Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 15 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 Nummer Iii kannten; vor allem an der eigenen Schwerter Hasel, si<- leidet seit früher Kindheil an dem ü r g e n den, l rag Isc Ii e n M I n «I e r w ertickeltfk o m p I e x. i ii il i n i u sei n : .sie kann ihn nur ertragen, wenn sie sich Uber jemand erheben kann — und das w ■, i |hr eig e nei \ ol k. Offen slöfll »ie es hervor: Ja, ich schäme mich, jüdisch zu «ein, ich hin gerade so gut wie irgend jemand; ich hin genau soviel werl wie all die Christenmädchen, die ich könne Müssen wir denn jedes einzelne Problem dos Lebens mit unserem Judentum verquicken? Gleichen wir nicht anderen Leuten mehr, als wir anders geartel sind wie sie?! Hier hat man mich keine Religion gelehrt ihr solltet einmal Pater Pinnegan v on d e r irischen Kirche kennenlernen! Dieser, so hoffte sie. sollte bald ihre Ehe mit dem katholischen Henry Fleming einsegnen. Sie muß sich dem Widerspruch ihrer Eltern nach manchen Tränen und Szenen wohl fügen und den reichen Schuhfabrikanten Eli Sinsheimer in Doston heiraten. Aber ihr Haushalt, ihr Verkehr, die Ersiehung ihres einzigen Kindes - sie sollten betonl unjüdisch sein und bleiben. Bis die zunehmende Entfremdung ihres natürlicher empfindenden Mannes sie in den Scholl ihrer Familie zurücktreibt, wo eine Gesundung sich anbahnt. Und Dr. Arthur selbst? Auch er war bereits auf der Flucht vor einer Wirklichkeit, die keine innere Bedeutung für ihn halte: er fühlte das Bedürfnis, eine Last abzuschütteln, die Ihm unerträglich schien, anstatt sie stolz auf sich zu nehmen und sich ihr gewachsen .Mi zeigen, Auch er hatte die Schutzfärbung angenommen (bis auf den Namen freilich, der auch im freien Amerika seine absondernde Wirkung übte); nicht aus Feigheit, sondern im (leiste di r Liebe, der Loyalität, der Kameradschaft. Er wollte tiefinnerlich Amerikaner werden: aber konnte er seine Ahnenreihe und seine Erfahrungen verächtlich beiseiteschieben und sich plötzlich umstellen, um nie mehr als Jude erkannt zu werden.' Vergebliche Mühe. Kr glaubt am Ziel zu sein - da hört er das Wort Zischeln, das ihm soviel Pein ("•reitet. Daher auch in ihm die krankhafte, zerquälte, anmaßende und doch knechtische, patriotische und zugleich revolutionäre Seele. In seinem Hinte rebelliert es; es ist der „Protest g< gen Kischinew"; seine jüdische Seele will in ihm auferstehen. Gerade seine Ehe mit der für sich betrachtet edlen Nichtjüdin verhilft ihm dazu. Niehl lange war es eine wirkliche Ehe; bald war es nur noch ein Nebeneinander, und psychische Reibungen mehrten sich. Elisabeth Knighl klagt: ..Können wir denn nicht rein menschlich sein?" Ihr Kind soll als religiöser Jude erzogen werden unmöglicher Gedanke. Alfrod weiß, es gibt keinen Platz für artlose Men schon in der Welt; schon daß sie außerhalb der Religion und Uber dem Nationalismus stehen - «las eben würde ihre Art Lüden und ihre innere Sippe. Die Grundlage des Lehens ist bei beiden nicht gegensätzlich, aber sie ist vorschieden. Und Alfred entscheidet sich für seine leidenden Brüder in Rumänien, persönlich will er als Arzt unter ihnen wirken - sein Herz ruft ihn gen Osten. Elisabeth gibt ihn frei; und der alternde Vater erteilt dem Sohne den Segen mit den schönen Worten: Meine Generation hat versucht, das Haus Israel ni e de r z ur e i ße n v i e I I e i c h I w e r d e t i h r o s w i e d e r aufrichte n. Bevor er hinaussieht, seinen Brüdern zu helfen, spielt ihm Reh Moscho hakohen die Märtyrerrolle aus der alten Truhe in die Hände, sie wird ihm zum Adelsbrief; köstlicher durch die Beispiele der Hingabe und der Opfer, als wenn sie von sogenannten Ritter- und Heldentaten erzählte. Und auch in der alten Hagada liest er jetzt mit Hilfe seines Mentors: „Immer soll der Mensch sieh Lei rächten, als sei er seihst aus der Knechtschaft gesogen, und Gotl habe auch ihn erlöst." Aus dem Erbe im Blut ist ein Erbe im (leiste geworden. Jenes ein Schicksal oder Geschenk; dies eine Aufgabe, ein Werk für ein ganzes Leben, ja für Generationen. Reb Moscho hakohen ist zum Elias für einen wertvollen Mensehen im Judentum geworden; wir sind sicher: er kredenzt ihm jetzt von Pessach zu Pessach den ihm geweihten Becher. DAS JUDENPORZELLAN In der aus Anlaß des 200. Geburtstages Mose-. Mendelssohns in Dessau veranstalteten Gedächtnis-Ausstellung befand sich unter de.ii vielen interessanten Ausstellungsgegenständen auch ein großer .in- Porzellan hergestellter Affe, der allgemeine Aufmerksamkeit und Verwunderung erregte. Dieser im Besitz der Familie Mendelssohn befindliche, sorgsam aufbewahrte Alle ist höchstwahrscheinlich eine .iii* der Berliner königlichen Porsellaninanufaktur stammende Reliquie, die an eine bekannte von Friedrich dem (irotten für die Juden erlassene Verordnung erinnert. Der große Preußenkönig Friedrich II. hat bekl.....Dich das Wort g< sprachen, daß in seinem Reiche jeder nach seiner Fasson selig w, rden könnte. Tatsächlich ist er ja auch ein durchaus toleranter Mensch gewesen — allerdings erstreckte sich diese Toleranz Bichl auf d;e Juden, denn hier war er noch in den Vorurteilen seiner Zeit befangen, die in den Juden vornehmlich eine Einnahmequelle sahen. Ihre gesellschaftliche Achtung hat auch ein Friedrich der Große nicht umzustoßen versucht, und wenn sie selbstverständlich während seiner Regierung auch ungestört ihrem Glauben nachgehen konnten, so wurden sie doch mit kleinlichen Zwangsmaßnahmen verbittert Dazu gehörte vor allem die Notwendigkeit, Lei Eheschließungen, Todesfällen. Hauskäufen usw. ein,, größere Menge Porzellan aus der Berliner Manufaktur zu entnehmen. Im Jahre lTiil war vor allem auf Betreiben des Kaufmanns Gotxkowski in Berlin eine Porzellanmanufaktur entstanden, die zwei Jahre gpäter in den Besitz des Königs Uberging. ALer der Absatz dieses neuen Betriebes ließ noch zu wünschen übrig, und deshalb -nebt, man nach Möglichkeiten, ihn zu erweitern. Da kam man auf die Ll. e. daß, ähnlich wie dii- Generallotteriepachlsozietät, so auch ■ Ii.- Juden Zwangskäufe in der Königlichen Manufaktur tätigen mußten. Hoch nicht genug damit, sie wurden auch genötigt, es im Ausland abzusetzen, um dadurch Geld ins Land zu bringen. Jegliches l'rivilegium, das sie nachsuchten, wurde nur dann bewilligt, wenn sie auch gleichzeitig eine bestimmte Menge Porzellan Ubernahmen. Schwer lastet.- die Abgabe auf ihnen, und es sind uns eine Reihe von Bittschriften erhalten, in ih nen die Betroffenen sich an den König um Befreiung von dem Ankauf wandten. So schrieb im Jahre tTK'J die Witwe des Marcus Moses aus (ioldin in der Neumark an Friedrich den Großen: ..Ich soll wegen des Hauses, welches ich aus dein Nachlaß meines 17i><> verstorbeneu Ehemannes allhier besitze, noch für J70 Thaler Porcellaine aus Kw r. Kgl. Majestät Manufaktur zu Berlin nehmen und außer Landes debitieren. Ich habe aber schon 1778 für die damals erhaltene Konzession zum Besitz dieses Hauses für 80 Tbaler Porcellaine gekauft. Das Haus selbst, welches sei..... seit 1708 in jüdischen Händen sich befunden hat. ist kaum -'IUI Thaler wert, und datier bin ich unvermögend, mehr l'or/ellaine zu kaufen. Ich habe auch bereits diese Umstände Ewr. Kgl. Majestät (ienernlliskal v. Amierres vorgestellt, allein ich finde bei ihm so wenig Gehör, daß ich vielmehr mit Exemtion belegt und gezwungen worden bin, einige meiner Kleidungsstücke zu veräußern, um nur die Exe- CUtionsgebühren zu bezahlen. In solcher Not und in der traurigen Aussicht, ganz ruiniert und au den Bettelstab gebracht zu werden, werfe ich arme 85Jährige Witwe mich zu Kwr. Majestät Füßen nieder und liehe Allerhöchst dieselben als den gerechtesten und gnädigsten Landesvater um den allerhuldreichsteu Befehl, daß ich mit dem meine Kräfte und den Werl meines Hauses weil übersteigenden Porcellaineankauf gänzlich verschont bleibe, in allertietster Demut wehmütig an." Derartige Fälle mögen des öfteren vorgekommen sein. In der Praxis wird es den Juden oft beim besten Willen nicht möglich gewesen sein, die vorgeschriebenen Mengen zu übernehmen und die Beträge in die Staatskasse abzuliefern. Für das Gedeihen der Porsellanmanufaktur hatten die Zwangsankäufe der Juden nicht die gehofft« Wirkung, denn durch das massenhaft auf den ausländischen Markt geworfene Porzellan wurde der Wert desselben herabgedrückt: auch wedle kein Mensch mehr direkt bei der Manufaktur kaufen, da er ja das Porzellan bei den Juden viel billiger halten konnte. S.....ußle man mit der Zeil ein sehen. daf.t man mit dieser Zwangsabgaho einen Fehler gemacht habe. Trotzdem hielt Friedrich der (trolle au seiner einmal gegebenen Verfügung fest. Während seiner Regierung muffte jeder Jude nach der einmal erlassenen Bestimmung handeln. Manche Fälle entbehren nicht