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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-07-25 · 30 (25.7.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 QEMEINDKBLATT DER ISRAELITISCHEN RKLIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer :to kaln Mgl das leinem Vater; der spannt sofort den Bogen und erschießt das „Wild". Bald aber zeigt sich, dafl er einen Menschen geschossen hau Das sagt rubalkain >it iu Vater, und der fangt an zu Jammern und iu klagen: „Wehe mir, Ich habe meinen eigenen Almen getötet!" und blindlings schlagt der Vater den Sohn, bis Tubalkain tot hinfallt. Ks zeigl sich uns folgende Situation: Kaln Ist tot, Tubalkain Ist tot. der blinde Lemech steht In der Mitte, unbeholfen und ratlos! Kamt der grollte Dichter drastischer die Lage eines unbeholfenen Menschen ausdrücken, wie es In der Volkssprache mit dem einzigen Worte geschieht „ein Lemech"? Was unsere jüdischen Sprichwörter und Redensarten betrifft, so entstammt ein Teil von ihnen sehr allen Zeiten. Nicht zu sprechen von dem ganzen Buche mit berühmten Sprüchen und Lebensregeln, die noch aus König Salomes Zeilen stammen, dem bekannten biblischen Buch ..Sprüche" (Misohle), betiuden sich die ersten Spuren von Volkssprüchen und Redensarten schon in der Thora. Noch merkwürdiger ist die Tatsache, dafl die Thora selbst solche Sprüche und Redensarten als richtige Volksschöpfungen bezeichnet, die zu gewissen Zeiten unter gewissen Bedingungen entstanden sind. Hier ein kleines Beispiel. Von Nimrod, Noahs Urenkel, erzählt die Thora. dafi et ein göttlicher, das will sagen, ein starker, ein gewaltiger .läger gewesen ist. Dai um pflegt man zu sagen ..ein göttlicher .läget w ie Nimrod". Der Name Nimrod ist danach ein Ausdruck für den Begriff von auflerordentlicher Starke geworden, ein Symbol außerordentlicher Tüchtigkeit im Weidwerk. Hat man ausdrücken wollen, dal! der und der ein großer Hehl, ein ungewöhnlich tüchtiger Jäger sei. so sagte mau „das ist ein Nimrod". In späteren Geschlechtern sind andere Namen, die das Symbol von besonderer stärke ausdrücken, gewählt worden: Simeon, Goliath nach den Erzählungen in der Bibel; Herkules nach einer griechischen Sage; derartige Ausdrücke linden Bloh noch im Volksmunde und auch iu der Literatur Ins auf den heutigen Tag. Sehr interessant ist die Entstehungeines Sprichwortes beim Volke .in der biblischen Erzählung zu erk< nnen. in der von der Salbung des Saal. Sohnes des Kis. zum König über Israel durch den Propheten Samuel berichtet wird (I. Sam.!•. l 10, 11): ..Ist auch Saul unter den Propheten". Km Sprichwort aus sehr alten Zeiten zitiert auch König David (I. Sam. 24, Iii: ..Wie uraltes Wort sagt: Von Bösem kommt Böses". Von der groben Zahl Sprichwörter, die sieh, abgesehen von dem Buche der Sprüche, in der ganzen Bibel zerstreut linden, ist insbesondere .inf eins hinzuweisen, das zwei Propheten, Jeremia und Ezechiel, hei gleicher Gelegenheit anwenden. Beide wollen die verbannten .luden aufmuntern, ihnen frischen Mut und neue Hoffnung eingeben, dafi bessere Zeiten für das Volk Israel kommen werden, und wollen ihnen die Zuversicht geben, dafi die Kinder Dicht mehr leiden werden tili .h, Minden ihrer Eltern. Das Sprichwort von den sauren Trauben, die die EMern gegessen haben, und die den Kindern die Zähne stumpf machen, hat gewissen lokalen Charakter getragen, dem Lande Palästina angepaßt. Gegen diese Redensart wendet sich die frohe Verheißung Ezechiels (Es. 18, :t): ..So wahr ich lebe, spricht tiott der Heu. Ihr sollt nicht lange mehr dies Sprichwort iu Israel führ. n. Und weiter (ebd. 20): ..Die Person, die sündigt, muß sterben; der Sohn soll nicht mittragen, die Schuld des Vaters, und der Vater -oll nicht mittragen die Schuld des Sohnes; die Gerechtigkeit des Geruhten kommt äber ihn selbst und der Frevel des Frevlers kommt ebenfalls über ihn seihst". Noch weiter gehl der Prophet Jeremia. Bf tröstet das Volk mit herzlichen Tröstungen; er will ihm das Vertrauen wecken, daß Tage kommen werden, in denen das Haus Israel und das Haus Juda wieder neu gesät werden, in denen Gott... sie bewachen, sie aufbauen und pflanzen wird; ..in jenen Tagen wird man nicht mehr sprechen: die Vätei haben Herlinge gegessen, und die Zähne der Kinder sind stumpf geworden, sondern jeder wird um seine Schuld sterben, jeder Mensch, der Herlinge gegessen hat. dem we rden die Zähne stumpf werden (.1er. Kl. 87—80). Jeremia geht also einen Schrill weder, insoweit er kündet, daß keiner mehr für die Sünden anderer leiden wird, und demgemäß auch das Sprichwort der neueren Weltanschauung anpaflt. Statt dal. mau zuvor zu sagen pflegte „die Väter haben Herlinge gegessen, und die Zähne der Kinder werden .stumpf" hat das Sprichwort nun dir Form „jeder, der Hellinge ißt, dem werden die Zähne Stumpf. Bemerkenswert ist nur, daß sich dieses Sprichwort bis in ganz späte Zeiten erhallen hat und gerade iu seiner ältesten Form. Sc findet sich im Talmud (Sanh. Ittib) der Ausspruch des U. Joehanan . 300 Fabeln von Füchsen hat Ii. Meir gekannt, wir aber haben nicht mehr als Bi „die Eltern essen Hellinge, den Kindern werden die Zähne stumpf" (Ez. IN, 2); „Gerechte Wagschale, gerechtes Gewicht" (8. Mos. 10, 86) Und „der Gerechte wird aus der Not gerettet und dei Frevler kommt au seine Stelle" (Sprüche 11, 1). Wenn K. Joehanan die drei Stellen aus der Bibtd anführt (eini aus der Thora, eine aus den Prophetenbüchern und eine aus der Schriften), und diese als drei Sprüche von Füchsen bezeichnet, di. auf seine Zeit überkommen seien von den;!(K) Fuchsfabeln dei R. .Meir, so zeigt sich, daß verschiedene Fuchsfabeln gedichtet WOI den sind, deren moralische Lehre in einem gewissen Zitat aus dei Thora ausgesprochen wurde. Sonst würde mau nicht verziehen, wabeisplelswelse das Zitat „Gerechte Wagschale, gerechtes Gewicht" bedeutet, inwiefern in der Erwähnung eines Salzes der Thora daraus eine F'uchsfabcl geworden sein könnte, oder gar das Zitat das Eze chiel. das doch auch nur der Schluß eines Schriftverses ist. Die erwähnten 800 Fuchs fabeln sind also gewiß Dichtungen gewesen, die R. Meir vielleicht alle allein gemacht hat, oder von denen sich bei ihm eine Sammlung fremder Dichter befand, und wahrscheinlich haben manche dieser Fabeln mit einem Zitat aus der Bibel geschlossen, w ie das aus den drei von R. Joehanan erwähnten hervorgeht. Kineo sehr ehrenvollen Pinta nimmt das Sprichwort in der lal modischen Literatur ein. Iii Ueniara und im Midiasch linden sich zahllose Sprichwörter, die direkt als Volksschöpfung angegeben und angeführt werden mit Ausdrücken wie „So sagen die Menschen", oder „Menseben sagen", oder „Das Sprichwort sagt", oder „die gewöhnliche Redensart sagt". Es finden sich auch Sprichwörter, die als lokale an geführt werden, mit der Anführung „so sagt das Sprichwort iu Jerusalem" u. dgl. Welche Bedeutung die Weisen des Talmud dieser VoUtSSchöpflWg beigemessen haben, ist daraus zu ersehen, daß zu den Vorzügen und Kenntnissen, mit denen hervorragend«» Personen gerühmt werden, auch die Kenntnis von Sprichwörtern geredinet wird. Von dem großen R. Joehanan ben Sakkai wird berichtet, daß er keinerlei Dinge der Thora und der Weisheit überliefert habe, die er nicht gründlich erlernt hatte, und daß dazu auch die Agada gehört, wobei besonders betont wird sein«' Kenntnis der Redensarten von Wäschern (das will sagen die Sprüche des einfachen Volkes), die Fabeln von Füchsen usw. (Sukkah 28a). Auch von seinem großen Lehrer, dem berühmten Hillel dem Alte reu, wird mitgeteilt, «laß er alle Wissenszweige, alle Sprachen, die Sprache von Berg und Tal, von Baum und Kraut, von Wild und Haustier (if. h. die Naturwissenschaft) studiert und auch mit Sprüchen (d. h. Fabeln. Volkssprüchen etc.) sieh eingehend befaßt habe. Es war schon erwähnt, wie sehr If. JochsUMUl bedauert hat, daß von den :t(MI Rabbi Meir bekannten Fuchsfabeln nur noch drei erhal teu geblieben seien. Auch wird erzählt, daß R. Meir seine Vorträge in drei Teilen zu geben pflegte: ein Drittel Halacha (Ausführungen über das Religionsgesetz). ein Drittel Agada (Flrbauung und sittliche Ermahnung durch Legenden, Sagen und Ix'bensbilder der großen L(direr) und ein Drittel Sprüche. Die Mischiiah (Sotah Uta) sagt auch, daß mit R. Meirs Tod die Spruchdichlor ausgestorben seien. Noch mehr zeigen unsere Weisen die Wichtigkeit der Sprüche des einfachen Volkes damit, daß sie für bekannte Volkssprichwörtor eine Anlehnung au Sätze der Thora oder anderer heiliger Bücher gesucht und gefunden haben, sie pflegten dabei den technischen Ausdruck zu gebrauchen: Woher entlehnen wir das?, denselben Ausdruck, den sie bei wichtigen religiösen Gesetzen und Vorschriften anwenden...

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