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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-08-22 · 34 (22.8.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
34 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDB ZU LEIPZIG Nummer verfl... Judens...I Und die mit allen Mitteln teuflischer Demagogie geschürte Hetze, artete nach der bekannten Manier antisemitischer Verallgemeinerung in den blutrünstigsten Judenhaß aus, der sich tur Siedehitze steigerte, bis die Explosion erfolgte. Als dann Rathenau unter den Schüssen zweier (anatislerter Subjekte verblutete, da ergrifl freilich das deutsche Volk eine solche allgemeine Dämmende Empörung, dafi die Hetzer sich in ihre Winkel verkrochen. Die deutsche Judenheil aber erkannte das Wahraeichen .jenes Talmudwelsen, wonach der Tod der Frommen eine sühnende Kraft besitzt für die tichrechen der Zeit. Die deutsche Judenhelt erkannte, da I i der Opfertod des edlen Rathenau sie vor einem furchtbaren E>ogromausbruch bewahr! hatte. Warum wir an diese Dinge erinnern? Um danutun, dafi das deutsche Judentum in der vergangenen Periode prozentual mehr als .-eine Schuldigkeil getan und sich den Dank des deutschen Volkes wohlverdient hatl In der Politik gibt es keine Dankbarkelt, In ihr gilt ganz besonders ein Werl Berthold Auerbachs, daß man sich die Anerkenn u hl; läßlich durch neue Leistung erringen muß. W ir folgen der Stimme unserer Pflicht und unserm heißen vaterländischen Gefühle, und es hedail' keiner Mahnung von außen. Wie bisher werden auch Ferner unsere Besten freudig bereit sein, dem deutschen Volke mit ihrer ganzen Kraft zu dienen, wenn es sie ruft. Die Reichstagsauflösung wurde beschlossen zu dein Sabbat, au dem in Israels Gotteshäusern das düstere Prophetenwort verlesen winde: ..Vinn Norden nimmt das BÖSC seinen Anfang". Der Wahlkampf, von der Regierung wie den Parteien bereits eröffnet, wird mit hemmungsloser Leidenschaft geführt werden, statt der Einigkeil und des inneren Friedens, den ersten Vorbedingungen des Wiederaufstieges, werden die deutschen Volksschichten von neuem mit Hafi und Zwietracht gegeneinander erfüllt werden. l'nd um das Ereignis auch vi'ii unserm andern Standpunkt als .luden zu windigen: Der künftige Reichstag wird uns aller Voraussicht nach ein erhebliches Anwachsen unserer schlimmsten Feinde, der Nationalistischen deutschen Arbeiter* parte], bringen. Wie .-ollen wir deutschen .luden uns in diesem Wahlkampfe verhalten? Wen bisher nichts aus seiner politischen (ileichgültigkeil reißen konnte, ihn mag die lumultuarische, kriegerisch aufgezogene Wahipropaganda der Nationalsozialisten aufrütteln. Wen bisher die Rufe unserer jüdischen Führer kalt ließen, den mag nunmehr die eindringliche Warnung von wohlinformierter und wohlmeinei der christlicher Seile, wie sie aus der „Republik" zu uns dringt. . die elementare Pflicht der Selbstverteidigung erinnern. Jeder Ju möge sich dessen bewußt sein: In diesem Walilkainpf gehl es im (tanze. Um unsere religiöse (Schächtverbot!) und unsere politisch Gleichberechtigung, unsere wirtschaftliche und unsere persönlich Existenz! Möge Jeder an seinem Platze seine Pflicht tun, unter sehn Bekannten aufklärend wirken und namentlich mit seinem Wahlfond beilrag nicht kargen! Dieser isl gleichsam eine Prämie für die Leben Versicherung. Lallt uns von dem politischen Elfer unserer Feind lernen! Aber soll nun der Jude als Jude hinaustreten an die polltisch Front, sich im Kampfe der Parteien an die Spitze stellen? Wir woll davon absehen, dafi die Juden außer der selbstverständlichen Plln der Wahrung Ihrer staatsbürgerlichen Hechle keine besonderen jüil sehen Interessen haben, dafi sie vielmehr w ie jede andere Konfessi auch den verschiedenen politischen Richtungen angehören. Wir woll auch davon absehen, dafi nie Parteien, in denen wir uns an irgendv hervorragender Stelle betätigen wollten, solche Dienste wahrscheinli höchst unliebsam empfinden würden, weil sie nichts so sehr fürchl als das Odium, verjudet zu sein. Nur nebenbei sei in diesem Zusai menhange auf das tragische Ende des Bankiers Bern Meyers verwiese, der, obwohl der anerkannt tüchtigste Bewerber um den Direktorposti der Berliner Stadtbank, von seiner eigenen Partei, der Sozialdeinoki. tie, fallen gelassen wurde, seiner jüdischen Abstammung halber. Vielleicht mögen die Kreise um Wirlh und Löbe vermuten, eil gedenk ihrer verdienstvollen Mitkämpfer bei der Revolution, daß di deutsche Judentum noch manchen tüchtigen Kopf in seinen Reihen I' besitzt, der zum Nutzen des notleidenden Vaterlandes au die öffei lichkell treten sollte. Dann sei im Einzelfalle die Richtigkeit d Aufrufes zugegeben. Aber wenn allgemein ein stärkeres politisch Hervortreten der deutschen Juden verlangt wird, so halten wir u statt <les wohlgemeinten Rates der Herren Wirth und Löbe lieber die weise Mahnung des allen Politikers Jesaja, in dieser aufgeregt« Zeit kluge Zurückhaltung zu üben. Wir wollen allgemein in unseren Grenzen und Bereich pol tisch unsere Pflicht tun. aber wir wollen uns als kleine Mindcrln nicht exponieren, nicht an die politische Front treten. NIETZSCHE IM GHETTO Zum 30. Todestag Friedlich Nietzsches; am 25. August Von S. M e i s e 1 s. Ewar in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhundert-. Da- Judentum im Osten ward wieder einmal, wie so oftmals in der Geschichte, von äußeren und inneren Erschütterungen heimgesucht. Au- Ost und Weal wehte eine schwüle, erdrflekende Luit: Judenverfolgungen in Rußland, Dreyfusafläre in Frankreich. Zu dei Verdrossenheit, die die äufieren Verhältnisse verursachten, gesellte -ich die Unzufriedenheit mit sich selbst. Die materielle Not machte auch die y.ei«tiyo fühlbar. Und das Bewußtsein, daß eine Änderung di r äufieren Verhältnisse notwendig sei. erzeugte das Bedürfnis auch nach einer inneren Umgestaltung. Das Wort „Autoemantipation" war gefallen, ein hebräischer Denker gab die Losung aus: „Kulturjudentum", Max Nordau prägte du kraftvolle Wort „Muskeljudentum", und die Jüngsten der Jungen sagten: „Renaissance". Zu jener Zeil fuhr in die Ghettojugend der zündende Blitz: Friedrich Nietasche. Wovon -prach der Meister? Von Tafeln zerbrechen, von Umwertung aller Werl.- War danicht, wonach sie Verlangen trugen? Wäre die-er .lugend das Licht Nietasche früher auf gegang..... wer weifi, ob sich da nicht ein jüdischer Nietzscheanismus jenseits vom Judentum entwickeil hätte. Nun waren aber die Würfel bereits gefallen, das Wort war ausgesprochen: Renaissance, zurück konnten sie Dich) mehr, sie Wollten es auch nicht; sie suchten daher Nietzsche mit dem jüdischen Üenai.-.-ancogedanken in Einklang zu bringen. Renaissance heißt Wiedergeburt; was wiedergeboren werden so! muß schon einmal dagewesen sein. Und wo gibt es im Judentu einen dem Nietzscheauismiis gemäßen Wertinhalt, den man erneuen wiederbeleben könnte, sie fanden ihn im Chassidismus, So entstai ein sogenannter nielz-ch ■anischer Neuchassidisinus, der die brausei den Ströme der Lehre Nietzsches in das liefe Meer der chassidiscln Mystik hinübersuleiten suchte. Der Chassidismus enthält vieles, was der Lehre Nietzscln Schnurstracks zuwiderläuft. Schon die erste Tugend, die er Ichi „Schiphluth" (Demut) ein Wort, mit dem die Chassidim auch di Begriffe Bescheidenheit. Genügsamkeit, Mitleid und Erbarmen vei binden würde schwerlich im Zarathustrareich Unterkunft finde können. Und doch bietet der Chassidismus in seiner Bejahung di Lebens und Vergöttlichung des Menschen, in seiner Betonung d< Natürlichen und neuen Wertung von Qul und Böse, unzählige Anal' gien zu Nietzsches Zarathustraiehre. Die Parallelen und Analogie sind um so leichter auffindbar, als die . has-idi-. hei! Lehren in jenei porösen Sybillinisehen Stil, der vieles in sich aufsaugt, und aus den vieles herausgepreßt werden kann, abgefaßt sind. Viele Miinzei NietZScheScher Prägung wie Jenseits von Gut und Hose, Umwei long aller Werte, Übermensch, Ferustenliebe usw. erhalten Ii Chassidismus ihre Werte. Die alten Schriften der Chassidim enl

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