Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Solle - GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer sehen lernen als durch die Kenntnis mancher Stellen des Talmud und linderer Geheimschriften", können wir der Autorin nur versichern, daß ' ran Ludendorff auch vom Talmud keine Ahnung hat, und daß es andere j ü d i sche (i e Ii e i m s c Ii r i f I e n n 1 ch t g 11> t. Dali diese Versicherung notwendig Ist, beweis! freilich, daß auch i rau Ebertin troti ihrer betonten iiolitlschen Objektivität eine gewisse Beeinflussung von der völkischen Denkweise verrät. Diea zeigt sieb auch In der sympathisch gefärbten Charakterisierung der nationalsozialistischen Führer, deren Horoskope — ebenso wie die Horoskope anderer Politiker - in dem Buche „Wohin treiben wir?" geboten werden, sowie <i«-m besonders ausführlichen Horoskop Hitlers in dem „Ebertin-Kalender". In sachlicher Beziehung interessier! uns aus diesem, von Hans II. Schuberl verfaßten Horoskop die Ankündigung, daß 1931 die Stellung Hitlers rein offiziell eine |M>iitisch erfolgreichere und persönlich glücklichere sein wird. Sollen wir Juden darob in Ahl:-! und Schrecken geraten? Zum Glück verlier! diese für uns unheilvolle politische Prognose viel an Überzeugungskraft, wenn wir einen Blick in die den Kalender einleitende VV e 11 e r prognose für 1030 werfen. Dorl Huden wir folgende Prophezeiung: ..Her Winter 1929/30 dürfte im allgemeinen sehr kall werden! In einzi Inen Gegenden sind ungewöhnlich niedrige l'emperaturen ähnlich wie im Januar/Februar 1929 durchaus ii iglich Das wird besonders im Janua r der Fall sein!" Da kann man nur wünschen, daß der für 1931 prophezeite Erfolg Hillers in [edem sinne des Wortes „dem Schnee vom vergangenen Jahre" gleichen möge! Eine Blamage für Mau Ebertin und ihre Bücher winde dies ebensowenig bedeuten wie die zitierte Wetterprognose. Denn es ist das Sympathische an diesen Büchern, daß sie der Astrologie /.war alles Mögliche zutrauen (Zukunftsvoraussagungen für jedermann einschließlich des Todestages, Berechnung von Lotteriegewinnen und Bogar okkulte Haarpflege"), daß aber die einschlägigen Aufsätze inhaltlich zum lirollten Teil eine wesentliche Einschränkung der eingangs behaupteten Weissagungsmöglichkeit auf ein sehr bescheidenes Maß bringen. Vit dem liest kann sich jeder nach eigenein Belieben abfinden, so wir .luden mit der im Kähmen eines Artikels ..Wann schlauen die Stunden des Glürks?" gelieferten Charakteristik des Sabbats: '..Sonnabend i-t der Tag des Saturn. Er trägt meist einen (•rüsten Charakter und führ! ofl ein kleines Mißgeschick herbei, besonders, »venn alles sei.....ii gehen soll, denn der Saturneinfluß ist nur gul für ernste und bedächtige Arbeiten. An diesem Tage soll man sich mehr il sich selbsl beschäftigen und sich innerlich sammeln. Aus diesem (irunde und auch bei den .luden heute noch der Sabbat an diesem l aue gefeiert" „General Ludendorffs Schicksal", schreib! Krau Ebertin, ..ist im allgemeinen sehr tragisch, weil bei seiner Geburt Sonne und Saturn und auch Jupiter und Uranus in Gegenschein standen, so daß zeitlebens starke Widerstände zu überwinden haben wird. Die Sonne steht /war in seinem Horoskop in Grad Widder in ihrer Erhöhung, so daß es kein Wunder ist. daß er während des Krieges /.um Che! des Generalstabs ernannt wurde, aber ebenso erklärlich isl es, daß ei durch die plaktiscbe Opposition des Saturn in seinem Horoskop 1918 auch den Sturz erleben mußte." Aus dieser Darlegung gehl hervor, daß General Ludehdorfl seine Anbiederung ..an di liehen Jidden" in einem seiner ihm vom Schicksal nur spärlich vei gönnten lichten Momente versucht hat. während seine nacl revolutionären Reden und Schrillen deutlich die Finsternis des di Sonne verdunkelnden Saturn spiegeln. Herr Streicher wird gewiß seine durch die laischen Tallinn zitate verwirkte Gefängnisstrafe leichler ertragen, wenn er ertähi daß er seine Verurteilung nicht der ..Tücke" der von ihm vei leumdeten .luden verdankt, sondern „dem kritischen Aspekt di Mais aus dem Zeichen Skorpion zur Sonne und zum Mars im Wassel mann". Herr Streicher ist überhaupt ein Pechvogel. Er wurde unte gleichem Sonnenzeichen Wassermann geboren wie Herr Curtiut und doch hat es diesen1 zum A u ße n m i niste r gebracht, währeii jener eingesperrt wurde! Schuld ist die verschiedene Gestiri konstellation in den verschiedenen Geburtsjahren der beiden Männei die, wie Frau Ebertin bemerkt, „beide zur /.eil im politischen Lehe eine große Rolle spielen, im Vordergrund der Interessen stehen, vo ihren Freunden mehr oder weniger genannt werden". Ks sollte im nicht wundern, wenn Herr Streicher in künftigen Prozessen mit Rüc! sieht au! sein ungünstiges Geburtshoroskop freigesprochen wind' I ran Ebertin gehl in ihren Wünschen nicht so weil. Sie zieht ai dem l all Streicher nur die Leine, „daß den meisten Menschen in einem Horoskop nicht geholfen ist. solange sie nicht genügend Willen kraft und Charaktcrschulung besitzen, um gegen widrige Einflüs anzukämpfen". HoffentUch beherzigt Herr Streicher diese Lein indem er sich endlich dazu aufrafft, mit den ihm w irklic h fe i n < liehen Sternen Abrechnung ZU hallen, stall sich, wie bisher, unbegreiflicher Verblendung immer ausschließlich den Davii Btern vorzuknöpfen, dem jede aggressive Absicht fehlt. Auch Herr Ii i 11 < r wird zu äußerster Vorsicht gemahnt, da 1 sonst, wenn Mars und Saturn in der Nähe Beines Mond- und Jupite oites stehen, wieder mit der Kriminalpolizei und Gerichten zu tu bekommt. ..Hier hole sich Gelegenheit", schreibt Frau Ebertin, ../ beobachten, inwieweit ein Mensch Herr seines Willens ist od< astralen Einflüssen oder des Schicksals Macht zum Opfer fällt." Im allgemeinen urteilt Frau Ebertin über die Fähigkeil der Mei sehen, besonders der politischen Parteiführer, durch die stärk ihres Willens den Kräften feindlicher Gestirne entgegen* wirken, sehr skeptisch, obwohl sie an die Möglichkeit solcher Oege Wirkung in der Theorie zu glauben scheint. Die Verhältnisse unsei Vaterlandes erscheinen ihr daher etwas besorgniserregend: „Jet* herrscheu in Deutschland noch zu große Parteizersplitterungen vi so daß sich wohl erst noch verschiedene WidderundSteinbocknaturi in ernsten Parteikämpfen befehden werden." Ihn' Hoffnung setzt e auf eine großzügige, über allen Partelen stehende politische l wegung wenn /.. B. 1932 große nationale Koste gefeiert werden. Dieser Ansicht können wir uns anschließen. Zu den national' Festen des Jahres \'xv. gehört auch die hundertste Wiederkehr d Tages, an dem Goethe das Wort „M e h r I. ichl!** gesprochen Ii; Wird dieses Wort, das teure Vermächtnis eines Sterbenden, \' seiner Nation endlich beherzigt, dann winkl die Hoffnung, daß Deutsc land ins „Glückseichen der Sonne" tritt und heileren /eilen ei gegengeht, statt sich von politischen Dunkelmännern beglücken i lassen und sein Schicksal im llalhdunkel der (iestirne zu suchen. SALOMON SULZER (1804-1890) Von Oberkantor S. Lampe 1. Aus Anlaß seines 10. Todestages (Vgl. Nr. 3 des Gemeindeblattes) ie hat e< emen größeren jüdischen Kantor gegeben als ihn: glücklieh gerettet wurde Sulser setzte später seinem Lebensretl nie hal ein jüdischer Kantor größere, reichere Ehrungen eine lebenslängliche Rente aus . ferner, well der vermißte Knal .nahten als Salomon Sulzer. friedlich schlafend aul dem Synagogen platz des Vaters gefundi Nach der Vertreibung der .luden aus Sulz in Württemberg hatte wurde, der Urgroßvater Sulzer (daher der Name) >H\\ in Hobenems in Schon al> dreizehnjähriger Knabe Vorbeter seiner Vaterstai Vorarlberg niedergelassen. Die frommen Eltern erwählten dem Knawurde er mit 21 Jahren als Oberkantor nach Wien berufen, ben de,, Vorbeterberuf nicht nur wegen seiner schönen Stimme, son- Mehr als ein Menschenalter (öi> Jahre) hal er zur Ehre «tott dem auch weil er, der einmal in einen reißenden Bach gefallen war. in Wien gewirkt, in jener Stadt und in jener Zeit, da die staunen' N