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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-09-19 · 38 (19.9.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seile 2 aEMEINDEBLAH DKR ISRAELITISCHEN RELIGlüNSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Solch« Oedanken kOnnen besonders in diesen Tagen vor dem Neujahrsfeste iu uns sprechen, d;is mit seiner Wende der Zeilen uns daran erinnert, daß unser kleines Gestern wieder eine Spanne größer geworden Ist. Es ist ein Neujahrswunsch, alt zu werden, aber doch nicht all iu sein, von gestern zu sein und doch auch von heute, lieber da> Alter gibt es einen anmutigen Aufsatz, den Ludwig Bamberger geschrieben hat. Er hat Ihn verfallt, als er die Sehwelle des achten JahnehntS bereits überschritten hatte, und er war ja schon vordem ein Kühler Kopf, der die klaren Begriffe nur aufnahm. Auch er hatte sich die Frage vorgelegt, ob man sich im Alter innerlich noch jung erhalten könnte. Und er gab sich und anderen die Antwort, daß dies abhänge von der „Kontinuität des Ich" er hätte auch sauen können: von dem lebendigen Verständnis für das Gestern; das machte es. daß der alte Mensch im Grunde doch der Junge Mensch bliebe, Das Wort ist so treffend, daß wir von dem kleinen Gestern es auch auf das große anwenden können, nuf unseren Anteil an dei Leben der (iesamlheit, in das die Vorsehung uns hineingestellt Ii. Wie können wir in ihm, mit all seiner Vergangenheit, doch Immi innerlich Jung und neu, holTnungs frisch und Zukunft sfrcml ig hleibei Auch hier, für dieses große Leben, das uns mit den früher»!! (i Schlochtern verknüpft und auf die kommenden hinweist, lautet d Aulwort: wir müssen die Kontinuität des Ich bewahren, wir müssi das sein wollen, was wir sind. Als Menschen, die um ihr Oettern wissen, werden wir Menseln des Heule sein, die für das Morgen arbeiten. Da wir begreifen, wn unsere Vergangenheit uns ist, werden wir verstehen, was wir de Zukunft zu geben haben. Das ist im großen wie im kleinen Lein die bleibende .lugend, oder wenn es einem besser klingen sollt« Modernität. ....... (Alxlntck durch ilon Autor gestattet.) DES GOTTESHAUSES SINN! Nach einer Rede zur Feier des fünfundsiebenzigjährigen Bestehens der Leipziger (>emcindcsynagooc am 7. September 1930 Von Dr. Felix Giildmaiin. Fünfundsiebenzig Jahre besteht das Gotteshaus, in dem wir beten. Und die Stunde des Gedenkens will nicht nur historischen Rttckblick anregen, sondern sie rührt in der Tiefe unserer Seelen das Empfinden der Verantwortung und die Frage Dach unserem Sollen auf. Welchen! Zwecke dient ein jüdisches (1 o 11 e s h a u s , welches ist der letzte Sinn seines Seins? Erst wenn Uber diese Frage Klarheil herrscht, kann an den allgemeinen Richtlinien die Bedeutung dieses Gotteshauses gemessen, kann festgestellt werden, ob es seiner Bestimmung getreu im Werden des Judentums und der Menschheit gewirkt hat. Rechenschaft soll darüber abgelegt werden, ob die Menschen, die iu buntem Wechsel in diesen fünfundsiebensig Jahren gekommen und gegangen sind, würdige Träger der Tradition waren, die das Gotteshaus verkörpert. Bin tiefes (lebet in der Heiligen Schrill wendet sich an Gott als den Quell des Lettens und des Lichtes. „Bei Dir. o Gott, ist der Quell des Lebens: in Deinem Lichte Behauen wir Licht" (l'sahn HC. Ki). Erstes Fundament des Gotteshauses ist der Geist des Lebens, der in ihm waltet Die jüdische Religion ist Verwirklichungsglaube, und in ihrem Mittelpunkte steht die Tat! Aus der Theorie des Dogmatischen und Sittlichen formt das Gotteshaus Leben, und die Lebensnähe der Religion, von der heute so viel gesprochen wird, findet in ihm ihren Ausdruck. Es ist darum kein Zufall, daß gerade dieses Gotteshaus des Lettens Ruf nicht ungehört verhallen ließ, mit der Zeit ging und neuen Formen zu ihrem Rechte verhalt. Denn alles Leben ist Fortsehritt und Entwicklung! Auch in das Gotteshaus schlauen die Wellen der Zeit, auch religiöse Tonn ist in einem steten Werden und Versieben, l'nd für die jüdische Religion i-t das Mitgehen mit der Zeit dort selbstverständlich, wo die Einheit von Lehre und Letten erhalten werden muß. l'nd dennoch ist die jüdische Religion trotz ihrer Lebensnähe kein Spielball von Zeitstrtmungenl Sie will auch Leben Schäften, das Leben meisternI Religion ist ein Faktor der Kulturgestaltung, dessen Bedeutung die moderne Zeit nur zu gern ubersieht! In der jüdischen Religion kommt dieser objektive und zeitlose Charakter tiarin zum Ausdruck, daß au beiliger steile zu festgesetzten Zeiten in alten überlieferten Worten die Lehre verkündet wird, l'nser Glaube will weit mehr als der suchenden Menschenseele den Weit ni <;,,tt weisen und sie der Nähe Gottes gewiß machen. Er will der Seele Richtung und Gestalt geben, er will im Leben verwirklichen, was göttliche Offenbarung als Vorschrift für ewige Zeit hinstellte. Keine jüdische Ltdire gibt es. die im Letten nicht verwirklicht werden kann und muß, und die Religion gibt allem Gesehehen einen Sinn, schaff! starkes, sittliches Lehen, l'nd als wahres Irin biliares Leben kann nur gesrertet werden, was vom Geiste der Roliuion getragen ist. Fan jüdisches Gotteshaus beugt sich dem Leben im Sinne moderner Zeit nicht Es beugt sich den Weltanschauungen der Zeit nicht, die — kam geboren — wieder vergehen! Es beugt sich auch den neuen Ai. schauungen über Sittlichkeit und das Zusammenwirken der Menseln nicht. Nicht aus Starrheit hält das Judentum an den allen Ideale fest, sondern weil es in ihnen den Quell ewigen Lebens erblickt, Uli es gebietet keine Askese, weil Hl allem echten Leben F'reude ist. Dali mau Gott in Freuden dienen solle, ist eins der tiefsten um! I» glfickendsten Worte der Heiligen Schrift. Und Menschen, die ii Leben stehen, müssen mit fröhlichem Lebensmut an ihre Aufgal gehen. Das ist die letzte, die grundlegende Kraft, die das Gotteshai in die Seelen gottergebener Menschenkinder legt: Freudigen Leben mut, der unQberwindbar ist. weil er Licht schaut im Lichte Qotte dem Quoll des Lebens! Uns .luden ist das Gotteshaus aber auch Hinweis nuf die Ein heit unter den Menschen! Mit aller Kraft dienen wir dem einig einzigen Gotte der ganzen Welt, dem einen liebenden Vater all« Menschen. Dem e i n e n Gotte in der Höhe entspricht die e i n e Mensch heit auf Erden! Konfession und konfessionelle Arbeit ist gewiß Dich Überflüssig! Sie wird aus der Eigenheit der Menschengruppen heran geboren und stellt die Forin dar. in der, weil sie dem Wesen de Gläubigen entspricht, am fruchtbarsten um! erfolgreichsten Arbeit ge leistet werden kann. Konfessionelle Färbung des Wirkens, die (Ii I'raxis des Lebens in den Vordergrund stellt, mehrt den Eifer, dit Kraft und den Erfolg! Aber Konfession darf nie Selbstzweck werden Denn letzter Sinn aller konfessionellen Arbeit kann es nur sein, di Menschen hinaufzuführen zu dem Glauben an den ewigen, einzige' Gutt der ganzen Welt. Ober den Konfessionen mit ihre verschiedenen Wegen, mit ihren Streitigkeilen und Kleinlichkeitei steht die Menschheit, die eine grolle Menschheit, die dei e i n <• n (iott anbetet l'nd der Sinn des jüdischen Gotteshauses ist es. die Forderungei der jüdischen Religion zu erfüllen, begeisterte, opferfreudige und glaubenstreue .luden heranzuziehen, sie aber mit dein Geiste dei Einheit und des Friedens zu erfüllen. Gute .luden will es Schäften, di. im Bewußtsein der Gleichheit aller Glieder unseres Glaubens voi Göll, unter sich in Achtung und Verständnis, in Bruderliebe ver Immlen sind, die aber über den Forderungen der Konfession da- Große, das Verbindende, das Menschliche nicht vergessen, die aus der Kleinlichkeit des Irrtums und der Enge der Meinungen sich herausheben und den Weg finden zum großen, ewigen Gotte det Lebens. Nur wenn es Menschen hinaufführt zu den Höhen der Verbrüderung und der Einheit, hat ein jüdisches Gotteshaus seine Auf aabe erfüllt.

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