Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 23 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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emeinö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Du (irniHmlfhliiit enchetnfl |eden rr«*it«ji und wird den ,MHnliY«lrrn der Kt'llulonsijptiH'liHl«.' unnii^i liluli diiriii du* Pnst /ugcsirllt — Schrift leltungi (iemolntlrrnblilncr (iustav ('olin, Leipzig, LAhrttnuV 10 NUMMER 21 / JAHRGANG 6 FREITAG G» JUNI IOIO tViraelflcnverweJttmg und Druck] Buchdrudterel Avnm PHet, LclpxlR, BrOderatr. 59 - r'ernrul 70006 - Poetndicck Leipzig 53920 - Natiulrmfc nur mll (Jurllrnan^altr uixl mit (lenrhiniming det \crf.iSMTs ^csUttet CHASSIDISMUS, PANTHEISMUS, CHRISTENTUM Von S. Taubes, Wien. Der Chassldismus ist Mode geworden. Kr ist zum Gegenstand iei allgemeinen Intererses emporgerflckt. Durch Interpretation, Obersetsung und Nachbildung chassidischer Lebende und Oberlieferung ist er bei .luden und Nichtjuden populär und gangbare tfünse geworden. Ks icheint, daB der Zeltgeist den Gedankengängen und der Lebensauffassung des Chassidismus geneigt ist und ihm entegenkommt Wenn man aber diesem (ieist unserer Zeit elnlgermafien mißtrauisch gegenübersteht, dann wird solches Wohlwollen eher Verlacht erregen. In der Tat ergibt sich bei einer Prüfung der Gesichtspunkte, nder welchen die Lebensauffassung des Chassldismus von den heutigen Interpreten einer breiten Öffentlichkeit vermittelt wird, dal! jene Popularität insbesondere auch swel Umständen tu verdanken ist, die leider mit dem (ieist der /.eil in engem Zusammenhang stehen. Einerseits ist nämlich ein Liebäugeln mit christlichen Keligionsansehauungen unverkennbar: andererseits schläft die anschliche Kntdeckung „pantheistischer Elemente" in der ehassidiscben Lehre eine freundliche Brücke zu den naturwissenschaftlich und nnturphilosophisch orientierten Geistern Europas, die in der Überwiegenden Mehrzahl sind und — der <'hassidisuius ist en vngue. Dem gegenüber erscheint es daher unumgänglich notwendig, die prinzipiellen Unterschiede, die den Chassldismus vom Christentum und vom Pantheismus himmelweit entfernen, eindeutig und scharf zu formulieren, die grundsätsliche Verschiedenheit chassidischer Genetaesauffassung von christlich gefärbter, ehassidiscben Glaubens an die A 11 f» e u e n w a r t Gottes im All von pantheistischer Philosophie über (iott als das Weltall oder die Natur, ein für allemal festzustellen. Dabei wird man wohl am besten mit der Konstatierung beginnen, dafl der Chassldismus überhaupt keine Lehre, (geschweige denn irgendeine neue Lehre bedeute. Der ('hassidisuius ist nur eine besondere Lebensform, er ist ein neuer Wey zum alten Ziel. Historisch tritt er als eine Reaktion gegen das zum Formelwesen erstarrte Judentum auf. als eine heilsame Medizin gegen wettflüchtige und asketische Neigungen des rabbinischcn Judentums, also recht eigentlich gegen katholizisierende Tendenzen innerhalb desselben. Während das Christentum das Gesetz ganz allgemein für überwunden hält, steht der Baal-Schein nicht an, ausdrücklich zu erklären '): „Es ist wahr, daB ich mich an die Vorschrift des Schulchan-Aruch gebunden halte und nicht nur an die Vorschrift, sondern auch an jedes Wien. ') Aus Cbajim Blochs: „Priester der Liebe", A malthea-Verlag, Tüpfelchen. Aber das Eine merke Dir: der Mensch steht viel höher als der Schulchan-Aruch Dies ist natürlich als eine von der christlichen grundsätzlich verschiedene Auffassung anzusehen. Ks wird danach das Leben des Menschen nur von der Form elnlgermafien unabhängiger gemacht Ein reicher Inhalt, ein stürmischer innerlicher Impuls, der zwingende gute Trieb der Seele kann unter Umständen die äut.iere Form der Gesetzlichkeit durchbrechen. Nie und nimmer aber wird dadurch das Gesetz, das ewige, aufgehoben. Denn das Gesetz ist für den Chassid, wie für jeden anderen .luden, die göttlich geoffenbarte ewige Ltdire. der zufolge das Leben des Menschen nach Inhalt und Form bestimm! und wodurch dasselbe für Gott geheiligt wird. Wenn also vom Haal-Schem erzählt wird, er habe, um eine jüdische Seele zu retten, den Sabbat entweiht, so bleibt dabei die Tatsache der Gcsetzeseillweihung bestehen. Der Baal- Schein erklärt daher selbst-): ,..la, ich habe den Sabbat entweiht, ilafür aber eine Seele vom Verfall bewahrt." Aller die Heiligkeit des Sabbat an sich bleibt dabei unangetastet. Während sich also das Christentum an die Gnade Gottes wendet und vermeint, dal.t durch das Walten der Gnade das Gesetz überllüssig geworden sei. Wendel sich der Chassldismus wohl auch an die Gnade Gottes, aber in der Hoffnung, dali Gott in seiner unendlichen Güte be gang e n e G e s e t z e s ü b e r t r e t u n g e n vergeben werde. Hierbei ergibt sich folgende, scheinbar widerspruchsvolle, im Grunde aber psychologisch einleuchtende Erscheinung. Der Katholizismus, das zur Praxis verwirklichte Christentum, scheinbar frei und losgelöst von den Kesseln des Gesetzes, erreicht seine ..sublimste Blüte" im Mttnchstum, dieser härtesten Form der Askese, die den Körper, die Materie am liebsten ganz aus den Bereichen des Lebens verbannen möchte. (Ihne eine bindende Verpflichtung an das geoffenbarte Gesetz, übertrumpf! das Mönchswesen noch alle erdenkliche Gesetzlichkeit und führt zu einer absurden Formalisierung des Lebens. Wohingegen der ('hassidisuius, unverbrüchlich au das Gesetz gebunden und voll Vertrauen auf seine einstige Verwirklichung, durch die Erhebung und Heiligung des Körpers gerade eine besondere Wertschätzung der Materie, also auch der Komi, zum Ausdruck bringt. Der ('hassidisuius gibt dein Körper, was des Körpers ist und der Seide, was ihr gehört. Noch mehr: Während ein ( hassid seinem Körper wohltut, tut er es auch seiner Seele und umgekehrt. Ks ist die absolute Heiligung des ganzen Menschen, die der Chassidirmus anstrebt, während der Katholizismus den Dualismus von Leib und Seele bis zur Unerträglichkeit verschärft hat. Mit einem Worte, der -•) Ch. Bloch. I. c.