Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 C.KMEINDEBLATT OHR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Ii: seitliche Ordnung. Troll der Energie, mit der die Sowjetunion ihre Maßnahmen durchzuführen pflegt, wird die ..altmodische" Siebentagewoche vorläufig das Normalmafi bleiben und dios für manches Jahrzehnt. Es werden Jahre vergehen, bis auch nur alle Industrien und staatlichen Einrichtungen sich auf die neue Zeitbasis umgestellt haben weiden. Es ist kein Zweifel, dafi die große Mehrheit des russischen Volkes, die glaubigen Bauern, in denen man eine naturhafte tiefe Religiosität noch nicht entwurzeln konnte, trotz amtlich gegebenem Vorbild auch künftig nach dem Siebentageplan leben werden Seihst die Arbeiter in den Städten, die In ihren Betrieben als Zeiteinheit die Fünf- oder Sechstagewoche haben, werden die Zeit weiter für sich nach dem Überlieferten Schema messen. So erweist sich die neue Kalenderreform in Rußland in keiner Weise vollkommener als der alte Kalender. Sie wird auch selbst von den höchsten Beamten des nissischen Handelskotnmissariats für unbrauchbar erklär! wegen der Verschiedenheit der Zeitmaße und der Verwirrung, die bei internationalen Berechnungen notwendigerweise entstehen müsse. Der Westeuropäer aber sieht darüber hinaus in der Streichung von Sabbath und Sonntag einen Widerspruch zum Rhythmus des Lebens und der sich in ihm ewig erneuernden Ordnung des Schöpfungswerks. Kr zieht die Siebentagewoehe, vom Religionsmoment gani abgesehen, darum vor. weil sie dem Wesen des Menschen w. it mehr entspricht. Entscheidend für das Wochenschema darf niemals formale Schönheit und arithmetische Genauigkeil eines Entwurfs allem sein, es muß sich vielmehr in erster Linie dem Wesen des Benutzers anpassen und verhindern, daß der Mensch zur Maschine erniedrigt werde. Suchen wir aber über die Darstellung des konkreten Falles hinaus zum Grundsätzlichen vorzudringen, so ist es in erster Linie notwendig, über das Wesen der Zeitmaße ein Wort zu verlieren. Die Jahreseinteilung, die der Kalender entfallt, gründete sich auf natürliche Vorgänge wie den Umlauf des Mondes um die Erde und den \blaut der Jahreszeiten. Ein Tag ist verflossen, wenn die Erde während ihres Laufes um die Sonne eine volle Umdrehung um ihre eigene Achvollendet hat. ein Monat, wenn der Mond wieder an derselben Stelle der Sonne gegenüber angelangt ist. ein Jahr, wenn die Erde ihren Lau! um die Sonne einmal vollendet hat und an derselben Stelle ihrer Bahn, der Ekliptik, wieder angelangt ist. Kein Himmelskörper erscheint so geeignet für die Zeiteinteilung wie der Mond mit geinen verschiedenen Phasen. Fast Inno Jahre lang hatte die Menschheitskultur nach dem Kalenderpläne Julius Casars gelebt, bis im Jahre 1582 durch den Papst Oregor XIII eine notwendig gewordene Kalenderreform zustande kam. die eine entstandene Differenz von 10 Tagen beseitigen seilte. Seitdem ist der Gedanke d'-r Kalenderreform als Problem eigentlich nie von der Tagesordnung verschwunden. Wenn er nun in der Gegenwart vor allem durch die von dem Amerikaner Moses Benjamin Cotsworth gegründete und geleitete „Liga für den feststehenden Kalender" eine starke Belebung erfahren hat, so hat diese Bewegung, die vom Völkerbund die Einberufung eines großen Kalenderkongresses verlangt bat, sowohl psychologische. n|»;iUrh praktische (i runde. Die Mechanisierung des Geistes unserer Zeit, die allem Irrationalen abhold ist. bat gerade In A.....rika, das im (iebiete der technischen Durchdringung des Lebens a......eisten vorgesehritten sein dürfte, den Wunsch nach einer besseren Schematisierung des täglichen Lebens, die zudem den Vorteil hat, dem wohlverstandenen Geschäftsinteresse der Amerikaner zu dienen, laut werden lassen. Die Forderung der Siebentagebeaehäftigung der Maschinen zur vollen Ausnutzung des Betriebamaterials zeigt das Dominieren des materiellen Gesichtspunktes ganz deutlich. Worauf gründet sich denn nun die Gegnerschaft gegen den Gregorianischen Kah nder und «Ii«- Forderung seiner Reformierung. an deren wünschenswerter Lösung Kandel und Verkehr. Industrie. Schill.- und Justiz besonders interessiert erscheinen? — Als Mängel des Gregorianischen Kalenders erblickt man. Insbesondere in den Kreisen der Wirtschaft und Verwaltung, die ungleiche Länge der Monate, Quartale und Halbjahre, die verschiedenen Wochentage für Monatsbeginn und. wie bereits erwähnt, das Schwanken des Termins für Ostern, den „Obelstand", daß die Kalendertage in den verschiedenen Jahren nicht auf dieselben Wochentage fallen, da die Zahl BOG nicht durch sieben teilbar ist. — Durch Internationale Übereinkunft soll nun eine Kalenderreform unter Mitwirkung des Völkerbundesich vollziehen, die all den genannten Übelständen abzuhelfen vor mag. Aus der Fülle der Entwürfe, die teils mit wissenschaftlichem Ernst, teils mit reklaiuehafler Technik diskutiert worden sind, seien hervorgehoben der amerikanische Vorschlag des Jahres von 18 Mona ten mit je 2S Tagen oder vier vollen Wochen und der Vorschlag des deutscheu Professors lilochmann. für den es charakteristisch ist, dafi er den kurzen Februar erweitert und nur Monate von 80 und!!t 'lagen kennt. Dieser letztere Vorschlag soll sogar die Billigung des Kardinals Ehrle gefunden haben mit der Begründung, er ändere nicht mehr, als wirklich unumgänglich notwendig sei. Dasjenige aber, was er mil vielen anderen Plänen ändert, der Punkt, um den fast kein Kalender plan herumkommt, ist es, der mit den Instanzen der christlichen Kirche zugleich auch das Judentum zum Kampfe gegen die Kalenderreform aufgerufen hat. Fast alle Pläne, die eine wirkliche Reform des beutigen Kalenders bedeuten würden, ändern den Ablauf der Wochentage. Sie schalten alle irgendwo einet) oder sogar meh rere Blanko tage ein, die eben notwendig sind, wenn man Datum und Wochentag in allen Monaten zusammenfallen lassen will, (legen jede Verlegung des Sabbath. die der jüdischen Seele den Todesstoß versetzen würde, hat als Wortführer des Judentums das „Jüdische Komite zur Bekämpfung der Kaienderreform" schon vor Jahren warnend seine Stimme erhoben. Auch der letzte Jude weiß es und fühlt es, daß Menschenmachtwort es nicht wagen darf, den Sabbath als Qottesbund mit Israel zu zerbrechen, indem er ihm seine feste Lage nimmt, um ihn nach der Willkür eines statistischen Gesetzes in der Woche wandern zu lassen. Soll der Sabbath in dein Strome unseres schöpferischen Lebens das rettende und ruhespendende Eiland darstellen, so muß er die Stelle behalten, an die ihn Gott gestellt, muß, wie einst, als Ordnungsprinzip wirken nach der schöpferischen Bewegung des Chaotischen im Leben der Irdischen Welt Ks ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß wir in unserem Kampfe gegen die Schalttage nicht allein stehen, sondern vornehmlich auch die Unterstützung der Baptisten und Adventisten finden. I-)ine Einigung bei der Kalenderkonferens dürfte auf dieser Basis allenfalls ein Unmöglichkeit darstellen, und in dieser Krkenntnis ist der Ausschuß des Völkerbundesrats dem ernstgemeinten Vorschlag eines klugen Genfer Journalisten, die ganzen Energien auf nützlichere Dinge zu konzentrieren, wenigstens soweit gefolgt, daß er die Bildung nationaler Komitees empfahl, um Ihnen die weitere Behandlung der Materie zu überlassen. Kine neue Sitzung des Ausschusses dürfte aber in Kürze bevorstehen. Es ist also leicht ersieht lieh, daß die Nachteile eines neuen Kalenders auch vom allgemeinen Standpunkt aus die Vorteile bedeutend überwiegen, weil man mit den vorliegenden Vorschlägen, wie es Litauens Vertreter im Völkerbundsratkomitee mit schöner und rückhaltsloser bewegter Offenheit hervorhob, leichtsinnig wichtige Werte der Zivilisation und der Kultur zerstört, weil man alte Gebräuche und Überlieferungen der Statistik zuliebe opfert. Daran ändert auch nichts das moralische Mäntel eben, das man der Sache umhängt, daß man. merkwürdig genug, von der statistischen Neuregulierung innere Sammlung und Vereinheitlichung des Lebens erwartet, daß man schließlich die Blankotage zu Friedenstesttagen ausgestalten will. Die Friedensidee sollte zu schade sein, um einer aus statistischen Gründen gewordenen neuen Zeiterscheinung ihren seelischen Inhalt zu geben. Gleich dem ..Jüdischen Komitee" bat auch der Amerikanisch-jüdische Kongreß in einer Eingabe an den Viilkerbundsr.it auf die untragbare und zerstörend«' Wirkung einer Variierung des Sahhaths in der Kalenderwoche auf die jüdische Religion hingewiesen und Charles S. Longacre bat in diesem Sinne ein Petition au den Präsidenten der Vereinigten Staaten gerichtet. Da aber bei einer Rundfrage bei den größten und bedeutendsten Wirtscliaftsinslitutionen Amerikas sich S() Prozent für eine Kalenderreform ausgesprochen haben und man in jüngster Zeit stärker an den Erfolg ihrer Propaganda zu glauben beginnt, sei hier nur noch auf ein Reformprojekt hingewiesen, das des Barons Bedeus, der Monate vou fünf und solche