Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-05-23 · 21 (23.5.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
21 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4876568-5968776-5969170--3200-4877625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

$emein6 eblatt OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEM&INDE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! DM (Jrmrindrblatt crsthdiit |cdon l'reltag und wird den MIlKlU'dcrn der KellKionsKrnK-indc unrntficlllldi ilunh dir l*ost zugestellt — Schrlftlcltung: t.frm'lndcrabblnrr Custav Cohn, Leipzig, Lohnitrattr 10 NUMMER 21 / JAHRGANG ö FREITAG 2t» MAI lOJO Anzplfirnverwaltun^ und Dunk : Hudidruti.rri-1 August Pries Leipzig, BrildcrMr. 59 - Peroral 70006 - l'nsl- Mhcek l.rlp/lK 53920 - Nachdruck nur mit Quellenanitalir und mit CcnchmlKUiiK des Verfassers («'Stattet DIE WERTUNG DER ARBEIT IM JUDENTUM Von Dr. Julius Lewkewita, Berlin Welche Bedeutung menschlicher Arbeit zuerkannt wird, hingt davon ab, in welcher Weise tlie irdische Welt und ihre QQter bewertet werden, und welche Auffassung vom Wesen lei Menschen vorhanden ist. Das Judentum ist eine Religion der WeltbeJ&hung. Das Irdische Leben ist ihm eine Schöpfung göttlicher Vcisheit und Liebe, alles Traurige und Häßliche tles Menscheulateini hebt den Wert der natürlichen Güter, mit denen Ootl seine Welt geschmückt hat, nicht auf. Sie fallen dem Menschen aber nicht nühelos, als ein Geschenk des Bimmela au, sondern müssen erwor ben werden. In immer neuen Wendungen weist darum die Bibel auf len Segen fleiliiger Arbeit hin. „Gehe zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Weise an und werde klug!" (Sprüche C, 0). „Arm ist, wer mit lässiger Hand schafft, aber die lleiliigo Hand macht reich" (Sprüche Kl. 4). „Die fleißige Band wird herrschen, die lässige wird dienstbar* (Sprüche 12, 24). »Wer seinen Acker bestellt, hat Brot in Fülle" (Sprüche -'8, 10). Aber nicht nur um ihres Nutzens willen, als ein Mittel zum Hervorbringen und Erwerb erstrebenswerter (iüter wird menschliche Arbeit in der Bibel gefordert. Qott hat vielmehr den Menschen geschaffen, damit er seine Kraft anwende und sein Werk vollbringe. Auch da, wo ein luflerer Zwang zur Arbeit fehlt, im sorglosen Frieden des Paradieses, soll Adam den (iarten F.den „bearbeiten und warten" (1. Mos. 2, 15). Am Hude der Tage, wenn tlie Menschheit das Ziel ihrer Entwicklung erreicht haben wird, werden zwar Unrecht und Not von der Knie schwinden, „ein jeder wird dann unter leinen Feigenbaum und unter seinem Weinstock sitzen", aber „die Schwarter werden zu Pflugscharen und die Speere zu Winzermessern umgeschmiedet" (Micha. 4, 3—4), in Werkzeuge der Arbeit verwandeil. Deutlich tritt hier die Anschauung hervor, dali Wirken und Schaffen zum Wesen des Menschen gehören, die Arbeit seine natürliche Bestimmung ist. Selbst Kohelet, das Buch müder Resignation, lehrt darum: „Am Morgen säe deine Saat und am Abend lali deine Hand rasten" (11, G). „Alles was deine Hand zu tun erreicht, vollbringe" ('.», 10). Weil Arbeit die von Gott dem Menschen zugewiesene Aufgabe ist, gebietet die Tora: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten" (2. Mos. 20, il). Das Judentum UberUfil die wirtschaftliche Tätigkeit und körperliche Mühe nicht den Sklaven und Ehrlosen, sondern macht sie zur religiösen Pflicht des Freien. Damit ist der Adtd der Arbeil entdeckt und ihre sittliche Würde verkündet. Aus dieser Anschauung heraus lehrt der Talmud: „Ks ist etwas Qrofles um ilie Arbeil, denn sie ehrt «len Mann" (babl. Glttin <>7b); „wer von seiner Hände Arbeit lebt, stellt höher als der Fromme" (Berachct 8a). Und im Midraach Jehundenu heilit es: „Selbst, wo das Verdienst der Väter nicht hinreicht, reicht das Verdienst der Arbeil" (Abschu. Wajeze). Die christliche Auffassung der Arbeit steht im Zusammenhang mit der Krbsündenlehre. „Im Schweil.Se deines Angesichts sollst du dein Brot essen" sprach Gotl zu Adam, als er ihn aus dem Paradiese vertrieb. Diese biblischen Worte deutet die Kirche dahin, dafl die Strafe für den Sündenfall im Zwang der Arbeit bestehen sollte. Sie übersieht dabei, dali Adam, auch bevor er gesündigt halte, auf göttlichen Befehl den (.iarten Eden bearbeiten sollte, sie beachtet ferner tlie Tutsache nicht, dafl in der Erzählung der Bibel (tot) den Boden verflucht, so dali er nur Dornen und Disteln hervorbringen und der Mensch mühevolle und vergebliche Arbeit verrichten soll. Zu ihrer falschen Deutung der biblischen Worte ist die Kirche von ihrer grundsätzlichen Auffassung der Welt und des Menschen gelaugt. Im Evangelium herrscht die Erwartung des Weltuntergangs: damit ist alles Erwerbsleben des Menschen und jede berufliche Tätigkeit bedeutungslos geworden. Das Interesse der (Höningen soll ,iuf das Kommen des Gottes reich es gerichtet sein, die Sorge für die Erhaltung des Lebens Qott uberlassen bleiben. ..Darum saue Ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr cs>en und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anstehen Werdet . . . Sehet die Vögel unter dem Himmel au: sie säen nicht, sie einten nicht, sie sammeln nicht in die Scheuern und euer himmlischer Vater nähret sie doch" (Matthäus 0. 26, 26; ähnlich Lukas 12. 24). Diese wellüberlegene Haltung wandelte sich in eine feindliche Ablehnung des Irdischen, als die Kirche sich gezwungen sah. mit einer bestehenden und dauernden Welt zu rechnen. Die Welt ist seitdem für das Christentum nicht mehr gleichgültig, Mindern sündhaft. Daher hat der Mensch nicht die weltliche Aulgabe, in ihr zu w irken und seine Kräfte in schöpferischer Leistung zu entfalten, er darf sich vielmehr in das sündhafte Treiben der Well nicht verstricken lassen und in Ii I > danach streben, das Heil der Seele zu retten. Bekämpfen lälil sich die Sünde durch Arbeit, tlie den sündhaften Körper schwächt und seine Kräfte verzehrt. So kam die Kirche zu der Anschauung, dali die Arbeil eine Folge der Sünde, die Strafe für Dienschliche Schuld und zugleich Erziehungsmittel ist. Von dieser disziplinierenden Wirkung abgesehen, gewinnt sie nur so weil positiven Wert, als sie der Erhaltung des Lebens, der Abwehr eigener Not und der Menschenliebe dient. Bei der Qeringschltaung der Irdischen Welt und ihrer materiellen (iüter aber wird diese Bedeutung auf das geringste Mali eingeschränkt. Eine allgemeine Pflichl zur Arbeit kennt der Katholizismus nicht. was schon durch die Existenz dei üeltelorden bewiesen ist. Wo von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.