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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-02-07 · 6 (7.2.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
6 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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7. Kchrunr 1930 Seite 3 Jüdische Verbände und Gemeinden Der Bayerische Landtag nimmt das Sehäehtverbotsgeseti an. Der Bayerische Landtag verhandelte am 20. Januar den von der Regierung eingebrachten und vom VertaMungsausschufl bereits angenommenen Gesetzentwurf Ober das Verbot des betäubungslosen Schiach- Ichs in zweiter und dritter Lesung. Die Bayerische Volkspartei brachte bei Beginn der Beratung des Gesettentwurfes auch im Plenum des Bayerischen Landtags ihren im Vertassungsausschufi abgelehnten Antrag ein, der dem Ministerium des Innern die Befugnis einräumen will. Ausnahmen von dem Betäubungsswang zuzulassen unter der Voraussetzung, daß durch das zur Anwenduii;; kommende Verfahren jede unnötige Tierquälerei, inabesondere beim Niederlegen der Schlachttiere, vermieden werde. Damit sollte «las betäubungslose Schächten weiter ermöglicht werden. Der Berichterstatter Dr. Schar na gl begründete den Antrag mit der Rucksicht auf die Gewissensfreiheil der jüdischen Religionsgemeinschaft. Der deutschnationale Abgeordnete Dr.Lenl bedauerte, daß seine Partei ohne ihren Willen und ohne Absicht in einen Konflikt mit der jüdischen Religionsgemeinschaft gekommen sei, und versicherte, dafi seine Partei gern die Hand bieten würde — wenn ein die Tierquälerei vermeidendes Verfahren gefunden sei —. den Konflikt zu beseitigen. Minister des Innern. Stfitsel, der den Gesetzentwurf begründete, gab zu, «laß die Zahl der Schichtungen in Hävern sehr gering sei und durchschnittlich nur zwei Prosenl der Schlachtungen betrage. Er versicherte, die Regierung wolle keinen Gewissenszwang gegen die .luden Oben, sie wolle auch nicht das rituelle Schächten verhindern. Sie halle das elektrische Betäubungsverfahren für geeignet, Verletzungen der Tiere zu vermeiden. Er sei überzeugt, dafi über kurz oder lang die .luden sich mit dem elektrischen Verfahren abfinden würden. Ueherraschenderweise erklärte der Minister, im Gegensatz zu seiner Haltung im Ausschuf.!, sich für den Antrag der Bayerischen Volkspartei auf Zulassung von Ausnahmen von dem Betäubungsswang zugunsten der jüdischen Schichtung. Nach einer Aussprache von wenigen Stunden schrill mau zur Abstimmung. In der Abstimmung wurde der Antrag der Bayerischen Volkspartei mit fll gegen die 40 Stimmen der Antragsteller abgelehnt. Von der Sozialdemokratie nahmen 11 Abgeordnete an der Abstimmung nicht teil. Das ganze Gesetz wurde sodann, wie schon mitgeteilt, mit (i5 gegen 42 Stimmen hei zwei Enthaltungen angenommen. In den Kreisen der bayerischen Judenheil ist man erstaunt üher die AeuBerung des Innenministers Stützet, der das elektrische Betäubungsverfahren fflr geeignet hält, Verletzungen der Tiere zu vermeiden, wo doch bekannt ist. dafi die in München und an anderen Orlen mit diesem Verfahren angestellten Versuche nls milililllgen angesehen werden. Laut einer Bestimmung des Gesetzes tritt es am I.Oktober 1980 in Kraft. Man i»l aber In maßgebenden jüdischen Kreisen des testen Glaub« ns, dafi mit der Annahme des Gesetzes durch den Landtag die Angelegenheil noch nicht definitiv erledig! Ist. Das Gesetz bedeutet, wie dies schon in den Entschlüssen des Verbandes der Bayerischen israelitischen Religionsge.....inden und der Bayerischen Rabbinerkonferenz dargetan wurde, einen Verstoß gegen die Reichsverfassung, die die religiöse Gewissensfreiheil aller Staatsbürger garantiert, während das Gesetz, wie es im Landtag angenommen worden ist. einen Bruch de,- religiösen Gewissensfreiheil bedeutet Der Landtag hatte nicht die Kompetenz, ein solches tiesetz zu beschließen, ohne eine Ausnahme fflr die jüdisch,■ Religionsgemeinschaft zu statuieren. Es wird mit Bestimmtheil angenommen, dafi ein Appell an die Reichsregierung und den Staatsgerichtshof ergehen wird, in dem Sinne, daß das vom Bayerischen Landtag angenommene (leset/, als gegen die Reichsverfassung verstoßend an den Landtag zur entsprechenden Abänderung zurückverwiesen wird. Unsere (iemeinde Warnung. Max Rubin, vor dem des öfteren gewarnt werden ist. sammelt nach wie vor Beiträge für einen nicht existierend e u ..II 11 f 8 ve r e i n I' 0 r Mu 8 i k sl II .1 i e r e n (I e" und gibt auf Betragen des öfteren auch wahrheitswidrig an, dafi er das Geld bei dem Unterzeichneten für die allgemeine Studentenhilfe abliefere. Ks wird davor gewarnt, dem Rabin Geld für diesen Zweck zu geben, da er es lediglich für sich verwendet und es anderen Studierenden nicht zugute kommt. Die Studentenhilfe, i. A.: Dr. Felix Goldmann, König Johannstr. 17. Schichtfrage und Numerus eh......». Bekanntlich liegt dem sächsischen Landtag ein Antrag auf Verbot jeglicher betäubungslosen Schlachtung von Tiereu vor. Ein gleichlautender Antrag i~l kürzlich in Hävern zur Annahme gelangt. Es ist ein dringendes Gebot, dafi die jüdischen Organe nichts unversucht lassen, einen gleichen, für das religiöse Leben außerordentlich schwerwiegenden Beschluß in Sa hsen zu verhüten. Die Ortsgruppe des Centraivereine deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ver Als die erste Oberraschung über seinen neu 'ii Glauben von dem kleinen Sacharij gewichen war. wurde in ihm der Wunsch immer stärker, zu erfahren, was das eigentlich für eine Religion sei. der er angehörte, was für Pesttage sie halle, und wie man diese dort feierte. Warum halte man ihm all das verschwiegen? Warum gibt es andere Religionen als die, zu denen sich alle hier bekennen? Und warum glauben anilere Leute an diese anderen lioli'_rionen"? Seine Neugierde brannte wie verzehrender Durst in ihm. und er halle niemanden, der ihm Kühlung reichte. Sein Selbsterhaltungstrieb, durch das Blut der Vorfahren ihm vererbt, riet ihm. die Neuigkeit vorläufig vor seinen Kameraden geheim zu hallen. Er schämte sich des Neuen, das er erfahren hatte, nicht, im Gegenteil es bereitete ihm eine innerliche Freude, wie ein kostbarer Schatz, der uns unerwartet in den Schoß fällt: aber Sacharij sah dieses Neue als ein großes, sein ureigenstes Geheimnis an. das er jetzt noch nicht preisgeben durfte. Maria fwanowna hielt, was sie versprochen hatte: sie machte wirklich die einsige kleine Synagoge in Jekaterinburg ausfindig, obwohl sie von der Behörde genehmigt war. lau' die Synagoge in einem großen Hof versteckt. Am Sabbat, an den Feiertagen, zumal am Neujahrs tag und am Versöhnungstag fanden sich nicht viel mehr als zehn Personen zum Gebet ein. zumeist ehemalige jüdische Soldaten Nikolaus I.. die nach ihrer Dienstzeit die Erlaubnis bekommen hatten, sich im Innern Rußlands anzusiedeln. Die Betenden in der Synagoge unterschieden sich weder in ihrer Sprache noch in Tracht und Aus sehen von den andern Einwohnern der Stadl, und keinem russischen Bewohner wäre es eingefallen, ihnen besondere Aufmerksamkeil zu schenken. An einem Sonnabend es war gerade ein russischer Feiertag, und die Kinder gingen nicht zur Schule - zog Maria Iwanowna dein kleinen Sacharij seinen warmen Uniformpelz au. hüllte sich in ihren dicken Mantel und ihr Kopftuch und führte den Knaben zu der kleinen SynOgOge, Beim Kingaug angelangt, stieß sie ihn sanft hinein. Mit Herzklopfen und zitternden Knien betrat der Knabe ,1m Raul l. Maria Iwanowna blieb draußen und wartete geduldig in Frosl und Wind, bis ihr Sacharij zurückkehrte. Im Innern der Synagoge sah der Knabe so fremde und neuartige Dinge, daß er nicht wußte, ob er vor ihnen Angsl haben oder sich Irenen sollte. Die Stätte halle gar keine Ahnlichkeil mit einer Kirche. Kein einsiges Heiligenbild hing an der Wand, kein einziges Kreuz war zu sehen. Männer standen dort, Russen in kurzen Pelzen; aber über den Pelzen hatten sie sonderbare weilte' Tücher hängen, wie sie Sacharij noch nie gesehen halte. Darin sahen sie wie Frauen aus. Weiler oben, hart an der Wand, wo Kerzen bn.....ten (was.....st noch dort war. konnte der Knabe nicht erkennen, weil er es nicht wagte, näherzutreten Und genauer hinzusehen), Bland noch ein Mann, ebenfalls in ein weißes Tuch gehüllt, und sprach oder sang etwas. Wenn es Gesang war. so hatte es gar kein.' Ähnlichkeit mit dem Gesang des Popen in der Kirche, und überdies war die Sprache ganz unverständlich. Alle andern Männer sagten nach, was der Mann oben vorsagte. Das Sonderbarste aber war. daß alle ihre Pelzmützen aufhatten, als wären sie Lrar nicht in einer Kirche, sondern auf der Straße. Einer von ihnen bat auf den Knaben zu (Sacharij sah bloß einen weißen Barl aus dem Pelz und dem Tuch herausschauen, das ihm jetzt unheimlich vorkam), steckte ihm ein Puch in die Hand und lud ihn ein. weiter vorzugehen. Der kleine Sacharij erschrak und lief fort. Draußen wartete, vom Frosl gerötet, Maria Iwanowna. Sie brachte ihn wieder heim. Die Aii.....• flaute mit keinem Worte, was in der Synagoge vorgegangen war. und Sacharij erzählte ihr auch nichts. Doch die Neugierde verzehrte den Knaben noch mehr: In Beiner Phantasie nahm das Bild, das er gesehen hatte, die .luden in den weißen Tüchern, ebenso wie die ganze winkelig versteckte Gegend, immer stärkeren Raum ein. Er war überzeugt, etwas ganz Geheimnisvolles gesehen zu haben, wovon er niemandem etwas sagen durfte.

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