Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 30 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ßemeitiö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEIN DE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemelndeblalt erscheint (eilen Freitag und wird den Mitgliedern der Reltgtonsgemelnde unentgeltlich durch die Post zugestellt — Schriftleitung: («emclnderabbtner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstraße 10 NUMMER lO / JAHRGANG 6 FREITAG 25» JULI tOlO Anzeigt nvcrunltunK und Dunk: lltichdrutkerel August Pries, Leipzig, Brnderstr. 59 - IVrnrui 70006 - i'ostsdn ik Leipzig 53920 - Nadidrudi nur mit Quellenangabe und mit (»cnehmlgung des Verfassers gestaltet VOM JÜDISCHEN SPRICHWORT Von Lübel Taubes (Wien). Die folgende Abhandlung ist die gekürzte Einleitung (aus dem Jiddischen übertragen) zu einein Büchlein, in dein der Verfasser mit großer Sachkunde den Zusammenhang zwischen den im jüdischen Volksmunde umlaufenden „jiddischen" Sprichwörtern und den im Talmud angeführten Redensarten, Gleichnissen usw. nachweist. (Siehe: Neue Bücher.) Die Schriftleitung. Das Sprichwort ist, wie «las Volkslied, einer der wichtigsten Bestandteile in den Literaturen aller Völker und Sprachen. Es ist sozusagen der mündliche Teil, die Thora sobeb'al pell, der Literatur. Woher stammt es und wer ist der Verfasser? Meist weiU mau nicht, nicht beim Sprichwort, nicht beim Volkslied, woher sie kommen und wer sie gestallet hat. Es ist im allgemeinen Volkssehöpfung, entnommen dem praktischen Leben, Erfahrungen und Vorgängen, im Augenblick des Entstehens bedeutsam und dadurch geläufig geworden. Bei einein Teil von ihnen weiß man, daß sie von einem großen Weisen, einem Dichter, einem Philosophen, einem Denker oder einem wellerfahrenen Menschen bei besonderer Gelegenheit ausgesprochen wurden. Sobald a.ber das Volk sie in seinen Besitz übernommen hatte, begonnen hatte, sie in der Sprache des täglichen Lebens zu verwenden, ist mit der Zeit der Ursprung vergessen worden; man weiß nicht mehr, von wem sie stammen, wer sie zum ersten Male gesagt oder gedichtet hat - wer ihr geistiger Vater ist. Sie sind Eigentum des ganzen Volkes geworden. Sie haben sich tief in das Hirn von Groß und Klein eingegraben; sind lehrreiche Beispiele für das Leben geworden. Ein anderer Teil, sicherlich der größere, hat nie einen bestimmten Urheber gehabt. Ihr Verfasser ist die Gemeinschaft, eine Gruppe Menschen, deren Leben oder deren Schicksal ÜB berühren. Das ist wahrhaftige Volkssehöpfung. übertragen von Mund zu Mund, überliefert von einem Geschlecht aus das kommende, das, was mau richtig bezeichnen kann als „die Thora scheb'al peh" in der Literatur. Der Unterschied zwischen diesen beiden Volksschöpfungen, dem Sprichwort und dem Volkslied, läßt sich kurz auf folgende Weise erklären: Das Sprichwort ist das Resultat des Denkens, das sozusagen dem VerStande, dem Kopfe entstammt, während das Volkslied aus dem Herzen und dem Gefühl kommt. Das erste ist mehr Volksphilosophie, das zweite mehr Empfindung. Beide haben ihre Quelle in den Tiefen der Volksseele. Jedes entfaltet sich vor der Welt in seiner eigenartigen besonderen Weise. .Aber das Ziel bei Beiden ist immer dasselbe: den Menschen zu belehren, ihm Nutzen zu bringen durch die Volksweisheit und die Erfahrungen, die sich in der Folge zahlloser Geschlechter angesammelt haben. Jedes Volk hat naturgemäß seine eigenen Sprichwörter, die tief in seinem Volksgeist verwurzelt sind. Angepaßt der Eigenart seiner Sprache, entnommen dem Leben, dem Denken und den Erfahrungen seiner Gemeinschaft, deren Interessen sie berühren. Doch gerade bei diesem Teile der Vulksschöpfung strahlt besondere stark der Einfluß einer Sprache auf die andere aus, die Wirkung einer Literatur auf eine zweite und allgemein das gemeinsame Denken und Fühlen wie die Gleichheit der Erfahrung, die jeder Mensch als Mensch macht, ohne Unterschied von Rasse und Nation. Dafür finden sich in Jeder Sprache unzählige gemeinschaftliche Sprichwörter. Zum Teil solche, die ein Volk direkt von einem zweiten übernommen hat, wenn sie in Nachbarschaft gewohnt haben, und wenn ihre Literaturen mehr oder weniger sich gegenseitig beeinflußt haben; zum anderen Teil solche, die überarbeitet worden sind, angepaßt dein Lehen des betreffenden Volkes, seiner eigenartig ausgebildeten Weltanschauung und dem Geist seiner Sprache; zum Teil schließlich solche, die von vornherein einander ähnlich sind, weil die Lebensverhältnisse, selbst bei verschiedenen Volksstämmen, ilie gleichen Erfahrungen hervorrrufeu und so zu denselben Grundsätzen führen. Eine Unterabteilung des Sprichwortes ist die Redensart (Phrase). Sie ist ein ganz kurzer Vergleich ausgesprochen in ein paar Wörtern, bisweilen gar in einem einzigen Wort, womit ein Gedanke, den mau aussagen will, erklärt wird durch ein Bild aus dem Leben, durch ein Ereignis, das allgemein bekannt ist, oder selbst durch den bloßen Namen eines gewissen Menschen) einer Stadt und dgl. Wenn König David beispielsweise ausdrücken will, daß die Frevler keinen Bestand haben, so bedient er sich dabei des sehr schönen Bildes vom bäuerlichen Leben: der Hauer reinigt gewöhnlich die Ernte, wenn es draußen windig ist; der Wind verweht die Spreu, das Korn bleibt; so drückt er das mit der «dir gelungenen Phrase aus: „die Frevler schwinden dahin, wie Spreu, die der Wind verweht". Oder: Mau bezeichnet jemanden, der ein unbeholfener Mensch ist. mit dem einzigen Worte ..Lemech" - das ist ein Lemech . Da haben wir einen Ausdruck in einem einzigen Wort, in Anlehnung au den Namen Lemech in der Thora. Wegen dieses Lemech gibt es in unserer späteren Literatur die folgende Legende: Lemech i>t Rains Urenkel im 6. Geschlecht. Er ist in seinem Alter blind geworden. Wenn er zur Jagd gehen wollte, pflegte ihn sein Sohn Tubalkain zu führen und ihm anzusagen, ob sich ihm irgendwo ein Wilil gezeigt hat; mit einem Male sieht er von weitem eine Art Wild mit einem Horn (das war der alte Rain, dem auf der Stirne ein Horn gewachsen ist. nachdem er seinen Bruder Abel gelötet hatte). Tubal-