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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-07-25 · 30 (25.7.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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I, Juli 1930 (5EME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite K An einer Reihe von Beispielen zeigt sich die bemerkenswerte l'atsache, daß alle autoritativen Quellen, Thora, Propheten, Schriften, [isohmi und Braltha weitere besaß ihis damalige Schrifttum noch lebl herangezogen weiden, um die Richtigkeit eines Sprichwortes i beweisen, das das Volk in der Sprache seines täglichen Lebens braucht, Ist dies nicht vielleicht doch der Quell für das spätere iriohwort: „Ein Sprichwort ist sozusagen eine Thora"? Sehr wichtig 1 folgender Ausspruch unserer Weisen im Midrasch schir haschirim: alte das (ileichnisworl niobt für ein Geringes, erst durch das Gleichiswort kommt der Mensch zum richtigen Verständnis der Thora. Iwa wie ein Röndg, der ein Goldstück, oder eine teure Perle verloren t. Wie findet er es wieder? Niehl durch ein bescheidenes Licht? ne ganze Zahl ähnlicher Stellen in Talmud und Midrasch beweisen, •leben großen Werl unsere Weisen mit ihrem sehr weiten und offen Bück dieser Volksschöpfung beimessen. Es ist daher leicht zu begreifen, daß der .lüde vom alten (Schlecht, dem der Talmud und die anderen rabbinischon Werke im iltelpunkt seines ganzen Lebens gestunden haben, auch stark vom ilmudischen Sprichwort beeinflußt worden ist, und daß eine ganze . nzahl davon im Schall der lebendigen jüdischen Volkssprache noch rule zu finden ist. Wir haben gewiß bei der Wanderung von Land zu Land und dem VufenthaM in der Nachbarschaft der verschiedenen Volksslämme viele Sprichwörter von all diesen Völkern und Ihren Sprachen übernommen. Der Sohata an jüdischen Sprichwörtern ist dadurch internationaler als bei anderen Sprachen. Mehr aber als von alledem ist unser Spruchschati durchtränkt mit dem Geis! des talmudisohen Sprich wortes und beeinfluß! von seinen Redensarten. Das ist auf verschiedene Weise geschehen, Ein Teil ist ganz in der talmudischen Ausdrucksweise, ohne irgend ("ine Änderung, oder mit nur kleiner Umformung, ins Leben übergegangen. Ein anderer Teil isi wörtlich aus dem talmudiechen Text übersetzt. (Nicht die Maus ist ein Gannew, nur das Loch ist ein Gannew, Das isl die wörtliche Übersetzung eines talmudischen Wortes.) Die Mehrzahl aber isl bloß im Sinne und mit der moralischen Nutzanwendung des talniudischen Sprichwortes übernommen worden, sonst aber eingekleidet In andere Bilder und mit anderen Worten. die sich mehr in die Verhältnisse späteren jüdischen Lehens schicken und dem (leiste der jüdischen Sprache entsprechen. Es isl noch zu bemerken, daß sich unter den gebräuchlichen jüdischen SpiichwOrtern auch solche finden, die nach ihrer Form und Sprache lalmudische zu sein scheinen; in Wahrheil aber finden sie sich weder im Talmud noch im Midrasch. Sie sind aber so geprägt, daß jeder, der einmal Talmud gelernt hat. und dem ein talmudisches Zilat nicht fremd isl, sicher der Ansicht isl. ein solches Wort irgendwo gelesen zu haben. Er meint, es liege ihm. wie mau sagt, „auf der Zunge". In Wahrheil aber hat er es wenigstens nicht in der hotreflenden Lesart nirgendwo vorgefunden, weil es Bich nirgends findet. Das ständige Grübeln im Talmud hat auf ihn so starken Einlluß geübt, daß er allein Sprichwörter in der Redeweise des Talmud geschaffen hat. und er hat sich in den Gedanken eingelebt, «laß dieses Wort tatsächlich sich Irgendwo in der talniudischen Literatur findet. TOD BEDEUTENDER JUDEN Ohcrahhincr Dr. M. Lerncr gestorben. Am Mittwoch, dem I). Juli, starb in Altona im Alter von 73 Jahren der langjährige Oberrabbiner von Schleswig-Holstein. Dr. Meier Lern er. Der Verewigte genoß einen ganz besonders geachteten Ruf als Talinudist der alten Schule, der es verstand, gründliches jüdisches mit wirklich umfassendem profanen Wissen zu paaren. Dr. Lern er war über :i(t Jahre lang der allseits belieble geistige Kührer der Altonaer Gemeinde. 1K.°i" in Cienstochau (Polen) geboren, ist er schon als junger Mensch nach Berlin gekommen und gehörte dort zu den hervorragendsten Schülern von Rabbi K s r i e 1 Hildesheimer. Schon als Student verfaßte er ein bedeutsames Werk der Midraschforschung. 1882 bereits erschien eine werlvolle Abhandlung aus seiner Feder. Nuch Beendigung seines Studiums wirkte er 1884 bis 1N!K> als Rabbiner in Witsenhausen und wurde dann von der „Vereinigung der orthodoxen Synagogen" zur geistigen Führung von Bothausgeinoimlon nach London berufen. 1884 wurde er Nachfolger des Altonaer Oberrabbiners Dr. B. LOb. Diesen Rosten versah er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1!C>4. Dr. Lerner hat '2'2 im Druck erschienene, für die jüdische Wissenschaft besonders wertvolle Werke geschaffen. Von der Verehrung, die der Verstorbene im Kreise seiner Gemeinde und der deutschen Rabbiner, die ihn als einen ihrer Führer betrachteten, genoß, zeugte die Beteiligung bei seiner Beerdigung. Professor Ludwig stein gestorben. Am 14. Juli verstarb in Salzburg nach einer Operation Professor L u d w i g S I e i n. Ludwig Stein, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Berliner Gesellschaft, ist 71 Jahre all geworden. Seine wissenschaftliche Tätigkeit ist außerordentlich rege und vielseitig gewesen. Die Tatsache, daß er viele Sprachen beherrschte, erleichterte es ihm, mit den philosophischen Richtungen aller Kulturvölker engste Fühlung zu halten. Die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Nord u u d S ü d" gestaltete er zu einer politischen Monatsschrift ersten Ranges. Die grOfften Gelehrten auf den verschiedensten Gebieten, vor allem aber last alle Staatsmänner der Well, waren seine Mitarbeiter. Diese Internationalen Beziehungen ermöglichten es ihm auch, in Iterliii einen gesellschaftlichen Mittelpunkt der politischen Well zu bilden. In seinem Hause kamen die Berliner Politiker und Diplomaten fast mit jedem hervorragenden Politiker des Auslandes zusammen, dir Berlin besuchte. Während des Krieges balle Stein gemeinsam mit S I r e s e in a n n die M i t t w o c Ii g esellschafl gegründet, einen intimen Zirkel, der sich in jeder Woche versammelte, um die Kriegsereignisse vertraulich zu besprechen. Die Gesellschaft umfaßte zunächst nur einen gani kleinen Kreis auserlesener Persönlichkeilen, der sich allmählich zu einer stattlichen Gemeinde erweiterte, weil all'1 Ministerien und Aemter bei ihren Beratungen zugegen sein wollten. In der Mitlwochgesellschaft haben auch nach dem Kriege alle hervorragenden Akteure der deutschen und der ausländischen Politik durch ihre Vorträge Gelegenheil cu angeregten Diskussionen gegeben. Eine besondere Liebe hatte Ludwig Stein zur Journalistik. Hier war es nicht das Gebiet der hohen Politik, das ihn besonders reizte sondern vielmehr die Gesellschaftsplauderei, und es war unmöglich, sich irgendeine gesellschaftliche Veranstaltung in Berlin Öffentliche culer private — zu denken, bei der Ludwig Stein nicht zugegen war. In scheinbar unverwüstlicher Frische bewegt«' er sich noch bis zu seiner Abreise in diesem gesellschaftlichen Milieu. Niemand hat geahnt, daß die Urlaubsreise, die er so jugendlich und zukunftsfroh antrat, für ihn den Abschied vom Leben bringen sollte Ludwig Stein, auch unter seinem Pseudonym DiplomatiOUS bekannt. Philosoph und Soziologe, isl im Jahre 1s">0 j„ Erdö- Benye in Ungarn geboren. 1881 bis 1883 war er in Berlin als Rabbiner lätig. wurde 1886 Privatdotent, 1889 ordentlicher Professor für Philosophie am Züricher Polytechnikum, 1880 an der Universität Bern und wirkte von 1!>I1 bis 1824 als Dozenl an der Humboldt-Akademie Berlin. In seinen philosophischen und soziologischen Arbeiten entwickelte Stein eine religiös- und sozial-ethisch fundierte optimistische Welt- und Lebensanschauung. Aus seinen Werken sind zu nennen: „Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren", „Versuch einer Kultur-Philosophie", ..Die soziali' Frage im Lieble der Philosophie". „Philosophische Strömungen der Gegenwart", „Welt- Bfirgertum, Nationalstaat und internationale Verständigung", „Gegen Spengler", „Evolution and Optimism" u. a. Ferner veröffentlichte er eine Reihe von Schriften zur allgemeinen Geschichte d< r Philosophie, und zwar: „Psychologie der Stoa", „Erkenntnis der Stoa". „Leibniz und Spinoza" u. a. in., wie auch zur Geschichte .1er jüdischen Religionsphilosophie und Monographien über jüdische Denker: „Die Willensfreiheit bei den jüdischen Philosophen des Mittelalters". „Die Juden in der Philosophie der Gegenwart". Professor stein war Herausgeber lies „Archivs für die Geschichte der Philosophie", des „Archivs für systematische Philosophie", der „Berner Studien zur Philosophie", dann der ..Bibliothek der Philosophie" und der von Ihm geleiteten Zeitschrift „Nord und Süd".

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