Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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14. Februar 1930 OEMEINDEPLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Beite 3 Zuwnhl von Vertretern derselben In den Unterrlcb.tMU88rh.uB. Herr Höfles bittot, eleu Antrag Seiinger abzulehnen. Herr Seiinger gibt auf die Vorwürfe dei Herrn Kestenbaum tu, daß »eine Partei nicht religiös eingestellt ist, sie sei aber die wahre Vertreterin des Judentums au! allen kulturellen und nationalen Gebieten. Ein Antrag aul Schluß der Debatte wird angenommen. Ks sprechen noch die Herren Kettenbaum and Tumpowsky. Letzterer best&tigt, dafi die Partei Poale Zion kulturelle Interessen des .ludentuins vertritt und es sei gut, dafi Ihre Anhänger durch die Hervorkehrung des Jüdischen von politischen extremen Richtungen ferngehalten werden. Ferner spricht noch Herr Stein, der sich wie die Vorredner vor Schluß der Debatte zum Wort gemeldet hatte. Er erklärt die Erregung des Herrn Kestenhauni für berechtigt. Die Orthodoxie vertrete die sozialen und kulturellen Interessen der Gemeinde mindestem in dem gleichen Maße wie Herr Seiinger. Für die religiöse Anschauung der Partei Poale Zion sei Innerhalb der Gemeinde kein Raum und deshalb ein Vertreter Im Unterrlchtsausschufi von der Orthodoxie abzulehnen. Oer Antra;; Solinger wird abgelehnt. Zur Beseitigung von Uebelständen in der Gemeindesynagoge wird vom Vorstand Anschluß an die Schwemmkanalisation vorgeschlagen. Ferner muß die Wohnung des Synagogeninspektors völlig neu hergerichtet werden. Es wird für diese Zwecke ein Berechnungsgeld von 10000 Mark gefordert, dagegen sieht der Vorstand von der Anschaffung des Preßluftbohrers für den Friedhof nach Probevorführung ab, wodurch die bereits bewilligten 2500 Mark erspart werden. Ferner will der Vorstand von dem Versuch einer Verbesserung der Akustik der Friedhofshalle mit Rücksicht auf die hohen Kosten und die Finanzlage der Gemeinde absehen. Herr Joske bittet, einen Tiefbauiugenieur bei dem Anschluß au ilie Schwemmkanaüsation zu Rate zu ziehen. Dies wird vom Vorstand zugesagt. Herr V r y hält die Anregung dos Herrn .loske für begründet. Es wird beschlossen, zunächst das Gutachten dos Sachverständigen einzuziehen und erst danach weiteren He Schluß zu fassen. Herr Vorsteher weist ciarauf hin. daß in diesem Jahr das 75jährige Beatehen der Synagoge gefeiert wird, bei welchem Anlaß eine Herrichtung des ganzen Gebäudes gerechtfertigt wäre. Der Vorstand sieht aber davon in Hinblick auf die Wirtschaft liehen Vorhältnisse ab. Herr Tumpowsky weist bei dieser Gelegenhell darauf hin, daß bei liberalen Belangen von liberaler Seite eine Bewilligungsbereilschaft vorhanden sei. die bei orthodoxen Angelegenhelten fehle. Herr Joske betont, daß es sich nicht um eine beliebige liberale, sondern um die Gemeindesynagoge handelt, die in Stand gehalten worden müsse. Herr Vorsteher erklärt, nur der Bescheidenhell der liberalen Seite sei es zu danken, daß nicht schon längst viel größere Ansprüche hinsichtlich der Renovation gestellt worden seien, die gewiß bei Unterhaltung einer orthodoxen Synagoge mit Erfolg erhoben worden wären. Herr Lustig und Herr M a r k e u <l o r f unterstreichen diese Ausführungen. Herr T u mpowsky stellt fest, daß niemand gegen die Bewilligung gesprochen bat, und schliel.ll aus den Worten der Vorredner die Anerkenntnis der berechtigten Ansprüche der Orthodoxie. Für orthodoxe Gotteshäuser sei noch niemals aus dem Haushall der Gemeinde etwas ausgegeben worden. Herr Gutmann regt an. den Finanzausschuß zuzuziehen. Herr Kesten bäum erklärt es für betrüblich, dafi die Synagoge in schlechtem Zustand ist und empfiehlt, daß sie von privater liberaler Seite instand gestelzt wird. Herr Aronsteilt Wünscht Einziehung von Kostenanschlägen. Herr Tumpowsky bittet, hei der Vergebung der Arbeiten jüdische Handwerker in erster Linie zu beschäftigen. Herr Seiinger hält eine Aussprache für Uberflüssig, da die Herrichtung einer Beamtenwohnung, die neu bezogen werden soll, doch eine Selbstverständlichkeit sei. Fan Berechnungsgeld von oooo Mark wird für die Herrichtung der Wohnung ohne Widerspruch bewilligt. Der Finanzausschuß wird auf Antrag der Herren Pelz und Joske vor Vergebung der Arbeiten gehört werden. Eine Zuwendung für Grabpflege wird angenommen. Nach Erschöpfung der Tagesordnung stellt Herr Dr. Pietrkowsky eine Anfrage wegen der orthodoxen Synagoge des Vereins Obel Jakob. Der Verein sei nicht mehr imstande, die Synagoge zu unterhalten. Die Gemeinde müsse in absehbarer Zeit eine orthodoxe Synagoge schaffen, wozu hier günstige Gelegenheit geboten sei. Der Vorsitzende erwidert, daß der Vorstand sich bereits eingehend mit der Sache beschäftigt hat und demnächst den Gemeindevertretern eine Denkschrift zugehen lassen werde. Der Vorstand sei nach dem jetzigen Angebot nicht für eine Uebernalime. Die Frage des Bedürfnisses sei zweifelhaft. Für eine orthodoxe Gemeindesynagoge erscheine die des Vereins nicht ausreichend und deshalb nicht geeignet. Herr Pfefferblüth tritt für die Erhaltung der Synagoge ein. da hier den Detern im Gegensatz zu manchen Hilfssilen ein würdiger Kaum für einen Gottesdienst zur Verfügung stellt. Herr stein fordert Behandlung der Frage im Zusammenhang mit den übrigen orthodoxen Gottesdiensten. Herr Joske berichtet, dal) einige Gemeindevertreter gelegentlich einer Ausschuß- I ttsung auf Einladung des Vorstandes die Vereinssynagnge besichtigt haben, und bittet, die Denkschrift abzuwarten. Herr Kosen fehler hält eleu Antrag bei der jetzigen Finanzlage nicht für zeitgemäß. Der Versitzende erklärt, dafi die Angelegenheit in nächster Zeit auf die Tagesordnung gesetzt werden wird, worauf der Gegenstand verlassen wird. Heu Du hin er beantragt, die sechsmonatige Sperrfrist für W i e et e r b e s p r e c h u n g abgelehnte r A n t r ä g e nicht nach Neuwahlen gelten zu lassen. Auf Ausführungen des Herrn Tumpowsky verweist Herr Vorsitzender auf § Ida der Geschäftsordnung der Gemeindesitsung, der unter gewissen Voraus Setzungen eine Wiederbesprechung ermöglicht. Herr Tumpowsky hält diese Bestimmung für ungenügend und fordert, dafi neugewählt« Gemeindevertreter unter allen Umständen das Hecht haben sollen, zu einer Frage zu sprechen, auch wenn sie erst kurz vorher besprochen wurden ist. Heu Vorsittender würde diese Forde rung nur für berechtigt halten, wenn eine völlige Neuwahl der Gemeindevertretung erfolgt wäre. Herr Stein tritt dem bei. Herr Tumpowsky beantragt, dein Aeltestenausschufl eleu Antrag vorzulegen, eleu § 10 a ganz zu streichen, im Falle der Ablehnung ihn nicht für eine neue Wahlperiode gellen zu lassen. Es folgt eine nichtöffentliche Sitzung. Jüdische Verbände und Gemeinden Die Itreslauer Taifune der Vereinigung für das liberale Judentum. Die diesjährige- Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum wurde am Sonnabend, dem 1. Februar 1080, nachmittags um '>)■• Uhr, von ihrem Vorsitzenden, Rechtsanwall Heinrich Stern. Berlin, im Saal der Spinozaloge in Breslau eröffnet. Tutor eleu etwa 180 Delegierten bemerkte man u.a. Rabbi Mattuck und The Honorouble Lady Monlague aus London, aus Deutschland die Rabbiner Vogelstein, Seligmann, Norden. Lazarus. Lehmann und Oalllner, Rechtsanwall Geiger, Frankfurt a.M., Direktor Dalberg, Vertreter des Itreslauer Gemeindevorstandes, Vertreter der Iiis. Frau Paula Ollendorf, Frau Bianca Hamburger und Redakteur Bruno Woyda. Der Vorsitzende erstattete in einer geschäftlichen Sitzung einen ausführlichen Bericht über die politische Tätigkeit der Vereinigung, daran schloß sich ein Referat dos Generalsekretärs Qoetz über die organisatorischen, insbesondere die finanziellen Fragen. Nach Erledigung der zur Entlastung «los Vorstandes erforderlichen Formalitäten wurde in lebhafter Aussprache über Richtung und Ziele der Vereinigung diskutiert. Als erster Redner dankte Rabbiner Gustav Cohn (Leipzig) dein Vorstand für die opferwillige Arbeit für das Uberale Judentum. Er begrünte eleu Rul des Vorsitzenden an die Rabbiner und legte im Sinne der liberalen Rabbiner eias Versprechen ab. daß diese gern und freudig bereitstehen werden, um dem liberalen Judentum Wege zu weisen. Sie müssen aber anderseits auch erwarten, daß die Laien, elie sie als Führer rufen, auch Gefolgschaft leisten werden. Daran habe es bisher in entscheide nden Momenten gefehlt. El sei für die Rabbiner nicht ermutigend gewesen, daß sie beispielsweise bei der Durchführung clor Richtlinien im Stiebe gelassen wurden. Die liberale Bewegung ist zweifellos richtig als die Befreiung von einer verbindlichen religiösen Salzung charakterisiert, sievorlange Anerkennung der Individualität. Aber es dürfe dabei auch nicht das Verbindende übersehen werden. Das liberale Judentum werde sei lange Religion einer kleinen Schicht bleiben, als man nicht statt bloßer allgemeiner Religiosität jüdische Religiosität pflegen werde. ..Vereinigung in der Freiheit ' müsse elie Parole bleiben. Rechtsanwall Dr. Ernst Heinrich Sei ig söhn (Berlin) schickt seiner Itecle ein herzliches Bekenntnis zum liberalen Judentum voran, in welchem er die Erfüllung «l<-s Judentums lieht Die Vereinigung sei in vierfacher Besiehung eleu Prinzipien des liberalen Judentum!