Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 35 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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$emeta6 ebktt >ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU eiPziG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! 1 is (iemetndcblatt ertuhelnt Jeden Freitag und wird n Mitgliedern der Rellgtnnsgemelnde unentgeltlldi .irth die Post zugestellt — Schrlftlcltung: tinclnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstrafic 10 NUMMER IS / JAHRGANG 6 FREITAG 2Q» AUGUST 19SO Anzrlgenvrruultung und Druck: Buchdruckercl August Pries Leipzig, Brüderstr. 59 - Fernruf 70008 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet t 9 ÜBER JÜDISCHES NATUREMPFINDEN Von Samuel Taubes, Wien. "f~^ igelitlich soll im Nachfolgenden mehr über das Verhältnis des »-^ Ostjuden zu Natur und Naturempfinden gesprochen werden, ins- JL~J besondere aber die Tatsache der angeblichen Naturfreindli.it desselben untersucht und gedeutet werden. Wenn nun der Titel dieses Aufsatzes subsumierend „Über jüdisches Naturempfinden" Ii et, so will dies besagen, dafi das Resultat unserer Untersuchung Im Grunde dem Gesanilcharakter des Judentums, also eigentlich dem ( haraktei aller Juden entspricht. Wenn sich aber, unseren Resultaten entgegen, in der Wirklichkeit Beispiele anführen lassen sollten, wonach gewisse Teile des Judentums dem Naturerlebnis anders gl * 'iiü herstellen, daM sie z. B. ein besonders lebhaftes, fast möchte Ich sagen ausschweifendes Naturempfinden verraten, dafi sie beispielsweise im Chorus jener zu finden sind, welche einem, im Deutschland des vorigen Jahrhunderts weit verbreiteten, überschwenglichen und sentimentalen Naturkult fröhnten, so möge dies nur als eine heinung der Mimikry aufgefalit werden, als eine Unterwerfung ter den überragenden EiniluU einer ZeitstrOmung, als ein Austetc der Assimilation und A n e in p f indung. Im Wesen stellt .lüde der Natur tatsächlich mit einiger Fremdheit gegenüber; "iifalls aber ist seine Bejahung der animalischen Natur von der - iner Nachbarvölker wesentlich verschieden. An der besonderen Einstellung des von der Assimilation ver- I tnismtfiig weniger absorbierten Ostjuden, wird sich daher auch v I leichter das charakteristische Verhältnis des .luden zur Nutur a ''iten lassen. Ks mag so gleich festgestellt werden, dafi im täglichen Leben des 'I uiden der Wirksamkeit der Naturschönheil, einem seelischen Knill I aus bloUer Natiiraiischauung, wodurch fast alle Erzeugnisse di deutschen Literatur der letzten zwei Jahrhunderte charakterisiert l Keinen, kein überragender Kinfltil.1 zugeschrieben werden darf. I „Bocher", der etwa wie (ioelhes „Werlher" aus ilem Umstände, „diese herrliche Natur so siarr vor mir steht wie ein lackiertes I leben", zur Beute tiefster seelischer Depressionen würde, ist ■ lechthin unmöglich. Kine Bestätigung und Orientierung seelischer 1 -die, an dem Qrad der EindruckSflhigkeil für Naturerscheinungen uesseii, ist im Judentum undenkbar. Daraus darf Jedoch nicht geschlossen werden, dafi der GolllSi le an der Schönheit und Erhabenheil der Natur vielleicht völlig itlos vorübergehe. Durchaus nicht. Er macht nur nicht allzuviel sens daraus. In den herrlichen Bnählungeu des Altmeisters der 1 dischen Literatur, in den Romanen Mendele Mo eher Sforims, - rieht Sich nicht nur eine persönliche starke Naturbeobachtung und I >-ude an der Natur aus; es wird auch psychologisch dargestellt, wie ' r arme gedrückte polnische Jude in der freien Natur aufatmet. sich an den Hainichen und (iriisern (iottes, am Gezwitscher der Vögelchen und am (iezirpe der (irillen zu erfreuen vermag. Nur geht diesen Eindrücken jene schwärmerische Hingabe, jener mafilose Überschwang ab, der solche Eindrücke fast zur Gewalt religiösen Erlebena zu verliefen vermöchte. Dieser gefährlichen Schwärmerei enthielt sich der Ostjude. Als es aber der jüdischen Aufklärung, dem sogenannten „Maskilismus", schließlich doch gelang, in die, bis dahin vor dem Einflufi der umgebenden Kultur, geschützten jüdischen LehrsUtten der ...leschiwahs" eine Bresche zu schlagen, als die Erzeugnisse der modernen und profanen Literatur hinter den Talmudfolianten verborgen, eifrig und lüstern verschlungen wurden, da war es natürlich unvermeidlich, dal.l der europäische, insbesondere aber der deutsche poetische Naturkult der Wahrnehmung der jungen Bocherim nicht entgehen sollte. Nichtsdestoweniger verhielt man sich dieser Nalurverehrung gegenüber auch weiterhin sehr reserviert, ja skeptisch, wenn nicht gar verächtlich. Denn seine überschwengliche Verehrung hatte der Jude ja einem anderen Wesen darzubringen, dein höchsten Wesen, das seine Seele kannte und anerkannte, seinem jüdischen Gottl Überschwang der Naturempflndung war für ihn kindisch, eine Sache jugendlicher Phanlaslik, ein Lyrismus halbreifer Studenten. „Ach was, Natur schinur" war eine gangbare Phrase des Ost- Juden und sollte seine abschätzende Beurteilung sentimentaler Überempfindsamkeil zum Ausdruck bringen. In der Tat ist ja auch diese animalische Verbundenheit mit der Natur ein Charakteristikum der im Zustande des l'ubewuliten lebenden Naturvölker. Im Griechentum, das au dem seelisch-religiösen Aufschwung der asiatischen Völker, insbesondere des Judentums, achtlos vorübergegangen war, vertiefte sich diese Verbundenheit mit der Natur zu einem Naturkuli mit religiösem Charakter; dieser ■unliniierte sich schlieBlich bis zur völligen Personifikation der Natur und verdichtete sich endlich zur Religion, zur Anbetung der Natur, zum griechischen, heidnischen GötzendienstI Ks ial daher selbstverständlich, wenn der streng monotheistische Jude, bewufit oder uiibewul.lt, sich vor einem Gefühlsüberschwang i" Hinsicht auf die Natur hütete, vor einer Übertreibung, die zu solchen Extremen führen konnte und auch geführt hat. Denn, während das Griechentum noch an der Natur, am (ieisl des Unbeseelleii, sozusagen am „Erdgeist" festhielt, hatte das Judentum einen ganz anderen, höheren Weg eingeschlagen. Mit der Entwicklung des seelischen Bewußtseins ist die ursprüngliche, paradiesische Verbundenheit mit der Natur gelöst worden. Das