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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-08-08 · 32 (8.8.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
32 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer S Mi).....r der großen Versammlung (Ansehe Keneaeth Haggedola), sur Erinnerung an jene entaeheidungavolle Versammlung, die einige Wochen nach Baras öffentlichem Lehrkurae in Jerusalem stattfand, und in der sich die Vertreter dos ganien Volkea leierlich zur Beobachtung der Lehre Moses verpflichteten (Nehemia i», 1). Die Männer der groflen Versammlung min haben einen Grundtati ausge- ■prochen (Miachna Aboth 1, 2), den man als (; r u n d gedank e n des altjüdischen Schulwesens ansehen darf: Bildet viele Schitier aus! Die Möglichkeil des Lernens Vielen zu bieten, den Kreis der Schule zu erweitern, das ist die Aulgabe, die in jenem Grundsätze den führenden Minnern gestellt wurde. Denselben Grundgedanken dürfen wir auch in einer Erzählung der Chronik erkennen. Wir lesen da (II. Chron. IT, 7). dafl König Josaphal ein sumeist aus Leviten bestehendes Kollegium, eine Art von Lehrkommission aussandte, um das Volk in allen Städten des Landes aus dem Buche der Thora zu belehren. Der Verfasser der Chronik lüflt in dieser Ersählung gleichsam die Aufgabe, die sich Esra und Beine Nachfolger vorgesteckt Italien, bereits durch den König Josaphal ausführen, und er schreibt, wie das oft geschieht, die Verwirklichung des ihm selbst, dem eifrigen Leviten, vorschwebenden Ideals einer glorreichen Vergangenheit zu. Dafl sich dieses Ideal einer das ganze Land, alle Städte .ludäas in sich begreifenden Lehrinstitution nun allmählich verwirklichte, meldet eine höchst interessante Tradition, die in lapidarer Kürze eine Geschichte des öffentlichen .1 u go n d u n t e rrichtes in Palästina darbietet Diese Tradition hat zum Gewährsmann*' Hab. die größte Autorität Babyloniens im dritten Jahrhundert, einen großen Freund und Förderer des Schulwesens: aber sie geht jedenfalls auf alte palästinensische Überlieferung zurück. Die Tradition lautet (Baba bathra '21a): Im Anfange unterrichtete jeder Vater selbst seinen Sohn: dem Vaterlosen wurde kein Unterrieht zuteil. Später verordnete man. daß in Jerusalem Schulen eingerichtet werden, in welche auch die Kinder aus der Provinz hinaufgebracht werden mußten. Nachher erhielt jeder Bezirk seine Schule: aber die Schüler kamen schon im reiferen Alter von sechszehn bis siebzehn .Jahren zur Schule, sie wurden, wenn der Lehrer seine Strenge zeigte, widerspenstig und blieben weg. Ivndlirh verordnete ,Io s u a hon Gamala, daß in allen Ortschaften des Landes (die Worte „in jeder Provinz" fehlen in einigen Handschriften und alten Zitaten und sind durch die Analogie von Esther S. 17 [vgl. lt. 2H| in die Talmudstelle geraten) Kinderlehrer angestellt und die Kinder im Aller von sechs ins sieben Jahren zur Schuhgebracht werden. So künstlich konstruiert die Geschichte des Schulwesens in Palästina auch erscheinen mag. unbedingt liegt ihr ein Kern historischer Tatslchlichkeil zugrunde. Ks ist die allmählich fortschreitende Einführung dos öffentlichen Schulunterrichtes, dessen Erinnerung hier testgehalten ist: zuerst in der Hauptstadt, dann in den Vororten der Besirke, endlich in allen Städten des Landes. Die Angabe über die Betirksschulen benennt den Bezirk mit einem seltenen Worte (Pekwh), das. wie wir aus den Aufzeichnungen Nehemias wissen (Nehemia 8,9, 12,14— in), zur Zeit der Perserherrschaft die Bezirke Judiaa bezeichnete. Dasselbe Wort Andel sich auch in einer andern Tradition, von der Einaetanng von Gerichtshöfen für die einzelnen Bezirke und Stldte (Makkoth, 7a. Tos. Sanhedrin c 3 Finde. — s. auch Tos. Bikkurim :t. 8, von den sich bezirksweise versammelnden Darbringern des Erstlingsopfers). Dieses Wort weist sehr deutlich auf die persische Zeit hin. Die Einsetzung von Gerichtshöfen und die Errichtung von Schulen in den einzelnen Bezirken gehört also wohl der persischen Zeit, dem nach F.sra folgenden Jahrhunderte an. Die letzte Verordnung über das Schulwesen Palästinas soll aber nach der Schlußangabe unserer Tradition erst ein halbes Jahrta uaend nach Esra gegeben worden sein: und ihr Urheber war einer jener in rascher Folge einander ablösenden letzten Hohenpriester des zweiten Tempels, von denen die Geschichte fast nur Unrühmliches zu melden weiß Aber ist eine so tief eingreifende Maßregel, wie es die Einführung des allgemeinen Jugendunterrichts war, in solcher Zeit und von solchem Urheber anagehend denkbar? Die Zelt, in der Josua ben (iamala — oder ben Gamliel — kaum zwei Jahre lang als Hohepriester fungierte (in den Jahren 85—46), war eine Zeil verhlnglsvoller Gärung. Das .loch der tyrannischen Pro kuratoren lastete schwer auf dem Lande, und das Volk befand siel unmittelbar vor dem Ausbruche des grollen VorzweiflungskaniplV gegen Horn. War eine solche Zeit geeignet, eine das ganze Land be treffende Maßregel friedlicher Kulturarbeit durchzuführen, und bltti die Verordnung, wenn sie wirklich von Josua ben (iamala auaging in den bald darauf folgenden Kriegsjahren verwirklicht werden um Früchte zeitigen können, so daß ihr, wie der Gewährsmann jener Tra ditlon sagt, zu danken ist, daß die Thora in Israel nicht in Vergessen heil geriet? Und dann, sollte es ein Träger des Hohenpriesteramtes das längst seines Ansehens verlustig und außer Zusammenhang mi den treibenden Kräften der Nation war. sollte es ein Hohepriester ge woson sein, der den Grundgedanken der von den Pharisäern den Erben der alten Schriftgelehrten, vertreteten Richtung mit de Verallgemeinerung des Jugendunterrichtes zum Siege führte? Einer solchen geschichtlichen Unwahrscheinlichkeil gegenüber Is es gestattet, all dem Wortlaubder Tradition eine Berichtiguni vorzunehmen, durch welche die so wichtige Aufgabe in ihren wahret historischen Z u s a in m e n Ii a n g gerückt wird. Es hat hier. Bi erlaube ich mir anzunehmen, eine Namensverwechselung stattgefun den. Die Oberlieferung sprach ursprünglich nicht von Josua ben Ga mala, sondern von einem älteren Träger des Namens, von Josua bei Perach ja. JOSUa ben Perachja wirkte zur Zeit des hoheprieslerüchei Herrschers .1 o h a u lies II yrk a n als Haupt der Schriftgelehrten, all Leiter der damals zum ersten Male unter dem Namen Pharisäer ai das Licht der Geschichte hervortretenden großen Partei, die eis gegen Finde der Regierungszeit llyrkans ihren Einfluß und ihre Mach an die Partei der Sadducäer abtreten mußte. Zu jener Zeil ha der durch die Erhebung der Makkabäer und ihre Siege hervor gerufene religiöse und nationale Aufschwung .ludäas seinen Höhe punkt erreicht. Eine solche Zeit war. wie keine, für eine so seh im Geiste des Pharisäertums liegende Maßregel geeignet, wie es di< Verbreitung des Schulunterrichtes über das ganze Land war. Abel auch die einzige Äußerung Josua ben Perachjas. die auf die Nach weit gekommen ist. läßt ihn als ganz besonders geeigneten Urllebe einer Maßregel über das Schulwesen erscheinen. Sein Wahlspruch wie er in den Sprüchen der Väter (Mischna Abolh '\, 11) zu lesen isl bezieht sich nämlich auf das Studium und lautet: Verschaffe di einen Meister und erwirb dir einen Studie n g e f ä Ii r t e n! Diese Spruch ist auch sonst für die Geschichte des altjüdischen Schulwesen nicht gleichgültig. Denn in ihm begegnen wir zum ersten Male de beiden, zu stehenden Bezeichnungen des Lehrers und des Kol legen gewordenen Ausdrücken. Das eine Wort. Rab, der Meiste: der Lehrer, wurde in der F'orm Rabbi auch zum Ehrentitel der 0« lehrten, und das andere Wort, ("ha her. welches den Geführten Genossen im Allgemeinen, in Josua ben Perachjas Spruche aber BUcl den Studiengefährten bezeichnet, gelangte später ebenfalls zu sebs! standiger Bedeutung, als man nach ihm die Mitglieder der gelehrte Kollegien oder die Gelehrten überhaupt bezeichnete. War nach dieser — wie ich selbst gestehe - etwas verwegenei aber durch die Erwägung der in Frage kommenden Zeilen und Mäi ner berechtigten Annahme nicht Jona ben Gamals, der Hohepriestei sondern der zweihundert .Jahre ältere Josua ben Perachja. der Schrif' gelehrte, Begründer des allgemeinen Jugendunterrichtes in Patistini dann wird auch eine andere Tradition verständlich, die sich bisher ga nicht der eben besprochenen und berichtigten Tradition über dl sukzessiven Portschritte des Schulwesens einfügen lassen konnte. Nac dieser anderen Tradition (Jer. Kidduschin c 8 Ende [82c, d]) war e nämlich Simon ben Scbelach. der verordnete. dal.t die Kindt in die Schule zu gehen haben, das Weißt mit anderen Worten, der de allgemeinen und obligatorischen Jugendunterriehl einführte. Slmo ben Schetach aber war der Schüler Josua ben Perachjas und sei Nachfolger als Haupt der Schriftgelehrlen. Simon ben Schetach wa es, der, als die blutigen Verfolgungen der Pharisäer durch Alovimb Jannal ein Finde genommen halten, den Einfluß der Partei wiederhe stellte, und. wie ilie Worte eines alten Berichtes lauten (Kiddusch 88a), der Thora ihr altes Ansehen wiedergab. Unb der friedlichen Regierung der Königin Salome Alexandra Un

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