Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 28 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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& emeinö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEIN DE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Dük (ietm-lndehlatt rrtidirlnt |rdrn l'rrltag und wird d<*ii Mttfillrrirrii der KrllKloiiNfirmrimlr unc*nltfrltlldi durdt dir l'nst /uj'rstclli — Srhrlftlrltunff: Ormclndcrabbtner Gustav Colin, LrlpzlR, Lohrstrattr 10 NUMMER 28 / JAHRGANG 6 FREITAG 11* JULI 10IO Anzrl^i'nwrmilltiny und Drink: Hudidriu*krrt'i AuffUal l'rirs l*'lp/l«, Hrüdrrslr. 59 - IVrnruf 70006 - rWsdntk I.rlp/lK 53920 - Vididrmk nur mit (,)urllcn- .mn.itic und mit (.(-nchmijainij des \ erlassen» neslatlet SAMUEL KRISTELLER, DEM EINSTIGEN EHRENMITGLIED UNSERER GEMEINDE ZUM GEDÄCHTNIS Von Dr. Wilhelm Neuataaa (Berlin). Am Ki. inii d. J. sind drei Deiennien verflossen, seitdem der □eheime Sanitätsrat Dr. Samuel Kristeller in Berlin nach einem in wundervoller Harmonie geführten langen Leben in vollendetem 80. Lebensjahre seine Augen für immer geschlossen hat. Seine engen Bexiehungen rar Israelitischen Religionsgemeinde Leipsig, \<>r dlem aber die groben Verdienste, die er sich um «Ins gante deutsche ludentum erworben hat, rechtfertigen auch heute, „wo Tag um Tag -lels neu vom Neuesten spricht", einen Rückblick auf diese Interssante Persönlichkeit, deren bedeutsamstes jüdisches Arbeitsfeld, der von Leipsig aus begründete Deutsch-Israelitische Gemeindebund auf Inn Gemeindetage vom 22. v. M. in «1 ■ - engste Verbindung mit der indischen Gemeinde Berlin überfuhrt worden ist. Orr äußere Lebensgang Samuel Kristeliers Ihnelt dem charakleristischen Aufstieg seiner übrigen jüdischen Zeitgenossen, wie Uerhold Auerbach, Morita Lazarus. Hajim Steinthal und vieler anderer, inil denen er in freundschaftlicher Besiehung gestanden hat: eine Kindbeil in engen Verhältnissen verbracht, Irüh erwachte Begabung iihrl bald /.ur Eroberung von den Glaubensgenossen sonst noch vertagter socialer Stellung, die für die geistige .....I wirtschaftliche Höher- (Inning der gesamten Judenheil eingesetel wird mit dem Bndsiele •iner Verschmehtung mit den geistig führenden Schichten des deutschen Volkes, ohne Aufgabe des eigenen frei gedeuteten religiösen Itekenntnisses, ohne die einer späteren Generation vorbehaltene Her- Vorkehrung jüdischer Eigenart. In dem l'osenschen Landstädtchen Xions erblickte Samuel Krileller nls unvermögender Leute Kind um 26. Mai 1820 das Lichl der Welt. Als seine wirkliche Heimal aber betrachtete er ülogau, wo er on seinem sehnten Jahre ab das Gymnasium besucht. Diese durch tarnen, wie Münk. David Cassel. Anthelm, Michael Sachs, im deutelten ■ludentum hochangesehene Gemeinde schenkte ihm gute Kenntlisse der heiligen Sprache, Vorbilder für seine eigenen Obersetrani'ii und seine treu bewährte Verehrung für die grobe jüdische Ver- (angenheit. Zur Erinnerung an einen früh verstorbenen Mitschüler hatte schon ler Knal.....ine Adolf-Schev-Stiflung begründet, die er als Student in % lerlin weiterführte und die später als „Hilfsverein für jüdische Stulierende" bis /.um heutigeu Tage gansen Generationen von begabten nittellosen Jünglingen den Weg /.um Aufstieg erleichtert hat. Sein 'igenes, von den damaligen Führern der inedisinischen Wissenschaft geleistetes vierjähriges Studium schlofi er mit der von Mitscherlich an- (engten Denkschrift ..Studium über den Brechweinstein" ah. deren neditin-geschichtlicher Wert darin besteht, dafl sie vielleicht das früheste bekannte Beispiel für die Anwendung des Tierversuches darstellt. Als 24jähriger Arsl in Gnesen widmete sich Kristeller den Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen und veröffentlichte bereits im Jahre 1848 im Auftrau des Genieindevorstandes eine Eingabe an den Posener Landtag ragunsten der Enwniipation der .luden. Zugleich erreicht er innerhalb seiner Gemeinde einen Synagogenneubau, die Einführung einer Kultusordnung und die Anstellung eines Predigers. Bald wandten sich auch auswärtige Gemeinden an den jungen Arsl in Kultus- und Personalfragen. Auch seine Muse erwacht und bestätig! sich in fein-siselierten Obersetsungen neuhebritischer Dicht werke, wie hei eigenen Gelegenheitsgedichten. Sein hochentwickelter Pormsinn ermöglicht es ihm. so manchen berühmten Mitbewerber, wenn auch nicht an (Inifang, so doch au Anmut des ..Werkes" /n übertreffen. Ebenso wie er mit den meisten Koryphäen des Juden Iiiiiis in freundschaftlichen Besiehungen stand, wufite sich der junge Landartl auch innerhalb seines Berufes durch seine lachliehen Leistungen, Geschicklichkeil in Verwaltungsangelegenheiten und sein taktvolles würdiges Auftreten Zugang su den Kreisen der Landaristokratie und Ansehen hei den Behörden zu verschaffen. So geschah es. daß Kristeller als erster unter den jüdischen Ärzten Preußens am August als Kreisphysikus approbier! wurde, daff er am 15. November desselben Jahres zum Gberarsl im Peldlaiaretl des V. Armeekorps und am 20. des gleichen Monats zum Stabsarsl ernannt wurde. Auch diese Charge hatte im mobilen Verhältnis noch kein Jude bekleidet. Im gleichen Jahre ging Kristeller einen Ehebund ein. der Iiis zu seinem Lebensende »ein grobes häusliches Glück begründete. 1 s."ii siedelte Kristeiier nach der aufblühenden preußischen Hauptstadt über, wo er die allgemeine medizinische Praxis mit dem Spesialgebiet der Gynäkologie vertauschte. Seine bekannteste Leistung auf diesem Gebiete ist die Angabe der nach ihm benannten „Kristellerscheu Expression**, einem in der Praxis viel angewendeten Handgriff. Seit 1852 lehrte er als Privatdozenl an der Berliner Universität und wurde stellvertretendes Mitglied der Irxtlichen Prüfungskommission. Am I. Augusl 1806 hatte er als dirigierender Arzt des Reservelazaietts in Berlin 500 Kranke iu versehen. Ebenso fand seine patriotische Tätigkeit im Jahre 1870 die mündliche Anerkennung des Kaiserpaares und die Verleihung zahlreicher Dekorationen, wie auch aus kollegialen Kreisen die Überreichung eines wertvollen Ehrengeschenks, wie auch die Ernennuni; zum l-.hreumituliede der ,.(lesellschafl für Geburtshilfe und Gvnäkologie" und die Ernennung zum