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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-05-30 · 22 (30.5.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seile 8 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Gerste war lehr fein und wurde als Brotfrucht angebaut; sie reift am frühesten von den Getreidearton, der Weilen am apätarten, aber beide annähernd nm denaelben Zeitpunkt im ganzen Lande, Die anderen fünf erwähnten Fruchtarten reifen in verschiedenen Gegenden in veraehiedenen Zeitpunkten. Darum konnte für diese kein ainheitliohea Erstlingsfest erlaaaen werden. Immerhin wurde Palästina in 24 Bezirke (Misohmeret, Maamad) eingeteilt. Wer in seinem Felde oder Garten die erste reife Frucht bemerkte, band einen Faden nm sie and sprach: ..Das aallen Bikkurim sein." Einige Zeit nachher legte er 'Ii ■ Frucht nebst einigen anderen schönen Exemplaren, »1 i ■ inzwischen berangereifl waren, in einen aus Wi iden geflochtenen Korb die Reichen benutzten goldene and gillwnii' Kml» : alle Bewohner desselben Besirkea versammelten sich i tu Hauptort, man Ubernachtete unter freiem Himmel. Am Morgen weckte sie der Herold: ..Auf! Wir wandern nach /.mii! Der zum Friedensopfer ausersehene Stier schritt voraus, «Iii" II rner vergoldet, einen Kranz von Olivenblüten auf dem Kopfe. F,iu Bläserchor, vorwiegend Flöten, begleitete den Zug. In der Null, von Jerusalem angelangt, bekränzten sie die Körbe mit Bltt- Ein Herold verkündete den Bewohnern der Hauptstadt die Ankunft eines solchen Zuges, Die hohe Beamtenschaft, die Bürger und die Handwerker gingen hinaus, um den Ankömmlingen einen Gruß zu entbieten und sie willkommen zu heißen. Mitten durch dii jubelnde Menge bewegten sie sieh Iiis zum Tempelberg, Hier nahm jeder seilen Korb von der Schulter und beschritt den Tempelhof. Die Leviten stimmten unterdessen den dreißigsten Psalm an. I'in Priester nahm den Opfernden den Korb aus der Hand und i'L.rt.' ilm vor den Altar lim. Der Opfernde las (oder ließ vorlesen) Vera ■ > 10 im Deuteronomium 26, beginnend mit den Worten: „Ein irrender Aramäer war mein Alm und schließend mit den Worten: ..Nun habe ich die Erstlinge von den Früchten der Erde bracht, die du. Gott, mir gegeben hast." Die Mischna nennt lie» Verse ,.Bikkurim-Beichte" (Widdui). Sie mußte im hebräifichen Original vorgetragen werden. Bin Proselyt durfte diese Beirhtc nicht vorlesen, denn er konnte nicht sagen: ..Das Land, das 'in geschworen hast, unseren Vorfahren zu geben." Maimonides jedoeh widerspricht dem: ,,Gott hat das Land an Abraham verheißen, i ih r Vater aller Proselyten gewesen." Nach der Beichte ver- _•■ - Ii der Opfernd« und wandte gich zum Gehen. Ks war üblich, daß er die-r Nacht in Jerusalem verbrachte. So kamen die Zttg< mit den Erstlingsopfern, einer nach dem anderen in Zwischen räumen, bis das Laubhüttenfest kam Nachher wurden, bis um «lie Uhanukkazeit herum, auch noch Bikkurim dargebracht, aber die I. t< wurde nicht m-hr abgelegt. (Im Mischna-Traktai .,liikkurim . der die erste Mischna-Ordnung ,,8eraim" abschließt, ist die« Feier ausführlich beschrieben.) Wir sehen hier daalt Israel in biblischer Zeit und noch später hinaus bis tief in die Z it der Mischna als ein vornehmlich Land und Gartenwirtschaft mit der dazugehörigen Viehzucht trei- - Volk. Seine Feste sind Naturfeste, nicht mehr in dem heidnischen Sinne, daß die blinden Naturkräfte verehrt werden, sondern dadurch, daß dei füi den Landmann wichtigste Vorgang in der Natur, da- Reifen und Ernten der Feldfrüchte, eleu Anlaß bildet, zum Tempel des einsigen Gottes zu pilgern, der den Vitern das Land geschenkt hat und mm dessen Früchte behütet und sie immer von neuem zur rechten Zeit spendet, ihm die Erstlinge dieser Früchte darzubringen, seiner Gnade zu gedenken und ihm zu dan> ken den Priestern von den Erträgnissen des Anken zu spenden und sich mit ihnen an heiliger Stätte zu fr. neu. Erst spater wurden die Feste „sublimiert", mit einem höheren Inhalt angefüllt, au histo* rische Ereignisse angeknüpft, sozusagen vom Boden losgelöst, von der Natur in die Kultur übergeleitet. Ihr.- ursprüngliche Bedeutung trat zurück, Schabuot wurde vom Erntefest ausschließlich zum Erinnerungsfest au die Offenbarung der Thors durch Mose, am Sinai. So wurden die Feste geeignet, in die Ewigkeit tortsudauern auch nachdem da- Volk entwurzelt und von dem Väterboden vertrieben war. den Ackerbau und die Viehzucht aufgeben mußt, keim Erstlinge zu spenden und keinen Tempel nein hatte, um dahin zu pilgern. An die ursprüngliche Bedeutung des Festes erinnert heut/ tage nur mu h der Brauch, Wohnhäuser und Synagogen mit grün« Reisern, Zweigen und Blumen zu schmücken, vielleicht auch il Vorlesung des Buches Ruth, dessen Handlung zur Zeit di Weizenernte spielt, Nachdem so Schabuot den letzten Rest \< Erdenschwere verloren hatte und ausschließlich die Erinnerung n den Sinai symbolisierte, war es verständlich, daß namentlich il Mystiker dieses Fest mit einer besonderen Gloriole umgaben, V finden daher im Sohar, daß schon die ..Krummen der Vorzeit" i der ersten Festnacht zu wachen und sieh eifrig mit der Thoi zu beschäftigen pflegten. I Ind so ist es bis auf den heutigen Tn geblieben. Die Frommen versammeln sieh mu h dein Abendessen i der Synagoge und verbringen die Nacht (gleich wie die Nacht i Hoschana Rabba) mit dem gemeinsamen Studium der Thora. Ks i hierfür eine besondere Sammlung (Tikkun) angelegt, enthalten Auszüge aus alh n Teilen der Bibel, der Mischna, dem Sepher ■! zira und dem Sohar. Eine Besonderheit dieser Nacht ist di Minjan-ha-Mizwot, d.h. die Schilderung der 613 Gebot (meist nach Maimonides). Den Schluß bildet ein Kapitel aus di „Idra Rabba". Neu gespendete Thora rollen werden häufig in die« Nacht, ebenso wie in d<r von Hoschana Rabba, in feierlichem Zu unter Gesang und Tanzen nach der Synagoge gebracht und ein geweiht, d. h. in die Heilige Lade eingehoben. An dies.. Nach knüpft sieh auch ein poetischer Volksglaube, dem besonders di< Kimbr huldigen. In dieser Nacht spaltet sich nämlich ihr Ilm. otel Sternschnuppen sind ja in dieser Jahreszeit oft sichtbai Wer gut aufpaßt und in diesem Augenblick rasch einen Wunsel ausspricht, dem wird er in diesem Jahre ganz gewiß erfüllt. Lei der aber hat es die Vorsehung so eingerichtet, «laß die Kinder VOI lauter In den Himmel-Gucken gerade im richtigen Momente ein schlafen . . . Der Gottesdienst am nächsten Morgen zeichnet sieh dadurel besonders aus, daß die Vorlesung auder Thora nach dem erstej Vers unterbrochen wird. Die Thora wird zusammengerollt, im dem Mäntelchcn zugedeckt, und wird „Akdamut" vorgetra treu. Dies ist ein langes aramäisches Gedicht von!tt» Versen mit dem durchgehenden Heim auf „tha", welches den Preis des Schöp fers der diesseitigen und der jenseitigen Welt besingt, der Israel auserwählt und ihm die Thora gegeben hat. um derentwillen <• alles Leid und allen Spott der Völker willig auf sich nahm, zuvor sichtlich auf ein glückliches Kode harrend. Der Inhalt des Gedieh iis ist abstrus, die Sprache dunkel und schwerfällig, Da- Ära maische ist künstlich, such dem. ih r die Grammatik diese. Idioms gut beherrscht, nur schwer zugänglich. Die in neuer Zeit davon an gefertigten Übersetzungen sind nur Nachbildungen, di.- mehrere Verse ganz weglassen, weil sie nicht mich unserem Geschmack sind Ehemals wurde Akdamut vor Schabuot im Cheder gelehrt. Begabt« Knaben brachten es zum Verständnis voii 'J'> Versen, die sie bU zum nächsten Jahre verschwitzten. Aber es hat eine sehr feierlich' und getragene, wenn auch ziemlich eintönige Melodie; es wird zum Vorlesen der Thora bisweilen von einer anderen dsuebenstcbendeii Person wechselweise mit der Qeveinde vorgetragen. All das. wie auch ihr fremdartige Klang' des Aramäischen, umgaben das tie dicht mit einem Nimbus ih r Weihe und Heiligkeit, so daß viele Gc meinden sich empörten, als man es. seiner DnVerständlichkeit hal her. und weil es den Gottesdienst beträchtlich verlängerte, ab schaffen wollte. Die franko-germanischen .luden scheinen den „Targum On kelos", d. i. die zur Zeit der eisten Amoräer verfaßte Obcrsutzuuu; der Heiligen Schrift in die aramäische Volkssprache, nur für zwei Gelegenheiten sagelassen zu haben: für den 7. Peasachtag, da die Erzählung vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, und für ihn eisten Schabuottag, da die von der Offenbarung am Sinai vorgelesen wird. Ks war nun üblich, dem Targum Vortrag ein, Art Introduk tion (Reschut) vorauszuschicken. Ein derartige« Resehut zu dem Targum ihr Thora Vorlesung am ersten Schabuottag ist mm da- Ab damut. Ei wurde daher auch noch viel später nicht vom Thoravot leser, sondern von einer anderen Person vorgetragen, welche ehemals

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