Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-06-20 · 25 (20.6.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
25 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4876568-5968776-5969174--3253-4877674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlÜlONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Abgesehen von der Einschränkung der Einwanderung wird die Aufnahmefähigkeit der einzelnen Einwanderungsländer durch eine Reihe von Paktoren verringert, und zwar durch Weltwirtschaft«- und besondere Landesverhältnisse, das Portscbreiten der Rationalisierung, den Ersatz der Menschenkrafl durch Maschinen und die Abwanderung vom Lande in die Städte, Dazu kommt die Erschwerung der Auswanderung in den A u s « a n d e r ungs ländern seihst ■ insbesondere in der Sowjetunion, und der Mangel an Mitteln, die auswanderungswilligen Personen zur Verfügung stehen, was bei den großen, gegenüber dem Friedensstand stark erhöhten Kosten für Bahn- und Schiffskarten sowie für die Beschaffung von Reisepapieren sehr ins Gewicht fällt. Pie angeführten Umstände erklären den außerordentlichen Rückgang der Auswanderung8ziftern in den Ländern des Ostens, wobei jedoch betont weiden muß, daß der Drang zur Auswanderung in .•ehr starkem Maße vorhanden ist. Im Jahre 1928 umfaßte die Zahl der jüdischen Auswanderer nach den Haupteinwanderung8ländern Vereinigte Staaten, Kanada. Argentinien, Brasilien, Uruguay, Palästina und Südafrika sowie nach Australien, mittel- und südamerikanischen Republiken und einzelnen europäischen Staaten, etwa 40000 Personen. Die wirtschaftliche Lage in den meisten kontinentalen Staaten ist so schlecht, und die Bestimmungen zum Schulze des eigenen Arbeitsmarktes sind so restriktiv, daß die Zuwanderung dorthin nur einen geringen Umfang haben kann. Kür 1929 liegen noch keine genauen Zahlen vor. Ein einziger Vergleich zeig! den gewaltigen Umschwung der jetzigen Verhältnisse gegenüber der freien Einwanderung in der Vorkriegszeit. Die Gesamteinwanderung nach den Vereinigten Staaten im Fiskaljahr l. Juli 1028 his 80. Juni 10 betrug -JTiMiTs Personen (darunter 12 479 .luden), im Jahre 1914 I lief sie Sich auf 1218480 Personen (darunter 138051 .luden), D diesjährige Einwanderungsquote der Vereinigten Staaten liil.il rui 153 000 Personen zu. Die Auswanderung, die aus wirtschaftlichen Gründen und i Wiedervereinigung mit Familienangehörigen unternommen wird, i deutet unter den gegenwärtigen Verhältnissen für einzelne wie ii Familien vielfach eine Ueberwindung von unendlichen Hindernisse Der Kampf, den die Auswanderer gegen Widerstände aller All führen haben, ist oft ein verzweifelter. Er beginnt in den Mehna und Wohnländern der Auswanderer, wird in den Transitländei durch die sie ihre Reise führt, fortgesetzt und erfordert, wenn d Ziel erreicht ist, in dem Einwanderungslande seihst die ganze Kra In diesem Kampf bedürfen viele Auswanderer Hilfe. Die Auswa dererfürsorge war daher niemals dringender notwendig als in d Gegenwart, und sie i>i nur rationell durchführbar durch FUrsorg Organisationen, die über die ganze Welt hin dauernd susamme arbeiten. Der Hilfsverein der Deutschen Juden ist zu Beginn dies, Jahrhunderts eigens gegründet worden, um als ständige Hill Organisation heim Ausbruch von Katastrophen und hei Bekämpfun ihrer Folgen sofort eingreifen zu können. Seit Anfang des Jahi Hunderts haben Katastrophen und Krisen im Osten niemals aufgehör Die Auswanderung isl eine chronische Folg«' derselben, und Aus Wandererfürsorge bedeutet in ihren letzten Auswirkungen Wiedel aufbauarbeit, Wiederaulrichtung von zerrütteten Existenzen. FÜNF JAHRE JIDDISCHES WISSENSCHAFTLICHES INSTITUT Berge von Büchern sind bei uns über den jüdischen (ieist verfaßt worden, ungeheuei groß ist die Literatur, die sich mit der „Jabaduth" befaßt, alier Uber den T rä ge r des Geistes, über das Volk seihst, über sein Leben und Schaffen haben unsere europäischen jüdischen Gelehrten Iiis vor nicht lautier Zeit wenig geschrieben. Wissen wir doch sogar sehr wenig darüber, wie das jüdische Volk in der Gegenwart lebt, welche ökonomischen Prozesse es durchmacht, wie es sich in den Stationen seiner Wanderungen den Lebensbedingungen angepai.it hat und wie es den tagtäglichen Kampf um seine Existenz führt. Publizistischi' Aufsätze und politische Reden genügen nicht für die Erkenntnis dieser Probleme; man muH studieren und forscheu. Material sammeln und jede einzelne Tatsache in ihrem Zusammenhange und in ihrer kausalen Bedingtheil erkennen und würdigen. Selbst wenn man au eine Zukunft des Jüdischen nicht glaubt, so muß es vom w i sse ii sc h af tIich e u Standpunkte doch von besonderem Interesse sein, «las Material vor Vergessenwerden und Vernichtung ZU bewahren, aus dem sich ergibt, wie das osteuropäische Judentum, aus dem wir uns immer wieder erneuern, das uns immer wieder neue Kräfte zuführt, sich herausgebildet und welche Stadien seine Entwicklung durchgemacht hat. Eine sorglose Besiehung zum Leben und Schaffen der ostjüdischen Masse, des Jungborns der mittel- und westeuropäischen Judenheit, kann und darf nicht zugelassen werden. Die politischen Ereignisse seit Kriegsausbruch haben den Körper des osteuropäischen Judentums zerstückelt und sein einstmals geschlossenes Massiv zerschlagen. Die Leiden in der Kriegs/.eit. die Pogrome und der Bürgerkrieg haben eine ganze Reihe von Kehiloth zerstört, die formalen Unterlagen des Gemeindelebens, Pinkos'im und Aktenstücke vernichtet und in vielen Orten alle Spuren von Volksleben verwischt. Jetzt muß man reiten, was noch gerettet werden kann, und lür die wissenschaftliche Erkenntnis dessen, was das osteuropäisch- Judentum war und was es noch ist. Haustein nach Haustein zusammentragen. Dies ist die Aufgabe, die sich das Jiddische Wissenschaftliche Institut bei seiner Gründung vor fünf Jahren 'jestellt hat. Die Initiative zu seiner Gründung ist von Berlin ausgegangen; verwirklicht wurde der Gedanke aber in d. n Ländern, in denen die jüdischen Massen leben, hauptsächlich in Polen. Litauen, Rumänien usw.. aber auch in den Ländern der jüdischen Masseneinwanderungen. Das Zentrum der Arbeit wurde und ist Iiis heule geblieben das alle Wilna .leruschalajim d'Lito. In wenigen .lahren hat die in kleinem Maßstabe begonnene Tätigkeit des Instituts sich so umfangreich gestaltet, daß es heule den allen großen, Finanziell gut fundierten jüdischen Wissenschaft liehen Anstalten ebenbürtig ist. Die Sammlungen des Instituts umfassen ethnographisches Maleria - Sprichwörter. Volkslieder. Volkslegenden. Material über Festtags gebrauche, Volksmedizinisches u. dgl. im Umfange von bis jetz 85000 Nummern, etwa 20000 Flugblätter. Aufrufe. Satzungen voi Chewroth usw.. ein Archiv von etwa 101)1) Manuskripten und Driefel bedeutender jüdischer Persönlichkeiten, Protokollbüchern (Pinkos'im) von Gemeinden und Chewroth, Sonderarchive, wie das der Wilnaei Rabbinerschule (1*47—1X7:!). das ethnographische Archiv S. An-ski* das Archiv des Historikers Prof. S. Dubnow. Das Museum enthält ein. reiche Sa......hing ethnographischer Objekte, altertümlicher Kultus gegenstände, sowie pholographischer Abbildungen von Synagogen Grabsteinen und jüdischen Altertümern aller Art. In einem besou deren Theatermuseum auf den Namen der großen jüdischen Schau Spielerin E. R. Kaminski sind mehrere tausend Photographien. Pro gramste, Szenenmodelle u. dgl. vereinigt, die von größter Bedeutung lür die Geschichte des jiddischen Theaters sind und zum Teil Linie, darstellen. Das Pressemuseum des Instituts umfaßt über 0000 kom plette Exemplare alter Zeitschriften und Zeitungen in jiddischer hebräischer und anderen Sprachen. Die bibliographische Zentrale def Instituts befallt sich mit der systematischen Verzeichnung der jüdi sehen Literatur (in selbständigen Werken und Aufsätzen) und der .Iii daica seil dem Jahre 1920. Für die Jahre 1920-1029 hat sie übel 55000 Numern registriert. Ihr erstes bibliographisches Jahrbuch (füi das Jahr 1026) isl bereits im Umfange von 440Selten gr. ,N" erschienen die weiteren Jahrbücher erscheinen in Bälde. Die Wissenschaftliche Tätigkeit des Instituts geht in vier Sek tionen — zwei davon, die philologische und die piidagogisch-psycho logische, in Wilna. und zwei, die historische und die ökononiisch-stati Btische, in Berlin — vor sich, neben denen das Institut auch ein« ethnographische K........ission gebildet hat. Diese Abteilungen haben bereits fünf Hände ihrer „Schriften" im Gesamtumfange von etwa 4000 Seiten <:i Bände „Philologische Schriften", I Hand ..Historische Schriften", I Hand „Schriften für Wirtschaft und Statistik") veröffenl licht, die einen reichen Schatz wissenschaftlicher Abhandlungen und bisher unveröffentlichter Archivmaterialien enthalten und von der jü diseben und nichtjüdischen gelehrten Welt sehr beifällig aufgenommen worden sind. Eine Reihe von Abhandlungen befallt sich auch mit deutsch-jüdischen historischen und wirtschaftlichen Fragen. Weitere Bände der „Schriften" der verschiedenen Abteilungen werden vorbereitet Die pädagogisch-psychologische Sektion, die sich mit der Er fonchung der Psyche des jüdischen Kindes befallt, arbeitet jetzt am ersten Bande ihrer ..Schriften", in dem sie u. a. die Ergebnisse der von ihr durchgeführten Untersuchungen (so über die zeichnerische Bega bung des jüdischen Kindes, über seinen Farbensinn, über Psyche und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.