Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 34 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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®emein& cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! DM Grmrlmlrblatt rrsdiclnt |rdcn Freitag und wird icn Mitgliedern drr KrllKlunBKrmrln'lc unrntRclllldi lurdi die Post zugestellt — Schrlftleltung: .emctnderabblner (iustav Cohn, l.elpzlg, Lohrstraße 10 NUMMER 14 / JAHRGANG C FREITAG 22» AUGUST 10IO Anzrifienverwultung und Drude Huditlrudterel August Pries Lehndfi BrOuVn.tr. 59 - IVrnruf 70006 - rathdiriii Leipzig 53920 — Nadidnufc nur mit Quellenangabe und mit (Genehmigung des Verfassers gestattet Wiederaufnahme einer Aufsicht! Nachdem das Rabbinat für die Beaufsichtigung der Fleischerei von Osias Kohn, Leipzig, Hofmeisterstraße 6, veränderte Bedingungen gutgeheißen hat, geben wir die Wiederaufnahme der Aufsicht ab Sonntag, 24. August 1930 bekannt. Leipzig, den 19. August 1930 Der Vorstand " der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig JUDEN VOR DIE FRONT Von Prediger Bmanuel Heimann, Plauen. | q s war im Anfange dieaet Jahrhunderts. Die chlnealachen Boxer |—^ oatten chriatliche .Missionare niedergemetzelt. Die verschiede- JL-rfnen Großmächte der Well hatten darauf Trappen nach China wandt, tun die Boxer für die verObten Greueltaten ni bestrafen. So nun die Situation im Kampfe gegen die fanatisierten Aufstündl hen für die Verbündeten kritisch winde, erscholl der Ruf: „Geraten the front!" Deutsche an die Front! Und die Deutschen machten dem ipell jeweils Ehre. In einen von der gesamten jüdischen Presse kommentierten Aufif der einflußreichen, von dem Reichsinnenniinister und dem gesenen Reichstags Präsidenten LObe herausgegebenen Zeitschrift ,.Die publik" wurde den deutschen Jaden vorgeworfen, sie hätten in der rhkriegsperiode zu wenig politischen Weitblick und Opferwilligkeil wiesen. Sie hätten die Zeichen der Zeit nicht erkannt und in kleinher Vereinsmeierei und unfruchtbarer Abwehr sich erschöpft, statt -schauende, groUzügigc, politische Tatkraft zu entfalten und der [entlichen Strömung Deutschlands die erforderliche Richtung zu ben. Dadurch aber hätten sie das gefahrvolle Anwachsen der XatiolaosiaUstlacheu Deutschen Arbeiterpartei verschuldet, welche nun ■ .luden nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich, ja selbst an ib und Leben ernstlich bedrohe. Ks wird uns achselzuckend beutet, dali wir uns nicht auf den Schutz der republikanischen Parken verlassen möchten. Wir sollen uns selbst an die |Hilitische Front llen, unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sind diese Vorwürfe berechtigt? Ks bildet unser tragisches Los. iU wir zu jedem politischen Ereignis doppell Stellung nehmen mOs- 11. als Deutsche und als Juden. So war «s zu begreifen, wenn beim Ausbruche des Weltkrieges der nnvergeBUche Führer des Zentralverina, Eugen Fuchs, die deutschen Juden auflief, im Kriege mehr als 'ire Pflicht zu tun und sich dadurch ein für allemal ihre volle staatliche Gleichberechtigung zu erwerben. Als dann nach dem furchtbaren Zusammenbrache unsere Rechtapolitiker, die heute wieder die Vaterlandsliebe in Erbpacht genommen haben, sich schleunigst unsichtbar machten und Brich Ludendorfl als Gustav Lindstrom mit seiner blauen Brille nach Schweden flog, in jener Zeil stellten sich in Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg, um nur die grüßten deutschen Staaten zu nennen, jüdische Ministerpräsidenten an das Steuerrad, um das Staatsschiff vor dem Scheitern zu bewahren. Die Geschichte wird ihnen die Gerechligkeil zollen, die ihnen die Gegenwart versagte. I*nd in Baden war es der Politiker Haas, der der Volkswut gegenüber schützend vor den GroßherSOg trat. Die deutschen Juden haben der Uepublik in Hugo PrcuU ihren GesetSgeber und in Waller Rathenau, nach dem Urteil breiler Volksschichten, eleu bedeutendsten Politiker der Nachkriegszeit gegeben. Seine Politik, unter den grüßten Hindernissen und den schwersten Verdächtigungen, von deutscher wie feindlicher Seite, inauguriert. seine berühmte Keile vor den Vertretern der Staaten aller Welt, in Locarno, mit dein ewig denkwürdigen emphatischen ,.1'acem. pacemt" überbrückte erstmalig den abgrundtiefen HaU der Alliierten gegen Deutschland und bereitete allmählich den linden der Verständigung. Ratbenaua Politik war es, die Stresemann später fortsetzte, und für ilie er wie jener zum Märtyrer wurde. Wenn heule das deutsche Volk in der Befreiung des Rheinlandes die goldenen Früchte Jener klugen dei bewußten Versöhnungspolitik erntet und Stresemann nach Gebühr dafür feiert, so dürfen wir Juden daran erinnern, daß Walter Rathenau unter den schwierigsten und verworrensten Verhältnissen die Linien dieser Politik klar vorzeichnele. Aber wie wurde liathcnau dafür begeifert, wie spritzte unsere Rechtspresse täglich ihr tüdlicbes lüfl gegen ihn! Damals entstand in diesen Kreisen der böse Vers: „Stecht ihn ab. den liathcnau, die