Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 28 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Suitu 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHKN KKLlGlONSGKMlilNDE ZU LEIPZIG Nummer Ehrenpräsidenten der von ihm begründeten und bis tu seinem Tode geleiteten „Berliner ärztlichen Unterstützungskasse". Seiner geliebten Vaterstadl widmete er sich als Bürgerdeputierter und schul sich durch Ausarbeitung einer wissenschaftlich begründeten „Verpflegungsordnun»! der städtischen Waisen" und durch die ehrenamtlich ausgeübte Oberaufsicht Uber die städtische Irrenanstalt in Dalldorf dauernde Verdienste. Bei alledem stand ihm die Hilfe an den Glaubensgenossen insbesondere in den Ländern der Unterdrückung im Vordergrunde. Für die bedrängten Juden in Rumänien unternahm er weite, strapaziöse Reisen, er verwandte sich lür sie auch in persönlicher Audiem bei dem preußischen Minister v. Bülow. Die Bukarest er „Zion-Loge" lul diese Bemühungen, die leider von keiner nachhaltigen Wirkung waren, durch Ernennung zum Ehrenmitgliede anerkannt. Als später, zu seiner grenzenlosen Enttäuschung und Entrüstung in Deutschland seihst der Antisemitismus ausbrach, gehörte Kristeller su den ersten, die sich im Dezeuiber-Comite von 1880 zur Abwehr der Angriffe in die Bresche wart. Aber nichl in Verfolgung antisemitischer Angriffe und literarischen Widerlegungen und der wohlgemeinten Uiilerstützun<_' durch Andersgläubige sah er das Allheilmittel, sondern in der sozialen und moralischen Höherführung der Glaubensgenossen seihst. So fand Jacob Nachod für sein Schmersenskind, den aus Leipzig im Jahre 1882 ausgewiesenen Deutsch-Israelitischen Gemeindebund den prädestinierten Beschützer, der es. im Wortsinn, in sein eigenes Maus in Berlin aufnahm. Eine geeignetere Persönlichkeit, die alle die hohen Eigenschaften vereinigte, die die Weiterführung des von den Leipziger Präsidenten Moritz Kohner und Jacob Nachod begonnenen, großen Werkes in feste und Irene Hände nehmen sollte, hätte nicht gefunden werden können. Kristeller lallte die neue und größte Aufgabe, die ihm das deutsche Judentum anvertraut hatte, nicht bloß als eine repräsentative auf. Sein Wirken war ein schöpferisches, daneben aber vernachlässigte er die Pflichten des Alltages nicht, sondern widmete sich, unterstützt von seinem treuen Sekretär Budwig, täglich mehrere Stunden den lautenden Geschäften, die er Iiis ins Allerkleinste beherrschte, und bis in die Nächte hinein beschäftigte ihn die Sorge lür dieses sein Hauptwerk. Neben dem Ausbau der aus Leipzig übernommenen Stiftungen ist die Schaffung der Friedrich-Wilhelm Victoria-Stiftung, Pensions- und Versicherungskasse der jüdischen Beamtenschaft, 'Ii'- noch heute blüht und vielen bunderten Schützlingen ihr-' Hille leiht, eine Tal von segensreicher Wirkung. Seine persönliche Vorliebe für alle handliche Betätigung führte zur Schaffung der Kristeller-Stiftung, der v iele Hunderte von Handwerksiehrlingen at dem ganzen Reiche und von studierenden technischer Gewerbe ui Künste ihre Ausbildung verdanken, darunter so manche von wissei BChaftllchem und künstlerischem Weltruf. Auch für die Ausbilduil von Handfertigkeitslehrern, die er zu ihrer Ausbildung nach Nääs i Schweden schickte, hat Kristeller sich verdient gemacht, wie er aue der erste war, der durch den Gemeindebund Jüdische Krankenpflegi rinnen hat ausbilden lassen. Dali er seiner ganzen ethischen Anke nach uelien den technischen und humanitären Aufgaben die religion ethische nichl ZU kurz kommen ließ, versteht sieb von seihst. In di Zell seiner Leitung des DIQB. fällt die Gründung der Gemeinde-Untei stütxungskomraission zur Erhaltung dos Religionsunterrichts in no leidenden Zwerggemeinden, ein Werk, das jetzt mit verstärkten Mittel von den Landesgemeindeverbänden autgenommen worden ist. Di .im ihm begründeten Bibliothek des Deutsch-Israelitischen Gemeindi bundes hat er ein großes Maß von Arbeit gewidmet. Die ..Historisch Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland" hat er in Leben geraten und geleitel und durch die Gewinnung hervorragen der Gelehrter aus allen jüdischen und auch nichtjüdischen Läget ihren Veröffentlichungen großes Ansehen verschafft. Die in Leipzi begonnene Publikation aufklärender Schriften über das Judentum im seine Ethik hat er nicht nur in verstärktem Malle fortgesetzt, BOndei durch seine meisterhafte Obersetzung der „Pirque Aboth", vor allen aber durch die von ihm angeregte und durch die Zustimmung d< hervorragendsten Glaubensgenossen sanktionierten „Grundsätse d< .jüdischen Sittenlehre" ein Werk von autoritativer Bedeutung g< schaffen. Kristeller selbst hat in langjähriger Arbeit dir „Belegstelle zu diesen Grundsätzen" gesammeil und der Gesamtheil dienstbar g< macht. Im Jahre IKilli bat sieb Kristeller durch sein hohes Aller r. nötigt gesehen, die Leitung des Gemeindebundes niederzulegen, m als,.Ehrenpräsident" dessen weitere Schicksale mitratend zu begleitei Zu den glücklichsten Leistungen seines glücklichen Lebens gehört di Wahl seines Nachfolgers Martin Philippson. Als ein echter Weiser, der praktisches Menschentum mit hole sittlichen Zielen zu vereinigen wußte, bat Kristeller die letzen Jahr seines Lebens benutzt, um sieb ohne Furchl auf sein Ende VOrzubi reiten und alle geknüpften Verbindungen in einem harmonische Ausklang aufzulösen. Auch äußerlich eine Erscheinung von impo liierender Sicherheil stellt Kristeller eine der sympathischsten Oestal len des deutschen Judentums während des lü. Jahrhunderts dar, m dessen Aieklanu er selbst dahingegangen ist. eine lebendige Syn these von Judentum und Deutschtum. Gemeindesitzung vom 5. Juli 1930 I \ ml liehe Niederschrift.) Gemeindevorsteher Goldschmidl eröffnet die Sitzung um <*> I hr 29 Min. Einzigei Gegenstand der Tagesordnung: Haushaltplan. Zunächst berichtet der Dezernenl für Finanzen, Herr Hres lauer, über die durch di.' Beschlüsse der letzten nichtöffentlichen Gemeindesitsung bedingten Änderungen des den Mitgliedern der Vertretung zugegangenen Entwurfes zum Haushaltplan. Danach ergibt sieh l im- Mehrbelastung, auf das Jahr gerechnet, von KM. :t 75M>.—. Die Gesamtersparaisse an Besoldungen belaufen sich, auf das Jahr gerechnet, auf rund RM. 10000. . Da sieh diese Ersparnisse, ebenso wir dir Kürzungen bei den sachlichen Ausgaben nur zum Teil in diesem Rechnungsjahr auswirken werden, ist mit einem Qe- Banitmehrbedart gegenüber dem vorliegenden Haushaltplan von RM 35 000. zu rechnen. Ober dir Deckung dieses Mehrbedarfs wird später besonderer Beschluß zu fassen sein. Der Haushaltplan ist durch den Finanzausschuß und Vorstand in 8 Sitzungen auf das allergründlichste vorberaten. Der Entwurf beruht auf den in diesen Beratungen gefaßten Beschlüssen. Vorstand und Finanzausschuß haben in Anbetracht der wirtschaftlichen Notlage alle irgendwie möglichen Abstriche sowohl persönlicher wir dinglicher Art vorgenommen und hoffen, ohne eine Erhöhung des Steuersatzes auszukommen. Nachdem es sich als segensreich erwiesen hat, in den Vorjahren mit dem Steuersatz nicht heran terzugehen, will der Vorstand nun nach Möglichkeil auch eine Li böhung vermeiden. Herr Qottlieb bittet, zur Abkürzung der Beratung von einei Generaldebatte abzusehen. Herr Brests u e r verweist auf die vorgeschrittene Zeit, wes halb eine beschleunigte Verabschiedung erwünscht ist. Dieser Haus haltplan soll auch im wesentlichen die Grundlage für den nächst jährigen bilden, nachdem diesmal die Beratungen so außerordenl lieb gründlich waren. Daun könnte der Haushaltplan künftig früh zeitiger erledigt werden. Herr Tumpowsky spricht gegen den Antra}; Qottlieb, dann niemand dir Möglichkeil genommen wird, sieb auszusprechen. Ilrrr Seil n i! e r Schließ) sieh dem au. damit ein Rückblick auf di Vergangenheil und ein Ausblick auf dir Zukunft geworfen werdei kann. Herr Pelz ist gegen eine Abschneidung einer Generaldebatb und bittet um eine Redezeil von 1<> Minuten in der Generaldebalb und von ."/ Minuten hei den einzelnen Stellen, wobei jeder Redner nui zweimal zu jedem Gegenstand sprechen darf. Ilrrr Gott lieb zieht seinen Antrag zurück. llrrr Du b iner verweist auf das ungewöhnliche der Beschrän kung dri Redezeit.