Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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gl, Februar 1980 OEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEME1NDE ZU LEIPZIG Seite :! Mitwelt die Größe Reethoveni ahnte, da Schuberl In genialer ProiiktivitBI das Füllhorn seiner Lieder ausschüttete, da die dankbare I-Ii well erkannte, welch ungeheuer reiche Schutze Mozarl und Haydn hinterlassen hatte, Gewiß haben die Meisler auch aul Sulzer eingewirkt und ihn littelbar und unmittelbar zur Produktion veranlaßt. Bearbeitungen Her und ältester Jüdischer Motive sind aus seiner Feder hervorpgangen und niedergelegt in seinem zweibändigen synagogal-musinlischein Werl, Schlr Zion, mit welchem er der Reorganisator des dischen Gottesdienstes geworden ist, und überall, wo es Synogen gibt, ist Sulzers Werk eingebürgert und bildet den Grundstock r musikalischen Ausgestaltung der Gebete. Mit diesem Werk u'itll es, wie er im Vorwort seines Buches sagt, inen Kampf gegen die Mächte der Gewohnheit, der ererbten Mißiiuche und des Vorurteils autzunehmen". Er wollte zeigen (wie (1 Jahre vor ihm Salomone de Rossi), daß „der Macht und Wirk inkell der edlen Kunst, der das menschliche Qemül am Ende niemals idersteht', zum Siege verholten werden müsse. Er wollte d;is wirk- Ii jüdische Element erhalten und mußte darum in den Oberwerten Melodien sorgfältig auswählen, «las Bizarre, Unkünstlerische, ebertriebene, Phrasenhafte rücksichtslos ausschalten oder im Sinne 'S altehrwürdig Ueberkommenen Neues hervorbringen. Hierin hat Sulzer, vorbildlich für alle Nachfolgerschaft, einen llii: neuen synagogalen Musikstil geschaffen. In «Ion Solopartien es Kantors, immer edid und erhaben, zeigen seine Chore die vollkommene Beherrschung des polyphonen Satzes, einer Kunst, die -einen ernsten Studien bei den großen Theoretikern Wiens Ehre macht. Aber in diese Polyphonie, in diese Verschlungenheil der t'horstimmen, hal er seine jüdische Seele gegossen und deshalb ist - kein Wunder, daß sinne Weisen bald ..in den Synagogen beider lemisphären" erklangen. In vorbildlicher Weise hal er In der Synagoge Seitenstettengasse in Wien, der Stätte seiner Wirksamkeit, den Gottesdienst eingerichtet und einen vortrefflichen gemischten Chor (Knaben und Männer) or ganisiert. Fürsten, Schriftsteller, Musiker. Künstler aller Arl waren begeistert von seiner Stimme und seinem Vortrag, und Franz Liszt schildert sein eigenes Entzücken in bilderreicher Sprache in seinem Büchlein: Die Zigeuner und ihre Musik. Sulzers gewaltige und doch immer edle ßaritonstiinine hielt alle im Hann, und ein nichtjüdischer Hörer schreibt: „Wenn wir duldsam brüderlich geworden sind in Wien, so gebühr! ein großer Teil dieses Verdienstes, außer den Worten von Leasings Nathan, den Liedern Sulzen, diesen gesungenen Hillen um Emanzipation." Sulzers Iii- und 50jähriges Amtsjubiläum, sein Tu. Geburtstag und sein Abschied vom Amte in seinem 77. Lebensjahre, waren Oe legenheiten außerordentlicher Ehrungen für Ihn. Er wurde Ehrenbürger Wiens. Killer des kaiserlich-österreichischen Franz-Joseph- Ordens, Ofßsier des osmanischen Medschidje-Ordens, Besitzer der großen Österreichischen goldenen, der großen und kleinen goldenen russischen Medaille, der Medaille von Herzog Max von Bayern lür Kunst und Wissenschaft, Professor de- Konservatoriums, Ehrenniii glied der Reale Academia die S.Cicilia in Rom usw. Er erhielt einen silbernen Lorbeerkranz, mit der Aufschrift: „Dem Künstler Sulzer von den Künstlern Wiens." Die Direktion der Gesellschaft der Musik freunde des österreichischen Kaiserstaales ernannte ihn zum Professoi für Männergesang und stiftete ein Kapital von 1300 Gulden für eine Sulzer-Stiftung. Seinem Sarge folgte eine unübersehbare Menschenmenge, Unmittelbar hinter seiner Bahre wurden nuf einem Sammetkissen seine zahlreichen Orden getragen und sein Lebenswerk s.'im Zion. So geleitete ihn tiefste Dankbarkeit an seine letzte Ruhestätte, Sitzung des Verwaltungsausschusses der Landeskasse Sachsen für jüdische Wanderfürsorge Am Sonntag, dein 16, Februar 1080, biete der Verwaltung« usschuß in Dresden unter dem Vorsitz des Herrn Josef Kahn {Chemnitz). Die Tagesordnung umfaßte vorwiegend organisatorische nid technische Fragen. Um auf «lein Wege ih r einheitlichen und durchgreifenden Wanderlürsorge fortzuschreiten und das zwecklose Wandern von Ort zu Orl ii verhüten, wurde beschlossen, nachdem schon früher die Wanderkassen bei fünf sächsichen Gemeinden in Fortfall gekommen wan n, daß nunmehr auch Chemnitz keine Wanderkasse mehr unterhält. Danach bleiben im Land.' Sachsen nur noch die Wanderkassen Leipzig und Dresden bestehen. Da aber die übrigen Gemeinden trotzdem noch kleine Aufwendungen für besondere Fülle der Wandelfürsori;e haben, so wurde, um eine Doppelbelaslung dieser Gemeinden zu ver meiden, es für billig erachtet, ihnen diese Aufwendungen bis zur Höhe ihrer Beiträge au die Landeskasse zu erstatten. Als Beitrag zur l.atidoskasse werden von den Verbandsgemeinden Tür 1929 _.-"„„ les ReichseinkoiuinensleucrgesamAbetrages erhoben, der dem Ge meindehaushaltplan für lü"t zugrunde liegt. Ks soll dahin gestrebt werden, für 1930 mit '"' „„ auszukommen. Ks wurde allerdings in der Vussprache von verschiedenen Seiten eingewendet, daß bei der zunehmenden Verschlechterung der \\ Irtschaftslage weiter steigende Ansprüche an die Wanderkassen ZU erwarten sind, so daß es schwer sein wird, eine Einschränkung der Ausgaben durchzuführen. Ks folgte ein ausgezeichneter und unifassender Bericht des Herrn Adler-Rudel, dmvertretungsweise für die Hauptstelle für jüdische WanderfürsoTge Berlin erschienen war. Er stellte fest, dal! im großen und ganzen die Organisation als über das ganze Deutsche Reich durch geführt angesehen werden kann und daß dank dieser ausgebauten Organisation das frühere Schnorrerwesen in der Wanderbewegung erheblich nachgelassen hat. Dagegen hat die Arbeitslosigkeit, die bei uns .luden noch stärker als in der Allgemeinheil zutage tritt, viele neue Menschen, vorzugsweise inländische, zur Wanderschaft getrieben. Dieser Not kann nur durch großzügige soziale Hilfsmaßnahmen gesteuert werden. Cm hierbei erfolgreich mitwirken zu können, haben sich die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen .luden. Berlin, enger zusammengeschlossen, wodurch zugleich Ersparnisse bei den Verwaltungsausgaben erzielt w< rden. Diese Zentralstellen unternehmen jetzt innerhalb des ganzen Deutschen Reiches Schrille. ..... die erforderlichen Mittel (in zwei große soziale Hilfswerke zusammenzubringen, Einmal handell es sich um die Fürsorgeerziehung, die zwar eng mit de: Wanderfürsorge zusammenhängt, aber im Rahmen der lagesordnum nicht näher zu behandeln war. zum anderen um die Schaffung dei A rbeiterkol o nie. von der ein besonders w irksaiuei und günsti ger Einfluß auf die Wanderfürsorge erwartet wird, nie Arbeitet kolonie, die innerhalb eines großen landwirtschaftlichen Betriebi schaffen werden soll, ist in erster Reihe dazu bestimmt, solche Leute, die durch langes Wandern Gefahr laufen, arbeitsscheu zu w< rden, zu geregelter Tätigkeit zurückzuführen, sie ist also von böchsti in er Zieherischen Werl. Sodann betonte der Redner, dali durch Arbeits Vermittlung und Einrichtung von Arbeitsnachweisen de Wanderfürtorge produktiv zu gestalten ist. Dies sei um s,, nol wendiger, als der jüdische Arbeiter und Angestellte mehr und mein aus dem Erwerbsleben verdräng) werde, und es sei deshalb e.unz besonders wichtig, die jüdischen Arbeile.ber zur Einstellung von .luden zu gewinnen. Die Lage werde noch dadurch verschärft, daß sich der Auswanderung nach Uebersee durch Abachließung viele: Linder große Schwierigkeiten entgegenstellen, um so mehr s.i es zu begrüßen, dali es jetzt gelungen isi eine Anzahl junger Leute in Süda.....rika anzusiedeln. In der -ich anschließenden Aussprache wurde berichtet daß die Leipziger Gemeinde schon vor längerer Zeil ein Gesuch um Genehmigung zur Einrichtung eines Arbeitsnachweites eingereicht hat. worüber das Landesarheitsainl demnächst Beschlull fassen wird. Aber schon seil Jahren hat die Gemeinde auf privatem Wege viele Stellen vermitteln können. Das Gleiche wurde von der übrigen Gemeinden mitgeteilt. /.um Schluß wurde noch ein Schreiben des Vereins Hachnossu Aurchim zu Leipzig behandelt, in welchem die Errichtung eines Unterkunftsheimes in Leipzig gefordert wird. Man war sich darüber einig, dali ein solches Heim nur in Verbindung mit einer Arbeits stalle zweckmäßig ist. denn es kann sich nicht darum handeln, ziel lesen Wanderern bequeme und angenehme Unterkunft zu bieten sondern sie zu einem geordneten Leben und vor allen Dingen zui Arbeil zurückzuführen. Schwierig isl die Kraue, weil der Landeskasse alle Mitlei zur Schaffung einer solchen Einrichtung fehlen. Herr Adler-Rudel meinte, man möge zunächst prüfen, ob sich sonst der Plan verwirklichen läßt. In diesem Kalle würde mau wohl auf ein« Beihilfe rechnen können BUS den Mitb in, welche die Zentralstellen aufzubringen hoffen. Hiermit endete die Sitzung.