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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-06-06 · 23 (6.6.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
23 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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um 19.W GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSCEME1NDE ZU LEll'ZHi Seite :f i einer gewissen Instinktverlorenhelt beruhen, auf einer Oberflächhkelt, die nur an Wullen klebl und Für die im Pluge, im Tempo serer Zeit, Gotl oder der deus, über den man „sive natura";en kann, eines Ist. Diese Begriffsverwirrung erstreckt sich, wie sagt, aehr weit, ja sogar bis in dit> Reihen orthodox-gläubiger denheit. Dabei ist ei von Interesse, daß das wahre Wesen des Spinosismus hon lang«* und von hervorragender Seite In diesem Sinne ertafit irde. Kein Geringerer als Heine, der bekanntlich in der Zeit, da er ■in philosophisches Hauptwerk: „Die Geschichte der Religion und ilosophio" schul, im Jahre lHIU, selbst Spinozist war und die direkte bhftngigkeit der deutschen Naturphilosophie von Spinoza eindeutig kannl bat. hat sich späterhin zu einer, leider weniger bekannten, .er ebenso eindeutigen Ablehnung Spinozas und der gesamten deutben Naturphilosophie aufgerafft. In der Vorrede zur /.weiten Auflage des hier zitierten philosophi- •hen Werkes vom Jahre is.v_>, noch eindeutiger aber in seinen „Geindnissen" (zuerst französisch am 15. Sept. ISÖ4 in der „Revue des vux-Momles") widerruft nämlich Meine offen und vor den Augen ler ganzen Well seine ehemaligen Anschauungen, da er sie als puren rthelsmus erkannt hat, und bringt seine Bekehrung zum außerweit, ichen Gotte unumwunden, ja mit auagesprochenem stolze zur allgeleinen Kenntnis. So heil.ll es in der ..Vorrede": „Ehrlich gestanden, - wäre mir lieb, wenn ich das Ituch ganz ungedruckt lassen iinnte . . ." „Einem ehrlichen Manne bleib) aber unter allen Umständen das »veränderliche Recht, seinen Irrtum offen zu gestehen und ich will - ohne Scheu hier ausüben. Ich bekenne daher unumwunden, daß .illes, was in diesem Ituche namentlich auf die große Gottesfrage Heilig bat, ebenso falsch wie unbesonnen ist. Ebenso unbesonnen \ie falsch ist die Behauptung, die ich der Schule nachsprach, dafl der Deismus in der Theorie zugrunde gerichtet sei und sich nur noch in ■ ler Brscheinungswell kümmerlich hinfriste. Nein, es ist nicht wahr. . ü die Vernunftkritik, welche die BeweistQmer für das Dasein Rottes, wie wir dieselben seit Anselm von Canterbury kennen, cernichtel hat, auch dem Dasein Codes sedier ein Ende gemacht hat. Der Deismus lebt, lebt sein lebendigstes Leben3), r ist nicht tot, und am allerwenigsten^ hat ihn die neueste deutsche 'hilosophie getötet." Aus der Polle der Äußerungen in den Geständnissen, die einwandfrei seine bewußte Wandlung kennzeichnen, seien einige, besonders charakteristische herausgehoben: hwimuion im Oel. Viele Kronleuchter aus (ilas hängen von der 'ecke herali. im Halbdänimer. Die Wände sind schmucklos, hobt- '•täfelt, aber voller Teppiche »ler reine Fußboden, und WO kein eppifhfotzcu liegt, sind Bastmatten. Die Wände entlang ziehen sich iedere liiinke. auch mit Teppichstücken belebt. — Sie lieten Mincha nd beten wirklich, in innigem Sophardisch. auch die drei jungen gyptischen Judenjflnglinge. Eine Halle ist diese, eine ernste Gottesalle. Der kleine Jemenit, «ler Vorlieter, steht nicht am Yorhcterlalz. Später frage ich Ihn darüber. „Seh rak bischwil Schahhath" Der ist nur für Sabbat), belehrt er mich. Ein Ehrwürdiger im gelbhwarz gestreiften Kock, scliwarzes Tuch um den roten Tarbusch gewickelt, liefet neben mir. Keinen kümmert es beim Beten, dal.l eine rau hereinkam. Ein kleiner Alter legt mir ein Gebetbuch in die linde, ein sehr leichtes. Der Text ist ein wenig anders als in leutSChland; in Livomo wurde es gedruckt. Draußen ist es Abend geworden. Durch die hohen nackten Kenler sieht man einen Vorübergehenden mit flammendem Stock die .tlerneu entzünden in der Chareh Darh-Kl-Kottab. — Wie ich hininstrete, hängen draußen rote U3d grüne Kalmen mit drei Sternen inter weißem Halbmond, und Papiergirlanden, die alle zu einem laus am Ende der Sackgasse münden. Ks müsse dort eine Hochzeit >'in, meine ich. „Krüh Milah" (Beschneidungsfest), sagt der bebrillte Kleine in ler Aernielschiirze. der da plötzlich hei mir steht. Eine Araberin 'iegt um die Ecke mit einem riesenhaften Itukelt aus Kosen und Narzissen. Sie gehl in «las Haus, für das die (lasse den Schmuck bekam. Der Knabe mit den klugen, bebrillten Augen, dem blauen „____daß die deutsche Philosophie just das Gegenteil ist von dem. was wir Iiisher Frömmigkeit und Gottesfurcht nannten und daß unsere modernsten Philosophen den vollständigsten Atheismus1) als das letste Wort unseret deutschen Philosophie proklamierten." „Ich kehrte zurück in die niedere Hürde der Gottesgeschöpfe, und ich huldigle wieder der Allmacht e Ines hö c Ii s I e n W e s e n s , das den Geschicken dieser Welt vorsteht......" ...... jetzt befinde ich mich plötzlich auf demselben Standpunkt. worauf auch der Onkel Tomm steht, auf dem «ler Bibel, und ich knie neben dem schwarzen Betbruder nieder in derselben Andacht . . . ." ...la, den .luden, denen die Welt ihren Gott verdankt, verdank! sie auch dessen Wort, die Bibel: Wir halien vielleicht ein wenig den Kähmen unseres Themas überschritten. Aber dies erschien uns im Zusammenhange statthaft, da wir einesteils die II e i nesche Interpretation sehr mit für unseren Zweck, die krassen Unterschiede zwischen SpinOlismUB und Deismus aufzuzeigen, verwenden konnten, daraus die Unmöglichkeit eines pantheistischen Gehaltes im Chassidismus leicht nachzuweisen vermochten und schließlich an Hand der Zitate aus dem späteren Heine (dessen Bekehrung zum Judentum Iiisher hauptsächlich aus nationalistischen Motiven betont wurde) seine tiefgründige, religiöse Wandlung in Erinnerung Illingen wollten, wodurch die Falschheil seiner früheren Überzeugungen und damit die des Pantheismus noch stärker hervortreten sollte. Insbesondere aber auch, weil jene Wandlung von den Neumnalweisen vielfach mit derselben ironischen Skepsis angesehen wurde, wie etwa die konsequente und organischer Entwicklung durchaus gemäße religiöse Wandlung eines Dr. Nathan Kirnbaum, bei dem dieselbe schon vor fünfzehn Jahren als „Alterserscheinung" diagnostiziert wurde. Übrigens hat auch Dr. Nathan Birnbaum in seiner, von einer erhabenen Einfachheit getragenen Rede in «ler Eröffnungssitzung der 2. Kenestio-Gedaulo in Wien, netien der Renaissance und dem Rationalismus, den Pantheismus sehr richtig als eines der Hauptmotive der gegenwärtigen religiösen Krise der Menschheit bezeichnet. Nichts ist verhängnisvoller, als bei Behandlung religiöser Probleme sich von Schlagwörtern leiten zu lassen. Denn nicht suletll hat dieses Schlagwortdeuten zur Yorwässorung. Versumpfung und schlleßlichen Verflüchtigung tiefer, inhaltsschwerer, seelisch trächtiger Werte geführt, deren trächtigster einer — der Chassidismus ist. :l) Im Original Heines nicht gesperrt. Leinenhütchen und der schwanen AermelschUne aus Satin (di«>se Aermelschürzen sind die ordentliche Tracht aller Schulkinder hier, auch der arabischen und griechischen) guckt mich Immerfort au. als ich hindurch will zur Chareh Mousley, ob er mich führen darf. Wie mein Hebräisch nicht reicht, hin ich schon mit ihm in seinem Kinder- Iranzösisch befreundet, an dieser Ecke der Darb-El-Karahne unter der maurischen Laterne. Kr ist Waisensrhiiler. er hat keinen Vater, und er kommt von seiner Mutter jetzt, die in dem Haus «ler Wöchnerin wohnt. Kr geht in «Iii1 judische Waisenschule der Kasr-Kl-Nil. der herrlichsten Straße des neuen Kairos. Kr brachte mir den Hauch der edlen Straße seiner Schule hierher in die trübe Gasse, der saubere, höflich«', kluir«' Aermelsehürienknabe mit dem Hebräisch und Französisch eines Klassenprimus. Ks dunkelt, wie auf <l«'r Kühne so schnell. Kine Leiter wir«! aufgestellt vor dem Haus des Festes. Kandelaber umwindet wer mit den Kos«>n und Narzissen «ler Araberinnen. Moskitos summen um uns herum. Gossenkinder versammeln sich um uns herum, schmierig, mit kranken Augen, starren uns au und fragen Arabisches. Mein kleiner Freund belehrt mich. In der Schuh' erst werden sie Hebräisch lernen, der Kindergarten ist arabisch, wie das Elternhaus. Wind hebt den Cassenstauli hoch. Die Fähnchen der cirlamlen lassen ihre Schatten auf der schmutzigen Erde tappeln. Ein einzelner Stern steht hoch im Himmel über der Oasse. — Auch der .lutle im Tarliusch an der Ecke d«'r Charob Kl-Kollali hat ein blindes Auge. COHEN KKAKI steht in hebräischen und arabischen Buchstaben über dem Büchernest, ein«' vertrocknete Agave hängt dabei. Nebenan werden Grabsteine gemeißelt: auf die fahlen

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