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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-08-29 · 35 (29.8.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
35 (29.8.1930)
Date
1930-08-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 (iKMEINDERLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 9 zum Selbstbewußtsein erwachte loh betrat eine höhere Sphäre, die Sphäre seelischen Erlebens, 'las Reich religiöser Erkenntnis, dessen geringste Freude und bescheidenste Entzückung die ausschweifendste Naturempfindung und tiefste Naturversenkung noch um ein Unendliches Übertrifft. Kein Wunder also, w.....i der zu seelischer Vollreife entwickelte .lüde die Natur anders und gleichgültiger ansieht, als dei vom Erdgeist trunkene Grieche, oder als der Deutsche, der nach der modernen Renaissance des Hellenismus in den fragwürdigen Kxslasen hellenischer Nalin Verzückung schwelgte und damit, wie uns scheinen will, seine kulturell-seelische Entwicklung unverantwortlich schädigte. Dennoch wandte sich der Jude, w ie getagt, von der Natur nicht völlig ab. Kr adelte nur die ursprüngliche Nalurverbundenheil, Inde er sie in die Sphäre des Seelischen erhob. Niehl so jedoch, daß diese Verbandenheil etwa mit mystischer Qottesverbundenhell ve wechselte, sondern indem er auch die Natur der Hoheit seiner Sei Unterwarf, Er begriff die Natur in den Dienst (iottes ein. Und wen l'erez in einer seiner beglückenden Geschichten einen .luden sug. läßt „dafi der blasse Mond nur als ein erbärmlicher zinnerner Teil, erschiene, wenn er nicht dazu da wäre, um bei seinem Anblick dl Segensspruch über den Neumond herzusagen", so ist in dieser religii Inspii'*rten Übertreibung der Kern für das Verständnis des jüdisch. Verhaltens angesichts der Natur vielleicht am treffendsten zum Ai druck gebracht. RELIGION UND PHILOSOPHIE Von Bernhard Isaak. Dbs Problem der Weltentstehung liil.lt sich nur durch zwei verschiedene Auffassungen, die religiöse und die profane, erklären. Während die erste von der Annahme ausgebt, da 1.1 jede Schöpfung einen Schöpfer bedingt, und an der Größe der Welt- Schöpfung die Größe der schöpfenden Macht, die Göttlichkeit, erkennt (dies i-t einer der wichtigsten Gottesbeweise, der kosniologisrhe), gelangt die andere zur Annahme der Evolutionslehre, wonach die Entstehung der Welt der Entwicklung aus einem Urstofte in mehreren Millionen Jahren zuzuschreiben ist. Die Fragen und Zweifel, welche die Religion ollen läßt, kann aber auch die Wissenschaft nicht lösen, und die positiven Ergebnisse ihrer Forschungen stehen nicht im geringsten in Widerspruch zur Religion, insbesondere zum jüdischen Glauben. Die Forschungen der Prähistorie und Astronomie schließen keineswegs alle Irrtümer aus. Wurde nicht das vom 2.—16. Jahrhundert geltende geozentrische Weltsystem des Ptolemäut durch das heliozentrische Weltsystem von KopernikUS als falsch erwiesen'.' Sind nicht die von Scliiaparelli entdeckten .Marskanäle, die als Beweis der Bewohntheit des Planeten dienen sollten, als optische Täuschung angenommen? Hat Prof. Einslein mit seiner Relativitätstheorie das Galilei-Newtontehe Gravitätsprinsip widerlegt, so wird auch schon von dem amerikanischen Physiker Miller berichtet, daß es ihm auf experimentellem Wege gelungen sei. Prof. Einsteins Relativitätstheorie zu widerlegen, Dali Sich in diesen waldlos angeführten Beispielen die Fülle der widerlegten Theorien noch lange nicht erschöpft hat. wird jedem bewußt Bein, Kanu aus diesen Gründen die Wissenschaft gegen unsere Religion meld ankämpfen, so ist es doch umgekehrt der Kall. Da außer den Annahmen der Schöpfung und der Entwicklung eine dritte Möglichkeil der Weltentstehung nicht existiert und auch unerdenklich i-t. müßte bei der Wahl die Schöpfung bevorzugt werden, da die Evolutionstheorie viele Kragen aufwirft, deren Beantwortung einem Sterbliehen wohl niemals gelingen kann. Durch den von ihr selbst aufgestellten Grundsatz und das auch bekannte Natur- -••!/. daß :ui> Nichts nichts werden kann, entsteht schon die erste Frage nach der Herkunft des Urstoffes. Die zweit«, ist die nach der den U rat oll In Bewegung setzenden Kraft, und wenn wir die solche Rätsel enthaltende Entwicklung schließlich verfolgen, so ersteht auch noch eine dritte Frage: warum die Progression seil undenklichen Jahrtausenden autgehört hat. Die Fortsehritte der Kultur liegen ja nur m entdeckter, längst vorhandener Energie. Allerdings wird angenommen, dafi die Entwicklung unserer Knie ihren Höhepunkt erreicht bat. At» r genau wie die Evolutionstheorie selbst (man denke an den Streit Uber ihre ,\rt. wie /.. B. die Deszendenztheorie, La mar kiamus, Darwinismus) i-t auch diese Annahme -e|)r zweifelhaft, ja unwahrscheinlich. Unsere Religion schaltet diese und ähnliche Krauen insofern aus, als sie in uns völliges Vertrauen und Ergebenheit zur Voraussetzung macht, denn wenn alles Verständlich sein würde, gäbe es keine Meinungsverschiedenheiten und auch keine Prüfungen mehr, und in der Erkenntnis der Göttlichkeil wäre das von uns erholte Weitreich bereits gegebeU. Wollten wir dennoch SO diese Kragen herangehen, se würde uns der Maimonides (Bamham) in seiner kurz, aber trefflich gefaßten Einleitung zum Sefer Hamada viel aufschlußreiches Matei liefern. Da heißt es unter anderm: „Jedes, was ist, braucht einen, d es sein ließ, und wenn es sich bewegt, einen, der es in Bewegu setzt. Dieser Eine ist der von Menschen uuhegriffeue und unvi standeue Gott, der weder Wesen noch irgendeine in Kraft setzen Form ist, sondern durch mittelbare Einwirkung seines Geistes, ei stehen und bewegen läßt." Zeugt nicht das willkürliche Aufhören d Entwicklung von einem willkürlichen Anfang, von einer Schöpfim Am Freitagabend, zum Sabbatbeginn, zitiert mau unter anderm „Weschomru": „Zwischen mir und dem Volke Israel gilt Sabbat . ewiges Zeichen, daß Gott in sechs Tagen Himmel und Erde schuf. . sechsten Tage die Schöpfung vollendete und am siebenten Ta ruhte" (Exodus '20,10). Will damit gesagt sein, daß das willkürlir Ende der Entwicklung, was doch jeder anerkennen muß, auch i untrügliche Zeichen eines willkürlichen Anfanges ist, so ist es st logisch zu verstehen. Selbst Kant, der in seiner Kritik alle Gott beweise nach der Logik für unzureichend erachtet, sieht in ihn wichtige Anhaltspunkte gegeben und nimmt deshalb auch kei gegnerische Position ein. (übt die Wissenschaft keinen Grund zum Abfall von unse Religion, so liegt ein solcher anderseits auch nicht in anderen Ob bensbekenntnissen. Unter diesen Umständen könnten uns die in i Thors, selbst unter den zehn Geboten, stehenden Verbole des Götti dienst es als unnötig erscheinen. Das Gegenteil ist richtig. I)> gerade in der heutigen Zeil droht uns von allen Seiten die Qefal dem Götzendienste zu verfallen. Sind der Materialismus, Geld, V gnügen, Stolz, Herrschsucht usw. keine Götzen, denen wir oder / mindesten viele von uns. Seele, Gewissen, Ruhe. Gesundheit und letzt auch das Leben ungewollt opfern? Ja. vor diesen warnt du- Thors, indem es heißt: „Und wendet euch nicht zu Hol/.. Sti Silber und Gold, durch die ihr nicht glücklich werden könnt." Ma das (ilück oder das Bewußtsein, glücklich zu sein, glücklich? A> hierfür gibl es eine philosophische Richtung, und zwar die des gl einsehen Philosophen Kpikur. der das (ilück in den auf das von i pressionen befreite Gemüt beruhenden Lustemplindungen sah. Idea mus bedeutet dem Religiösen das, was dem Realisten Materialisn bedeutet. Die Gefühle des Vergnügens bei der Erreichung ili Zieles sind bei beiden gleich. Während das Gefühl des Vergnügt.-, beim Realisten von seiner befriedigten (iier ausgeht, liegt dasse bei dem Religiösen in der von der Religion vorgeschriebenen Ell die auf sein (iewissen erlösend und befreiend wirkt und ihn / Idealisten macht. Nur der schleppt daran wie an eisernen Kell •ler es nicht versteht, und dein es deshalb zur Last geworden ist. Sabbat symbolisiert die Schöpfung: wer ihn entweiht, verleug die Schöpfung, verleugnet <iOtt. Deshalb ahnt die Thora (Exodus Numeri lü) dieses Vergehen mit der Todesstrafe und besagt Talmud ( Traktat Ksuboth): „Von dei Zerstörung des Tempels an, die Juden keine eigenen inachthabenden Körperschaften haben, w den alle Vorgehen von dein himmlischen Richter verfolgt. Seil Strafe entgeht niemand, und Er in seiner Langmut ist geduldig, wai ab, gibt jedem Zeit und Gelegenheit, von seinem falschen 'Tun

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