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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-06-06 · 23 (6.6.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
23 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Aus aller Welt Jüdische Sondersrhaa in der Ausstellung ..Altes Berlin". Die in Berlin in den neuen Ausstellungshallen am Funkturm voranstaltete Berliner Sommerschau 1980 „Altes Berlin — Fundamente der Weltstadt", die in einer noch nie geselgten Vollständigkeit das kulturelle, künstlerische und wirtschaftliche Berlin In allen seinen mannigfaltigen Verzweigungen seigt, enthält auch eine Sonderschau der Berliner Jüdischen Gemeinde, die durch die Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde lusammengestellt ist. Der Raum ist zu einem würdigen Dokument des alten Berliner Judentums gestaltet worden. Von hesonderer Wirkung ist der wundervolle Thora-Vorhang der Alten Synagoge, den König Friedrich Wilhelm 1. im Jahre 1718 gestiftet hat. Davor steht auf einem Postament der reichverzierte Chanukkah-Leuchter der Allen Synagoge aus dem Jahre 1714. An den Wänden Porträts bedeutender Persönlichkelten wie des Hofbankiers Isaac Daniel [tilg, sodann das Porträt des Oberlandesältesten Jacob Moses und (iratTs berühmtes Mendelssohn- Bildnis. Die gegenüberliegende Wand zeigt zum ersten Male die Formvollendete Marmorbüste Abraham Geigers von dem früh verstorbenen Bildhauer Max Levl, daneben die großen Bildnisse der Gemeindevorstände David Friedländer und Moritz Veit. Als graphische Bildnisse sehen wir sodann noch den Rabbi Meir Weyl. Mono Burg, den preußischen Artilleriehauptmann und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, sow ie Giacomo Meyerbeer. Interessant sind die alten Stiche der ersten Berliner Synagoge, die durch späteren Umbau ihr ursprüngliches Aussehen volkommen verloren hat. Auch ein Bild der allen Judenherberge am Rosenthaler Tor erzählt von der Geschichte der .luden im alten Berlin. Von geweihten Stätten auf den alten Friedhöfen erscheinen Mendelssohns (irab auf «lern Friedhof in der Großen Hamburger Strafte und eine Reihe schöner Grabsteine desselben Friedhofs. Auch das Denkmal der Jüdischen Märzgefallenen sowie der Grabstein Meno Borgs vom Friedhol Schönhauser Allee sind in Bildern vertreten. Zur Ergänzung des Bildermaterials hat das Gesamtarchiv der deutschen Juden in zwei Vitrinen dokumentarisches Material beigesteuert. Iiier (Inden wir unter anderem das berühmte .ludonediut von 1714. das erste Kassabuch der Jüdischen Gemeinde, die l.i-te der ersten Namenseintragung von .luden aus dem Jahre 1812 mit der Eintragung von Mendelssohn-Bartholdy, verschiedene andere Edikte und Privilegien sowie Druckschriften, die sich auf die Blöcke fallen Schatten der Petroleumlampen. Ein Bündel weißer Rettiche liegt auf einem Block. Ein mageres Jemeniten-Mädchen mit dünnem Zopf träut ihr dickes Brüderchen über die (lasse. Gegenüber die Verkaufsstube mit den vielen Flaschen ist eine „Brasserie". Die Tarbuschjuden sitzen und trinken Wein, einer sieht aus wie ein Patriarch. Mancher Laden ist eine kleine erhellte Höhle. Seife und Streichhölzer verkauf! ein arabischer Jüngling, ein anderer nährt sich voii Garnrollen, Zigaretten und Bindfaden. Die Garnrollen sind in Glasbehältern zum Aussuchen. Noch über dein kleinen Basar hängt eine vortrocknete Agave. Hinter schrägem Brett, das besetzt ist von Dachen, runden, anbischen Broten, sitzt ein Blasser bei riesengroßen Blumenkohlköpfen; er schläft. Seine Ohren stehen hervor unter dem kleinen Tarbusch. Alto Judenmänner hocken an der trüb erhellten Ecke der Cbareh-El-Sakalbah. Ein altes Araberweib haust dunkel in einer Höhle bei einem Eierberg. Petenilie und Rettiche hat sie zu einem ordentlichen Haufen geschichtet. Hell aber sind die kleinen Stuben der Barbiere. Gemütlich und aufgeräumt und immer besetzt. Die Bänke vor der arabischen Katteestube nebenan halten nurarische Lehnen, und uralt edle Teppichstücke liegen darauf. Die Messingkannen dos Schenkarabers halten spitze Schnäbel, einen Halbmond und drei Messingsterne. Ein Sudanmohr hebt ein großes Tablett mit Schüsselchen des fetten „Lebbeb" (Rahm) auf dem Kopf. Ein kleiner Rettichwagen wird angeschoben, und die Gasse ist ein paar Minuten voll von Rettichen und von Rettichbilligkeit. Wohl den Ar.....n! Ein Müllem jedes Bündeil Der Wagen kann halten. die Armen kommen. Ver.-teckt gewesene Tiere, kriechen sie hervor aus beiden Gassenseiten. Wo die schmierigen Korbstühle stehen und schnell altgewischte kleine Marmortische unter dem Straßenschild: „ZUKAK SALOMON". an einem Tischchen mit Linoleum belegt, setzen wir uns nieder. Ich •ehe in der weitoffenen Kaffeehalle alle bei der Wasserpfeife sitzen und Karton spielen. Der am Tischeben neben mir starrt tiefsinnig bürgerlichen und verfassungsmäßigen Rechte der Juden in Preußi und Berlin beziehen. Durch die Initiative der Kunstsammlung di Jüdischen Gemeinde soll auch in den allgemeinen Ausstellungen dt Interesse auf die jüdischen Einrichtungen und die kulturellen Li stungen der .luden gelenkt werden. Die .luden in Buchara unter der Sowjet«irts,hall. Der Moskauer Korrespondent der Jüdischen Telegraphenagei tur, der der Eröffnung der Turkslb (Turkestan—Sibirien)-Eisenbah beigewohnt und bei dieser Gelegenheit einen Teil der mlttelaslal scheu Länder besucht hat. machte auch eine Reise durch Buchai und traf mit deu verschiedenen Kreisen der dortigen Judenheit zi sammen. lieber das Leben dieses isolierten jüdischen Stammes h er die folgenden Informationen gesammelt: Die jüdische Bevölkerung in Buchara hat sich seit Beginn di Sowjetherrschaft in diesem Lande auf ungefähr die Hälfte vermindei In Alt-Buchara, wo unter der Herrschaft dos Emir 8000 jüdiscl Seelen lebten, befinden sich gegenwärtig nicht mehr als etwa 20 jüdische Seelen. In dem ganzen Rayon Samarkand. wo eine grol Bevölkerung von Buchara-Juden existierte, zählt man heute nid mehr als 1 ö(HM) Juden: im Kreis Taschkent zählt man nicht mehr a lUMM) Juden. In ganz. Buchara leben heute etwa 4Ö000 Juden. Die Sowjetregierung hat alle unter der Herrschaft des Emir i Geltling gewesenen rechtlichen Beschränkungen gegen die Jude allgeschafft. Früher mußten die Juden au Stelle eines Gurtes eine Strick tragen, es waren ihren besondere Stadlviertel zur Wohnun angewiesen, das Reiten war ihnen verltoten. Die jüdische Bevölkc rung freut sich über die ihr zuteil gewordenen politischen und in e n sc Ii I i c Ii e n F reiheiten, sie leidet aber ungeheuer untei der schlechten Wirtschaftslage, die für sie als handeltreibenden He Völkerungsteil unter der Sowjetherrschaft eingetreten ist. Die Mein heit der jüdischen Bevölkerung in Buchara setzte sich früher auf wohlhabenden, zum Teil sogar sehr reichen KauHeuten zusammen Seitdem die Sowjetregierung den privaten Handel verholen hat, blie hen die Juden ohne Existenzmüglichkcit. Die vermögenden Judei wanderten insgeheim nach Penien und Afghanistan aus. in Buchari blieben die ärmeren Elemente zurück. Der Durchscbnittsverdiens einer jüdischen Familie in Buchara beträgt im Monat 10 Ruttel. Seh viele Familien verfügen nicht einmal über dieses Bufiertte Existenz minimum; die Beschäftigungen, denen sie obliegen, Schneider- und in seine kleine Kaffeelasse — was für Gesichter sind das eigentlich Ist das der TarbUSCh, der sie alle so lächerlich ähnlich macht? Odoi kommt das von all den gleichen kleinen schwarzen Schnurrbürten? Einteilen könnte man diese Leute nur nach Dicke oder Länge Röcken oder Anzügen. Aber siehe, da kommt einer angehinkL Ein Ergrauter mit ausgemergelten Backen, verödeten Augen. Er hink' vorbei, wie ein Gassonkötor. einsam und verkommen. Wohin, du armer Jude? Zu welchem ekelhaften Strohlager? In welchen diesoi trüben Höfe? Weil.it du. dal.l ich schon schaue, wie sie dich in dein« Totenkiste legen? Die sie schnell auf die Schultern hellen, die vier'. Irgendwelche vier im Tarbuscb! Das letzte Haus der kleinen Sackgasse hat eine llolzaltaue, hall schon abgebrochen, noch ist die maurische Fintwölbung mit Filigni zu erkennen. Didier die Brüstung lehnen dicke Weiber, gaffen in di< Kaffeestube. Aus diesem Haus tritt einer heraus. Ein Verwilderter In offenem, schmutzigem Hemdkleide, seine Füße sind grau vom GaSSenstaub, die Augen rot entzündet, über nun setzt er sich uiedei in seinem Schmutz und wird ganz feierlich. Der griechische Kellner lümmel bringt ihm die langschlauchige Wasserpfeife, auf deren Rost ein weißglühendes KohlenstUckchen liegt. Der Ekelhafte ist nicht mehr schmierig, er ist nicht mehr zerfetzt. Königlich ist et, wie er breit dasitzt, in großen Zügen an dem Kmtclicnmundstück dos l'fei fenschlauchos zieht. Das Wasser brodelt hoch in dicken Blasen: das Stückchen Kohle glüht auf in kurzen Zwischenräumen. Ein schöner Sudanese, hoch und schmal, in schwarzem, sehr weitem Kaschmirkleid und Weißem Turban, holt sich eine Wasserpfeife und wallt weiter in seinen roten Pantoffeln. V erschwindet in dunklem Hof. Der Bärtige, der sich dort langsam in den abseits stehenden Korb- -luhl sinken läßt, muß ein persischer Jude sein. Sein Turban ist gohlrol und besonders gewunden. Seine Hände sind geädert, die Finger fein und lang, die Socken mit roter Wickel gehalten. Aber die Schuhe sind ganz zerfetzt. Sie halten Gesichter, diese Schuhe, todmüde, deiuü (ige Gesichter. Ist er mit ihnen von Bagdad hergelaufen? —

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