Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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. itmeinö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGBMtl N DE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! D.is (ienieludehlalt ersdieint jeden IVeititu und ulrd den Mitgliedern der RellKionsfjemeinde unentKeltlidi durdl die l'nst zu «»• stellt — Schrlftlvltlingl Cemelnderabblner (iustav Cohn, Leipzig, l.ohrstraUc 10 NUMMER lO / JAHRGANG G FREITAG 7.MAR2 lOlO Anieigenverwaltuiifl und Drink: BwMrudiereJ August Prien, Leipzig, BrOderitr«8Q - Fernruf 70006 - rast« sdiedv Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe md mit Genehmigung des Verfallen geataUel NAPOLEON IN DER JUDENGASSE Von s. Meiseis. Vorbemerkung. Ich lese soeben, daß Emil Ludwigs „Napoleon" demnächst in einer hebräischen Uebertragung erscheinen wird. Dem Kenner der hebräischen Uebersetsungsliteratur und ihrer psychologischen Voraussetzungen drängt sich da die Krage auf, warum denn vi>n allen Werken Ludwigs der „Napoleon" als erstes im hebräischen üewande erscheint. Kmil Ludwig ist ein fruchtbarer und vielseitiger Schrittsteller. Kr veröffentlichte (bei Ernst Rowohlt in Merlin) Romane und Novellen, die das Durchschnittsmaß weit überragen, ijut gezimmerte Dramen, die sein dichterisches Talent erweisen, und vollends eine überaus stattliche Reihe von historischen und biographischen Büchern, die breil ausgeführte Gemälde nach Carlyleschem Muster darstellen. Sein ...Michelangelo" wird als bedeutende Leistung gerühmt. Von seinem zweihändigen Werke „Goethe, (ieschichte eines Menschen" urleilt ein hervorragender (ioetheforscher. es sei eigentlich keine (ielehrtennrlieit. aher doch ein klarer Brunnen, aus dem jeder Forscher gern trinken werde, um sich eine lebendige Anschauung von den Dingen zu verschaffen, mit denen er umzugehen hat. Sein ..Bismarck" ist ein herrliches Buch, weiträumig und reichhaltig, darin der Heldenbegrill erweitert und auf das Wesenhafte des Mannes von der eisernen Tatkraft belogen wird. Die Porträtsammlung „Genie und Charakter" enthält zwanzig männliche Bildnisse, mit sicherer männlicher Hand gezeichnet. Das Buch ..Wilhelm der Zweite" ist der gelungene Versuch, „aus den Charaklerzügen eines Monarchen unmittelbar die weltpolitischen Polgen, aus seinem Wesen das Schicksal seines Volkes zu entwickeln". Und die ausgezeichnete Schrift „Der 14. Juli" ist eine aulwühlende Schilderung von der Weltgeschichte eines Tages. Unter allen diesen und mehreren andern Schriften Kmil Ludwigs findet man etwelche, die uns zeitgeschichtlich näherstehen als sein „Napoleon". Aher die Gestalt des grollen Korsen ül»l immer noch, wie eins), auf den .luden, namentlich auf den der östlichen Länder, eine starke Anziehungskraft aus. Ks ist daher kein Zufall, sondern psychologisch begründet, «lall der hebräische Schriftsteller aus den vielen Werken Kmil Ludwigs den „Napoleon" als erstes herausgriff, um es einem hebräischen Leserkreis zugänglich zu machen. Ludwigs Napoleon-Verehrung ist so menschlich, so rein aufs Menschliche bezogen, daU sie unwillkürlich an eine andere Napoleon Verehrung erinnert, die zwar von ganz anderer Art. aber ebenso urtümlich und von «lern sonst allgemeinbräuchlichen Heroenkuli wesentlich verschieden war, nämlich an die Verehrung, die Napoleon Bonaparte im Ghetto genoß. Kein zweiter Held der neueren (ieschichte hat in der luden gasse eine solche Verehrung gefunden, wie Napoleon. Die Menschen im Ghetto brachten historischeu Ereignissen wohl viel Interesse, aller wenig Verständnis entgegen; ihr Sinn für Geschichte war nicht sonderlich stark entwickelt. Aher die Uberragende Größe Napoleons erfaßten sie sozusagen intuitiv. Ks lag schon so in ihrer Art. den grollen Mann, den Tatmenschen, zu einem Begriff, zu einem Symbol zu erheben. Napoleon, das war einer der Enaksöhne, der seihst das Mall des Uebermenschlichen noch Uberragte, eine Art mythische Krschciuung, die die Phantasie stets rege erhielt. Die Ghettomenschen wußten nicht viel Persönliches von Napoleon und waren von seinen gewaltigen Taten mir mangelhaft unterrichtet. Ks ist zum mindesten recht zweifelhaft, oh sie etwas von den Kämpfen hei den Pyramiden von Giseh, von den vierzehn Stürmen auf Akko, oh sie von .Marongo. Austerlitt, Jena etwas vernommen haben. Auch Uber sein Verhältnis zu den .luden kümmerten sie sich wenig. Sie fragten nicht viel, oh er ein Judenfreund oder Judenfeind gewesen. Es war ihnen völlig unbekannt, daß der kleine Bonaparte als Schüler der Kriegsschule zu Brienne brennende Fackeln in das Judenghetto zu schleudern pflegte, daß später, als er Kaiser von Frankreich war, unter seinen Heerführern .luden waren, dal! er den .luden Soul! zum Marschall erhöh, und daß es. wie Thiers in seiner llistoire de ['Empire erzählt, gar nicht viel gefehlt hätte, und dieser Soull wäre zum i<i• i• i>_r von Portugal gekrönt worden. Auch von dem Sanhedrin, das Napolei 1806 nach Paris einberief, dürften nur spärliche Nachrichten zu ihnen gekommen sein. Das alles war aher auch nur von geringerer '••< deutung. Die Größe Napoleons bestand hauptsächlich darin, daß er ihnen der Held schlechthin war. der Beswinger von Königen und Reichen, ein Weltbeherrscher wie etwa Alexander der Mazedonier. Es ist bekannt, daß Napoleon sich gern mit Alexander dem Großen verglich. Im Ghetto hätte ei für diesen Vergleich den notwendigen Stützpunkt gefunden. Nächst Alexander dem Mazedonier hat nur noch Napoleon als geschichtlicher Held die Jüdische Volksphantasie angeregt. Ks ist seltsam, daii den Ghettomeiischen Hannibal, Cäsar, sogar Cyrus, dem doch die .luden die Wiedererrichtung des zweiten jüdischen Reiches verdanken, ja seihst Juda Makkabi, der größte Held der jüdischen Geschichte es ist seltsam, «lall alle diese Helden dei (ieschichte den Ghettomenschen fremd, zum Teil ganz unbekannt blieben, während Alexander und Napoleon unbegrenzte Verehrung fanden. An die hundert Alexander-Sagen weist das althebrälschc Schrifttum auf. dagegen keine einzige Cyrus-Sage; auch dem eigenen Helden, dem Makkabi. hat die jüdische Volksphantasie keine Sageukräuze ums Haupt gewunden. (Diese Krscheinung dünkt mich Sehr lehrreich und für Geschichtsforscher und Volkspsychologen wohl der näheren Untersuchung wert.) In gleicher Weise wie Alexander der Große ist auch Napoleon ein Held der jüdischen Sage geworden. Insbesondere in chassidischen Kreisen beschäftigte man sich viel mit seiner Person. Wunderrahbis und Kabbaliaten wetteiferten miteinander, durch allerhand kabba listische Methoden, mystische /ahlenkoinhinatioiien und geheimnisvolle Namendeutungen das Kommen des korsischen „Welthorrschers" schon in der Bibel, insbesondere im Buche Daniel, angedeutet zu