Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-03-07 · 10 (7.3.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
10 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4876568-5968776-5969158--3058-4877494
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 GEMEIXDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LBIPZIU _________ i — Nummer In linden. Im rhassidischen Schrifttum linden sich sogar Prophezeiungen, die Napoleons Geburl voraussagen, und solche, die seinen Stur« verkünden. Sil weist der gelehrte Chassid Aren Marcus in seinem Werke Uber den Chassidismus aul eine im Jahre 1648 erschienene kabbalistische Schrill „Dan jadin" des Rabbi Schimschon von Ostropolje hin. in der sich >lie lolgende merkwürdige Prophezeiung findet: ..In der Zukunft wird der unter der kabbalistischen Forniel Armllus benannte Herrscher unter dem Kamen Na pol, ein Zweig vom stamme Kains, auftauchen und sich mit Ismael verbinden wollen." Her bekannte Kabbalaforscher l>r. Erich Bischof! erwähnt in seiner Schrill „Die Kabbalah" eine jüdische Sage, wonach im Jahre 1812 ein polnischer Kabbalisl dem gegen Moskau siebenden Napoleon seinen bevorstehenden Untergang prophezeit haben soll, nach einem Berichte aus den Sternen, nach anderer Oberlieferung durch Qeinatria (mystische Zahlendeutung), indem er für lM'J. d. h. 572 der ..kleinen" jüdischen ■Iahre8rechnung, die Worte fand: kei al Napoleon (..l);is Ende über Napoleon"), Merkwürdiger noch ist folgende durch viele beglaubigte Geschichte: Ein Jahr vor dem napoleonischen Feldsug gegen Rußland las der berühmte Chassidinirabbi Israel von Kozieniec am Vorabend des Purimf estes »ij• Estherrolle vor. Als er an die sielte kam, wo Seresch, die Gemahlin des Kanzlers Hainau, diesen vor Mardochai warn) und ihre Warnung mit den Worten schließt: na pol tipol, was man wörtlich ins Deutsche mit „fallen wirst du. lallen!" Ubersetzen müßte, da hielt der Rabbi eine Weile inne und rief dann aus: „Napol. tipoll" ..Napoleon, du wirst lallen!" Der Kozieniecor Rabbi hatte also damit lange vor dem Moskauer Brand nicht nur den unglücklichen Ausgang des russischen Peldzuges, sondern auch den späteren Sturz Napoleons vorausgesagt, Zahlreich sind die Wundermären, Schriftdeutungen, Wortspiele, kabbalistischen Zahlenberechnungen, die aul Napoleon Bonaparte Bezug haben, sie beweisen, wie stark der große Korse die Volksphantasie im Ghetto beschäftigte. Audi Napoleon-Legenden, Napoleon- Vnekdoten, Kriegsepisoden waren im Ghetto im Umlauf. Aus deren Fülle sei hier ein Geschichtchen mitgeteilt, das historisch zu sein scheint, da es auch Bismarck einmal gesprächsweise erwähnte. Im Jahre 1812 wurde der berühmte Rabbi Sneor Salman aus Ladt, der Begründer einer neuen, unter dem Namen „Chabad" bekannt gewordenen c ha ssidi sehen Schule, vom russischen Hauptquartier beauftragt, inen verläßlichen Kundschafter zu stellen, Tür dessen Verläßlichkeil I bürgen könne. Der Rabbi war ob dieses Auftrages seinbetrübt, er lurfte indes nicht zögern, ihn auszuführen. Er berief einen Chabadäer, inen Hollhändler, der im Verkehr mit den Franzosen sich die französische Sprache angeeignet hatte. Diesem Hei die halsbrecherische Aufnähe ZU, sich im Dienste der russischen Regierung bei Napoleon als Spion zu verdingeu. Di r Mann entrann der FQsillade mit knapper Sol Er kam nämlich eines Abends mit einer wichtigen Botschaft und ■ urde zu Napoleon ins Zell geführt. Dieser lau am Fußboden über eine Karte ausgestreckt, die mit blauen und gelben Stecknadeln besät war. In deren Studium versunken, ließ er den .luden am Eingang stehen. Mit scharfein Auge überblickt der .lüde den Situationsplan. Eine Linie, die der Kaiser aufsteckte, wollte er Beinern Gedächtnis einprägen, und um diese festzuhalten, ritzte er ein Zeichen mit seinem Daumennagel in den Bleiknopf seines Stockes, So unauffällig die Bewegung war. sie «-1iiir• _ dem Falkenauge des großen Korsen nicht. Plötzlich stand Napoleon auf, eilte auf den an der Tür stehenden zu und legte ihm die Hand aufs Herz. Der Chabadäer, dessen Kopf gewohnt war. da- Herz zu beherrschen, blieb ruhig. Da sprach Napoleon: „Du verdienst erschossen zu werden, aber es ist schade um so l inen Kerl! Geh und komm nie wieder!' Marcus erzählt diese Geschichte und versichert, er habe sie von einem glaubwürdigen ii reis gehört, der den Chabadäer persönlich gekannt hatte, Ks verdient ferner angemerkt zu weiden, daß es auch in hebräischer Sprache eine Napoleon-Literatur gibt, die zwar nicht sehr bedeutend, aber in ihrer Art nicht uninteressant ist. Von der Verehruni; und Bewunderung, die Napoleon gleich bei seinem Auftraten in jüdischen Kreisen gefunden hat, zeugt eine Anzahl von Hymnen, die ihm zu Ehren in der Sprache der Propheten gedichtet wurden. Schon als Erster Konsul der französischen Republik wurde Napoleon in Lobes- Uedem gefeiert, Elle Halevy, nach dem Urteil des Geschichtsschreibers Graetz ein begnadeter hebräischer Poet, schrieb ein Gedicht „Haschalem" (Hymne ä l'Occasion de la paix), worin er die Großtaten der französischen Republik und Bonapartes verherrlicht; es ist hebräisch mit französischer und deutscher Übersetzung erschienen (Paris 1K;>'J) und auf dem Titelblatt ist vermerkt, daß der hebräische Text am 17. liminaire X. in der großen Synagoge zu Paris gesungen und der französische vorgelesen wurde (chantoe en hebreux el lue eil francais dans la grande Synagoge a Paris le 17. liminaire an X.). Im selben Jahre erschien eine Ode au den Ersten Konsul Bona parte „Misinor schir l'Bonapart" (Straßburg 1802) von Lippmann Moses BUschenthal, einem gebürtigen Klsüsser. und drei Jahre später von demselben eine (die au den Kaiser der Franzosen „Tehilla" (Rödelheim 180b). Auch Abraham Vita di Cologna, Grand-Rabbin zu Köln, schrieb „Schir lejoni huledeth", Ode pour le jour de la naissance de Napoleon le Grand, avec traduetion (rancaise par Michel Herr (Paris 1806). „Mis- UiOr schir" betitelt sich eine Ode zur Krünungsfeicr Napoleons (Paris 1804) , die einen Jakob Mayer aus Bentheim im Elsaß zum Verfasser hat, derselbe veröffentlichte ferner ein Gedicht „Mlsmor lethoda", Hymne auf die Krönung Napoleons zum König von Italien (Paris 1805) , und dann „Schir". Ode zum Geburtslage Napoleons 1. (ebenda 1806); alle drei Gedichte wurden mit französischer Obersetzung des genannten Michel Herr gedruckt. Anläßlich des Friedensschlusses zwischen Napoleon I. und dem Kaiser von Österreich verfaßte der berühmte Grammatiker Jehuda Löh Ben Seew ein Gedicht „Kol rina" (Wien 1810), das ebenfalls zur hebräischen Napoleon-Dichtung zuzuzählen ist. Nun — Lobeshymnen auf gekrönte Häupter sind in der hebräischen Literatur nicht gerade eine Seltenheit; die hebräischen Dichter lobpreiseten vielfach auch Herrscher, die keine Napoleons waren. Alier unter allen Kaisern und Königen ist Napoleon der einzige, über dessen Letten und Taten auch in hebräischer Sprache umfangreiche historische Werke vorliegen. Die Geschichte der Jahre 1812—181:1 behandelt Marcus Aron QQniburg in seinein Werke „llazarphatim h'Russia", Die Franzosen in Rußland (Wllna 184J). Eine Biographie Napoleons «ab der hebräische Schriftsteller Phöbus Schiffer unter dein Titel „Toldotfa Napoljon" in zwei Händen heraus (Warschau 1849). Den Feldzug Napoleons nach Ägypten beschrieb B. Kestin in seinem buche ...Massa Mizrajim" (Warschau 18(11). Einen Abriß der Geschichte der Juden in Frankreich und des großen Sanhedrin zu Paris im Jahre 1807 enthält die Schrift „Kizur dihhre hajainim libhne jisrael b'Zoi fath" (Warschau 18(14). Eine Lebensgeschichte Napoleons von dem hebräischen Schriftsteller A. M. Mohr, die in Czernowitz I8.V1 erschien, führt den sehr bezeichnenden Titel „Dagul merebhabba" (Ein Auaerwählter unter vielen Tausenden), einen durchaus modernen Titel, der ganz gut auch für Ludwigs Buch ..Napoleon" passen würde. Jüdische Verbände und Gemeinden MitgliederversamtaluBg dir Gesellschaft für die Wissenschaft de« 1 sdentims. Dil- Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Juden im"-, e, V., halt ihre diesjährige Mitgliederversammlung am Mittwoch, dem 19. März, pünktlich 20 Ohr, im Logenhaus, Herlin W 02, Kleiststraße in. ab. Ks ist gelungen, Herrn Dozenten Dr. I. Hei nein a 11 11 in Breslau als Redner zu gewinnen. Er wird über das Thema: „D i <• g eschichtli c h e n W u r z e i 11 d e s n eusei 11 i c Ii e n II u in a n i t ä t s g e d a 11 k e D s" sprechen. Es wird erwartet, daß der auch für einen weiteren Kreis sehr interessante Gegenstand des Vortrages zahlreiche Mitglieder veranlassen wird, die Versammlung zu besuchen. Auch (iäste können eingeführt werden. Fast WHI KrholiiiiKsheiliirftiKe im jüdischen kurlin-|ii(al in Kollier);. Uns wird mitgeteilt: Das Jüdische Kurhospital im Sol- und Seibade Kolberg hat im letzten Jahre "itri erholungsbedürftige Kl n d e r u 11 <l E r w a e Ii se 11 e aufgenommen und ihnen neue Lebenskraft und Lebensmut zugeführt. Die Erfolge waren aus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.