Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 38 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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19. September 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Wie ist diese ewige Bestimmung des jüdischen Gotteshauses gei rderl worden an der Stätte, deren füntundsiebensigjähriges Bestehen wir feiern? Was bat sie dem Leben gegeben, was bal sie erlebt an Fortschritten der Menschheit, was ist an Weilen des Lebens, an Freude und Mut. von ihr ausgegangen? Was Indien die Menschen, liier gebetet haben, geleistet, um die Ideale der Religion su verwirklichen, um das Judentum zu stärken und den Menschheitsgedanken su fördern? Oer äußerliche Fortschritt des Rechts und der Freiheit ist ein ganz gewaltiger gewesen! Wenn man freilich im Grundstein dieser Synagoge ein Exemplar des „Gesetzes Uber ,i »i l e i o Ii t> e rechtigung d er Israelit e n" eingeschlossen i so war das mehr ein sehnsüchtiges Hoffen als die Feststellung einer Tatsache. Denn der Mann, der einst das Haus weihte, mein hrter und redegewaltiger Vorgänger Adolf Jellinek, halle ies Glaubens wegen zur Zeit der Errichtung dieses Hauses noch in.id «las Recht auf Autenthall in unserer Stadl! In diesen IQnlundsii bensig Jahren ist der Gedanke der Gleichheit aller Bürger durchgedrungen, und in der Verfassung des Norddeutschen Bundes, des di uIschen Kaiserreiches und des neuen Deutschland ist er eine Selbst- \;tändUchkeit. Aus der Duldung der .luden ist Gerechtigkeit für alle Glieder des Staates, aus den Privilegien sind Hechte geworden! Und in der festlichen Stunde des Rückblicks empfinden wir es in stolzer Freude, dafi in diesen tünlundsiebenzig Jahren trotz der h iege, die Sie erschütterten, die Menschheit den Weg zur Höhe beschritten hat, dafi Werke der Nächstenliebe und der Güte gefördert werden sind, und dat.! nicht nur aus der Arbeit der Diplomaten und Politiker der Fortschritt der völkerverbindenden Ideen erwachsen ist, hindern aus der schlichten Pflichterfüllung des großen Heeres der Ungenannten und Unbekannten, deren Namen nicht verzeichnet werden, die aber mit schlichtem Herzen an ihrer Stelle im (iauzeu zum Si gen gewirkt haben. Und zu den Männern und Frauen, die im großen, friedlichen Heere des sittlichen Fortschritts wacker mitgekämpft haben, gehören <i Beter, die au dieser Stelle in Andacht Belehrung empfingen. Sie übten Wohltat, sie dienten der Gemeinschaft, ihrer Religion, ihrer Stadt, dem Staate und dem Vaterlande. Unendliche Weihe hat dieses ix'lteshnus in der Menschen Seelen gegossen, und aus der Weihe wurde die segensreiche, kraftvolle Tal des Lebens! Denn die Religion gab ihnen Kraft und Selhstsicherheit. Und wahre- Kultur ersteht nur dort, wo sie von Menschen errichte! wird, denen die Selbstgewlßbeit des rechten Weges gegeben ist. Heiliger Hoden ist ein Gotteshaus, id auf heiligem Hoden erblüht beilige Gesinnung, die über sich seihst hinausstreht und nach Vervollkommnung trachtet. Und solches Streben nach dem Lichte ist wahres, ewiges Lehen in Gottl Wir feiern das Fest in ernster, trüber Zeit! Die Verzweiflung der Menschen, denen die Folgen des Krieges die Möglichkeit der Existenz genommen haben, wirkt sich in der Zwietracht aus. Nicht verbindet sie Liebe, sondern der Haß schreitet durch die Welt, entzweit und zerstört! An beiliger Sttdle in beiliger Stunde wollen wir nicht klagen, nicht anklagen! Nicht steigen wir hinab in die Niederungen di's Tages, und auch in schwerer Zeil schwindet aus unseren Herzen nicht die Hoffnung, nicht das Vertrauen! Denn das Fest unseres Gotteshauses dürfen wir nur feiern, wenn auf die Zeit, die vorübergegangen ist, neue fünfundsiebenzig Jahre folgen, in denen wir die Arbeit für die jüdischen Ideale, für echtes Menschentum, für Freiheit und Hecht mit aller Kraft fortsetzen. Und unsere eigentliche Festesfeier, die Weibe, die diese Stunde uns gibt, ist die Erweckung dieses Geistes der Zukunft. Nicht wollen wir in Wehmut Erinnerungen auffrischen, sondern I. e b e n muß a u c h v o u uns ausg e b e n , Leben, das aus göttlichem Quell stammt. Bei der Grundsteinlegung dieses Hauses im Jahre 1MÖ4 sprach Adolf Jellinek das tiefe Wort, dafi die Zukunft der Menschheit nur auf dem Vertrauen beruhe. Und seinen Gedanken nehmen wir heute auf: Wir wollen vertrauen, daß iu der Menschheit sich der Geist der Liebe und der Eintracht trotz aller schlimmen Zeichen der Zeit durchsetzt, wir wollen unserer eigenen Kraft vertrauen, die in freudiger Arbeit für die Zukunft des Judentums, des deutschen Vaterlandes, des ganzen Menschengeschlechts sich bewährt! Vertrauen wollen wir Unserem Gotte, der dieses Haus einst weihte, der ihm in seiner Lehre einen Quell des Lebens gab, der nimmer versiegt, Licht des Fortschritts und des Friedens, das nie verlöscht. In fünfundsiebenzig Jahren wird man in diesem Hause wieder ein Fest feiern, und wieder werden Männer und Frauen unserer Gemeinde sich versammeln, um der Vergangenheit zu gedenken, um Mut für die Zukunft zu gewinnen. Wir werden nicht mehr bei ihnen sein, uns alle deckt der Hasen, und wir werden in unsere ewige Heimat eingezogen sein. Aber mau wird unser zum Segen gedenken, wenn wir im Geiste der Gründer dieses Hauses wirken, wenn wir alte Tradition in das Leben kommender Tage führen, wenn wir ebenso rechtliche und ebenso begeisterte Kämpfer für unseren heiligen jüdischen Glauben und die einige Menschheit sein werden, wie jene, die das Haus erbauten im Willen zur Tat, im Willen zum wahren Leben. Und iu der Zuversicht des wahren Lebens erklinge unser Gebet: ..Hei Dir, o Gott, ist der Quell des Lebens. In Deinem Lichte schauen wir Licht!"' Der erste Weltkongreß der Schomre Schabbos In den letzten Augustlagen wurde in Berlin der erste Wellkoneli des Sehoinre-Schahhos-Weltverhandes abgehallen. Es hatten sich i ihm mehrere hundert Delegierte und Gäste aus fast allen Lindern r Welt eingefunden. Selten waren in den letzten Jahrzehnten eine groflfl Zahl jüdischer religiöser Führer an einer Sttdle versammelt, an sah unter den Delegierten Rabbiner der größten Gemeinden, eltberühmte religiöse jüdische Gelehrte, Führer von grollen jiidilien Gemeinden u. a. in. — Seminardozent Dr. Samuel Grimberg, •r Präsident des Weltverhandes Schonire Schabbos, rief der Vermmlting ein „Schalom Aleichem" zu, begrüfite ilie Führer des reliiösen Judentums, die Vertreter der Reichs-, Staats- und Sladlbehür- n, die Vertreter der französichen und italienischen Botschaft, sowie •hrere Gesandtschaften auswärtiger Regierungen, die Vertreter der Tschiedenen jüdischen Gemeinden und Organisationen des In- und islandes und gedachte insbesondere der jüdischen Gemeinde Berlin, lie durch die Gewährung eines namhaften speziellen Kongrefibeitra- ■ sich die Schomre Schabbos zu besonderem Dank verpflichtete, uien besonders herzlichen Willkommengrufi bot der Hedner den •legierten aus Krez Israel, denen er den Segensspruch zurief: Boachem lesehalom maische haschatoml" (Seid willkommen, ihr Dten des Friedens!) Präsident Dr. Grünberg entwickelte sodann Idee. Ziele und Organisation der Schomre Schabbos. Kr führte ■ nter anderem aus: Die Beobachtung des heiligen Ruhetags mit seinen religiösen, ethischen und sozialen Auswirkungen ist eine Grundforderung des sinaitischen Dekalogs, die Innehaltung des Sabbath, die kategorische Forderung und Mahnung aller großen Propheten. In ihrer späteren universalistischen Auswirkung bedeute die Sabbathidee die größte sozialethische Hevolutionierung der Menschheit. Für Israel selbst wurde der Sabbath der Lebensquell seines Duseins, die Seide seines Volkskörpers. Iu unserer Zeit aber ist der Sabbath in seiner Existenz bedroht, jedem jüdischen Menschen wird es schwer gemacht, dem Sabbath die Treue zu wahren. Ergreifend ist das Schicksal des suhhathtreuen Juden unserer Zeit, den eine unsichtbare Macht entweder zu kaum tragbaren Opfern für seinen Sabbath oder zu dessen Entweihung zwingt. Diese Macht ist heute in der Hauptsache wirtschaftlich-sozialer Natur. So wurde denn das religiöse Sabbatproblem in unserer Zeit zu einem sozialökonomischen Problem, und ilie Lösung ist hauptsächlich auf sozialökonomischem Wege zu suchen. Ks mußte eine Organisation geschalten werden, die alle sabbathbejahenden Kräfte für den Abwehrkampl vereinigen soll. Ks entstand ilie Pflicht, eine alljüdische, gut organisierte Rettungsaktion einzuleiten. Aus dieser Erkenntnis heraus ist der Weltverband für Sabbathschutz, mit seinem absoluten überparteilichen Charakter, entstanden, und zu dem genannten Zwecke ist dieser Sabbathwoltkongreß einberufen wurden. Der Woltverband für Sabbathschutz soll die Solidarisierung der Gesamtjudenheit mit dem Sabbath bewirken. Die Reihe der Begrüßungsansprachen eröffnete Herr Legationsrat Professor Dr. M. Sobernheim. Er führte aus: Die Reichsregierung und die Preußische Staatsregierung haben