Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-02-07 · 6 (7.2.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
6 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4876568-5968776-5969154--3008-4877448
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite I GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer (i nnstaltel am 'sds. Mts. Im „Sachsenhof" eine öffentliche Gemeindeversammlung, In welcher Herr Gemeinderabbiner Dr. i arlebach Ober <li<' „Schächtfrage" referieren wird. Durch diese Veranstaltung sollen die Mitglieder der Gemeinde Ge leuenheil erhalten, über die ungemein wichtige Frage sachgemäße Aufklarung zu erhalten, um den in Sachten zu unternehmenden Schritten den erforderlichen Rückhalt bei den Gemeindemitglledern zu sichern. In der gleichen Versammlung wird auch Herr Rechtsanwalt Di Heins Joske Uber die Frage des ..Numerus clausus" sprechen. Ein seitens der Nationalsozialisten beim sächsischen Land lag eingereichte! Antrag, den Numerus clausus für Sachsen durchzuführen, i>! zwar dieser Tage abgelehnt worden: gleichwohl handelt es sich um eine Frage von weitestgehender Bedeutung, so dafl auch In dieser Hinsicht all«' Geineindemitgliodor klar sehen müssen. Es wird deshalb auch an dieser stelle auf die für die gesamte Gemeinde außerordentlich bedeutungsvolle Veranstaltung hingewiesen und der Erwartung Ausdruck gegeben, dafl sie recht zahlreich von Gemeindemitgliedern besucht werden wird. (Näheres tagt die I im der vorliegenden Nummer.) Frauenverein „Ruth". Am Dienstag, dem 28. Januar, fand im rhön geschmückten großen Saal der C.-T.-Betriehe der so beliebte reenachmittag des Frauenvereins ..Ruth" statt. Eine große Anzahl Gäste hatte sich eingefunden, so daß an den Hachen bald kein Platz mehr frei war. Die Damen an den Büfetts hatten mit unermüdlicher Opferwilligkeit alles vorbereitet und vorzüglich für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Viel Beifall fanden auch die Darbietungen aui der Bühne, alle Mitwirkenden boten ihr Bestes und hatten sich für den guten Zweck unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Besonderer Dank gebühr) Herrn Santo Sonnini für seine schönen, von seiner Gattin verständnisvoll begleiteten Liedervorträge; dem musikalischen Clown Reedz-Davissohn für seine Rinüsanten Vorführungen und Herrn Niederland mit seinem Schulorchester, das die sorgfältig eingeübte Kindersymphonie von Haydn sehr hübsch zu Gehör brachte. Großes Interesse erweckten die gymnastischen Leistungen der kleinen und großen Schülerinnen von Fräulein Ciaire Sigall. — Die niedlichen Tänzerinnen und „die drei Musterschulbuben" fanden auch die verdiente Anerkennung. Die Kapelle Picadllly Band sorgte für angeregte Stimmung. Erwähnt sei noch, dalt größere Ruhe als in früheren Jahren während der Vorführungen gewahrt wurde. Außerordentlich stark war der Andrang zur Tombola, die mit Ungewöhnlich schönen und nützlichen Gewinnen lockte. So war das Fest ein wohlgelungenes, das alle Beteiligten befriedigte. Allen gütigen Spendern, besonders auch den Geschäftsinhabern und dem Meßamt, die in großzügiger Weise wertvolle Gewinne zur Verfügung gestellt hatten, sei an dieser Stelle der herzlichste Dank zum Ausdruck gebracht. Es ist erfreulich, festzustellen, mit welch besonders großer Liebe und Hingabe zum Besten dieses Vereins gearbeitet wird, der es sich zur Aufgabe gestellt hat. für die Pflege der werdenden und der jungen Mütter und ihrer Säuglinge zu sorgen. Zum Schluß sei auch noch denen hier gedankt, die. am Kommen verhindert, durch eingesandte Geldbeträge ihr Interesse bekundeten. t'nsore .liicoiul — l'nsere Zukunft. G e s p r ä C h miteinerMutt e r. ..Guten Tag. Krau Didier, wie geht's denn'.'" ..Wie soll's gehen'.' Schlecht geht's, die Jenny ist schon seit den Feiertagen ohne Stellung, und es will sich partout nichts finden, sie ist doch Eriseurin." „Hat sie denn die Gesellenprüfung gemacht?" „Daran liegt's doch, sie kann keine Stellung finden, weil sie die Gesellenprüfung nicht machen kann, und ohne die Prüfung kommt sie nirgends an- Die Frau, bei der sie gelernt hat, hat damals zu mir gesagt: .Ich nehme ihre Tochter zum Anlernen; im ersten Jahr kriegt sie drei Mark die Woche, im zweiten Jahr sechs Mark, und wenn sie ausgelernt hat. wollen wir weiter sehen: in die Krankenkasse melde ich sie auch an. aber weil das so Scherereien macht, melde ich sie nicht als Eriseurin an. sondern als Kindermädchen, und sie kann ja schließlich auch, wenn nichts zu tun ist, mit den Kindern ausgehen.' Da hat nun nieine Tochter bei der Frau einundeinhalbes Jahr gearbeitet, dann hat man ihr gekündigt, weil die Frau ihre Nichte ins Eigentlich machte es ihm Freude, daß auch er jener mystisch heimlichen Religion angehörte, au der keiner seiner Kaineraden Anteil hatte, und daß keiner von ihnen je ein Ding gesehen hatte, d e Sacharijs Auge geschaut ..Warum gehl Papa niemals dorthin.'" fragte er die Amme, als sie sich dem Hause näherten. „Was Papa tut. daran gibt es nichts zu mäkeln: er weiß sicher, warum er etwas tut oder nicht tut. Vielleicht tut er es. wenn er in der großen Residenzstadl ist. dort gibt es sicher eine größere Kirche eures Glaubens." Anfangs dachte Sacharij daran, von seinein Erlebnis der Mutter zu schreiben und sie zu bitten, ihm alles zu erklären. Doch der konnl.....nicht über sich bringen, der Mutter das ..Geheimnis" anzuvertrauen, das ihm die Amme entdeckt hatte. Eine gewisse Scheu hinderte ihn daran, sich der Mutter zu entdecken. (Diese schamhafte Scheu kann Sacharij bis heule keiner Frau gegenüber Überwinden.) So schrieb er der Mutter wie sonst über seinen Studienfortgans Ober s"ine Freunde. Qber Schlittenfahrten. Eislauf und ähnlich'-, doch -'in „Geheimnis" verschwieg er. Als jedoch der Vater einige Wochen später heimkam, fand der Knabe, obwohl er dem Vater weniger zugetan war und ihn auch weniger liebte als die Mutter, doch Mut genug, ihm sein „Geheimnis" zu entdecken und ihn um Aufklärung /.u fragen. Diesen Mut •.'ab ihm seine unbeswingliche Neugier, zu erfahren, was er eigentlich wahr... ..IM es wahr. Papa, daß wir einer andern Religion angehören?" Gabriel Heimowitsch blieb starr sitzen. Eine unnatürliche Röte schoß in seine m>u>i fast weißen großen Wangen. (Sie entstand stets. wei.....r unangenehme Verhandlungen zu führen hatte oder in Erregung kam. und verriet die Anfänge einer Krankheit.) Die Spitzen seines Bartes zitterten. In strengem Tone fragte er: „Wer hat dir das getagt?" „Maria Iwanow na." Erreg! erhob sich der Vater und /rief in einem sonderbaren Ton. •aus dem Sacharij zum erstenmale hörte, daß sein Vater eine heisere, fast krächzende Stimme hatte, ins nächste Zimmer: „Maria Iwanowna, zu mir her! Augenblicklich!" Er fuhr dem Sohne streichelnd über das Haar - einen solchen Ausdruck von Zärtlichkeit war Sacharij von seinein Vater nicht g!• wohnt - und sagte: „Geh in dein Zimmer: wenn ich dich brauche, werde ich dich rufen lassen." Iii der Tür begegnete der kleine Sacharij seiner Amine. Auch sie hatte rote Wangen, doch trat sie mit sicherem festen Schritt ins Zimmer. Hinter der Tür hörte der Knabe noch die laute Stimme seines Vaters. Das heisere Organ erregte ihn mehr als alles andere. „Wie konntest du das wagen'.'" — Dann folgte ein Schimpfwort dessen sich der Knabe sowohl für seinen Vater als für seine Amme schämte. Doch Maria Iwanownas Stimme übertönte die des Vaters Sacharij hörte sie bis in sein Zimmer. Wie lange der Streit zwischen dem Vater und Maria (wanowns dauerte, wußte der kleine Sacharij nicht. El konnten zehn Minuten, aber auch zwei Stunden sein. Als er jedoch dann in das Zimmer des Vaters gerufen wurde, traf er ihn schon ganz ruhig an, wenn auch seine Wangen und Augen noch sehr ro! waren und seine ohren glühten. Der Vater rief ihn heran, zog ihn an sein Knie und sprach: „Wenn du größer sein wirst, wirst du alles erfahren, selbst erfahren. Bis dahin brauchst du es noch nicht ZU wissen. .letzt darfst du dich um nichts kümmern als um dein Studium, sollst nichts anderes vor Augen haben, als ein braver Mensch zu werden, alle Menschen zu lieben, niemandem Schlechtes zu tun. den rechten Weg zu gehen und alles daran zu setzen, um jedermann zu nützen. Das ist unsere Religion, die Religion aller Menschen, mögen sie Christen oiler .luden sein Versprichst du mir das?" ...la!" — antwortete der Knabe laut und fest ganz im Gegensatz, zur sonstigen Art seines Sprechens, mit einer sicheren Stimme, wie er sie sonst fast nie, am wenigsten vor seinem Vater besaß. Der Vater umfaßte mit seinen heißen Händen Sacharijs Kopf und sagte: ...l.'tz.t gib mir einen Kub und geh schlafen, mein Kind!" Aus: Seliiiluui Asch. IVtcrslnirg. Herlin-Wien-Leipstg tU9 0?aul Zsnlnay). Mit freundlicher »ienehinigimg des Verlages. Siehe die Besprechung in vorliegender Nummer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.