Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 31 (1.3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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! August 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 brauchen die Menschen von heute vielleicht einen aufgeklärten i id modernistischen Chasaldismus, wie er für untere iie paßt. Hier liegen Probleme und Verhandlungsgegenstände für le Konferenzen vor. Jede einzelne Konferenz kann aber nur einige ■nige von ihnen in Angriff nehmen. Nach Dr. Montefiore nahm der Vorsitzende des Board der Union American Hebrew Congregation, Ludwig Vogelstein, d;is >rt für die amerikanische Delegation. In Amerika, sagte er, hat in mehr Mut als in Europa aufgebracht, Wesentliches und Undeutliches in der Religion zu scheiden und dabei die ewigen Wahr- Iten im Vordergrund zu hallen. Die amerikanischen Führer des 1 eralen .ludentums erkannten, daß viele von den gepriesenen Voran der modernen Weltanschauung den wesentlichen Glaubensen des Judentums und seiner Lebensart innewohnen. Sie fühlen, i I ihr Reformjudentum ihnen in Wahrheit die moderne Weltichanung deutet. Sie haben auch deshalb ein Gefühl cler Dnnk- I keit für ihre religiöse Bewegung, weil sie fühlen, daß sie ihnen c e vernünftige Klärung ihres Verhältnisses zu ihren nichtjüdischeu \ chbarn gegeben hat. Das Ergebnis dieser Kidwicklung ist, daß r amerikanische Jude stolz auf seine Religion und eine Haltung zeigt, die sich sehr von der apologetischen Art \ gangener Zeiten unterscheidet. Indem das Reformjudentum in ' icrika gleich bei seinem Reginn die Sache der wissenschaftlichen V dirheit zu der seinen machte, hat es wahrscheinlich eine ga u ze i 'Iteration für die jüdische Religion gerettet. wohl die Verhältnisse in Amerika noch großer Verbesserung bolürftig sind, ist der religiöse Abfall nicht sehr bet rächt lieh und der Prozentsatz von Taufen außerordentlich geling. Ein schöner Geist brüderlicher und nachbarlicher Beziehung im (wickelt sich zwischen den Juden aller Anschauungen. Die amerikanische Delegation ist gegenüber der Tatsache nicht blind, daß die gegenwärtigen Verhältnisse weilgehend durch politische und sozinlogi < he Mächte verursacht sind. Aber in Amerika scheint der Reweis im nraeht worden zu sein, daß der bessere Status der Juden von den durch «las Reformjudentum veranlaßlen Änderungen gewonnen hat, oder, um es in anderen Worten zu sagen: Man fühlt, daß der vom Reformjudentum auf die soziale Roischaft der Propheten Israels geißle Nachdruck im Unterschied zu der bloß auf das Judentum selbst gerichteten Botschaft der Priester Israels in einer subtilen Harmonie mit der Entwicklung des Lebens in der westlichen Well steht. Es sprachen dann noch Rabbi L. Germain Levy (Union liberale Israelite), der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, Rechtsanwalt Heinrich Stern (Rerlin) und ein Ver- Ireter Hollands, Levisohn. R.-A. Heinrich Stern führte in seiner Rede unter anderem aus: .' ich wir deutscheiv Liberalen spüren die Problematik des heutigen I «oralen Judentums sehr ernstlich. Die Zeil eines zu engen Rationa- I mus ist bei uns durch «las Suchen nach den seelischen Quellslrömen i ligiösen Sehnens abgelöst, das zum Teil seine Befriedigung in einem > umystizismus sucht, in einer Pflege der Form um der Form willen. .vVr diesem nur allzu begreiflichen Irrationalismus wird immer «las I irn der Gemeinschaft, wird besonders die philosophische und histoi -che Wissenschaft seine Grenzen setzen. Die wichtigste Aufgabe, il der Lösung wartet, die nur vom liberalen Judentum gefunden v erden kann, ist der Ausgleich zwischen individueller Religiositlt und dem Streben nach Erhaltung der r ligiösen Gemeinschaft. Die Reformbewegung des 1 Jahrhunderts in Deutschland war die Reaktion des Individuums g gen Unterdrückung. Doch die Gemeinschaft, «las Nationaljudentum i seinen geistigen Trägem sollte eine Schutsbewegung sein gegen d e Auflösung der Gemeinschaft in eine Vielheit von Individuen. I neu Weg des Ausgleichs zu finden z w iseh an «1 o r Ind viduellen Frömmigkeit, zwischen dem religiösen Sehnen i serer Generation und dem Gedanken des K'lal der I lllgion, wie sie geschichtlich geworden. Brücke ist, zwischen ■ ii Generationen — dieser Ausgleich scheint Tausenden der Besten n uns, den Suchenden, die wichtigste, aber unendlich schwierige ifgabe des liberalen Judentums. Unsere World-Union ist ein sichlb res Symptom religiösen Einheitswillens; Gemeinschaften von der- •' I äußerer Verschiedenheit der Gemeiiischaflsform, wie die deutsche 1 nheltsgemeinde und «lie Sonilergemeinilc der amerikanischen He- I m fühlen doch über «lie Verschiedenheit «les Weges hinweg die < meinsamkeit des Zieles. Die Gemeinsamkeil wird, so hoffen wir, i en besonders deutlichen Austlruck finden, in der Zusammenkunft «I r liberalen Jugend. I«'h, «ler ich selbst aus der Jugendbewegung Ii rvorgegangen bin, betrachte «liese internationale Zusammenarbeit der Jugend als die Krönung des gesamten Bundeswegs, Je Inniger wir (ilieder unseres liberalen Weltbundes miteinander verwachsens j«> ernster wir an der gegenseitigen Durchdringung arbeiten, desto schneller wird das Gemeinschaftliche sichtbar werden, «las die Brücke bilden wird zwischen dem Willen, mit den sich die heutigeReligiositäl ihren Auadruck sucht, und dem Streben, den Anschluß aufrecht tu erhalten zwischen Gewesenem und Gewordenem. Die erste A r be i I s s i t z u n g des Kongresses eröffnete Sonntags morgens nach einem Gebet Rabbi Isaac Marcusons (Macon, USA.), in Abwesenheit von Rabbiner Dr. Leo Baeck, der Präsident der Wellunion für liberales Judentum, Dr. ( laude (i. Montefiore, Das erste Referat der Tagung war Professor Dr. David Kol gen (Berlin) übertragen worden. Da der Vortragende am persönlichen Erscheinen verhindert war. wurde sein Referat ..1) i e Idee (1 ol t es im Lichte des modernen Denkens" verlesen. In «l«>m Referat beißt es: ■Bei «ler Auffassung Gottes ist in Betracht zu liehen, «las Dasein, das Geschehen, In dem man sieht, der Geist, mit dem dieses fieschehen gebildet und gemeistert wird, und schliefilich «ler einzelne Mensch, wie er sich in dieser also gestalteten, lebendigen Well ganz „zu Hause" weiß. Soll der Mensch wirklich in dieser Welt von Erfolg gekrönt sein, soll er wahrhaft sieh hier und heute ganz lebendig wissen, so hat er in erster Linie mit seiner seelischen und geistigen Begabung anzufangen. Schon durch die gesamte technischwlssenschaftliche Gestaltung und Bewältigung unseres Lebens tritt heute die unmittelbare leibliche Begabung In den Hintergrund. Erst recht im religiösen, wesenhaften Dasein, wo es sich um «Ii«1 Befestigung «les Menschen in der Well als solcher, um «lie schöpferische Erhaltung seines S«dhsts handeR, ist es der Fall. In einem Weltalter, wo Im Vordergrunde «lie seelische willensmäßige und geistige Tapferkeil Und Begabung steht, sind begreiflicherweise alle Voraussetzungen für eine Belebung «les wirksamen Gottesgedankens von selbst gegeben. Wir treten in eine Epoche, WO trotz der Wissenschaft, ja mit Hilfe «ler Wissenschaft die metaphysische und religiöse Macht «les Menschen beträchtlich zunimmt und aufs neue begründet wird. Eine Metaphysik, die sich nicht in gültige Münze, in reale Vorgänge der inneren Erneuerung und Bindung umzusetzen vermag, ist leer. Ein Daseiendes, auch das religiöse Dasein, «las nicht auf den metaphysischen Geist hinweist, hindeutet, ist blind. Und so weist jedes echte Leben, jede echte Religion zugleich auf eine Meta-Religion hin. Und das lebendige Prinzip «ler Meta-Religion heißt Gott. Als nächster Referent sprach Rabbi Samuel Sc Ii u 1 in a ii vom Temple Emanuel (Newport) über Begriff und Wert «les Gebetes. Das Gebet drückt «lie Überzeugung aus. daß ("iott eine Realität und nicht nur ein Wunschbild ist, und daß es von lhin ein«' reale Antwort als Befriedigung der menschlichen Nöte gibt. Das Zeugnis für die Religiosität eines Menschen ist seine Fälligkeit und sein Bedürfnis zu holen. Wenn dem aber so Ist, dann wird die Qualität «ler Religiosität bestimmt durch den Inhalt oder die hesondere Form des Gebetes. Das Faktum «les Gebetes als des Aussprechens der Beziehung eines Menschen zu Gott bleibt zu allen Zeilen und bei allen Völkern und Religionen «las gleiche. F^s ist ein primäres uml grundlegendes Lebensfaktum. Hier kann es kein«' Wandlung durch Fortschritt geben, denn es Ist etwas, was über die Unterscheidungen «ler Zeilen hinweggeht. Es ist ein Stück Ewiges. Das moderne Denken kann lediglich rationalisieren, Irrtümer der Religion berichtigen, insoweit der religiöse Glaube mit Lehren über den Schöpfungsakl und die aktuellen Naturprosesse vermengt Ist. Das moderne Denken kann sagen, was man im Gebet nicht aussprechen soll und mag, vielleicht auch «lazu verhelfen, die angemessenen Worte für «las Gespräch mit Gott III linden das Recht zu beten kann es nicht bestreiten, Wie soll mau aber beten lehren? Es gibt keinen anderen Weg als den «les Beispiels. Um beten zu können, muß man wieder ein Kind werden. Das Gebet ist der Schlüssel, der den Menschen eine Tür öffnet, durch die sie eintreten uml ihr Leben als ein ewiges leben uml mit Freuden Gott dienen. Die Diskussion eröffnete Frau Margarete Susman mit einer kurzen Äußerung zu «lein Referat Prof. Koigens. Nach ihr sprach Sir Philip Ha ring, der auf das Problem «les E I e u «I s einging, obwohl ihm das Problem «les Elends so unlösbar Bcheinl wie je, hält er es doch nicht für einen zureichenden Grund, den Gottesglauben BllflUgebeu («ler Gott zu verwünschen. Zum Schluß der Sitzung hielt noch Rabbi Bernhard Keller (Scranton, USA.) eine Ansprache. Die sjtzung wurde mit einem von Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann (Frankfurt a. M.) gesprochenen Gebet geschlossen. Die zweite Sitzung der Weltkoiiforen/. beschäftigte sich mit «'iiier