Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 15 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ßemeinö cUatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! D.is Genie IndebUtl endietal |eden Frettag und vtrd den Mitgliedern «Irr Rdlgtonageareindc i.....mv.-iiiuli ilurili dir Fori raMlelh - S . Ii i i i i I <■ i i u n i; : I _ n _ , — «. tt i nn,| GeaKinderabUncr i.um.k c.iim, iVipxig, loiirsirailr10 I r KtITAG 11» APKIL l9fO NUMMER IS / JAHRGANG 6 Anuigenverweltuiti und Druck: Budidrudierel AugwN Priei, Ldpilg, BrOdentr. 59 - Fernrul 70006 - l'esisdxik Lelpsig 53920 - \adulruo\ nur mii Quelleningabe uml mii Genehmigung des Wrfiirn gestatte! •>i DAS ERBE IM BLUT E i ii 6 Pessar Ii I) e I r;i <■ h Inn; Von Dr. s. Samuel (Essen). (C Aiis keinem Buche der neueren, mit jüdischen Problemen gesättigten, schönen Literatur weht uns so deutlich ein Passahgeisl an, wie uns der Ersählung Ludwig Lewisohns: „Das Erbe im Blut*' mii ihrer meisterhaften Spiegelung der amerika; nischen Judenheit. Auch eine moderne Dichtung kann wie eine Hagada über unser Pessachtesl wirken, tritt auch darin kein Erzvater, kein Pharao oder Muses und Aron auf. Ein schlichter Sclmllelirer in Wilna, Beb Mendel, ist es. der mit Braine, der Enkelin hoher üeistesbeiden Iiis herauf eu Raschi, jene Familie gründet, deren Schicksale wir erfahren sollen. Um das Jahr 1860 nimmt Ii. Mendels Sohn, der Fabrikant Efraitn, verheiratet mii Bifke Brailaver in Insterburg, den Familiennamen Levy an und sieht darin ein Zeichen voller Einbürgerung im kultivierten Preußen. Aber sein ältester Sohn Tobias schon wird Jurist und findet es bei seiner Begabung vorteilhafter für die Karriere, sich taufen zu lassen und in Berlin als Justisral den Namen Theodor Burghammer tu führen. Den jüngsten Sülm Jakob, der weniger schulbegabt war. treibt es mu h New York; auf ihn. den erfolgreichen Möbelfabrikanten, und dessen Frau und die beiden Kinder, den späteren Nervenarzt Arthur und die Tochter Hasel, lallt das stärkste Licht der Dichtung. Hinter dieser aber erhehi aieh das jüdische Problem von heute. Beklommenen Herzens erleben wir den fortschreitenden, inneren Abfall vieler Menschen dieses Kreises, der schließlich zum Alliieren führen muli. Das aber ist nur der Anfang, die Zeil des Niedergangs; mit der ja auch die Pessachhagada beginnt Am Ende aber steht der Triumph derer, die sich treu gebliebeu, und «las Sichwiederfinden solcher, die sich verloren hallen: ein tapferes Sichbekennen zum Erbe im Blut, nein hesser im (Seist. Und das ist das große llallel unserer Tafle. Launig entschuldigt der Verfasser sich zu Anfang wegen der vergeblich ausgegebenen 2 Dollar seitens «lerer, die nur eine spannende Braählung, aber keine Abhandlung von ihm erwartet haheii. ihm liegt seine Abhandlung, sein Problem am Herzen. Kr will eindringlich (eigen, wie «I >r Jude gegeu sich selber Wütet, seinen Seelenfrieden untergräbt und zum beklagenswerten Nervenbündel wird, wenn er alle Energien darauf richtet, das jüdische Erbe in sich zu ertöten und vor der Welt jederzeit zu verleugnen. Ludwig Lewisohn leitet Jedes neue itiich seiner Geschichte mit relIgi <• u sgesch Ich 11 i c Ii e n und kulturpolitischen Untersuchungen ein: die Fortoetaung der Eraählung soll dann den Beweis für seine Behauptungen erbringen. Was kann es nebenher dem nichtjüdischen Leser bedeuten, dafl diese Familie einmal eine alle Truhe aus Deutschland nach Polen, sodann durch die halbe Welt und jetzt nach Amerika mitgeschleppt bat. wie die Kinder Israel die heilige Lade in der Wüste.' Für den jüdischen Leser ist es bedeutsam genug; denn in jener Truhe barg die Familie unter anderem eine köstlich geschriebene Hagada für Pessach, aber auch nn tränenbenetstes Manuskript: „Berichte von Augenseugen über das Martyrium rheinischer Gemeinden zur Zeit der KreussOge" '). I nter den Duldern jener Tage waren aber die Vorfahren unserer nach Polen geflüchteten Familie! Beb Mosche Hakohen, der die Lade jetzt hütet. Vertrauensmann einer chassidischen Gemeinde in New York, ist den gleichen Voreltern entsprossen, wie Jacob und Dr. Arthur Lew: und er ist es. der in letzterem die entscheidende Wendung /.um bewußten Judentum nach langen Jahren der Entfremdung herbeiführt. Dr. Levy wird von seiner christlichen (lattin Elisabeth Knighl (sie hat Gewicht darauf gelegt, ihren Mädchennamen beizubehalten) freigegeben, und groBmütig verspricht sie, ihr gemeinsames Kind .lohn jüdischer Ersiehung zuzuführen! Linen ernsten Kiiisehlatr in das (iewelie der Dichtung wie der Meditation des Verfassers bildet die Verwendung psychoanalytischer Methoden und Erkenntnisse auf die Seelenlage des .luden. Ludwig Lewisohn lälil seinen Helden die Arbeiten von Freud und Adler als Sonderstudiuni betreiben, und macht ihn zum ersten Vermittler ihrer Wissenschaft in Amerika. Kr selbst wird sich zum Gegenstand einer tiefen Selbstochau, die vor keiner noch so bitteren Wahrheit zurückschreckt. Auch er litt am Judentum; aber er muH SUgeben, dafl er keinen Grund hat. seinen ehrenwerten Vater Jakob Lew geringtuschätaen wegen gewisser jüdischer Gebärden und Redensarten, die in nichtjüdischer Gesellschaft auffallen würden. Ist es «loch derselbe Vater, der ihn in groflheraiger Weise hat studieren lasse n im«! auch nachher noch lange materielle Sorgen von ihm fernhielt: der ebenso wie seine Muller einen ausgesprochenen Wohltätigkeite- Slnn bewies und von dem Ehrgeis frei war. in der nichtjüdischen Welt eine Rolle zu spielen, wie konnte er jemals glauben, dafl er (Iii besseren Genossen Mir Freundschaft, Arbeit oder Mulle nur auflerh a I b d e s .1 u d e n t u Iii s linden werde; w ie konnte er bei der Wahl der Gattin die Stimme des Gewissens so Übertönen und die scheinbar emanzipierte, übrigens ehrenhafte und begabte Tochter eines Metho distenpredigera heimführen, in der das Heimweh nach den Chorälen ihrer Kindheitekirche nie erstarb) Dr. Aiihur brauchte nicht erst wissenschaftliche Bestätigung aus seiner Privatpraxis oder in der Anstalt für Geisteskranke zu erhalten. Kr lernte in dieser Richtung genug an jüdischen Vettern und Be- ') Wir kennen es in Deutschland unter dem Titel Edom (im Jüdischen Vorlag).