Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 17 (25.4.1930)
- Date
- 1930-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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15. April 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite :t lloitle vorfahren v Er habe si(>;iuf einen rauhen, kunstlos zuimmengezinimerten Tisch gelegt, und sie mit Messern gehauen und .■.-lochen, sie mit lästerlichen und bösen Wollen heflucht, geschmäht ind besprochen. Trotz vieler Bemühungen habe er jedoch die heilige Iblate (ein dünnes feines Blättchen aus Weizenmehl, von der Größe nies Talers) nicht nach seinein Gefallen ■erbrechen können, beim itlten Stück sei sie aber in drei Teile auseinander gesprungen (so erlegt sie nämlich der Geistliche bei der heiligen Kommunion), vorüber er sehr erschrocken und bekümmert worden sei, dann habe r sich alle Mühe gegeben, einen der drei Teile zu verschlucken; Mein, das war vergeblich. Darauf habe er jedes der beiden anderen feile in je ein Blochhüehschen von Daumenslänge getan, in einen ämiachen Lederbeutel gesteckt, mit seinem Petschaft versiegelt, und len einen Beutel an den .luden Jakob und dessen Sohn S in o I I iSamuel) nach Brandenburg, den andern aber durch S a 1 o in o Heller an den Juden Markus nach Stendal geschickt, die ihrerseits auch nur darauf warteten, den Leib Christi in Gestalt einer geweihten Hostie zu martern und zu schänden. Ein zeitgenössischer Dichter schildert das mit folgenden poetischen Worten: „Oer .Wulf nam das heilige Skratnent, und warf! es aull ihn Tisch, tut will ich von dir wissen, oh du der wäre Colt bist, die .lüden all zumale trieben Iren Spott, er sprach Ihn mir hier ein /eichen bistu Tcuilcl oder Gott. Sie haben das angespeiet, bespottet mit großem Cicschrcy, da teil sich das heilige Sakrament an dreyai Stücken selbst entzwey". Es waren vorläufig nur wenige Juden in die Sache verwickelt: allein, wie sollte man annehmen, daß die übrigen sich eine solche prächtige Gelegenheit entgehen ließen, ihre Wut an dem heiligen Brot, welches den Leib des Herrn darstellt, zu weiden? Daher erließ der Kurfürst den Befehl, daß sämtliche Juden in seinen Landen und Städten verhaftet und bis zur Ermittlung der Schuldigen im Ciofüngnis verwahrt werden sollten. Dali die Geistlichkeil sich an der ganzen Sache eifrig beteiligte, wird nicht verwundern. Geistliche Personen nahmen auch, offenbar als Vertreter des Rischofs, an der Untersuchung teil. Die Ritterschaft, die ein großes Interesse halte, die Juden, bei denen sie verschuldet war, aus dem Lande geschafft zu sehen, um mit einem Federstrich alle ihre Schulden los zu sein, beteiligte sich sehr eifrig an der Verfolgung der ruchlosen jüdischen Religionsschänder. Indessen ließen viele städtische Behörden die Juden heimlich fliehen. Inzwischen wurde Salome weiter verhört und bekannte, daß er nicht gewußt habe, was mit dem dritten, bei ihm verbliebenen Hostienstuck anzufangen, da er gefürchtet habe, es werde im Wasser nicht untersinken, es werde aus dem Feuer springen (nämlich infolge der ihm Innewohnenden heiligen Kraft) und so seinen Frevel ans Licht bringen. Kr versuchte, es in einen reinen Weisenteig mit klarem Wasser zu drücken, aber zu seinem Schrecken war der Teig alsbald rot geworden. Er machte aber trotzdem aus jenem Teig eine Mazzah. schob sie in einen Backofen, worauf ein schöner lichter Glan! sich im Ofen zeigte, und über dem Kuchen, der Mazzah nämlich, zweimal ein „säuberlich kleines Kind" schwebte; mehrere Juden seien dabei zugegen gewesen. Durch dieses Mirakel bewogen, hängte Salomo die Mazzah in der Synagoge zu Spandau auf. wo sie denn auch gefunden wurde. (Was gefunden wurde, war offenbar das Stückchen Mazzah. welches man in allen Zeiten für Pessar!) Scheni in der Synagoge aufzuhängen pflegte.) Alles das hatte Salomo unter der Folter gestanden, und nun war es klar, dal.t alle Juden der Mark sich verschworen hatten, den Leib Christi zu peinigen. Das konnte natürlich nicht ohne Einvernehmen mit ihrem religiösen Führer geschehen sein, daher ließ der Kurfürst diesen, es war Rabbi Sloman (Salomon) von Brandenburg, nach Berlin bringen. Ebenso obgenannlen Jakob und seinen Sohn Smoll. Dieser Jakob war am 18. Juni, als der fürstliche Befehl kam, ihn nach Berlin zu bringen, bereits gefoltert worden und hatte in der Pein, im Beisein und auf Ermahnung vieler weltlicher und geistlicher Personen merkwürdige Geständnisse gemacht. Kr wollte ein Hostienstück ganz genau in der Verpackung, die Salomo von Spandau unter der Folter beschrieben, von diesem erhallen, und davon dem Rabbi Sloman. obgleich er mit ihm angeblich in Unfrieden gelebt, Mitteilung gemacht haben. Dieser Jakob war ein sehr zweifelhafter Charakter. Er spielte sich dem Untersuchungsrichter von Brandenburg als heinilich von seinem angestammten Glauben abgefallen auf und eine Nacht nach seiner Einkerkerung gab er an. daß ihm die Jungfrau Maria im Traume erschienen wäre, auch andere Visionen wollte er gehabt haben, die ihn veranlaßten, sich taufen zu lassen. (Er wurde schließlich mit noch einem der Angeklagten getauft und dies nutzte ihnen insoferne, als sie durch das Schwert hingerichtet und von dem inarter vollen Tode des Verbrennens verschont wurden.) Im Beisein des Rabbi wäre nun in seinem, Jakobs, Hause das Stückchen der Hostie aus der Blechbüchse genommen und auf einen groben Tisch gelegt worden, darauf hätte er aus bösem Mutwillen mit einem Weidmesser und anderen kleinen Messern darein gehauen und gestochen; ganz genau dasselbe gestanden die beiden Söhne Jakobs und ein Mann namens Isak. Darauf wurde der Lokalaugenschein aufgenommen, dabei haben alle Bezichtigten genau den Tisch angegeben, auf welchem sie in das Sakrament gehauen, wo dieses geblutet, und wo der Rabbi Sloman einen Span, auf dem sehr viel Blut gelegen, aus dem Tischt gehauen habe. Man sieht, so unentwickelt die Kultur dasuinal auch war. in der Kunst, die Untersuchung geschickt zu führen und Geständnisse zu erzielen, standen die damaligen Juristen bereits sehr hoch. Allein aus unserem Jakob wurde noch viel mehr herausgebracht. Kr gestand nämlich unter der Tortur, daß Rabbi Sloman mit seinem Wissen und Willen die derart geschändete Hostie mitsamt dem reichlich von ihrem Blut getränkten Span nach Ost er bürg zu dem Juilen Meyer gebracht und von diesem im Beisein des dortigen Rabbi übergeben habe. A:n 24Mal wurde die Hochzeit des Sohnes dieses Meyer, namens Isak, gefeiert, und hei dieser Gelegenheit ergötzten sich die anwesenden Gäste, nicht weniger als vierundzwanzig an der Zahl, mit dem Spaß, das aus Brandenburg herbeigeschaffte Stückchen der Hostie abermals mit Pfriemen und Messern zu stechen, und abermals sei daraus ..mildiglich" Blut geflossen. Daraul sei die Hostie mitsamt dem Span vergraben, aber gleich w ieder ausgegraben und nach Braunschweig zur weiteren Mißhandlung und Schändung gesandt worden. Auffallend ist hierbei die Ähnlichkeit der zutage geförderten Resultate mit denen des Mecklenburger Prozesses vom Jahre 1482. Damals waren nämlich zu Sternberg im Mecklenburgischen fünfundzwanzig Juden lebendig verbrannt worden, weil sie ebenfalls eine Hostie ganz und gar nach derselben Schablone gestochen, gemartert und verspottet hätten, und zwar gleichfalls gelegentlich einer Hochzeit, wobei dieselben Wunder geschehen wären, die ..Schuldigen" auf dieselbe Weise gestanden hätten. Und 17 Jahre darauf sollten die Juden der nächsten Nachbarschaft dieselbe Prozedur, genau nach der Schablone, wiederholt haben! Es war nun so ziemlich um alle Juden der Mark Brandenburg, soweit sie sich nicht durch die Flucht gerettet hatten, und solche waren nur wenige, das Netz geschlungen. Nun ließ der Kurfürst alle Eingekerkerten nach Berlin bringen. Ks waren ihrer etwa hundert Personen. Jetzt schien die Sache doch ein wenig bedenklieh zu werden. So sehr mau von der Wirklichkeit der Wunder überzeugt war. das Volk war doch nicht mehr abergläubisch genug, um zu glauben, daß so viele Menschen auf eine talergroße Oblate mehrmals mit Messern einbauen und stechen, sie vergraben und wieder ausgraben, sie lagelange Reisen machen lassen könnten, ohne daß die geweihte Hostie sieh in Atome auflöste. Aber die Opfer mußten unbedingt belastet werden. Daher wurden, wie ein christlicher Forscher sich ausdrückt. „Verbrechen ersonnen, um überhaupt Verbrecher strafen zu können". Jetzt tritt nämlich die äußerlich nicht hierher gehörige, aber psychologisch mit dem Glauben an Hostienschändung zusammenhängende Blulbeschuliliguug auf. Obgleich nirgends Kinder vermißt worden waren, erheben die Untersuchungsrichter gegen eine Reihe von Angeklagten, denen man keinen Zusammenhang mit den angeblichen Hostionschiindern nachweisen konnte, den Vorwurf, daß sie vor ungefähr neun oder zehn Jahren ein dreijähriges oder vierjähriges Christenknäbleln von einem fremden Christen mll langem Barte für 10 Gulden gekauft, es in einem Keller auf einen Tisch gelegt, mit Nadeln durch die blutreichsten Adern gestochen und ihm zuletzt die Kehle abgeschnitten hätten. Andere sollen ein vierjähriges Christonk i ml. das ihnen ein Jude aus Böhmen gebracht, für in Gulden gekauft und ihm auf ähnliche Weise Blut abgezapft haben. Wieder andere hatten zu Ostern 1500 ein Kind seiner Muller. einer Bäuerin, um 21 Groschen abgekauft und ihm den Hals abgeschnitten. Auf dieselbe Weise sollen noch ein paar Kinder, die von niemandem gesehen und von keinem vermißt wurden, durch die Juden umgekommen sein. Man sieht, damals, sieben Jahre vor dein Auftreten Luthers, war der (Haube an HostienschUndungen doch schon erheblich erschüttert und konnte eine Anklage nicht mehr tragen. Darum mußte der noch immer zündende Rlutglaube herbeigezogen werden, um die Anschuldigungen zu stützen. Natürlich gestanden die Juden unter der Folter alles ein, was man von ihnen herauspressen wollte. Die gewissen haften Untersuchungsrichter waren (natürlich) mit der zweifellosen Feststellung der nackten Tatsachen nicht zufrieden: sie hieltet] es für ihre hehre Pflicht, auch nach den Beweggründen der jüdisch611 Mis-e-