Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT OKU ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 4 Lehrhnusor gegeben habe, wie vor der Vertreibung, welche ziemlich Uberrasebend kam. Aber seihst zugegeben, daß die bedrückte Lage di i deutschen Juden zu ihrer Frömmigkeit beigetragen habe, so war diese doch nicht jene sonnige Frömmigkeit, welche der Abglanz eines durch tiete Erkenntnis der gottlichen Wahrheit veredelten Geistes und Herzens ist. Die Bildungsxustände der deutschen und deutsch-polnischen .luden sind der stehende Spott ihrer spanischen und italienischen Glaubenagenoasen, ihre gelehrten Studien haften an kleinen Gesichtspunkten, der Minhag feiert Triumphe, und vollends die Sittenzustände teigen «las Bild traurigster Verkommenheit. Zu den hebräischen Worten, die jeder .lüde kennt, gehört leider auch da- Wort „Mossur", welches den Verleumder, den Angeber, den Denunzianten, im österreichischen Idiotismus den „Xaderer" bezeichnet. Diese gefährlichste und verworfenste Sorte von Menschen, welche das größte Unheil über ganze Familien und Gemeinden brachte, ward recht eigentlich im Ghetto gezüchtet. Ks laut sich ja nur zu sehr begreifen, wie durch das enge Zusammenwohnen in der Judengasse, dadurch, daß der eine Gelegenheit hatte, dem anderen in den Topf zu gucken, Neugier. Neid, Mißgunst, Heuchelei und Verstellung, kurz, das ganze Heer verwerflichster Leidenschaften angestachelt wurde, aus welchem das jüdische Sykophantontuin, der Abschaum unserer (i.schichte, sich entwickelte. Es mag hinreichen, wenn ich diese traurige Erscheinung mit den eigenen Worten eines Prager Oberrabbiners aus dein 1(>. Jahrhundert. Salomo Ephraim Lenczyc, schildere, mit welchen er beklagt, daß Klatschsuch», Unwahrhaftigkeit und Lügenhaftigkeit mehr unter uns als bei allen Völkern heimisch seien, daß Unfriedfertigkeit und Zanksucht die Gemeinden zerklüfteten, und daß der Haß des Juden gegen seine Glaubensgenossen nachdrücklicher sei, als der Haß des NichtJuden gegen luden. Diese Erscheinungen waren die Kolgen des Druckes, und damit bestätigt sich das Wort eines modernen Dichters, daß das Unglück die Menschen so wenig besser macht, so wenig der Rost in scharfes Messer macht. Mit dem Nachlassen des Druckes ist dieses sittliche Unkraut, daß er großgezogen hatte, aus der Mitte der Juden von selbst verschwunden, und wir würden undankbar gegen die Kreiheit sein, wenn wir verkennen wollten, daß sie es gewesen ist, die uns Gelegenheil und den Anstoß gegeben hat. das Gute, das in uns liegt, zur Entfaltung zu bringen. Ist uns auch der Sonnenschein der Freiheit nicht ungeschmälert zuteil geworden, so haben selbst ihre spürlichen Strahlen genügt, für das Judentum eine Blütezeit herbeizuführen, wie es deren sich seit Jahrhunderten nicht erfreut hat. Mag es auch nicht au bedauerlichen Erscheinungen fehlen, die trotz (>der mit diesem Umschwung aufgetaucht sind, so überwiegt doch bei weitem das (inte, das im Laufe dieses Jahrhunderts in unserer Mitte hervorgetreten ist. Wir haben erst jetzt wieder eine jüdische Wissenschaft, welche an die Leistungen der spanisch-arabischen und italienischen Glanzzeit anknüpft, welche ihren leuchtenden Spuren folgt und in mehrfachen Lehranstalten eifrige Pflege findet. Zahlreiche Glaubensgenossen sind auf den verschiedenen Gebieten der Wissen schuft und Kunst wahrlich nicht unrühmlich tatig. Gotteshäuser von einem Umfang und einer Ausstattung, wie sie das Mittelalter wenig oder gar nicht gekannt, bilden die Andachtsstätten der Gemeinden. Die öffentliche Wohltätigkeit erstreckt sich auf früher gänzlich vernachlässigte Gebiete, wie die Erziehung der Taubstummen und Blinden, und selbst die früher geübte Wohltätigkeit, wie die Waisenpllege und die Altersversorgung, die Pflege der Kranken und die Unterstützung der Armen hat entsprechend der Größe der Gemeinden einen Umfang und eine Ausdehnung gewonnen, wovon unsere Voreltern im Mittelalter keine Ahnung hatten. Ja, selbst und zumeist die Größe mancher Gemeinden an sich würde, wenn jene Voreltern aufständen, ihr Erstaunen und ihre Bewunderung erregen, und dieser Zuwachs ist doch nur möglich geworden durch den Zusammenbruch des Ghettos und die Freizügigkeil. So zeigt sich in den verschiedensten Richtungen, daß wir, wie unsere Geschichte mit der Befreiung ihren Anfang genommen hat, die Freiheit nicht zu fürchten, sondern nur Gutes von ihr zu erwarten haben. Diese Geschichte lehrt aber auch, daß die Freiheit nicht für immer sich unterdrücken läßt. Wenn sie auch verdunkelt wird, so leuchten doch wie die sonnenbeschienenen Bergspitzen auf der dunkeln Mondesfläche zu gegebener Frist Zeichen auf, die bald wieder ihren vollen Anbruch gewärtigen lassen. Deshalb braucht uns, wenn auch die neueste Phase unserer Geschichte nicht im Lichte der Freiheit sich abspielt, um die Zukunft nicht bange zu sein. Dazu haben wir eine zu alte Geschichte. (Aus einer größeren Abhandlung des gelehrten Wiener Kaliiiiuers Dr. OOdentann *• A. „l'eber die inneren Ursachen der blute und dos Verfalls in der Geschichte der Juden" 1898.) Jüdische Verbände und Gemeinden her ildiseha Frauenbund ehrt Paula (Hiendorf!. Eine schöne und sinnige Ehrung plant der Jüdische Frauenbund für seine zweite Vorsitzende. Krau Paula Ollendorff (Breslau), anläßlich ihres 70. Geburtstages, den sie im Frühjahr begehen wird. Die auch sonst sozial ungemein rührige Vorkämpferin für jüdische Krauenarbeit betreibt mit ganz besonderer Hingabe die Schaffung jüdischer Jugendheime. Auf ihr" Anregung wird in Breslau ein solches eröffnet. Ein beson- Herzenswunsch di-r Frau Ollendorfl ist es. daß in diesem Heim auch ein Bibliotheka- und ein Musiklimmer eingerichtet werden. Diese sind jedoch in dem Plane des Breslauer Heimes nicht vorgesehen. Darum will der Jüdische Frauenbund der Jubilarin die Einrichtung des Bibliotheka- und des Musikzimmers zum Geschenk machen. Um die Ehrung möglichst eindrucksvoll zu gestalten, ist die Beteiligung einer recht großen Zahl jüdischer Krauen aus allen Kreisen des Jüdischen Frauenbundes erwünscht. Ks sollen alle, die durch ihr Scherflein zu der Ehrung dieser bedeutenden Krau beitragen wollen, ihren Namen handschriftlich in eine Liste einzeichnen (ohne Nennung des Betrages). Diese Listen werden aus ganz Deutschland zusammengestellt und der Jubilarin als ein persönliches Zeichen für .Mi- Verehrung, die sie in weitesten Kreisen genieflt, überreicht werden. Es werden schon Spenden von B0 Pf. an entgegengenommen. I iir i. e i psi u hat die Ortsgruppe des hiesigen Frauenbundes die Sammlung übernommen. Eine entsprechende Liste liegt im Qcineindeamt, Löhrstr. 10, Erdgesehof), aus. Drille Weltkraferena de» liberalen Judentum-. Juli 19311 in London. Das Präsidium des Weltverbandes des liberalen Judentums hat beschlossen, die dritte Weltkonferenz des liberalen Judentums für den Monat Juli nach London einzuberufen. Die erste liberale Weltkonferenz, iu der die Errichtung des Weltverbandes beschlossen wurde, fand 1936 in London, die zweite Weltkonferenz, in der die Gründung des Weltverbandes vollzogen wurde, fand 1028 in Berlin statt. Am 28. Januar d.J. findet in Berlin eine interne Sitzung des Präsidiums und Hauptvorstaudes des Woltverbandos für liberales Judentum statt. An der Sitzung werden Führer oes liberalen Judentums aus Deutschland. England und den anderen Ländern teilnehmen. Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in Breslau. Am 1. und 2. Februar 1930 findet in Breslau die Ordentliche Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland statt. Das Programm ist folgendes: Sonnabend, den 1. Februar, vormittags 9% Uhr: Festgottesdienst in der Neuen Synagoge; die Festpredigt wird Gemeinderahhiner Dr. Hermann Vogelstein halten. Nachmittags 4 Uhr: (iesamtvorstandssitzung. anschließend Hauptversammlung (Geschäftsliehe Sitzung der Delegierten), mit der folgenden Tagesordnung: 1. Eröffnung und Ansprache des Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern. 2. (ieschüftsbericht des Generalsekretärs, Herrn George Goetz- 3. Finanzbericht. 4. Entlastung des Vorstandes. 5. Neuwahl des (lesamtvorstandes. (i. Neufestsetzung des Beitruges. 7. QeneralaUSSprache. 8. Antrüge und Verschiedenes. Sonntag, den 2. Februar: Oeffentliche Tagung des Hauptvorstandes. Die Eröffnung findet vormittag 10 Uhr statt. Rabbiner Dr. Cäsar Sei ig mann, Frankfurt u.M., hält das erste Hauptreferat: „Das Judentum als Weltreli g i o n". Das zweite Haupt referat ist dem Thema „R e 1 i g i o n und Wirtschaft, Lebensnahe der Religion" gewidmet; der Name des Referenten wird noch bekanntgegeben werden. Am Nachmittag, 'A% Uhr, findet eine Aussprache der Delegierten über die Referate des Vormittags statt.