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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-07-25 · 30 (25.7.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 30 Rudolf Sehildkraat gestorben. Am 15, Juli ist in Hollywood R u d o 11 S ohi 1 d kraut, <>s Jahn alt, einer Hersschwäche erlegen. Schildkraul wurde in Konstanlinopel als Sohn einer ipanioliachen Familie geboren. Kr kam in jungen Jahren nach Siebenbürgen, wo er deutaeh lernte, 1 <si>:i kam er an .las Raimund-Theater nach Wien und später an das Kurl-Theater. In Wien erweckte er VI i 11 e r w u r z e r s Interesse, und Alfred v o u Berger, der damals das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg gründete, berief ihn nach Hamburg. Von da kam er zu R e Inhard t, wo er seine gröfiten Erfolge in der Rolle des Shylock und Lear hatte. Nach seinem Wirken m Berlin, das seinen Namen in der putzen Welt bekanntmachte, ging Schildkraul nach Amerika, wo er als Theaterdirektor und Darsteller in jiddischen Theatern wirkte. M o n t y .1 a c o i> s schreibt anläßlich des Todes Schildkrauta in der „Vossiachen Zeitung": ...... Den deutschen Theaterfreunden bleibt der untersetzte, (ettleibige Mann mit den breiten Schultern und dem [lächigen Rassekopl als ein Darsteller des Heroischen im Gedächtnis, der das Heldentum ins weiche Martyrium des leidenden Familienvaters abwandelte. Sein berühmter Shylock war der farbigste, wuchtigste Repräsentant jener Auffassung, die gewifl nichl Shakespeares Absicht, aber dem Wunsch eines grofien Publikum« entsprach: Der .lüde von Venedig als der unschuldig Leidende, als der Gekränkte in der Notwehr. Sein Lear hatte in Reinhardts Darstellung eines barbarischen Despoten die rechte Fallhöhe, aber Schildkrauts mächtigste Wirkung strömte auch hier aus den Szenen des Geschundenen. Gequälten, aus dem Schmerz eines Vaters. Im modernen Drama war ihm der Hoden der Familie, den er ja auch im heroischen Theater nie verließ, am vertrautesten, und die Wirkungen des Humoristen waren ihm hier ebenso sicher wie die Mittel des Tragikers. Denn Mitterwursers Schüler war in Wahrheit der Erbe und Nachfolger jener herzensweichen. stets ans Rührende appellierenden Bühnenkunst, die Sonnen t hals Ruhm begründete. Dali Rudolf Seh i ld k r a u t die Herzen mit gleicher Gewalt zu packen wußte, war Stolz und Triumph seiner stärksten Leistungen. Die Thealerstadt Berlin verliert in dem Entschlafenen keinen De sitz, aber eine Erinnerung voll Gewalt und Größe." Die wissenschaftliche Arbeit der Akaden Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung ihrer Mitglieder und Freunde und in Anwesenheil der Vertreter vieler jüdischer Organisationen hielt die Akademie für die Wissenschaft des Judentums ihre 11. Jahresversammlung ab. Vorsitzende, Herr Oscar Wassermann, eröffnete die Versammlung mit kurzen Worten über die Bedeutung und Ziele der Akademie und gedachte der Toten des Jahres, des Philosophen Frani Rosentwelg, dessen Initiative die Akademie ihr Dasein verdankt, und des Kommerziell rat es Albert Moos-Stuttgart. Dann begrüßte er den aus Amerika zurückgekehrten Professor Dr. Julius Gutmann und gab der Freude darüber Ausdruck, daß er den dringenden Einladungen amerikanischer Institutionen, seinen Wirkungskreis dorthin zu verlegen, nicht gefolgt sei, sondern der jüdischen Wissenschaft in Deutschland, insbesondere der Akademie, deren Forschungsinstitut er SO erfolgreich leitet, erhallen geblichen sei. Hieraul erstattete Herr Professor Gut mann den Jahresbericht des Forschungs-Instituts. Ein weiterer Ausbau ist dem ForschUngS-InstituI im Berichtsjahre infolge der Not der Zeit versagt geblieben, aber die begonnenen Arbeiten haben guten Fortgang genommen. Das Werk der Statistik der deutschen Jaden auf Grund der Volkszählung von 1820 ist soweit gediehen, daß der Preußen behandelnde Band fast fertig gedruckt ist und bald erscheinen kann: auch der zweite Band, der die nichtpreußischen Länder behandelt, i-t im Tabellenteil druckfertig. Von der Mendelssohn- JubiläumsaUSgabe, die die Akademie gemeinsam mit der Gesell- Bchafl zur Förderung der Wissenschaft des Judentums veranstaltete, lind zwei Bände, bearbeitet von Dr. Fritz Bamberger und Dr. Haim Borodianski, am Jubiläumstage erschienen. Bin dritter Band, Judaica, unler dei Redaktion von Dr. Simon Rawidowicz, ist soeben herausgekommen, zwei weitere Bände werden vor Jahresende fertig. Die Ausgabe Badet große Anerkennung. Das Gleiche gilt von Dr. Selma Sterns ...lud süß", der ersten historisch dokumentierten Biographie diese. Hofjuden und Politiken. Aus der philosophischen Sektion ist Dr. Leu Strauß' Buch ..Die Religionskritik Spinozas" hervorgegangen. Als nächstes Werk der philosophischen Reihe wird ..Die Gottes-ldee ies Maimonidea" von Dr. Fritz Bamberger folgen. In der historischen Abteilung liegt der zweite Band von Dr. Fritz Baers „Die Juden in Spanien" druckfertig vor. Ebenso der zweite Teil von Dr. Selma Sterns ..Der preußische Staat und die Juden". An literar-historischen und sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist die Edition des Propheten- Targum von Professor Landauer und Dr. Sperber abgeschlossen, letzterer hat die Edition des Cargum Onkolos in die Hand genommen. Von Dr. WUenskys „Zepher ha Rikma" kann der zweite Halbband in wenigen Wochen erscheinen. Auch Dr. Albeck hat den Einleitungshand zu einer Edition des ..Midrasch Bereschit Rabba" im Manuskript beendet. In der Hermann Cohen-Stiftung liegt die hebräische Ausgab« von Hermann Cohens jüdischen Schriften durch Dr. Woyalawski nn Manuskript vor. Der erste Band von Dr. Leon RoseuswelgS „Das Reformwerk Hermann Cohens" ist gleichfalls abgeschlossen. Diese Summe von Arbeiten zeigt, daß die Akademie von innen heraus dauernd wächst und die jüdische Wissenschaft in fruchtbarer Weise bereichert. Für den Verw all ungs vorstand erstattete der Generalsekretär Dr. ie für die Wissenschaft des Judentums Israel Auerbach den Rechen schal t aber loht Dns Finanz jähr 1029 war ein schwieriges. Die Herstellung der Druckwerke, insbesondere der Statistik und der Mendelssohn-Ausgabe, erforderte große Mittel. Die Ausgaben haben deshalb gegen das Vorjahr eine erhebliche Steigerung erfahren, mit denen die Einnahmen trotz bedeutender Spenden, infolge der Wirtschaftskrise, nicht Schrill halten konnten. Die Entwicklung des Akademie-Verlages ist eine laugsam aufsteigende. Wenig erfreulich war der finanzielle Stand der Hermann Cohen-Stiftung. Es bleibt zu hoffen, daß die Hilfsbereitschaft der Judenbeil sich der Akademie in stärkerem Maße zuwendet, damit das für ihren Fortbestand unentbehrliche Kulturwerk dauern und weiter wirken kann. Dem Verwaltungsvorstand wurde Entlastung erteilt. Der Etat für VSM) in Höhe von Mk. 1"(iOOO in Einnahmen und Ausgaben wurde genehmigt. In den Ausschuß wurde Herr Sally Bradt, der Bruder des Begründers der Akademie, hiuzugewählt. Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles hielt Dr. Ernst Sim o n, Jerusalem, einen Vortrag über „F ranz Rose n zweig u n d das jüdische B i 1 d u n g s p r o b I e m". 1017 entwickelte Rosenzweig in seinem an Hermann Cohen gerichteten offenen Brief „Zeit ist's" sein neues jüdisches Programm. Ausgangspunkt für ihn ist das jüdische religiöse Leben. Von diesem Leben geht der Weg in die Bildung hinein. Mit Rosenzweig endete SO die Epoche des Historizismus der jüdischen Wissenschaft. Nicht nur das Lernen war ihm dabei wichtig, sondern auch die Lehrer. Er fordert daher die Schaffung der Akademie mit 150 Gelehrleu, die zugleich Forscher und Pädagogen sein sollten. 1020 kritisierte er in der Schrift „Bildung und kein Ende" die Akademie. Als Ergänzung schuf er «las freie jüdische 1.ehrhaus in Frankfurt a. M. An ihm zeigt sich die Überwindung des Historisismus. Die Bibel z. B. wurde nicht genetisch betrachtet, sondern mit allen ihren Widersprüchen als eine religiös wirksame Einheit. Der Talmud wurde vollste jüdische Gegenwart. Hermann Cohen wurde von ihm unter dem jüdischen F'w igkeitsaspekt beurteilt. Rosenzweig bemühte sich zugleich um den „Am Haarez", den er dem Judentum wiedererobern wollte. Als Raw half ihm dabei Nobel. In «las Lernen führte Rosenzweig einen neuen, heiteren, aristokratischen Ton ein. Er ha! ihm die Atmosphäre der engen Verhältnisse genommen. Neben diesen direkten Wirkungen müssen die indirekten genannt werden. Im „Stern der Erlösung" gab Rosenzweig die Antwort der Philosophie auf das Kriegserlebnis. Die Talsache des Todes wurde von ihm kreatürlich ernst genommen, vom individuellen Tode her das Problem der Persönlichkeit aufgerollt. Über eine „zweite Unmittelbarkeit" gelaugte er so zu neuer Religiosität. Seine mit Ruber unternommen«- Bibelübersetzung ist eine „mümlliche" Bibel, die laut gelesen werden muß. Seit der Septuaginta ist sie die erste jüdische BibelQbersetsung, die für die Welt bestimmt ist. Das ab«-r bedeutet erst die geistige Emanzipation der Juden. Für Rosenzweig war das Christentum »du religiöses Erlebnis und eine Anfechtung. War «-s Heine als Kultur, Theodor Herzl als Staat begegnet, da sie noch voremanslpatorlsvhe Juden waren, denen Gleichberechtigung am Herzen lag, so begegnete es dem naehemansipatorischen Juden Rosensweig als Glaube. Diese Begegnung hat ihn dem Judentum angeführt. — Man kann Rosensweig keiner jüdischen Partei zuzählen. — Kr hat als freier Jude gelebt, aber hat sich such vor «lein Rausch der Freiheit gehütet.

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