Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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24. Januar 1030 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 8 Abends 8J4 Uhr: Große öffentliche Kundgebung des Liberalen Vereins der Synagogengemeinde Breslau. Sämtliche Veranstaltungen finden in der Spinoza-Loge am Reichspräsldentenplats,!• Uhr. statt, bis auf die Ofientliohe Kundgebung am Sonntag abend, deren Ort und Programm noch bekanntgegeben werden. Gesetzlicher Schutz iür die jüdische Religionsgemeinschaft. Vor dein Reichsgericht halte sich am Dienstag der preußische Lnndtagsabgeordnete Dr. Robert Ley wegen Vergehens gegen die Religion und Aufreizung zum Klassenhaß zu verantworten. Dr. Ley ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur des in Köln erscheinenden ..Westdeutschen Beobachten", der 10'iH mehrere Artikel über die Mordaffiire Hußmann-Dauhe brachte. In diesen Artikeln wurde u. a. gesagt, daß die jüdische Religionsgemeinschaft noch heute an dem Rilualmnrd festhalte, wie er angeblich im Talmud vorgeschrieben sei. Das Schöffengericht Köln hatte Dr. Ley zu 1000 Mark (ieldstrafe an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von zwei Monaten verurteilt, Die hiergegen eingelegte Berufung wurde vom Landgericht Köln verworfen. Mit der Motivierung! mit den inkriminierten Artikeln nur die jüdische Rasse, nicht aber die jüdische Religionsgemeinschaft bekämpfen zu wollen, legte Dr. Ley Revision beim Reichsgericht ein. Der Reichsanwalt war jedoch der Meinung, daß der Talbestand vom Vorderrichter einwandfrei erkannt worden sei, und beantragte Verwerfung der Revision. Außerdem hob der Reichsanwall hervor, da.ß nach der reichsgerlchtl i C h e n .1 u d i k a t u r d i e G e s a m t h e i t der jüdische n Bekenntnisgemeinschaften Anspruch auf gesetzlichen Schutz hätte. Der erste Strafsenat des Reichsgerichts erkannte gemäß dem Antrag des Reichsanwalts, verwarf die Revision und bestätigte damit das vorinstanzliche Urteil. Ncukonslitiiirriiiig des Verstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin. Nachdem in der letzten Sitzung der Repräseutanlenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde die nach dem Turnus Ende 1929 ausgeschiedenen und wiedergewählten Mitglieder des Vorstandes, Kammergerichtsrat Leo Wolff, Kommertienrat Qeraon Simon, Rechtsanwalt Dr. Max Kollenscher, Professor Dr. Seligmann und James Goldschmidt, durch den Vorsitzenden, Geheimrat Dr. Julius Stern, wiedereingeführt und verpflichtet wurden, hat sich der Vorstand in seiner am 14. Januar abgehaltenen Sitzung neu konstituiert. Zum Vorsitzenden wurde Direktor Kareski, zu stellvertretenden Vorsitzenden Kammergerichtsrat Leo Wolff und Koinmerzienrat Gerson Simon wiedergewählt. 20 Juhre Gemeindrhlatt in Berlin. 20 Jahre sind verflossen, seitdem zum erstenmal das Gemeindchlatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, amtliches Organ des Gemeiudevorstandes, vor die öffentlichkeit getreten ist. Die Idee, der es entsprungen, und die Ziele, die es sich gesetzt, waren in dem Programm, mit dem es seinerzeit die Kröffnungsnummer einleitete, umschrieben. Das Blatt will eine Bildliche Verbindung schaffen zwischen der Gemeinde und ihren Mitgliedern, und darüber hinaus ein Band schaffen, das die Mitglieder enger an die Gemeinde knüpft. Es will die Kenntnis von den Aufgaben und den Leistungen der Gemeinde in weite Kreise tragen, will dort das Bewußtsein wecken, daß die Interessensphäre der Gemeinde sich in den Fragen der Steuer, des Synagogenplatzes und des Friedhofes nicht erschöpft, daß eine Fülle von Kulturarbeit und sozialer Wirksamkeit in ihr Erledigung fordert und findet. Will damit vorhandenes Interesse beleben, fehlendes wecken, wertvolle schlummernde Kräfte zum Leben bringen und der Gemeinde und ihren Aufgaben dienstbar machen. Die Gemeinde ist nicht nur eine Verwaltungsgemeinschaft, sondern auch ein Religionsverband. Sie hat nicht nur die ihr vom Gesetz zugewiesenen Obliegenheiten ordnungsmäßig zu erfüllen, sie hat auch religiöse Kulturaufgaben. Sie hat nicht nur für vorhandene religiöse Bedürfnisse zu sorgen, sie hat auch das jüdisch-religiöse Gefühl, wo es verschwunden ist, zu wecken, wo es schwach geworden ist, zu stärken. Sie hat der Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit entgegenzuwirken, die, häufig eine Vorstufe des förmlichen Abfalls, in weilen und gerade in gebildeten Kreisen der Gemeinde gegenüber dem Judentum anzutreffen ist. Dies kann durch Aufklärung und Belehrung geschehen. Denn nicht Immer sind materielle Rücksichten der Grund zur Loslösung vom Judentum. Wie viele gibt es, die sich dem Judentum entfremdet haben, weil sie es nicht kennen! Auch hier soll das Gemeindeblatt einsetzen. Es soll Aufklärung und Belehrung in die Häuser tragen. Es soll all das in die breitesten jüdischen Massen tragen, was im Judentum lebendige und werbende Kraft besitzt. Es will keiner Partei dienen; nicht in den Kampf der Meinungen hinabsteigen. Will vielmehr nur das in seinen Kreis ziehen, was eint, und alles von sich hallen, was trennt. Es will mitwirken an der inneren Stärkung und Festigung des Judentums, In der aus Anlaß des 20jährigen Bestehens veröffentlichten Jublläumsnummer wendet sich die Redaktion des Gemeindeblattes an die Leser mit der Bitte, sich darüber zu äußern. Inwieweit das Gemeindeblatt die Aufgaben, die es sich gesetzt, erfüllt. Insbesondere, ob gewisse Veröffentlichungen sie besonders Interessiert haben. oh sie auf andere lieber verzichtet hätten, was sie im Gemeindeblatl vermiß! und welche Wünsche sie für seine künftige Ausgestaltung haben. Unsere Gemeinde Sächsisches Israelitisches Altersheim zu Leipzig. Ariowitsch-Stifiimg. Der Bau des Israelitischen Altersheims zu Leipzig gebt seiner Vollendung entgegen, und noch im Frühjahr dieses Jahres seil das Heim der Oeffentlichkeit zur Benutzung übergehen werden. Allein der Initiative und der aufopfernden Tätigkeit der Slifterin. Frau Louise Ario witsch ist es zu danken, wenn das edle und groBzügige Werk der Menschlichkeil und Hilfsbereitschaft in so vollendeter Weise gelungen ist. Wer die Gebäude in der Auenstraße bat wachsen sehen, wird von der Kunst des Architekten überzeug! si>in. der eine formvollendete Lösung einer zugleich schönen und zweckentsprechenden Gestaltung des Heimes gefunden hat. Das Vorderhaus, das nun bald gastlich seine Pforten öffnen wird kann etws 4(1 Einwohner aufnehmen. Ein großer Teil der verfügbaren Plätze ist als Freistellen gedacht, die übrigen werden zu einem Preise vergeben, der jedem die Möglichkeit bietet, sich in das Heim einzumieten. Auf diese Weise glaubt die Stifterin zur Linderung der Not, die insbesondere schwer das Alter bedrückt, an ihrer Stelle und nach ihren Kräften ein wenig beizutragen, indem sie dem alternden Mittelstand ein Heim und den Ärmsten eine Zuflucht bietet. Bewerbungen um Aufnahme in das Heim nehmen die Vorstände der Israelitischen Religionsgemeinden in Sachsen entgegen. Generalversammlung des Ccntralvercins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Onsgninpc Leipzig. Die Ortsgruppe Leipzig des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am 14. Januar 1900 ihre diesjährige G e n e r a I v e r s a m in - I u n g. Der Jahresbericht über die Tätigkeit der Ortsgruppe im Jahre 1920 unifaßte folgende Punkte: Mitgliederbewecung. Versammlungstltigkeit Rechtsschutz. Wahlarbeil anläßlich der Landtaffswahlen am 12. Mai und Kommunalwahlen am IT November 1929 Aufklärungsarbeit. Am 81.Dezember 1929 zählte die Ortsgruppe 504 Mitglieder. (Am 1. Januar 1020: 517.) Die Versammlungstätigkeil war — wie in den vergangenen Jahren — wiederum eine rege. Am 28. Januar 1020 fand die Generalversammlung statt, in der nach dem geschäftlichen Teil Herr Rabbiner Dr. Goldmann über das Thema „Jüdische Witze" referierte». Am 20. Februar 1020 veranstaltete die Ortsgruppe Leipzig einen Teeabend für die jüdische akademische Jugend in der Wohnung des Herrn Rabbiner Dr. G o 1 d in a n n . wobei der Gastgeber über das Thema: „Der C.-V. und die akademische Jugend" referierte. Veranlaßt durch die ungeheure antisemitische Aktivität der Nationalsozialisten wurde am 18. März 1020 eine Gemeindeversammlung einberufen, die außerordentlich gut besucht war. Herr Direktor Dr. Ludwig Holländer referierte mit nachhaltigem Eindruck über den ..Nationalsozialismus". Die Kommunal wählen am 17. November galten der Ortsgruppe Veranlassung, nachdem die Versammlungstätigkeil in den Sommermonaten geruht halte, am 28. Oktober eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Herr Rabbiner Dr. Felix Gold mann, der das Thema: ..Der .lüde und die Politik" behandelte, nahm Gelegenheit, den Besuchern in eindringlicher Form die untieheure Gefahr, die die Nationalsozialisten für das Judentum bedeuten, zu schildern. Durch einen Film, der im ersten Teil das Anwachsen der nationalsozialistischen Partei und deren Kampfmittel, im zweiten Teil die vom C.-V. unternommenen (iegenmaßnahinen in Wort und Bild belegte, wurde den Besuchern ein klares Bild über den Antisemitismus und seine Bekämpfung gegeben. Nachdem die Kommim..! „ahlen vorbei waren, wurde am 0. Dezember 1020 eine Mitgliederversammlung einberufen, in der Herr Rechtsanwalt Dr. (! o I d he rg (Plauen), dessen politisch" Tätigkeit allgemein bekannt ist. in seinem Referat: e r Tri u in p Ii der Nationalsozialist e n" über den f> usgang der Wahlen und die Erfolge der Nationalsozialisten berichtete. Der Bericht über die für die beiden W a Ii 1 e n i m .1 a Ii r e 1020 geleistete Arbeit zeigte, daß die Ortsgruppe Leipzig des Central-Ver-