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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-01-24 · 4 (24.1.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
4 (24.1.1930)
Date
1930-01-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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^cmcitiö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMErlN DE ZU | £ID7lfL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LU I ■ IW DER GEMEIN DEVE-RWALTUNGfa" - Dal (•cmrliulcblatl erstlich»! |rtUan Irring und wird den MiiKlirdtTii der Rcllglonigrwelndfl unniiKtUhdi t durch die INwt KujntCelll - SchrtftlcItiiniM \ ^.iiiu'liuU*pal»l)ln**r GtltttN ("Im, l« ip/itf, UihrslraUe 10 NUMMER 4 / JAHRGANG 0 FREITAG 24* JANUAR 1010 AnzcifiriivtTtauUunfi und Druck: Buihdi'uikcn't August Priet. Lehnig, HrOdrrstr. 59 - Fernnil 70006 - l'oslschvik LvIp/lK 53920 - Naihdruik nur mit Quellenaniiubr und mit C,cn<'hnil|(unf( di-s VcrfuHlt nrstatt«'t FREIHEIT UND DRUCK IN IHRER WIRKUNG AUF DAS JÜDISCHE LEBEN Von M> Güdemuun Das Judentum vertraut keine Despotie. Dal bekannte Wort eines unserer berühmtesten Glaubensgenossen dieses Jahrhunderts, es sei das Unglück der Völker, dall die Könige die Wahrheit nicht hören wollen, findet hereits in der Geschichte des i.onigs Itehabeam seine Bestätigung. Dieser schlug den vernünftigen Kai der Altesten in den Wind und hielt es mit den Junkern, die inner und überall das Volkswohl ihrem eigenen Interesse aufopfern. Ihrer Eingebung folgend, liefl er dem um Erleichterung der Lasten Menden Volke sagen: „Hat mein Vater euch mit Hüten gezüchtigt, " werde ich euch mit Skorpionen züchtigen." Der Krfolg dieser i' Spotischen Kundgebung war die Spaltung des Reiches, der religiöse ml sittliche Zerfall des Zehnstümmereiches und endlich dessen Unter- Lang. Diese nachteilige Wirkung der Knechtschaft und die vorteilhafte der Freiheit sind in der Geschichte der Juden immer wieder ■in neuem hervorgetreten, sowohl während ihrer Selbständigkeit wie iii der Diaspora. Ks wird allerdings im Talmud das geflügelte Wort lilgeteilt, der .Druck oder die Armseligkeit stehe dem .luden gut vie ein roter Zaum einem weiften Pferde. Aber diese Verherri hung des Druckes ist seihst eine seiner verhängnisvollsten Wirlungen. Man kann sich durch lange Gewöhnung den unerträglichsten liensverhültnisseii anpassen, ja. man kann sie sogar lieb gewinnen. \in Ende aber bleiben die schädlichen Folgen nicht aus und sind daier auch in der Geschichte der Juden nicht ausgeblieben. Ks heiUt in r. die geschichtlichen Talsachen auf den Kopf stellen, wenn man Iii wiederum behauptet, dafi der Druck es gewesen sei, der das identum erhalten hat. Das gerade Gegenteil ist das nichtige. Selbst in geringes Mali von Licht und Luft genügte, um einen Blütenfior rvorsusaubern. Welches sind denn, um das mehrfach gebrauchte ' ild beisubehalten, die sonnenbeschienenen stellen in der dunklen schichte der Diaspora? Alexandrien. Spanien und Italien. In diei (iehieten hat das Judentum Triumphe gefeiert wie nirgends ist. Ich denke dabei nicht au die äußeren Triumphe, welche ein- Ine durch ihre Stellung und ihren Einflufl im Staatsleben errungen Den, sondern ich beschränke mich auf das innere Leben der Ge- ■ ■ utheil, das seihst, wie gesagt, schon bei einein geringen Malle von iheit einen mächtigen Aufschwung nahm. Dies gilt zunächst in ns< haftlicher Hinsicht. Die Betrachtung der Religion von grollen ' "'-ichtspunkten, die philosophische Ahstraktion ihres ethischen Gehalts, die Beteiligung au allen Disziplinen der Wissenschaft, welche ■UCh zu mannigfachen persönlichen Beziehungen zwischen jüdischen miu nichtjüdischen Gelehrten führte, und wodurch die Juden in die Kulturbewegung der gesamten Menschheit eingegriffen und einen unverwelklichen Kuhnieskranz sich erworben haben — all diese Leistungen haben die Juden nur in denjenigen Ländern aufzuweisen, in denen sie sich wenigstens einigermaßen frei entwickeln konnten. Aber noch bedeutender war die günstige Rückwirkung der Freiheit und selbst einiger Freiheiten auf die Sittenzustände unter den Juden. Die ewige Anklage, dafi die Juden nicht arbeiten wollen, die immer wieder von denen hervorgebracht wird, deren einzige Lebensarbeit die Propagierung dieser Anklage ist. hat in der Geschichte des Mittelalters längst ebenso zugunsten der Juden ihre Entscheidung gefunden wie die andere, dall sie eine besondere Vorliebe für Geldgeschäfte besitzen. Wo ihnen die Berufswahl freigestellt war, da waren es das Handwerk und die Landwirtschaft, denen sich die Juden mit besonderer Vorliebe zuwendeten, in Italien und Griechenland lagen die Färberei und der Seidenbau in den Händen der Juden. Kaiser Friedrich II. hieli das Angebot von der Insel Gerbi, ihm bei Palermo einen Dattelpalmengarten anzulegen, höchlich willkommen, und Uefi ihnen gern Ländereien zum Anbau von Henna, Indigo und anderen Gewächsen anweisen. Kein Geringerer als Thomas von Aquino gibt den Juden in Italien das Zeugnis, dali sie ihren Unterhalt nicht durch Wucher verdienen. Kr rät deshalb, man möge sie auch anderwärts zur Arbeit „antreiben". Aher zur Arbeit brauchten sie nicht angetlieben zu werden. Tatsächlich hat man die Juden im Mittelalter zum Wucher angetrieben, der Arbeit wendeten sie sich aus freien Stücken zu. wenn mau ihnen nur die Wahl bell. Und dall es nicht gerade die leichte Arbeit war, die sie zu ihren Berufen machten, bezeugen schon die behördlichen Gegenvorstellungen gegen die beabsichtigte und nachher auch ausgeführte Vertreibung der Juden aus Sizilien. Da wird gesagt, dall die Insel durch die Auswanderung der Juden um fast alle Handwerker komme, besonders um solche, welche sich mit Bisensrbeiten zum Beschlagen der Pferde, zum Gebrauche in der Landwirtschaft, zur Ausrüstung von Schiffen, Galeeren und anderen Fahrzeugen beschäftigen. Damit habe ich flüchtig die Rückwirkungen geschildert, welche die F'reiheit in der Berufswahl auf die Juden und ihre Erwerbstätigkeit ausübte. Nun betrachten wir aber einmal die inneren Zustände, wie sie unter dem Druck sich gestalteten, der ganz besonders seit dem schwarzen Tode im 14. Jahrhundert in Deutschland und Osterreich verhängt wurde. Es ist wahr, die deutscheu Juden zeichneten sich durch eine sprichwörtlich gewordene Frömmigkeit aus, aber dall diese auch in der Freiheit gedeihen kann, bezeugt Joseph Jahez. der sich in diesem Punkte gewill nichts weilimachen Uefi, indem er hervorhebt, daß es in Spanien zu keiner Zeit so viele und so besuchte

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