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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-09-19 · 38 (19.9.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
38 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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i $emeinö eblatt >ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU .flPZIG i;1 AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTl/NGB l is Gemrimlrblalt entdirlnt |rdcn Freitag und wird < n Mitgliedern der Rellglonsgemclnde unentgeltlich durdl dir Post zugestellt — S t h r i f t 1 < 1 t u n g : < .< mctnderabblner (.»untav Cohn, Leipzig, l.ohrstraüo 10 NUMMER 18 / JAHRGANG 6 FREITAG 19» SEPTEMBER 10lO Anzcij('*iivrrwultunj( und Drink: Hudidrutfcerel August Pries, l.rip/.iK, Brüdcrstr. 59 - Fernruf 700 06 - Postsdietk Leipzig-53920 - Nndidmrk nur mit Quellenangabe und mit (ienehniiKunR des Verfassers gestattet Zum Neujahrsfest GESTERN UND MORGEN Von Rabbiner Dr. L. Baeck, Berlin. Es ist der Wunach vieler und ihr stolz, Menschen von heult' zu sein. Kin Mensch von gestern, «Iiis klingt wie ein mitleidiges Wort, wie ein Vorwurf beinahe, und uns Juden wird er gelegentllch gemacht. Neben dein halb staunenden, halb ehrfurchtsvollen Ton, in dem etwa Qrillparser es vom Volk des allen Bundes gesagt hat: „Wir andern sind von heut, sie aber reichen bis an der Schöpfung Wiege", tritt blutiger noch der andere, der des Bedauerns und iles Tadels, daß dem .luden zu viel vom Vergangenen und tu « nijr vom Gegenwärtigen eigne, dafi er im tiefsten Wesen von der Ii heren Welt her sei, dafi er wie ein Mensch von gestern dastände. Ks ist wahr, wir .luden sind von gestern schon und von ehedem. Allein, wer ist «las nicht? Niemand ist von heute erst, auch der nicht einmal, der das Uchl der Well jetzt erblickt hat. Jeden trügt von Anbeginn au «las Leben der Geschlechter, die ihm ingegangen sind; sie alle haben mit au ihm geschaffen. Einen .\ tischen könnten w ir-ganz verstehen, wenn w ir nicht nur die Geschichte seines Daseins, sein kleines Gestern, ins Auge fällten, son- . rn ebenso sehr sein großes Gestern, die Art und Weise derer, von <! ien er herkommt, zu überblicken vermochten. Uns allen, den > nschenkindern. gilt das Wort des Buches lliob: ..Von gestern I I wir". Aber hier beginnt nun das Drama des Lebens. Wir haben diese i ere Vergangenheit nicht gewählt; wir sind in sie hineingeboren v rden. Ohne unser Zutun treten wir in den umschriebenen Kreis i leres Daseins ein. und wir müssen uns, so scheint es doch, in i i SU rechtsuchen oder mit ihm abfinden: er ist das Schicksal, das gestellt ist. Ks gibt wohl in jedem Leben Augenblicke, in denen Seele an diesem Gestern zerrt, von ihm ledig werden möchte, um l ne Vergangenheit zu sein. Wen haben noch nicht einmal (iednni umschwirrt, quälend und fragend, wie ganz anders er sich emporiwingen Würde, wenn er ganz allein, so wie von heute erst, dahinhen könnte und nicht alles das. was er dein Gestern schuldig ist. : zurückhielte mit (ieboleu wie mit Ketten, mit den hemmenden lebten, mit denen sein Lebensplati ihn zu sich zieht! Vergangenil bedeutet Verpflichtung. Man hat im letzten Jahrhundert sullen von der Not der jüdischen Seele gesprochen; sie isl nichts ■ leres gewesen als dieser Kampf mit der Vergangenheit, dieses stemmen gegen Wurzel und Stamm. Ks isl das Bild des Propheten rhiel vom Baum, der aus seinem Boden herausgewollt hat und. ti oder dann, verdorrt ist. Das ist bisweilen die Tragik des Juden gewesen und leider weit utiger noch die Komik. Aber es hat nicht das eine zu sein 1 brauchen, geschweige denn das andere sein müssen. Die Vergangenheit, die kleine wie die grolle, ist unsere seelische Heimat, und nur oder, was dasselbe isl, die Tiefe seines Daseins werden. Ks ist die wichtigste Aufgabe des Lebens, tlnfi der Mensch sich selbst entdeckt und dadurch den Glauben an sich erlangt, diesen (Hauben, von dem alle wirkliche Lebensführung abhängt. Aber linden können wir uns nur, wenn wir unser Gestern gefunden haben; unsere Vergangenheit, die kleine wie die grol.Se. isl unsere seelische Heimat, und nur in ihr haben wir den Weg zu uns. Aller Lebensernsl und schliefilich auch alle Lebensfreude gründen sich darauf. (Infi wir diesen Willen zu uns selbst gewinnen, dafi wir «las. was wir im tiefsten und besten sind, auch sein wollen. Niehl jedem kann in seinem Erfahren und Wirken eine Weite gegeben sein, aber jeder kann dadurch, dafi er sich sclbsl entdeckt, eine Persönlichkeit, ein Kigcnniensch werden Wer auf sich verzichte! oder vor sich selber sich versleckt, wird seelisch heimatlos und unsicher und damit im Grunde ein unpersönlicher Mensch, ein Vagant auf Knien. Kr niult. falls es ihm nicht zum Trauerspiel wird, die Komödie des Lebens spielen. Kür uns .luden isl das alles schärfer noch geprägt, weil unser Gestern so groll und so inhaltsvoll isl. Das Wort Vergangenheit, das Wort Geschichte hat für uns den ganz besonderen Ton; unsere Persönlichkeit, die uns eigen sein soll, kann nur auf ihn gestimmt sein. Wenn wir unser Judentum gefunden haben, entdecken wir uns selbst. Der Wille zu ihm i>t der Wille zu uns, nur er gibt es. dafi wir den Glauben an uns gewinnen, er gibt unserer Seele den Charakter, die eigene Art. Alle sittliche Arbeil für die Zukunft hängt von diesem klaren Verhältnis zum Gestern, hängt davon ab. dafi der Mensch sich gefunden hat. Um wahrhaft vorwärtszuschreiten, nicht nur ein Emporkömmling zu sein, braucht er das natürliche Selbstgefühl, die Sicherheil und Bodenständigkeil des Wesens, und sie erhält er nur durch diesen Willen zu sich selbst Wir sehen es im Qrofien in der Geschichte. Alle jene Völker, die etwas für die Zukunft geleistet haben, sind auf den Schauplatz der Kulturarbeit getreten, sind also modern geworden, von der Zeit an. wo sie ihre Vergangenheil begreifen gelernt, den geschichtlichen Sinn gewonnen haben. Das unterscheidet den Kulturmenschen von dem Wilden, dafi er sein Gestern versieht. Wer von heule blofl sein will, ist für heule nur und wird nur zu bald sich überlebt hallen. Sein sicheres Morgen wird nur der besitzen, der im Gestern fest wurzelt. Als unseres« Selbst bewufite .luden werden wir für die Kultur und für die Zukunft etwas bedeuten, und das ist doch wohl die beste Modernität.

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