Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 31 (1.3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer : Diskussion über die Frage der persönlichen Frömmigkeit. Den Vorsitz (Ohrte Heinrich Stern (Berlin), das Kröffnungsgebet sprach Rabbiner Dr. Hermann Vogelsteiu (Breslau). Das Hauptreferal »Der i u d i s<• h e B egrif 1 d e r F r 0 m migkei t" hatte Rabbi 1. Mattuok (London) Inne. Kr führte ungefähr aus: Di.» besondere Haltung des liberalen Judentums zum (iesetz erfordert «ine grundsätzlich neue Auffassung des traditionellen Begriffs der Frömmigkeit, Das Geseti war im orthodoxen Judentum die Verwirklichung der Beziehung zwischen dem einzelnen .luden und Gott. Das Uberale Judentum räumt der Sittlichkeit bei Ausübung der Frömmigkeit den ersten Plati ein. Im pharisäischen Judentum war das prophetische Kleinen! nicht verlorengegangen; eine eifervolle Sittenreinheit war die besondere Eigenschaft der Frommen; aber Gehorsam gegenüber dem Hitualgesetz wurde durch die ITm- Btände beinahe zum llaiiptclemout der jüdischen Frömmigkeit übersteigert. Das liberale Judentum kann hingegen die Beobachtung des Zeremoniale keinesfalls als das Wichtigste oder auch nur als das annähernd Wichtigste in der persönlichen Frömmigkeit betrachten. Das liberale Judentum hat die Aufgabe, eine Kehre herauszuarbeiten über die neuen Pflichten unter den neuen Bedingungen des jüdischen Lebens, die als Bestandteil der heutigen Auffassung von jüdischer Frömmigkeit den einzelnen .luden obliegen. Der öffentliche Goltesdiensl steht in Beziehung zur persönlichen F'römmigkeit, sofern er dem liebele dient. Andere Weile des öffentlichen Gottesdienstes sind Gemeinschaftswerte, die zuweilen in Widerspruch stehen mit der Kraft, persönliche Frömmigkeit zu fördern. Der Konflikt zwischen Individuum und Gemeinde ist ein neues Element im modernen jüdischen Leben. Für die Vervollkommnung der Persönlichkeit im Glauben und zur Vermeidung der moralischen Gefahr, die übertriebenem Gefühlsüberschwang entspringt, ist die Vergeistigung der Frflmmigkeit, das „Lernen", von Wichtigkeit. Dementsprechend müßte die Auffassung der Frömmigkeit danach streben, das Rationale und das Mystische zu vereinen. Die Heiligung des Lebens besteht darin, daß man jede Gelegenheit benutzt, um d - Gefühl einer persönlichen Verbundenheit mit (iolt zu erlangen. Das ursprünglich Rabbiner Dr. Max Dienemann zugedachte I! ferat „\V i e ist die persönliche Frömmigkeit zu f ö i dem?", wurde von Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann gehalte Er bezeichnete es in seinem Referat als die größte Schwierigki des liberalen Judentums, daß es die faktisch fast unüberwindlich! Hindernisse bewältigen muß, die sich der Verbreitung und Beeinflu sung |>ersönlicher Frömmigkeit und Sittlichkeit entgegenstelle Scheinen doch Individuum und verbindliche Lehre Gegensätze in si< i selbst zu sein. Wir dürfen uns aber von diesen Schwierigkeiten nlcl I abschrecken lassen. Wir müssen uns im Gegenteil stark mache sie zu überwinden. Die Diskussion eröffnete Rabbi Harold F. Reinhart. Er sagt« man höre oft, es sei schwerer ein liberaler Jude zu sein als e orthodoxer. Der allgemeine Eindruck sei aber der umgekehrte, w< man den liberalen Juden eher als den ansieht, der Bindungen a wirft, und nicht als den, der das höhere Gesetz auf sich nimmt. Wei ein Durchschnittsmensch jemanden als fromm bezeichnet, so meint i damit, daß er die religiösen Riten hält. Die Anschauung, daß Frön migkeit mit der Einhaltung von Riten nicht notwendig verbunden i- . ist noch nicht weit verbreitet. Obgleich es viele Formen der Frommi keil gibt, gibt es doch nur eine Frömmigkeit. An keine Ort können die liberalen Juden heute besser lernen, als bei unsere i orthodoxen Vorfahren. — Rabbi L. Germain Levy (Baris) vei glich das Gehet mit der Musik und legte dar, daß man das Gebe: genau so nur durch Übung verstehen könne, wie ma i für die Musik das Ohr bereitgemacht haben muß. An der Diskussion beteiligten sich mit großer Wärme noch ein ■ Anzahl von Rednern, darunter auch C. G. Montefiore, der sagt . daß ein gewisses Maß von Disziplin, Einfalt u n I ■Ritus noch für den liberalsten Juden zur A n r e g u n ( der Frömmigkeit nötig sei. Aus aller Welt Der spanische Außenminister über die Vertreibung der Juden aus Spanien. Di l gegenwärtige spanische Außenminister Herzog von Alba und Bei wiek gewährte der Jüdischen Telegraphen-Agentur während seines Aufenthaltes in London ein Interview, in dem er sich insbesondere Qbei die Frage der gegenwärtigen Gültigkeit des gegen die Juden in- Spanien im Jahre 14!>2 erlassenen Vertreibungsedikies äußerte. Die Frage i-l durch eine vor kurzem erfolgte Aktion des Präsidenten der Jüdischen Völkerbundsliga in Bulgarien, Dr. Mezan, angeregt worden, der an den Präsidenten der Internationalen Union der Völkerbundligen die Bitte richtete, anläßlich der in Madrid abzuhaltenden Jahreskonfereni der Union festzustellen, ob er und andere jüdische Delegierte an der Tagung teilnehmen können, da seines Wissens das Edikt von 14i(2 nie rückgängig gemacht worden ist. Herzog Alba beantwortete die an ihn gestellte Frage mit der Gegenfrage, ob .lügegen die Juden in Kugland verfügte Vertreibungsedikt von 1290 je zurückgenommen worden ist. Eine Regierung setzt Geselle und Erlässe, die im Laufe von Jahrhunderten erlassen worden sind, nicht einzeln außer Kraft. Durch die jetzt in Spanien geltende Verfassung Bind alle vor dein Jahre 1JS00 in Spanien gültig gewesenen Gesetze und also auch das Edikt von 1492 automatisch a u ß e r K Infi gesetzt. Die Lage der jetzt in Spanien lebenden Juden ist genau die gleiche, wie die aller anderen Bewohner des Landes, gleichgültig ob sie spanische Bürger oder Ausländer sind. Als spanische Bürger genießen die Juden die «.deichen Rechte wie die anderen spanischen Staatsbürger, als Ausländer die gleichen Rechte, wie die nichtjüdischen in Spanien lebenden Ausländer. Die spanische Staatsbürgerschaft können die Juden in gleicher Weise wie alle anderen erwerben. Ks gibt auch bereits eine Anzahl von Juden, welche die -panische Staatsbürgerschaft erworben haben, und ich selbst kannte persönlich einen von ihnen, Senor Bauer, der Mitglied des spanischen Parlaments geworden ist. Ich persönlich, sagte der Hersog Alba, bin der Meinung, daß die Vertreibung der Juden aus Spanien ein Fehler war. Aber die Juden sind nicht das einzige Volk, das zu jener Zeit aus Spanien vertrieben worden ist. Auch die Mauren sind damals vertrieben worden, obwohl diese Maßnahme auf sehr starke Gegnerschaft stieß. Juden un<l Mauren wäre beides fleißige Bevölkerungsschichten, und so wie die. Großgrundbesitzer in den Mauren eine sehr nützliche Schicht VC landwirtschaftlichen Pächtern fanden, so wußten auch die mafigebei den Handelskreise den Wert der .luden einzuschätzen, und sie macht« die größten Anstrengungen, um den Beschluß der Inquisition i mildern. Die Inquisition war keineswegs, wie weithin angenommen wir das Instrument der katholischen Kirche, die mit deren Grausamke durchaus nicht immer einverstanden war. Die spanische in quisitlon war eine Einrichtung des spanische königlichen Regimes zur Herstellung der religiösen Einhe im Lande, weil man damals annahm, daß es ohne religiöse Einhe keine Einheit der Bevölkerung und keine Autorität der Krone gab- Gegen eine starke Opposition setzten Ferdinand und Isabella ihn Willen durch, und Juden und Mauren wurden aus Spanien vertriebet Das sind aber alles Fragen einer längst vergangenen Geschieht' die jetzt neu aufzurühren nichts Gutes bewirken würde. Die spanische Regierung kennt die noch heute anhaltend Loyalität und innere Neigung für Spanien und die spanische Sprach bei Hunderttausenden von Abkömmlingen spanischer Juden in nich spanischen Ländern. Die spanisehe Regierung hat es schon vor Jahre unternommen, enge und rege kulturelle Beziehungen mit dies« Sephardim in verschiedenen Teilen der Welt aufzunehmen und Irin zur Unterhaltung ihrer Erziehungsinslitutionen, besonders in Marokko bei. Wir wissen, wie diese Juden über die spanisehe Periode d< jüdischen Kultur denken, die in Wahrheit ein ruhmvolles Blall i der Gesehirhte füllt. Es gibt noch eine große Anzahl von Juden in Ii a r ok k < z. B. in Tetuan, die noch immer spanische Staatsbürge sind, und in einer gewissen Zahl kommen auch Juden aus Marokk nach Spanien und siedeln sich dort an. Die Zahl ist nicht sehr gro: das hat aber seinen Grund darin, daß Spanien ein armes Land is und daß es für einwandernde Juden daher keine großen Möglicl keilen bietet. Das bringt uns zu der Frage, ob eine große Rücl Wanderung spanischer Juden nach Spanien wahrscheinlich ist. I Spanien gibt es Arbeitslosigkeit; natürlich nicht in einem solche Ausmaß wie hier in England, Spanien ist ein industriell nicht so ho. entwickeltes Land wie England, aber die Einwanderung in ein Lai muß sich immer nach den ökonomischen Bedürfnissen des Land, und seiner Absorptionsfähigkeit richten. Ich glaube nicht, daß d plötzliche Ankunft von hunderttausend sephardisthen Juden auf ein- Arche Noah in England durch die Bevölkerung geradezu begrü'