Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 23 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GKMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Chassidismus bejaht den Körper, der Katholizismus negier! Ihn. Der Chassidismus wird durch Frohsinn, Temperament, ran/, und Lebenstreude charakterisiert, der Ideale Katholisismus durch Weltflucht. Die hier durchgeführten Gedankengänge mögen wohl genügen, um alle jene, die sich den unerschöpflichen Quell chawidiacher Legenden zu Ihrem Arbeitsstoll erwählt haben, vor weiteren Verwechslungen mit christlichen Religionsanschauungen abtuhalten und sie vor oberflächlichen, aber um so gefährlicheren Parallelismen (die sich vielleicht Irgendwo in der Theorie auttreiben ließen) tu verwarnen. Wir gelangen nunmehr zum iweiten und bei weitem wichtigeren Moment, das unserem Zeitgeist so sehr iu entsprechen scheint. Es sind die angeblichen „pantheistischen Analogien" Im Chassidismus .... Eine einfache Erwägung jedoch müßte diese Annahme mit Leichtigkeit ZU verhindern wissen. Denn, wenn es feststeht, dafl Monotlieisimis und Pantheismus einander diametral zuwiderlaufen, wenn weiters nicht angezweifelt wird, dafl der Chassidismus den strengsten jüdischen Monotheismus rein und ungetrübt enthalte (was wir vorbin im Zusammenhange mit «lern Problem des Christentums schon nachgewiesen haben), SO ist damit auch schon jeder entfernte Versuch, eine wirklich bestehende Analogie ausfindig machen zu wollen, im voraus zum Scheitern verdammt, und es erübrigte sich jeder Nachweis. Die Renaissance des philosophischen Pantheismus am Ende des 1s. Jahrhunderts In Deutschland, sein Höhepunkt im geistigen Leben des 19. und die tortgesetzte Auswirkung spinosistischer Philosophie und Denkart bis in unsere Zeit (vor allem durch den fiberragenden Einflufl Goethes, gegen den noch zu seinen Lebzeiten von christlicher Seite her scharfer, aber unzulänglicher Protest erfolgte) bildet eines der traurigsten Kapitel in der europäischen Geschichte des menschlichen Geistes. Da die Französische Aufklärung des ts. Jahrhunderts mit ihrer materialistischen Philosophie den Kampf gegen Religion, Theologie und Metaphysik gemeinsam führte, hat man sich daran gewohnt. Metaphysik und Religion als nahe verwandte Erscheinungen anzusehen. Nun ist aber alle Metaphysik letztlich nichts anderes als rationale Spekulation, d. b. das utopische Hostreben, mit Hilfe der bloflen Vernunft dic> Welt und womöglich Gott zu erfassen, unbeschadet, dafl manche metaphysische Systeme eine letzte „causa" voraussetzen. Diese ..letzte causa" der quasi-gläubigen Metaphysiker ist aber im Grunde nur eine Fiktion, eine Idee, ein Wesen auf sehr schwachen Deinen, mit dem in Wirklichkeit nicht viel anzufangen ist. Alle ineta physische Spekulation mündet schließlich in ein Nichts, in irgendeinen In Kairos Judengassen. Von Toni Hrrkaa-LeewtathaL Di.- junge Dichterin, Tochter des verstorbenen Rabbiner Dr. Abraham I.....wenthal (Berlin), legi hier aus dem Manuskript ein Stärk Ihres Pallstlnabuchea »Ja Chatili. Ja Amali vor. Sie bereitet für Leipzig ein,. Vorlesung .in* dem Buche v»«r. der wir mit Spannung entgegensehen. Vgl. auch „Neue Bücher", Die BchriftL An der Ecke der ersten Judengasse, Attet-El-Ahoud, die ich gestern in der Abenddämmerung des ersten Schwalb entdeckte, steht ein dünner Bartmann bei leinem zerbrochenen Kinderwagen, der zu gedeckt ist von einem Holztablett mit Kubrik für Zuckerzeug, Spielkram. Mandelarten, Hirsekuchen und all den arabischen Körnern und Nürsen, die zu di.....r st.eit gehören. Dann ist da das kleine Gewölbe des hebräischen Buchhändlers. Ein Tarbuschjüngling hockt finster vertieft über einem arabisch-hebräischen Buch. Der Besitzer i.-t nullt da: diesem einäugigen ägyptischen Judenjüngling ist sein Buch mehr als ein Käufer, er blickt nicht einmal auf in seinem Hockkäflg. — Farbenvolle Nester sind die engen, torlosen Läden an beiden Säu.....d dei Gasse, die bald aufhört, sich in zwei andere enge Judengassen zu verzweigen, in die Shareh-Souk-El-Ferakh links, in die trübe Darb-Kl-Ilassir rechts. Von Petroleumlampen matt erhellt, gibt es hier Laden an Laden, zum Bersten voll von den Sachen des Täglichen: Säcke aller möglichen Hülsenfrüchte. Fässer voll grüner und schwarzer Oliven. Kübel gefüllt mit Stücken von Ziegenkäse. Hörte besetzt mit Fischkonserven, Seifen. Sahbatkerzen vagen Begriff, zu dem die Spekulation auf dem Wege des inechai sehen Kansalilälsprinzips gelangt, Die zentrale Kraft des Monotheismus, also auch des Chassldisni ist aber gerade der aus dem Kausalitätsprinsip herausgehobene, g i offenbarte Gott, der nicht au Kaum und Zeit gebunden ist, BO dein ihnen — ohne Rücksicht auf kausale, vielmehr nach mori Ii sc hen Prinzipien - ihr Ziel anweist. Sein Dasein und sein Wil können nur gefühlt und nur durch Offenbarung erkannt werden. Der SpinOzismUS ist nun nichts anderes, als ebenfalls metaptl Bische, ja mathematische Spekulation. Nur verfährt Spinoza Folgende mallen. Ohne eine freie, zentrale, sittliche Kraft zu erkennen und a zuerkennen, begreif) er innerhalb des mechanischen Kausalitätspri zips, das sich auf ..Ausdehnung und Denken" (Kaum und Zeit) > streckt, seinen Gott ein. Mit einem verhängnisvollen Salto sein hypertrophischen Vernunft kehrt er, an der Grenze von Kaum in Zeit angelangt, um und steckt seinen Gott in die Welt, in d Materie hinein. Kr setzt Gott einfach gleich Materie. Sein Gott i daher nur ein Wort und die Kunde, dafl in der Urschrift der Ethik; den Stellen, wo beute „deus" steht, ursprünglich das Wort „uatur. Stand, ist durchaus einleuchtend. Dieser „deus" Spinozas ist vielleic: letztlich nur eine Folge damaliger Zensurverhältnisse. — Dali es aber Uberhaupt möglich war, beim Chassidismus den (!• danken an Pantheismus aufkommen zu lassen, beruht auf einem abgi luten Mißverständnis der Grundbegriffe und auf einer Verwcchslun des Wesensinhaltes der genannten Bewegungen. Aber nach den bit herigen Ausführungen mufl schon jedem klar geworden sein, daU voi Elementen einer solchen Philosophie im rein monotheistischen Chassi dismus nicht die Rede sein kann. Wenn der Chassidismus die Nähe Gottes betont, wenn er Vei ständnis für die Sünde und Mitleid mit den Sündern verlaugt, wem er das sinnliche Leben nicht verwirft, es vielmehr zu heiligen bestreb ist, so darf man ihn nicht dein Verdachte aussetzen, dalt er Gott um Welt Identifiziere, nicht, dafl er die Willensfreiheit I e u g n e oder gar im Kausalilätspriuzip verankert sei. Hätte man sich die Ungeheuerlichkeit, die in einem solchen Vei dachte liegt (der aber durch die angeführten Beispiele tatsächlici ausgesprochen erscheint) klar vor Augen geführt, es wäre nie zu jener unseligen Verquickung einander widersprechender, ja feind lieber, oder eigentlich einander ausschließender Begriffe gekommen, Ks böte übrigens eine lohnende Aufgabe, die psychologischen Motive, die letzlicb zu solchen Irrtümern, zu so trauriger Begriffsver wirrung geführt haben, noch gründlicher zu analysieren. So viel alier steht fest, dali sie iu der heutigen Zeit nicht zuletzt und den Farlientücberu der Araber. Zwischen den offenen Makka ronie- und Kastanienkisteu thronen die Besitzer, bärtige Kittelmän ner. alle mit rotsteifem Kopftopf, ausnahmslos aus dicker Gleichmut Jeder Laden ist eine gewürzgeruchvolle, mehr oder weniger einladende Petroleumlampenstube. Ketten trockener Gewürze hängen tief herunter, und am Eingang immer die vertrocknete Agave, Schöll ling der Strahlenvollen edlen Kaktuspalme, der unsterblichen, vor ehrten. Auch Hände baumeln vor manchem Laden, tolpalschig steil aus Pappe, wie ausgestopfte Clownhandschuhe; Tiergeister, die voi Diebstahl schlitzen. Wie Zauberer sehen ja all diese Rockmänner und Pantoffelhocker aus. in ihren Sack- und Kisteuscbatzhöblen. — Bflgewölbe streife ich, gute, kräftige Gerucbdämpfe strömen aus den zinnernen Kuppeltöpfen, heißer Wind von Blumenkohl, Fisolen. Makkaroni, alles in viel öliger Tomatensoße, kleinen Spielten mit Schaffleisch bekleb! zum Rösten, Schüsseln von grünen Salaten, scharfgewürztem Unbekannten, — Ks isl Mlnchaseit, Ich will zu irgendeinem Bethaus. Die Tarbusch-Juden auf hebräisch zu fragen, wäre sinnlos. Sie verstehen nur Arabisch und etwas Italienisch: fragt man also einen, der kein rotes Ding auf d< m Kopf hat, sondern einen Hut. der nach der Altstadt von Jerusalem aussieht. — einen kleinen llühnchenverkäufer. Der sieht mich ob meines Hebräisch ganz verzückt von oben Iiis unten an. will mich dann eifrigst begleiten, Ins ich ihm freundlich entschlüpfe. — Hinter einem alten maurischen Gemäuer liegt das uralte Hot haus von Kaw Siinra iu einem ausgekehrten Hof. Ungefähr draiBig Beter sind darin; oh, doch viele im Tarbusch! Drei Jalirzeitlichter