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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-05-02 · 18 (2.5.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
18 (2.5.1930)
Date
1930-05-02
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Mai 1930 (IKVKINDKlil.ATT DKI{ ISIiAKI.ITISCIlKN liKUGlONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite :t Aus judischer Wissenschaft >ie Kop;riiii(liine des MakkabäenitaateK. In der der vor wenigen Monaten versuchsweise eingeführten tigioten Sonntagsveranstaltungen der Jüdischen Gemeinde, sprach ir. TIübler, ordentlicher Professor der Geschichte an der Uni- <-rsitiit HeidolherL:, vormals Dozent an Her Hochschule für die Wissen- 'hilft des Judentums in Berlin, Ober ..Die Begründung des lakkabäerslaa tes". Die Parallele rar Gegenwart seigl sich lern Vortragenden darin, daß damals wie heute das Judentum in iner E i> o c Ii e weltpol itia c Ii e r K n t sc Ii e i «I u n ii e n gelungen war, Bedingungen und Wonnen seines Daseins aus jenen Intscheldungen heraus iu gestalten. Täubler fragt nun nach Motiv. Wesen und Komi des Makkabäerstaatea und iI>1 zunächst als Rahmen inen Abriß, der geschichtlichen Ereignisse: 1'2'2: Weich Israel restlos prnichtet. 586: Reich Juda zerstört und 10000 Männer nach dem Cweistromland verpflanzt Daxwischen das Wirken der Propheten, das dem kleineren Volksteil das Schicksal des größeren erspart. 586 erlaub! Cyrus die Heimkehr, die beding! war durch die Beseitigung des Dualismus Vorderasien -Nordafrika im medisch-persischen Weltreich. Zurück kehrte der ärmere Volksteil, und es entstand eine unbedeutende persische Satrapie um den mOhselig und dürftig hergerichteten Tempel, Im Inneren zerrüttet durch Parteiung und Mischehe, nach außen gefährde! durch kleine Nachbarstämme, ohne legitime Vertretung und unsicher dem verhallenden ProphelenwOI"! naclihorcheiul. liier greifen Esra und Nehemia ein und erreichen durch Wiederherstellung von (iotteslehre und Stadtmauer die Sicheruni.' des kleinen Gemeinwesens. Dieses ist durch drei Jahrhunderte nicht als Volk und Staat, sondern als Kuli- und Teinpolgenieinde konstituiert, abgelöst vom Geschehen in der großen Welt, unberührt seihst von Alexanders Weltumsturt, dumpf dem „Wunder" entgegenharrend. In Jerusalem herrscht die l'riesleraristokralie. Ständig wandern wertvollste Volksteile aus. besonders nach Alexandria. dem ..New York der Antike", und erleben hier eine kaum je wieder erreichte Kulturhöhe. Hier beginn! die eigenartige Kultursynthese sich tu formen, die uns Juden von heute geschaffen hat: die Bibel wird, und zwar zu Kultswecken ins Griechische übersetzt Da t'äilt 201 Palästina von Aegypten an Syrien, dem größten Diadochenreich, und ehrgeisige Streber bemühen sich, die — wie jede herrschende Provinslalkaste mit der Oberschicht des Herrscherreiches noch mit Aegypten sympathisierende Priesteraristokratie •»■i der syrischen Regierung anzuschwärzen und so zu stürzen: Jason kauft das Hohepriesterami und errichtet nahe am Tempel eine Sporthalle. •letzt beginnen sich die Geister zu scheiden, und es bildet sich die Volkspartei der Pharisäer. Priester versäumen um Turnübungen den Kult, und Menelaos sticht durch höheren Kaufpreis Jason aus. Antinchus Epipbanes siegt in Aegypten. Auf Gerüchte von seiner Ermordung hin wird Jason erschlauen. Menelaos verjagt und der legitim ' Hohepriester Onias regl sich wieder. Antiochus besucht Jerusalem, setzt Menelaos wieder ein. bestraft aber nicht das Volk iu seinem Kult, sondern hält sich am Tempelschatz schadlos, ohne jedoch schon den Kult selbst anzulasten. Seinen imperialistischen Ehrgeiz hemmt nun Rom, und bei seinem zweiten Desuch iu Jerusalem erfolgt ohne äußeren Anlaß der erste Angriff auf Tempel und Gottesverehrung, und jetzt brechen die seit drei Jahrhunderten schlummernden moralischen und politischen Energien im Volke machtvoll hervor, gelenkl durch die inakkaliäische Prieslerfainilie. Der Vortragende gibt, hier beim „erragenden Moment" des Dramas angelangt, einen Querschnitt durefa die Kultur jener Zeit Kr bezeichnet Judiiii als ..das Elsaß der Makkahäerzeit" und die Kulturkonflikte auch als die unseren: Der Tempelgott des ethischen Spiritualismus soll Zeus weichen im Interesse der Einheil der nun «Iiiganze Mittelmeerwell und Vorderasien beherrschenden hellenischen Kultur, das Volk „befreit" werden von seinem Charakter als Tempelgemeinde und der sie tragenden Prlesteraristokratie und das Gemeinwasen durch Umwandlung zur „Polls" (kommunalem Selbstverwaltungskörper) auch rechtapolitisch dem großen Ganzen angeglichen und eingeordnet werden. Die Verbindungslinie zur Hohenwart fortspinnend, vergleicht Täubler diese Problematik mit der eines Judentums, das Robespierres „Göttin der Vernunft" gegenübergestanden oder sich mit Lenins Vergottung der Gottlosigkeit auseinanderzusetzen hat. Der Hellenismus bedeutete in einem Sinne Kulturfortschritl in Asien, aber wie Recht und Unrecht in geschichtlichen Spannungen unlösbar beieinander haften, so wurde das «echt des Hellenismus zum Unrecht am Daseins recht des Judentums. Der äußere Kampf wird beendet durch den Sieg des Zionsgottes und seines Tcmpcllichts. Dieser Sieg ist - so fat.it Täulder das äußere Ergebnis jener Periode zusammen „in seiner symbolischen Tatsächlichkeil ein ewiger geblieben", als Sieg der ..Treue zu sich seihst". Zur inneren Lage zurückkehrend, verzeichne! Referent jetzt eine Aenderung der Kampffronten, die l>is heute nachwirkt: auf der einen Seih' die „Nurfrommen", denen die Aufgabe durch die Weihe des Dauses gelöst Ist, und den Makkabäern, die nun Volk und Staat sichern wollen, d. Ii. erst schaffen müssen und so bald das Kampfiiel des Vaters hintanstellen: -Inda paktiert mit Rom, dieses als kommenden Weltherrscher erkennend. Aber die Makkabäer erliegen jener inneren Spannung, und ihr Staatsgebilde Irägl bei der Geburt schon den Todeskeim in sich. .Inda fällt, die Anhänger zerstreuen sich und werden Verschwörer und Rebellen. Die Brüder Judas begründen dann einen Staat nicht des jüdischen Volkes, sondern bewußt eine syrische Satrapie, und entfremden diese Immer mehr dem Volke: Syrien wird erschüttert durch Prätendentenkämpfe, und Jonathan und Simon verkaufen ihre „Treue" an den jeweils besseren Zahler, d. Ii. Immer an den ..falschen Demetrius", mit dem Ziel, ihre Souveränität vor allein nach innen zu stärken: Während sie sich ihr Wohlverhalten mit (ield und Land bezahlen lassen, machen sie seihst Jedes, auch das höchste Kultamt zur „Charge" und sich seihst zu Hohepriestern, Generalgouverneuren und Heerführern in einem, während Immer noch, als habe Juda nicht den Tempel geweiht, Onias im Exil lebt. Simon prägt eigene Münzen, das antike /.eichen der Souveränität, und das Volk bestätigt seine geistliche Würde. „Der Rebell war zum syrischen Beamten und dieser zum geistlichen und weltlichen Volksherrseher geworden", begünstigt durch Syriens Zerfall. Täulder zeigt nun die Wandlung durch vier Generationen au der Münzprägung auf: Judas Itrüder und Johann Hyrkan prägen auf „Priester und Volk". Aristobul auf „Kohen Hagadol", Alexander Jannai auf „Basilaios". Von diesem Königtum wendet sich das Volk, geführt von den Pharisäern, ah. und vor Pompeius erscheinen zwei Parteien: die eine bitlel um die Krone, die andere um . . . Roms Herrschaft. Und 1(hi Jahre später ereilt die Makkabäersehöpfung ihr Innerlich bedingtes Schicksal. Auch das Dlutopfer des Tempelkults war schon durch die pharisäische Kulturumwälzung Innerlich-geistig überwunden und das Judentum eine geistige Großmacht geworden, reif zum Einzüge In die Menschheitskultur. Es vollzieht sich die „Europäisierung des Judentums". Zum Schluß gibl der Vortragende einen Ausblick auf die Kulturkrise der Gegenwart vom Standort jener Epoche: Korinen und Inhalte des Geschehens können wechseln, alier seine Träger sich erhalten durch „Treue zu sich seihst". Die Zerstörung des Makkabäer- Staates und seines Tempels traf nur ihre Zeit, weckte aber noch heute wirksame Lebenskräfte. Die heutige Krise verlang! gleiche Entscheidung wie damals: Sind wir nur noch Erben und dumpfe Nachbeter, oder schließ! sich der Kontakt unserer ewigen Kraft mit den politischen Daseinbedingungen unserer Well zu neuer Form jüdischen Seins? Die Lösung sieht Täulder in der Pflege der Erkenntnis von der geschichtlich gewordenen Einheil der Jüdischen und der europäischen Welt. Der aeaseitliehe Humanitätsgedanke. Am Mittwoch, dem Iii. März 1030 hielt die Gesellschaft zu r K ö r d e r u n g d e r W i s s e n SC ha f I d e s .1 u d e n t u m S . E. V., ihre Hauptversammlung ab, die sich eines zahlreichen Besuches von hiesigen und auswärtigen Mitgliedern, sowie von Vertretern der angesehensten Organisationen zu erfreuen hatte. Der Vorsitzende, Professor Dr. M. Sobernheim erstattete den Geschäftsbericht Der Kassenverwaltung wurde Entlastung erteilt. Der Ausschuß wurde w iedergewählt Im Anschluß an die Hauptversammlung hielt Herr Dozent Dr. [.Heinemann aus Breslau einen Vortrag über: „Die geschichtlich e n W u r z e I ii d i1 s neuzei tlI e h e n II u m an i tä tsgedankens." Der Vortragende ging davon aus. daß die Idee der Humanität, deren Geltung sich für das 18. Jahrhundert von seihst verstand, inzwischen starke Anfechtungen erfahren hat Insbesondere befürchte mau von ihr eine Gefährdung der Willensstärke und der Hingabe au den näheren Pflichtenkreis, Der Redner zeigte, daß der Humanitätsgedanke im Altertum keineswegs, wie seine Gegner glauben, aus Kräften des Verfalls und der Zersetzung erwachsen ist. allerdings aher zu verwandten Konflikten geführt hat. die ja auch heute zutagetreten. Plato und Aristoteles vertreten den Gedanken der Menschheit, aber nicht den der Menschlichkeit: die Zyniker vertreten den Kosmopolitismus, geben aber die eigentümlichen Werte der menschlichen Kultur preis. Die Stoa verbindet Menschheits- und

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