen die Person. Line Anschauui bekämpfen braucht nicht zu bedeuten, den Vertreter der Anschauui niederzuzwingen. Seihst die Frevler sollen ja nach dem Bibelwort, d in der talmudischen Erzählung Berurla ihrem Gatten Rabbi Melr voi hält, nicht untergehen, sondern zur Umkehr gestimmt werden. „D Sünden sollen schwinden, und sie sollen nicht mehr (Frevler) sein Der Versöhnungstag mahnt uns zur Liebe, auch dem Gegni gegenüber. Wer als .lüde seine Meinung mit Waffen des Krieges /, Geltung bringen will, der hat den Kampf schon verloren, weil er sii i durch seine Tat in Widerspruch setzt mit dem Geist, mit der Lehre des Judentums. Denn das ist das Kennzeichen des Krieges, daß d Gegner vernichtet wird. Ein /.eichen geistigen Kampfes ist es. di mau ringt um die Seele des Gönners, und das Ziel alles feiste Kampfes ist Einheit und Versöhnung, seine Mittel darum Liebe. DieTjüdische Bevölkerung deutscher Großstädte Von Herbert Philippthal, Berlin. Wie liefen die deniouraphischen Verhältnisse der .luden in den deutschen Großstädten? Die Beantwortung dieser Frage hat für die jüdische Gemeinschaft lebenswichtige Bedeutung, denn der deutsche lud.' ist nur Städter, so daß die BevölkerungsbiUnz der Städte Auskunft Uber den voraussehbaren Bestand der .luden überhaupt gibt Mehr als Worte sagt dem kundigen Leser die folgende Tabelle: JSdtocfaa Qebuttaa .IUIIis che -ii riWUU Gcbartenflbsrnchufi — BtettettbenchaB Stadl 19211 IMS 1927 ISN IMS 19X7 IMS IMS 11127 Leipzig 168 183 171' 108 129 4.1 + 43 1'r.inkfurt 288 338 :ej(i 481 413 :«i2 Hill — 7.". Ii« Hamburg 202 I7M 316 2«.t4 328 289 '.•2 —ir>5 — 73 Brehm 166 220 2<HI 42S :i72 :«7(» 263 182 I7ii Was zeigt uns die Tabelle ' Au s ihr gehl hervor, dal.) die (ieburtenzahl in jeder der Städte im Rückgange begriffen ist. Sie ist bereits unvergleichlich gering, in Frankfurt a. M. entfallen z. B. auf 1000 luden im Jahre 1929 — die jüdische Bevölkerung ist mit Hilfe der Fortschreibung auf :ioh(m) Seelen berechnet - nur noch 10,4 Geburten. 20' N sind aber zur Erhaltung eines Volkes erforderlich. In anderen Städten sind die Verhältnisse gleichartig gelagert, so daß überall eine negative Bilanz sich ergibt. Absichtlich sind in unserer Aufstellung die Geburten aus Mischehen ignoriert (sie betragen in Leipzig im Jahre iir.i*:l7. 1929:8), weil der Nachwuchs überwiegend dem Judentum verloren geht Ferner ist bemerkenswert, dali die Mortalität Steigt, was eng mit dem jüdischen Altersautbau zusammenhängt, worüber ich eingehend im „Allgemeinen Statistischen Archiv" (Jahrgang 1(»:t(i) berichtet habe. Das Knzit obiger Bilanz lautet: Das deutsche Judentum stirbt sich aus. es sei denn, daß eine verhältnismäßig große Einwanden» jüdischer Elemente aus dem Auslande einsetzt, um die Lücken au Zufällen. Zur /.eil ist dies aber vollkommen ausgeschlossen, da 'I Wirtschaftsdepression jedwede Immigration unterbindet. über Khen und Mischehen informiert nachstehende Aufstellun Jüdische Rhen Mkeuenea Stallt IMS IMS ISST IIIS« 1828 IM? Leipzig 32 33 24 32 24 32 Frankfurt 1SH 186 163 82 7)i :>s Hamburg 71 Sil 98 80 '.III B4 Breslau 128 183 124 (12 Iii 4s Die Entwickelungstendens der jüdischen Khen ist zwar nicht ei heitlich, immerhin scheint sich eine langsame Abnahme zu vollzieh. Die Mischehen nehmen dagegen noch immer zu, was der jüdisch Gemeinschaft zum großen Nachteil gereicht, weil bekanntlich dies Nachwuchs meistens dem Christentum zugeführt wirtl. Aulfalle; ist gerade für Leipzig, dali eine solch große Anzahl jüdischer Männ an den Mischehen beteiligt ist. I"1 Jahre 1927 waren es 24, 15(2S: und l!)2tl:2S Männer jüdischen Glaubens, dagegen nur S, 5 Uli 4 Jüdinnen, die von einem christlichen Ehepartner erkoren wurde! Die hohe Mischelien/.iffer — daran sollte man nicht schweigend VOI übergehen — ist überhaupt ein schlimmes Zeichen der Zersebnui Man soll in dieser Situation das Schicksal nicht seinen Lauf nehmt lassen, sondern den Vorschlägen zur Bekämpfung der Mischehe, d zum Teil duchaus annehmbar sind, nähertreten. Beeinflussungen zu Hebung der Qeburtlichkeit sind meiner Ansicht nach dagegen kau möglich.