Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-02-07 · 6 (7.2.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
6 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4876568-5968776-5969154--3009-4877449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

7. Februar 1930 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RKLIOIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG SeiU' 5 JÜDISCHER FRAUENBUND / ORTSGRUPPE LEIPZIG Sonnabend, den 8. Februar 1930, 20 Uhr im Saale des Sozialpädagogischen Frauenseminars, Königstr. 20 Vortrag: Frau Siddy Wronsky, Berlin „Das Eheproblem im Judentum" Anschließend Diskussion. — Da die Versammlung frühzeitig geschlossen werden muß, wird um pünktliches Erscheinen gebeten. Geschäft nehmen wollte. Als dann das Mädel auf den Arbeltsnachweit gekommen ist, da hat's geheißen: Dir Lehrzeit nilt nichts, denn die Frau war keine Meisterin und es bestand kein Lehrvertrag. Nun steht sie da und kriegt keilte Stellung. Was soll ich da machen?" „.letzt ist es natürlich schwierig, aber wären Sie vor zwei Jahren auf die Gemeinde gekommen, da hätte mau Ihnen alles das im voraus sagen können. Eine der Damen wäre mit Ihrem Mädel zur Berufsberatung gegangen, und man halte sich bemüht, der Jenny eine Lehrstelle zu besorgen." „Nein! Ich auf die Gemeinde gehen, das tu ich nicht, ich bin doch keine Schnorrerin." — „Das hat doch mit Schnorren nichts zu tun, wenn man sich einen Hat holt; schließlich ist die Gemeinde doch dazu da. den Gemeindemitglledern cu helfen. So wie es Ihnen erging, ersieht es vielen jüdischen Bitern mit ihren Kindern." (iewissenlose Elemente nützen die Unerfahrenheil der ostjiidischen Eltern aus, um zu billigen Arbeitskräften zu kommen. Sicher ist es heute sehr schwer, eine geeignete Lehrstelle zu linden, alle Berufe sind überfüllt, und für ein jüdisches Kind ist es noch besonders schwer. Aber wenn wir alle, Eltern. Kinder und die ganze Gemeinde uns Mühe geben, dann geht es schon in vielen Fällen. Wir erleben gegenwärtig in Deutschland eine Umwälzung des Wirtschaftslebens, wie es kein Mensch vor dem Kriege für möglich gehalten hätle. Die selbständigen Berufe, vor allem aber der Zwischenhandel in seinen lausenden Abarten, verschwinden immer mehr. Der Jude wird davon am stärksten betroffen. Es ist nun die Schicksalsfrage: Wird es dem .luden und natürlich auch der Jüdin gelingen, sich als Angestellte und Arbeiter in das deutsche Wirtschaftsleben einzufügen? Daß das für uns eine bitter schwere Sache ist — seihst wenn es keinen Antisemitismus gäbe —, weiß jeder von uns. Aber hier ist von Wollen oder Können gar keine Hede mehr, es muß gehen, wenn wir nicht verhungern wollen. Daraus ergibt sich aber, wie wichtig eine richtige Lehrstelle ist. Liehe Ellern: Besser als eine Lebensversicherung, besser als eine Mitgift ist eine gute Berufsausbildung. An vielen, vielen jungen Handwerkern und Angestellten sowie an den C'haluzim in Palästina sehen wir ja, daß die .lugend auch unter den veränderten Lebensbedingungen ihren Mann stellt. Und es wird damit Immer besser werden, wenn wir alle mithelfen. Iiier ergeht nun die Bitte an unsere Arbeitgelter: Stellen Sie jüdisches Personal ein. und an alle Mitglieder unserer Gemeinde, auch an die Frauen: Kundschaften Sie Lehrstellen aus bei den Gewerbetreibenden, hei denen Sie Kunde sind, und melden Sie freie Plätze der POrsorgeabteilung der Israel. Religionsgemeinde, Lflhrstraße 10. Sprechstunde für Berufsberatung: Montags abends von 147-ViH Uhr. V.R. Neue Bücher Scbalom Asch, Petersburg. Roman. Berlin. Wien, Leipzig. 1020. (Paul Zsolany-Verlag.) Bchal..... Asch schildert in ..Petersburg", den ersten Teil teiner Romantrlologie „Vor der Sintflut" daa Rußland der Vorkriegsselt, jenes geheimnisvolle Rußland mit »einen unterirdischen Kräften, seiner he sonderen Kultur, seiner besonderen Moral, Er schildert meisterhaft daa russische Land in seiner Eigenart und den russischen Menschen, in hunger und Kollektivismus, erbarmungslose i Weichheit, Bigotterie und weltliche Genuß dessen Seele sieh Mac] Grausamkeit und kindlic sucht vereinen. Bchalom Asch fuhr! flnans. Als abgesprengt« ilie wenigen .luden diese ns in die Kreise der russisch-jüdischen 11<>--11- Splitter ihrer judischen Gemeinschaft lebten kleinen Oberschicht, denen ein Ansiedlungsreciit in den russischen Großstädten gegeben war, in einer gani losen Bexiehung zum Judentum. I>:i daa Judentum kein Faktor in ihrem Lehen war. bedeutete es auch für sie keinen Gewissenskonflikt, dem Bymbol des katholischen Kults, dem Heiligenbild, in ihrem Hause eitlen Platz einzuräumen, oder die Feste der katholischen Umgebung mitzufeiern. Das gehörte zum guten Ton. wie Wuhnkultur und Sektgelage. Nur dann und wann kommt doch eine jüdische Seite im Wesen dieser dem Judentum so entfremdeten Menschen zum Klingen, t, B, wenn der Antisemitismus an «len Stolz dieser erfolggewohnten Menschen rührt. Bin letztit Kost verletzten jüdischen Stolzes lelgt sich, wenn ,1er l,c rühmte jüdische Anwalt in stolzer Genugtuung den als antisemitisch bekannten, hohen Staatsbeamten! der eine Unterschlagung begangen hat, die Verteidigung ablehnt, oder wenn der erfolgreiche, jüdische Großkaufmann, als eine antisemitische Weile kommt, vereinsamt i;. dem Kreis seiner neugewonnenen Freunde steht, und sich nun plötzlich auf sein Judentum besinnt, oder, wenn ein armseliges Judenmütterchen aus dein Ansiodlungsrayon um Hilfe für ihren Sohn, der Märtyrer seiner Glaubenstreue ist. fleht, da regen sich plötzlich Ataviamcn. Man verstellt zum eigenen Erstaunen ihre Sprache, ein Band der Zugehörigkeit knüpft sich zwischen diesen Menschen so grundverschiedener N turstufen. Alier immer sind es nur Episoden, die schnell rorübergleiten. niemand sucht nach ernsthaftem Konnex mit dem Judentum. Bin« Episode ist es auch, wenn dem jungen Sacharij. der im Mittelpunkte der Erslhlung stellt, von seiner Amme aein Judentum zum Bewußtsein gcbrachl wird. Dieser primitiven Krau aus dem Volk ist es eine Innere Selbstverständlichkeit, daß ein Mensch das Gotteshaus seines Glaubens kennt, che Feiertage seiner Religion begeht. Dnd so weckt sie in dem Knaben die große Frage, die er an den Vater richtet. ..ist es wahr. dag wir einer amleren Religion angehören?" F'iir den „Kleinen Prowar diese Frage schicksalbestimmend, für den sie sich unter anderen Kragen, die seine Seele pheten" Edmond jungen Bacharij bewegen. Das jüdische Pr nur in den Kähmen erschütternde Klage Plegs erliert >blem ist Iii" ht der Inhalt der Milieuschilderung, geht durch das Buch des Buches, Er gehört Alier eine andere, ebenso das Suchen eines jungen Ceenataral-V« :r«eln dseuf serluesr SgaagsbUsrCtsesr fttssl. €!■«■*■ aassesru». Ortsgruppe Leipzig Tauhchenwec 77 h — Telephon 60805 =^===^^=^=^===^=: Herr Rechtsanwalt Dr. Heinz Joske spricht über den „numerus ClaUSUS", ein Grundproblcm unserer bürgerlichen Gleichberechtigung. Herr Rabbiner Dr. E. Carlebach referiert über das Thema: „Das drohende Schächtverbol". Da beide Vortrage brennende Fragen des jüdischen Lebens behandeln und besonders die Schachtüage durch das augenblicklich in Bayern angenommene Schachtverbot aktuell ist, bitten wir um zahlreiches Erscheinen. I. A.: Julius Krause, Vorsitzender. Dlensiaft. «Isen 1«. Febr. 1930. 20 Uhr im Hotel Sachsenhof, Johannisplatz I. (Der genaue Versanimlungssaal wird an der Tafel bekannt Itgsbtfl werden.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.