Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 27 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i. Juli 1080 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RKLIGIONSGKMEINDE 7.U LEIPZIG Seite Ii ISRAEL IN AMERIKA Von Alme Palliare (Paris), Wenn man New York und die anderen volkreichen Slädte der Vereinigten Staaten besucht, staunt nuvn Ober die beträchtliche Anzahl Kirchen, Tempel und KuHusstätten jeglicher denen man auf Schritt und Tritt begegnet. Römische Katholiken, bischöfliche, methodistdache, baptistische, Ordensbrüderii he, lutheranische und noch andere, ohne zu sprechen von den Anlängern der Christian Science und den Gesellschaften für sittliche Kul in : >ie alle scheinen, sobald es iiilt. großartige Rauten zu errichten, ii Freigebigkeit iu wetteifern. An den Toren dieser Kirchenbauten iinl. deutlich wahrnehmbar, schwarze Tafeln angebracht, au! denen lie Stunden de* Gottesdienstes mit den Namen der Prediger, sowie lie Themen der nächsten Reden venseichnel sind. Auf diese Weise -i ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem Kultus, welcher in Uesen Tempeln stattfindet, und der hier vorbeiflutenden', im Tagescampf Bich abhetzenden Bevölkerung, welche durch diese regelmäßigen diskreten Einladungen daran erinnert wird, daß das Leben, selbsl in Amerika, keineswegs gänzlich ausgefüllt werden kann, wenn man einzig und allein dem (leid und den irdischen Gütern nachjagt. Die jüdische Gemeinschaft (Orthodoxe, Konservative und Reformierte) entfaltet eine gleiche Tätigkeit. Zahlreich sind die Synagogen, die man überall findet, und die Rabbiner verkünden gleichfalls lern Publikum das Thema ihrer Wochenpredigt. „Everybody welcome", jedermann willkommen, Diese Formel hal man von den christlichen Kirchen übernommen« Im übrigen isl die jüdische Bevölkerung in den großen Städten ziemlich zahlreich, und somit dieser Aufruf au die Passanten, ebne Irgendwie gegen den jüdl eben (leisi zu verstoßen, sehr weh! am Platze. Und diese Synagogen sind, ebenso wie die Kirchen, keineswegs nur Bethäuser; vielmehr sind sie zugleich der Mittelpunkt verschiedener sozialer Werke: die brotherhoods und sisterhoods (Brüderschaften und Schwesternschaften) entfalten in inniger Gemeinschaft eine vielgestaltige Tätigkeit. Wenn man diese Fülle von Kultusstätteu betrachtet, fragt mau sich unwillkürlich, ob dies das Kennzeichen eines besonders aus geprägten Religionslebens ist. oder ob es nur eine Form des sozialen I.eliendarstellt. Man muß immer sein vorsichtig sein, wenn es Bich darum handelt, die religiösen Gefühle einer Seele zu beurteilen, deren geheime Ausstrahlungen sich unserer Kenntnis entziehen, doch darf mar sieh sehr wohl die Frage stellen, wie etwa die Psyche der Gesamtheit beschallen ist. Nun. alle Amerikaner, welche mau etwa Uber diesen Punkt befragt, werden ohne weiteres die letztere Annahme als die richtige bezeichnen. In Wirklichkeit ist die Frömmigkeit in den Vereinigten Staaten nicht größer als bei uns: der Gnttesgedanke er füllt die Herzen iu imlit höherem Grade als bei um; dagegen verstehen es die Angelsachsen, die Religion mit einer höheren äußeren Weibe zu umgeben; sie ist iu der Tat bei ihnen eine notwendige Kr Bcheiming des sozialen Lebens, Und das ist leicht verständlich. In diesem Lande Heberhafter Tätigkeit, wo die materiellen Sorgen Körper und Qeisl iu einem uns fast unbekannten Grade umklammern, bildet <lie Religion, selbst in ihrem kleinsten Ausmaße beispielsweise eine Predigt in der Woche, umrahmt von Gesängen und stiller Andachl das Minimum eines für das seelische Gleichgewicht erforderlichen Idealismus: erhebt mau sieb doch für eine Stunde über das Alltagaleben hinaus. Mau wirft mit Gewalt alle egoistischen Gedanken und Gefühle, welche das Geldfleber mit -einen unaufhörlichen Korde rungen erzeugt, von -ich; mau nimmt für einige Augenblicke teil an dem Gesamtorganismus einer geistigen Gesellschaft. Seihst für die jenigen, bei welchen da- Bedürfnis de- Betens eine nur untergeord nete Holle spielt, bedeutet diese kleine Unterbrechung eine Stärkung. Auch sind die Kirchen, die Tempel die Synagogen besser besucht als bei im Nicht alle beten im eigentlichen Sin.....loch i-t ihnen das Beten der Gesamtheit, der sie sich augenblicklich verbunden fühlen, nichtsdcslowoninei eine seeHsche Erquickung. leb verstehe jetzt den vielleicht im ersten Augenblick etwas verwirrenden Ausspruch eines Amerikaners, welcher mir salbte: .Wir pflegen hier die erste Rolle der Albeil einzuräumen, die zweite der Religion". Dies bedeutet, daß die Religion in das Lehen jedes Ein celnen einen höheren Sinn hineinträgt zu Nutz und Krummen der gesamten sozialen Tätigkeit. Die orthodoxe Richtung, an Zahl die bedeutendste des amerikanischen Judentums, bietet dem Beobachter nichts, was auch nur im entferntesten an die Orthodoxie des Samson Raphael Hirsch. Frankfurt a. M., und ähnliche Gruppierungen erinnert, welche sich in anderen Gegenden Deutschlands auf dieselben Grundsätze stützen. Sie besteht aus den Massen Ausgewanderter, welche an ihrem Dogma festhalten, ihren Kultus in der traditionellen Form ausüben, ohne im geringsten die Probleme zu ahnen, welche mll der Anpassung an die Umgebung verbunden sind, bis zu dem Tage, wo sie eine sozial höhere stufe erklommen hallen und die althergebrachten Gesetzesvorschriften als eine lästige Hürde empfinden. Sobald sie in der Laue sind, die Wohnstätten ihres geringeren Stadtviertels gegen das Kanaan der III. Avenue zu vertauschen, pflegen sie die Reihen des reformierten Judentums zu vergrößern. Besuchen sie eine „Schule" in Brooklyn; es gibt deren große, die -ich jedoch nicht immer durch einen feinen Geschmack auszeichnen. Ich habe eine solche au einem gewissen Sonntage gesehen. Es befand sich daselbst eine dichtgedrängte, lärmende Menge, erregt durch das Anhören vortrefflicher Chasanim, unter welchen der berühmte Kosen blatt, vor der heiligen Thor.-, -teilend, durch -eine gewaltige Stimme Ungeheuren Reifall erntete. Gesichter wie diese habe ich bereits üher all gesehen; dieselbe Kleidung, dieselbe Haartracht, dieselbe Haltung man findet sie in allen Ländern. Dnsselbe hastige Kommen und (ieheu. denselben Tonfall, dieselben klugen Augen sogar bei den Jüngsten, dasselbe rasche und vollständige Anpassungsvermögen und gleichzeitig dieselbe Ungeniertheit Im Gotteshause. Hinter mir drückte mir ein Nachbar, um seine Begeisterung zu bekunden, mit seinen derben Fäusten krampfthaft die Schultern. ..Aber was werden eines Taues die Enkel dieses liebenden ISewunderers des Herrn UnscnblaM sein?" Diese Frage richteten wir in englischer Sprache an Rosenblatt, der uns um in Jiddisch antworten konnte; ..V ielleicht Mitglieder des Vorstands des Emanuel-Tempels." Die Synagogen konservativen Charakters bieten mein Abwechslung, sie verbessern, was iu den orthodoxen ..Schulen" wirklich verbesserungsbedürftig ist. aller -ie vermeiden andererseits das amerikn nisehe System welches übrigens -ein geschmacklos isl . obgleich man reformierte Tempel wünscht. Die konservative Gemeinde isl anpassungsfähige! und behält den Geist des Ritus bei. Iu ihren Synagogen kennt mau den Gebrauch der Orgel nicht, die sich in Frankreich, ebenso wie in Deutachland, eingebürgert hat: andererseits sind die Galerien für Damen überall ausgeschaltet. Der Zutritt zu den Synagogen ist jedermann gestattet; die Männer tragen Kopfbedeckung und Talolli. Der Gottesdienst wild zum Teil iu der Landessprache abgehalten: oln e die hebräische Gebetsordnung zu ändern, führt mau liebele und Vorträge, abwechselnd iu englischer Sprache, ein. In diesen Synagogen hält man am Freitag abend einen doppelten Gottesdienst ab; daübliche Maarib verrichtet man „bizmano", d. h. zu der dafür festgesetzten stunde: ein /.weiter, weil stärker besuchter Gottesdienst, bestehend au- Gesang, Gebeten und Predigt, findet später statt, nach dem Abendbrot. Man ist auf diese Weise nicht gehin dort, am Freitag abend da- Essen im Familienkreise einzunehmen, aher au Stelle der sich sonst daran anschließenden Gespräche, die zumeist allgemeiner Natur siml. sich also nicht auf die Thora erstrecken, genieß! man eine gemeinsame Erbauungsstunde im Gotteshause. Der Rabbiner Herberl Levinlhal der konservativen Synagoge Jewish Cen ler, iu Brooklyn, hat ein besonderes Gebetbuch mit musikalischem Inhalt für diese Freitagabend-Gottesdienste herausgegeben. Nicht unerwähnt darf ich lassen die Synagoge de- Rabbi Mordehai Kaplan. New York, wo mir der SabbatmoTgen-Gottesdiensl besonders interessant erschien. Alle Gläubigen, Männer und Krauen, nehmen an den Gebeten und Gesängen teil. Der Kaddisch, die ersten Segenssprürhe der Schemone Bare, sowie die Keduscha, die von der gauzen