Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 15 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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II. April 1980 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG der Traglkomlk: so erhllt Abel Lewin in Freienwalde eine „Kon- , i ssion als publiquer Bedienter bei der dortigen Judenschatl in der Qualität einei Totengräbers", aber diese hohe Würde verpflichtete ihn, für 28 Taler Porzellan zu kauten, „Man »1«■ 111<<» sich in die Lage eines armseligen .luden'*, so schreibt Kolbe in seiner Geschichte der Königlichen Porzellanmanufaktur, „in einer der kleinen Städte der Mark, in Schlesien, Westfalen, der sich etablieren oder verheiraten wollte, und nun für 300 Taler Porsellan kauten muß, während er vielleicht nicht 300 Groschen besaß, wie dies doch aul dem Lande bei der Vfehrzahl der Fall war, und der nun doch gehalten war. dies Porzellan Im Ausland abzusetzen, wozu es ihm in der Regel an jeder i lelegenheil fehlte." Als der groOe König seine Augen geschlossen hatte, da versuchte mau nun bei der neuen Regierung, die Aufhebung dieser drückenden Maßnahme durchzusetzen. Im Laufe der Zeiten waren erhebliche Rückstände aufgelaufen, und die Alt« ton der Judenschafl der Monarchie wurden um Ablösung dieser Abgabe vorstellig. Sie waren sich selbstverständlich darüber klar, daß dies ohne ■jroße pekuniäre Opfer nicht vor sich liehen könnte, und holen für die vorhandenen Rückstände von etwa 80000 Talern eine Summe von »0000 Talern, die sie schließlich auf 35000 Taler erhöhten. S:> erging nunmehr eine Kabinettsordre vom (>. Desember ITH", die gegen eine Zahlung von 40000 Talern die Judenschaft Preußens rür alle Zeiten von dieser lästigen Abgabe befreiten. Diese hohe Summe wurde von den .luden Berlins auf einmal bexahll und dann nlhnählirh entsprechend der Bevölkerungszahl, von den Juden der Pro* ins zurückerstattet. Dr. W. Aus aller Welt v. Bttlo« und die Dreyfns-Affäre. Rechtsanwall Dr. Bruno Weil, stellvertretender Vorsitzender des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hielt am Mittwoch, dem 5. Februar, abends, in der Berliner Singakademie vor piner Zuhörerschaft, die sich zu einem großen Teil aus Juristen zusammensetzte, einen Vortrag Ober die „Affäre Dreyfus", der im Auf hau außerordentlich spannend und in der Wirkung sensationell war. Der Vortragende gab Kenntnis von den deutschen Akten zu in I all Dreyfus. von denen der größte Teil Iiis jetzt einer weiteren Oeffentlichkeil vollkommen unbekannt war. Die Akten betreffen Berichte des damaligen deutschen Botschafters in Paris, des Grafen Münster, des deutschen Militärattachees Oberst Schwankoppen, dei nach der Version der Anti-Dreytus-Partei die Mitteilungen vom ..Verräter Dreyfus" über französische Militärgeheimnisse und das mysteriöse ßordereau in Empfang genommen Italien soll. Randbemerkungen des früheren Kaisers Wilhelm II. zu den Berichten, schriftliche Aeußerangen des damaligen Reichskanzlers. Fürsten BUlow, die Nieder« schrifl einer fast tragisch verlaufenen Unterredung zwischen Münster und Schwarskoppen und vieles andere. Aus allen diesen Berichten, Aufxeichnungen und Randbemerkungen geht klar und zweifellos hervor, daß der von der französischen Militärpartei wegen Verrats militärischer Geheimnisse an Deutschland verfolgt gewesene und von zwei Militärgerichten verurteilte jüdische Kapitän Alfred Dreyfus niemals Irgendwelche mittelbare oder unmittelbare Besiehungen zu deutschen zivilen und militärischen Stellen unterhalten hat. ebenso zweifelsfrei gehl aus den deutschen Akten hervor, daß der französische Major Kstherhazy. der damals von der französischen Militärpartei gedeckt und gegen die Anklagen eines Zola. Clemenceau und anderen mehr beschulst wurde, dem Obersten Schwarzkoppen französische militärische Akten auslieferte und au ihn jenes mysteriöse „Bordereau" schrieb, das später in die Hände des französischen Generalstahs gespielt wurde und dessen Autorschaft durch ein falsches Urteil von Schriftsachverständigen Dreyfus siigeschrieben wurde. Das spannendste Moment in dem Vortrat; Dr. Weils war die Schilderung der folgenden Episode. Bevor der zweite Dreyfus- Prozeß vor dem Militärgericht in Keimes stattfinden sollte, wandten sich der damalige französische Ministerpräsident, der französische Außenminister und der französische Kriegsminister isoliert und U'eheim, ohne daß einer von der Tat des anderen wußte, teils an Kaiser Wilhelm, teils an den Reichskanzler Fürsten Bülow mit der Bitte, wenn Dreyfus unschuldig ist. das mitzuteilen, was ihn entlasten kann. Der Appell ih r französischen Regierungsleiter ist daraus zu erklären, daß sich Frankreich damals infolge der Dreyfusafilre fast au der Schwelle eines Bürgerkrieges befand, der durch die Klärung des Falles vermieden werden sollte. Aus den deutschen Akten gehl null hervor, daß Kaiser Wilhelm seinerseits nicht abgeneigt war. das zu ScMr :i tun. was zur Liquidierung der Affäre geführt hätte. Fürs! Bülow, der Reichskanzler, aber vertrat einen anderen Standpunkt, Bs sei nicht zu wünschen, so fühlte er aus, „daß Krankreich durch eine rasche und eklatante Reparation von Dreyfus sich sofort wieder die liberale und jüdische Sympathie erwirbt. Am besten ist es. wenn die Affäre weiter schwärt, die Armee zersetzt und Europa skandaliert." So wurde die Rehabilitierung Dreyfus' auf Jahre hinaus verzögert. Das Rechtsprlnsip und die Ehre eines untadeligen Ehrenmannes wurden der staatsraison geopfert. Der Vortragende schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß sich im neuen Deutschland in Fällen von Justizirrtümern und Justizmorden immer mutige heute finden mögen, die wie die französischen Vorkämpfer «les Rechts, die „Dreyfusards", Leben, persönliche Wohlfahrt und Ansehen daran setzen, um der Wahrheil und dem Hecht zum Siege zu verhelfen. Unsere Gemeinde Anmeldungen für den Religj.........lerriehl in der Tal......I Thcra „Ahawas Timm". Färbersir. I fi werden Im no«in vom 15. ls. April zwischen II 12 Uhr vorm., und vom 21. Iiis zum '27. April von ll 12 Uhr vorm. entgegengenommen. Der Vorstand. m...... WaMim..... spricht: K u II d g e Ii u II g des K e r e n K a j e m e I Ii II II d der Z I OD i S t i - s c h e n V e r e i n i g u u g I. e i pz i g v o m A p r 11 1830, In einer großen Reihe von Städten haben in den letzten Tauen und Wochen Kundgebungen des Keren Kajemeth zusammen mit örtlichen zionistischen Organisationen stattgefunden. Moses Waldmanns Besuch in Leipzig galt einer derartigen Kundgebung. Die zentrale Leitung des KKL, und die ZVfD. sind, so betonte Waldmann, in einem Augenblick an die l,reite jüdische Öffentlichkeit getreten, da in Palästina Boden angeboten wurde, und die Pessachaktion des KKL. in vollem Gange war. Auch politisch durfte man nicht mehr so trübe sehen inzwischen ist auch die günstige Unterhauserklärung MacDonalds bekannt geworden . und die Einheitlichkeil des Auftretens verschiedener entscheidender jüdischer Körperschaften tat ein Übriges, die jüdische öffentlichkeil froher zu stimmen und einen gewissen Optimismus aufkommen zu lassen. — Moses Waldmanns weitere Ausführungen dienten der Pessachaktion als Start. Waldmann verfügl über eine Volkstümlichkeit der Sprache und des Denkens, die niemals ihren Eindruck verfehlt. Seine Schilderung der fetzigen Lage der luden in allen Ländern mußte von jedem, der zuhörte, instinktiv beantwortet werden durch den Willen: Selbsthilfe! Produktivierung der .luden! Aufbau Palästinas! Arbell und Boden! — Durch einige ernste Worte wurde auf den Tod Lord Baifours. des Schöpfers der Balfour Deklaration, hingewiesen. Die Versammlung hörte die Klirunu stehend an. Ralf Our kannte die luden als Enkel der Propheten, nicht als Söhne von Krä.....rn, und darum konnte er sich, aus einer weiten geistigen Perspektive heraus, für ein so gewaltiges Beginnen, wie es der zionistische Aufbauplan ist. ein setzen. Kintaiiseiidachthiiiidert Jahre lang haben die .luden keine politische Ersiehung genossen, sondern nur auf ein Wunder gewartet, und jetzt halien die Juden in den letzten 1<i Jahren einen gewaltigen Selbsthilfswillen gezeigt. Drei Milliarden Mark sind von Juden für •luden ausgegeben worden, vom Joint und anderen Fonds. Aber sinn volle Selbsthilfe kann nur darin bestehen, dem -luden eine ökonomische territoriale liasis zu geben, den produktiven Menschen, den Arbeiter, den Hauer, kann keine Macht der Welt, keine Revolution und keine Krise wegfegen. Das ist der Sinn des jüdischen Palästinaaufbauet. Und wenn heule die .luden die Sympathien der Well genießen, wenn ein Vandervelde, ein MacDonald, für das jüdische Volk sich einsetzen, so deshalb, weil hier ein Einklang von Wort und Tat zu spüren ist. und hier Prinzipien echteren Wertes gelten als in der übrigen Welt. Oer Keren Kajemeth ist in der ganzen Welt der erste grundlegende Versuch, das Gemeineigentum an eirund und Boden zu verwirklichen Der Großgrundbesitz ist der Anfang aller Ungerechtigkeit, und Qrundbesitz in privater Hand ist Monopol und gibl Gewalt über Menschen. Der KKL führt das alte jüdische (iehot durclr ..Ihr sollt den linden ewiglich nicht verkaufen, denn mein ist der Hoden, und Ihr seid mir Beisassen auf ihm!" und begründe) die nationale Befreiung auf der sozialen Umschichtung. Auch die Kapitalisten in der Jewish Agency, die gewiß Land, das man nicht beleihen und als beliebige Ware behandeln kann, nicht sehr lieben, ahnen, daß die Sache des Kereu Kajemeth und der Hoden der Jüdischen