Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 34 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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:!, August 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 ilten manche Lehren, die sich von den Gedanken de* Nietischeirathuitra nur darin unteracheiden, dafl Jene auf die gotterfüllte, ese auf eine entgottete wen hinzielen. Die JunghebrMachen Nietiacheaner haben dem Chassidismus nur ,• äußere Form, dagegen Pathos und Gedankeninhall dem Nletsscheismui entlehnt. Während die ersten Chaasidim nur gegen die rellttsen Gesetieserschwerungen rebellierten1 lehnten sieh die chassidihen Nietiacheaner gegen alles auf, was der Entfaltung des „überenachen" im .luden hinderlich sein konnte. „Umwertung aller eile" war auch ihre Parole. Um einen Tempel aufzuhauen, mul.t im einen niederreißen diesem Ausspruch begegnet man Immer eder in ihren im flammenden Nietaschestll gehaltenen Schritten. Ie Sprache der Propheten ist gewiß nicht arm au KraftausdrQcken; ■er hier hören wir zum erstenmal in dieser Sprache eherne Worte, ren dröhnender Klan;; die Grundfesten eines uralten Gebäudes zu schottern droht. Die neuchasaidischen Nietiacheaner suchten einen leuen Wen'-, den Weg, der zurückführl zur Natur, zum Schönen in der itur, zum Erhabenen und Freudigen im Natürlichen. „() meine BrOder, geht hinaus ins Freie, in die Felder und Wähler, auf die Berge und in die Täler, und höret ihre Sprache, hörel, hört euch selbst ..." „Soll irgendeine Salzung uns die Welt verdrängen, irgendein Buchstabe alles Leben, irgendein Wort alle SchönheitV Soll die Schrift über das lieben triumphieren, die Vergangenheit über die Gegenwart?" „() lal.it euch das zu Herzen gehen: So ihr der Natur nahe seid, dem All. dem Unendlichen, so seid dir die Wohlhabenden, so seid ihr die Reichen, so seid ihr groß und mächtig gleich jenen ... Kommt her und lal.lt euch künden, was euch in den letzten Tagen begegne!: So ihr euch nicht anstrengt, die Geschichte aus eurem Gedächtnis zu tilgen so wird die Geschichte euch, euere Seide und euren Körper verschlingen, und /.eilen werden kommen, wo ihr einem toten Stück geschriebener Geschichte gleichen werdet!" „() meine Prüder, tut von euch die Fesseln der Geschichte und erwählet das Leben! Das Leben ist nicht Geschichte. Geschichte ist etwas Feststehendes. Das Leben aber wird, fließt, ändert sich, dehnt sieh aus, gehl in die Breite und in die Tiefe." „Sollen wir uns erneuern, so müssen wir einen neuen Geist in uns aufnehmen. Die Zeil ist gekommen, daß wir neue Werte schärfen, neue Werte für unser Leben, unsern Geist, für unsere Taten und unsere Gedanken, für unsere Empfindungen, für unser Verhältnis zur Natur, zur Well, zum Leben, zu uns selbst." (Berdycsewskl: AI em-haderech [„An der Wegscheide"] Warschau IStKt.) So stürmte und brauste ihr flammendes Wort einher. Nirgends, Mibe ich. hat Nietzsche einen solchen gewaltigen Kiiillul.t ausgeübt e auf die dem (ihettokäfig entronnenen iunghebrlischen Stürmer d Dränger. Die juughebriiischen Nietzscheaner nahmen die Lehren t zsches nicht nur als Zukuuflsziel, sondern sie machten sie buch- Mich zu einem (iegenwartsprogramin. Was dem Meister als hohes •I einer zeilfernen evolulioiiislischen Eulwicklung vorgeschwebt ite, seine jüdischen Jünger wollten es gleichsam im Handumdrehen Beiirke des Judentums verwirklichen. Dabei kann mau nicht eiuil sagen, dafl sie den Sinn der Lehre Nietzsches in seiner ganzen efe erfaßt hätten; aber sie hatten Nietzsches Grundgedanken akzeprl und sie zum Ausgangspunkt einer ungeduldig vordrängenden itehassidiseben Bewegung gemacht. (legen diese jungen Stürmer und Dringer, die allenthalben ihre i in pf bereit schalt ankündigten, erhob lieh "damals eine Stimme, die Igemelne Aufmerksamkeit erregte. Iis war die Stimme Aehad lams. In einer durch Formvollendung und Gedankentiefe gleich -gezeichneten Abhandlung ..Umwertung aller Werte" setzte sich lud Haam mit den jungen Stürmern entschieden und sachlich auslände,-. Zunächst hol> er die neuen Worte und Ideen, die „lärmend hebräische Literatur durchsehwirrten", aus dem sie umgebenden bei heraus und gab ihnen eine gemeinverständliche Fassung. Dann wies er die iunghebrlischen Nietzscheaner auf die Verkehrtheil Ihres Unterfangens hin. ein fremdes Reis auf den Baum des Judentums pfropfen zu wollen, „ohne vorher zu Überlegen, ob und inwiefern der Roden des Judentums für das Wachstuni dieser neuen Pflanze geeignet erscheint". Schllefllich faßte er in Kürze und in Klarheit das Wesentlichste von Nietzsches Lehre zusammen und hol) die Merkmale hervor, wodurch sich diese Lehre von der de.- Judentums unterscheidet, und zeigte gleichseitig die Linie an, auf der sieh Nietzsches Lehre mit den Lehren des Judentums begegnet. In dreifacher Bestellung also ist der beireffende Essay, der schon als Heil rag zu den Kulturslrömungeu jener Tage einen dauernden Wert beanspruchen darf, eine liierarische Kostbarkeit. Reizvoll und wertvoll nicht zuletzt ist dieser Aufsatz auch als Spiegelung von Achad llaains Denkungsart. (Der Aufsalz Aehad llaains ist zuerst in der hebräischen Zeltachritt „Haschlloach", Jahrgang 1902, erschienen und wurde dann in das Werk „AI paraschalh derachim". Berlin 1908, Hand 2, deutsche Ausgabe „Am Scheidewege". Hand aufgenommen.) Mit Beziehung auf eine Erläuterung Georg Sininiels unterscheidet Aehad Haam Nietzsches Lehre von der Umwertung aller Werte zwei Grundgedanken: einen allgemein menschlichen und einen spezifisch arischen. Der spezifisch arische Grundgedanke äußert sich in Nietzsches Lehre vom Obermenschen, den er in der Gestalt der „blonden Bestie" herbeisehnt: In der „blonden Bestie" sieht Nietzsche die gültige Form des ersehnten hohem Menschentypus. „F^s liegt auf der Hand, schreibt Achad Haam, „daß diese Vorstellung vom Übermenschen sich nicht mit unbedingter Konsequent aus dem Grundprinzip ergibt. Iiier tritt uns der Philosoph nicht mehr als Mensch, sondern als Arier entgegen, der eine besondere Hinneigung zu der körperlichen Kraft und Schönheit empfindet und die Vorstellung von seinem Ideal seinem persönlichen Geschmack anpaßt. Hätte derselbe Nietzsche einen jüdischen Geschmack gehabt, so wären die charakteristischen Züge des Übermenschen ganz anders ausgefallen: Durchsetzung der sittlichen Kraft, Zurückdrlngung der tierischen Triebe, Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit in Tal und Gedanken und ununterbrochener Kampf gegen Unwahrheit und Ungerechtigkeit, kurz, jenes sittliche Ideal, das uns das "Judentum ins Herz gepflanzt hat." Daß das Judentum die rein arische Anschauung vom Übermenschen sich nicht zu eigen machen kann, versteht sich für Achad Haam von selbst. Dagegen steht der allgemein menschliche Nielzschesche Gedanke von der „Höherentwicklung dos menschlichen Typus in den höchsten Individuen der Art" mit dem Judentum in keinem Widerspruch. Im Gegenteil, dem Judentum ist dieser Gedanke nicht einmal völlig neu. Im altjüdischen Schrifttum finden sich viele Sentenzen, die sozusagen in der Nußschale die Lehre vom Obermenschen enthalten. Nur ist die jüdische Vorstellung vom Übermenschen eine andere. Der jüdische Übermensch ist der Gerechte. „Die ganze Well ist für den Gerechten geschaffen," lautet ein charakteristischer talmudischer Ausspruch. „Der Gerechte wiegt die ganze Well auf." heißt es an einer andern Stelle. Viel zitiert wird namentlich in chassidischen Kreisen der Salz: „Der Gerechte ist das Fundament der Weh." Die Lehre vom Übermenschen läßt sich also mit dem Judentum vereinen, aber nur dann, wenn sie den jüdischen Anschauungskreis nicht verläßt. Die iunghebrlischen Stürmer und Dränger aber schwärmten unentwegt für die „blonde Bestie". Mit feiner, kaum merklicher Ironie spricht Achad Haam vom „Volapük der Moral" und macht dazu folgende feinsinnige Bemerkung: „Der Frfinder des Volapük, der seine Sprache bei allen Völkern eingeführt zu sehen wünschte, hielt es für notwendig, aus seinem neuen Alphabet den Buchstaben I» zu stieichen, weil ihn die Chinesen nicht aussprechen können. Die Erfinder unseres moralischen Volapük dagegen suchen gewaltsam das Judentum mit einer neuen Lehre su beglücken, ilie durch und durch seinem ganzen Wesen widerspricht." Der neuchassidische Niolzschoanisinus war eine vorübergehende Erscheinung; er verflüchtigte sich rasch. Sichtbare Spuren hat er lediglich ini junghehräischeu Schrifttum hinterlassen. Auf das geistige Leben der Juden im Osten hat er keinen Einfluß ausgeübt.