Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 6 (7.2.1930)
- Date
- 1930-02-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSQEMEINDE ZU LEIPZIÜ NumnuT (i lung, weder für das Gesamtreich noch für das eigentliche England. Keinen Einfluß auf «Inkirchliche Verwaltung von Gemeinden hat das im Jahr 1760 gegründete „Londoner Komitee von Abgeordneten der Britischen Juden" (London Committee of Deputies of Ihe British Jews), jetzt gewöhnlich als „Board of Deputies" bezeichne) wird. Es beruht auf freiem Zusammenschluß und besteht aus Vertretern um Gemeinden Londons, der Provinz und einiger Gemeinden der Kolonien, neuerdings auch aus Vertretern einiger anderen nicht gemeindlichen Körperschaften, Ursprünglich dazu bestimmt, die Interessen der Juden und jüdischen Religonsgemeinschatl Ihm der innerstaatlichen Gesetzgebung zu vertreten, war es dann vielfach — oft gemeinsam mit der Anglo-Jewlsh Association auch tätig, um jene Interessen gegenüber ausländischen Beeinträchtigungsversuchen zu schützen. In den V ereinigten st a a t en \ o n A m e ri k a ist die Stellung der Einzelgeineinden eine noch freiere. Zwar haben sich hier mehrere Gemeindeverbände gebildet, die „Union ol American Eiebrew Congregations" (freier gerichtete Gemeinden; gegründet 1873; im .lalir 1926: J7s Gemeinden), die „Union ol Orthodox Jewish i ongregations ol America" (gegründet liüis) und United Synagogue ol America (gegründet 1013; die beiden letzteren Verbände konservativ gerichtet). Außerdem bestehen zwei nicht an die einzelnen Gemeinden anknüpfende Gesamtvertretungen, die eine ..American Jewish Committee" (gegründet etwa tikn;>. beruhend auf dein Zusammenschluß der führenden Personen, die andere. ..American Jewish Congress" (gegründet 1916), beruhend auf unmittelbaren Wahlen. Eine staatliche, auf Zusammenschluß hindrängende Gesetzgebung klimmt bei der dortigen Zurückhaltung des Staate.» auf kirchlichem Gebiet nicht in Frage. In Polen ist — als Nachwirkung einer seitens der deutschen Behörde während der Besetzung im Weltkrieg versuchten Regelung durch Verordnung des Präsidenten der Republik vom 14. Oktober IüjT eine Gesamtverfassung für alle jüdischen Gemeinden Polens mit Ausnahme derjenigen der bisher deutschen Gebiete geschaffen und dann durch Verordnung desselben vom 5. Mai 1928 auch auf die letzteren Gebiete ausgedehnt worden. Hiernach bilden diese Gemeinden einen öffentlich-rechtlichen Religionsverband, dessen Mitglieder die einzelnen, nach örtlichen Bezirken geordneten, im früher russischen Gebiet neugeschaffenen jüdischen Religionsgemeinden sind. An der Spitze des Verbandes steht ein Rat der jüdischen Religionsgemeinden (Rada Religijna Gmin Zydowskich), zusammengesetzt aus gewählten 14 nichtrabblnischen und 7 rabbinischen Mitgliedern, mit dem Recht für den Kultusminister, t nichtrabbinische und 2 rnhbinische Mitglieder hinzu zu ernennen. Der Rat hat die Aufsicht üher den Religionsverband und leitet dessen Tätigkeit, ohne jedoch die Gewissensfreiheit der einzelnen Personen, Gemeinden und Religionsgesellschaften beeinträchtigen zu dürfen. Er hat z. B. Regeln für Zulassung von Rabbinern aufzustellen, Ihm obliegt die Vertretung der Interessen des Roligionsverbandes gegenüber dem Staat. In der Tschechoslowakei halten fünf Kultusgonieindeverbände, die fast ausnahmslos alle Kultusgemeinden Böhmens, Mährens und Schlesiens umfassen, sich unter voller Wahrung der Selbständigkeil der einzelnen Gemeinden zusammengetan und als gemeinsame Behörde einen Obersten Rat gebildet, dessen Satzung auf Grund eines ministeriellen Erlasses staatlich am 23. September 1927 genehmigl worden ist. Kr befaßt sich mit gemeinsamen Angelegenheiten der jüdischen Religionsgemeinschaft in jenen Ländern (nicht auch in der Slowakei und Karpal-Rußlaud) und vertritt sie nach außen. Kr besteh! aus 31 Mitgliedern, und zwar dem Oberrabinner in Prag und je <• Abgeordneten (unter ihnen je 1 Rabbiner) der fünf Kultusgemeindeverbände. Ahnliche Zusammenschlüsse oder Ansatz»' hierzu bestehen in einigen andere i Ländern. Auch In der Gegenwart ist hiernach die Selbständigkeit jeder Einzelgemeinde in allen religiösen Angelegenheiten fast Überall im Judentum eine vollständige; die Einschränkungen sind nur verhältnismäßig geringe und treffen nur kleine Teile der jüdischen Gesamtbevölkerung. Mit der Selbständigkeit aber ist gewahrt die Möglichkeil weitgehender und schneller Anpassung, die erforderlich ist. wenn eine so kleine, in ihren einzelnen Teilen unter so verschiedenen äußeren Bedingungen lebende Gemeinschaft die Änderungen der äußeren l'instände überdauern soll. Kür den inneren Zusammenhang der Gegenwart untereinander sorgen, wie die Krfahruug (gelehrt hat. genügend der durch die alte Oberlieferung immer von neuem angeregte geschichtliche Sinn und das anhängliche, wenn auch freiwillige Festhalten an den gemeinschaftliehen Grundsätzen. Wie Sacharij erfährt, daß er ein Jude ist \ on Schalem Asch. Als Sacharij ungefähr 12 Jahre all war - e> war der zweite Winter, seit Mama das Maus verlassen hatte —, kam ein Brief vom Vater, worin er mitteilte, er könne diesmal am Weihnachtsabend nicht zu Hause sein: die Geschäfte zwängen ihn, die Feiertage in der Residenz zu verbringen. Maria Iwanowas sollte die Feier im Hau-" wie immer selb>l rüsten und wie jedes .lalir die Dienerschaft beschenken. Das Geschenk für Sacharij sende er, Gabriel Haimowitsch, selbst aus Petersburg. Maria Iwanowna ordnete an, daß anstatt d.-r großen Tanne mit vielen Lichtem, wie sie alljährlich aufgestellt worden war. solange ihre Herrin im Hause wohnte, diesmal ein kleiner Baum aufgestellt werde: er sollte auch nicht, wie sonst, im Salon, sondern im Eßzimmer stehen und nur die Geschenke der Dienerschaft, jedoch nicht die für den Jungen Herrn trauen. Mit glühenden Wangen und klopfendem Herzen erwartete der kleine Sacharij (wie jedes Kind und noch dazu ein so sensitives) das Fest. Al> er von den Anordnungen Maria Iwanownas hörte, wendete er sich mit verzweifeltem staunen au sie um Aufklärung ihres ihm unverständlichen Befehls: i«t doch nicht dein l est. Täuhchen.;mcb nicht das des gnädigen Herrn, sondern bloli das Fest der Dienerschaft! Deshalb habe ich befohlen, den Baum nur für, sie aufzustellen." ..Nicht mein Fest / Es ist doch unser aller Fest Am Weihnacbtsläge wurde doch Christus geboren, um die Welt zu erlösen." ..Nein. Täubeben, es ist nicht dein Fest, du gehörst einem andern Volke an und hast einen anderen Glauben. Deine Religion feiert dieses Fest nicht, sie bat andere Feste." „Ich gehöre einem andern Volke an? Was sagst du da, Amme? Bist du verrückt (geworden? Was bedeutet das — ich hätte einen andern (ilauben?" „Ja, Täubchen, deine Kitern. deine Großväter, dein Mütterchen, sie alle glauben au eine andere Religion, ihr habt andere Festtage. Ich werde mich erkundigen, wann eure Feiertage sind, dann wollen wir für dich deine eigenen Feste rüsten, wie sie dir dein Glaube (gebietet: dann brauchen wir nicht mehr fremde Feste zu feiern." Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Munde stand der kleine Sacharij vor seiner Amme; seine Nasenflügel liebten. Kr konnte ihre Worte nicht begreifen. „Es ist Zeil, daß du es erfährst: du bist schon ein erwachsener Junge, und es ist höchste Zeit, daß du dich zu deiner eigenen Religion bekennst. Da geht so ein Kind in allerhand Schulen und wächst doch so unwissend auf wie ein dummes Kälbelien." Der Knalie schwieg und hiß sich ärgerlich die Lippen. Dann kam ein Zornausbrucli: er stürzte sich auf die Amme und schlug sie mit Händen und Füßen. Sie Meli sich ruhig schlagen, nahm sein Köpfchen in Ihre Hände und küßte es. Ais er sich beruhigt hatte, lief er ins erste Stockwerk, in den •-•rollen kalten Salon, und verschloß die Tür hinter sich. Seine erste Regung war, zum Bilde der Muller hinzulaufen, ihr Antlitz zu küssen und vor dem Bilde Klage gegen die Amine zu führen. Doch er tat es nicht, sondern warf bloß einen Blick auf das Bild der Mutler und lief auf das grolle, breite, mit Seide überzogene Sofa zu. Dort warf er sich hin. vergrub den Kopf in die vielen Kissen und brach in Tränen aus. Maria Iwanowna stand vor der Tür und bat: „Offne doch, mein Täubchen, du wirst dich ja erkälten: im Salon ist es so kalt!" Sacharij antwortete nicht. „Ich werde in die Stadt gehen und mich erkundigen*, ob es dort i inen Rabbi gibt. Ich werde dir deine eigenen Feierlage ausfindig machen. Beruhige dich nur, mein Kind, beruhige dich, ich bitte dich!"