Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 21 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 OKMEINDKULATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer . denjenigen Mönchen, die nichl einem Betlelorden angehören, Arbeil verlangt wird, da geschieht et nur ab Mittel zur Askese, In übrigen wird sie vom den unteren Volksschichten als selbstverständlich gefor dert. Für sie gelten die Worte: „Wer aichl arbeitet, soll nichl essen" (•_'. Thessaloniker X 10). Demgemäß* leinen <lic pseudoctementinischen Homilien: „Dem Arbeitsfähigen Arbeit, dem Arbeitsunfähigen Mitleid" (Homilie 8). Ebenso verlang! »Ii«- Apostellehre (cap. 12): „lsl dein Bruder ein Handwerker, -o möge er sein Handwerk aus [Iben und essen; kann er aber kein Handwerk, so trag! dafür Sorge, daß kein Chrisi als Müßiger mit euch lebe." Dafl diese Lehre beachtel wurde, »eigen die Worte, mit denen Tertullian die Christen \- rteidigt: „Wir treiben mit euch Schiffahrt, tun Kriegsdienst, treiben Ackerbau und Handel, wir gesellen unsere Kunstfertigkeil zu der anderen und geben <lie Erzeugnisse unserer Arbelt iu eurem Gebrauche hin" (Apologeticum 42, I). Daß jeder Mensch zur Aibeil verpflichtet ist, i-i Luthers Lehre. Sie Ist jedoch nicht der Ausdruck einer größeren Weltfreudigkeit. Der Protestant flieht zwar die Welt nichl, sondern nimmt sie aus Gehorsam gegen den göttlichen Schöpfer demütig hin, doch er empfindet sie, ebenso wie der Katholik, als sündhaft und bleibt ihr Innerlich fremd. ..Ks ist die innerw ellliche Askese der Überwindung der Well in dei Well, die Selbstverleugnung im Beruf und im beruflichen Dienst liir das Ganse" (Ernst Troeltsch, die Soxiallehren der christlichen Kirchen und Gruppen S. 444). Demgemäß ist auch die lutherische Auffassung der Arbeil im Grundsätzlichen mit der katholischen Übereinstimmend. Auch nach Luthers Meinung ist erst mit der Sünde die Not und aus ihr der Zwang der Arbeit entstanden, die zugleich Strafe und Heilmittel ist. sie gehör! so zur Ordnung der Aus: Die Keinen Welt im Sündenstande, Dieser von Qotl geschaffenen Naturordnun darf Hell darum auch niemand eidziehen. So Ist Luthers Kehre , verstehen, daß der berufstätige Christ höher als der Mönch siehe im Arbeit der beste Gottesdienst sei. Kr will das Christentum nichl vci weltlichen, sondern nur einen anderen Weg /um christlichen ideu zeigen. Dem Erwerb irdischer Güter darf der Gläubige nur so wei nachgehen, als zur Erhaltung standesgemäßen Lebens erforderlich i-i Darüber hinaus zu streben, hält Luther für Sündhaft, Der modern. Gedanke einer wirtschaftlichen Kultur, die auf der höchsten An Spannung menschlicher Arbeitskraft zur Gewinnung ökonomische Werte und zur Beherrschung der Well beruht, ist der lutherische: Religion ebenso fremd wie die Idee eines freien Wettbewerbes de Einzelmenschen und der Völker zur Erreichung möglichsten Reich tiims. Moderne Lebensbejahung und lutherische Weltverneinuug sin Gegensätze. Das Wirtschaftliche Denken der Neuzeil bedeutet dil Abwendung vom Christentum. Wenn auch die lutherische Lehre voi der allgemeinen Arbeitspflicht zur Arbeit erzogen hat, so ist doch de Sinn der Arbeil und ihre Wertung völlig anders geworden, Näher als der christlichen Denkweise steht das Ideal einer will Bchaftlichen Kultur dem Judentum, Kür den Menschen der Gegen wart hat die wirtschaftliche Tätigkeil zwar ihre religiöse Färbung verloren, sie wird nicht als religiöse Pflicht empfunden Mit dei Autonomie der Kultur, die sich von aller religiösen Bindung befreit hat, ist auch die Arbeil ein Teil der weltlichen Kultur geworden Ihn Voraussetzung aber bildet die von der Bibel gelehrte Schätzung dei Well. Ebenso, wie im Judentum, wird daher die Arbeil jetzt |x>siii\ geweitet als Mittel zur Gewinnung irdischer Güter und als die natür liehe und notwendige Form menschlichen Wesens. des Judentums. V. Teil.) Aus aller Welt Paula Ollcudurff Tu Jahre. Am Sonnlag. den Iis. Mai 1930. vollendete Krau Paula Ollen - dorfl in Breslau, die bekannte Führerin der jüdischen Frauenbewegung und der jüdischen sozialen Fürsorge, ihr To. Lebensjahr. Sie wirkte in ihrer Jugend als Lehrerin au höheren Lehranstalten in Breslau, Budapest und London. 1887 verheiratete sie sich mit Justizrai Isidor Ollendorft, der i!Hi verstarb. Krau Ollendorfl gehört zu den Gründern des Breslauer Isaelitischen Mädchen-Heims, des Klein kinderheinis des Jüdischen Frauenbundes in Breslau und des Flinsberget Kinderlandheims. Nac h Einführung des Kiaiicnwalilrochts in der Breslauer Gemeinde wurde sie auf der Liste des liberalen Judentum« in die Repräsentanz gewählt und kurze /.eil darauf in den Vorland der Gemeinde berufen, dem sie noch heule als einziges weibliches Mitglied angehört. Seit der Begründung des Jüdischen Frauenbundes iii Deutschland ist sie als eine seiner Prominentesten in seinem Hauptvorstand, seit vielen Jahren als zweite Vorsitzende. An der Begründung des Weltverbandes jüdischer Krauen hat sie lebhaften Anteil genommen und gehört dessen Präsidium an. Sie steht an der Spitze des Wohlfahrtsamtes der Breslauer Jüdischen Gemeinde, Im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ist sie ein führendes Mitglied de« Wohlfahrtsausschusses, sie ist auch in der allgemeinen interkonfessionellen Arbeit führend tätig, so in der Volksbuch chule, In der GefährdetenfUrsorge, in der Gefangenen Fürsorge, in der Fürsorge für die- Insassen der Heil- und Pflegeanstalten, in kommunalen und politischen Angelegenheiten innerhalb der demokratischen Partei, die sie ein Jahrzehnt hindurch als Stadtverordnete vertrat. Rabbiner Dr. Vogelstein-Breslau widmet der Jubilarin einen Aufsatz in dei „Jüdisch liberalen Zeitung", in welchem es u. a. heifit: In tiefster Seele jüdisch religio- und diese Keligio-iliit in liberalem sinne erfassend und bewährend, gehört sie dem Vorstand des liberalen Vereins in Breslau wie den Hauptvorstand der Vereinigung für das Uberale Judentum an, bat sie tätigen Anteil genommen au der Begründung de« Weltverbandes füi i<-lii/iö^ liberale« Judentum und i-t von Anfang an Mitglied -eine- Hauptvorstandes. Ihr Liberalismus i-t eben nicht, was Montefiore mit Recht vorwirft. „Subtraktion von der Orthodoxie", sondern lebendiges freies Erfassen des Judentums In seiner religiösen Bedeutung, herausgewachsen aus tiefinnerlicher religiösei Oberzeugung. Sie ist -toteine Werdende, an sich selbst Arbeitende und darum auch als Siebzigjährige nicht nur voller Verständnis für die Jugend, sondern sclbsl in lebendigei jugendlicher Frische, aufnahmefähig und schaffensfreudig in einei Arbeitsfülle, der sonst nur junge Menschen gewachsen zu sein pflegen. Jüdische Verbände und Gemeinden Kerea llatorali. „Wir Wullen Inn und wir wollen hören"! HU'}" ist die klassische Formulierung des Bekenntnisses: Alles, was Gotl von uns fordert, liegt im Rahmen unserer Leistungsfähigkeit. Das Recht, die Sic herheil Milch stolzer Unbedingtheil zur Bereitstellung des ganzen Menschen, mit allen seinen Fähigkeiten, zu allen Leistungen, zu jeder Zeit. Hießt aus diesem Wissen, <~ -r« daii es die Forderung Gottes ist. der in väterlicher Sorge niemals die Kräfte des Sohnebizum Äußersten anspannt. Die zwischen dem Anspruch Gottes und dem Erfüllungsvermögen des Menschen liegende Spannung, sie ist das Zeugnis göttlicher Güte. (2. Buch Moses, Kap. 24.) Wenn zu jeder Zeit des Menschen Kleid, die Hülle seiner Seele, weiß, fleckenlos sein soll (Koheleth, Kap. 9), wenn anfallen Wegen Gotl zu erkennen unsere hohe Pflicht (Mischle, Kap. -i). dann beweist dienichts anderes, als daß jede Zeit und jeder Ort für diese unsere Bereitschaft Zeuge sein sollen. Zu jeder Zeit : Zeiten haben ihre Schwere und ihre Nöte. I'ald ist es politischer Druck, judenfeindliche Einstellung der Umwelt, bald ist es die Wirlschaflsnot. die jeden Einzelnen ZU äutterslem Existenzkampf zwingt. Ks gibl aber auch umgekehrt Zelten mit freundlicheren Verhältnissen und Da-ein-bedingungen. in denen Versuchungen und Lockungen überwunden werden müssen. Der göttlichen Liebe, die gleich einem hellen Morgen strahlt, sollen wir uns würdig machen; die göttliche Gerechtigkeit, die kein Schatten dunkler Nacht verdecken kann, allezeit anerkennen. (Psalm 92.) Auf allen Wegen: Zwischen Heim und Welt bewegt sich unser Leben. Hier wie dort haben wir uns zu bewähren. Wir haben die grolle Gefahr zu erkennen und Immer wieder zu überwinden, die darin liegt, da 1.1 wir über dem Heim nicht die Welt vergessen. Wir haben aber auch die andere, wenn auch vielleicht kleinere Gefahr Im Auge zu behalten, dafi wir über der Welt uns unserer Verpflicfa long dem Heim gegenüber nicht entziehen. Im Haus: die Sorge für unsere sittliche Ertüchtigung, die Sorge aller Sorgen, die Erziehung unserer Kinder im Geiste des Judentums, der Aufbau unserer Familie