Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite i' QEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RKUGIONSGEMEINDK ZU LEIPZIG Nummer :t nächsten neun Jahre sah er 'Iii' „Neue Zelt", dai wlnenaehattliobe Organ der Sozialdemokratie, von 1901,;ils er nach Deutachland zurQekkehren durfte, bii 1914 die „Sozialistischen Monatahefte", die grundlegende Zeitschrift dei „Revisionismus", heraus. Von seinen zahlreichen Schriften seien genannt: „Dokumente dea Soxiallimus", ../.in- Theorie und Geschichte dea Sozialismus", „Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung", „Die Voraussetzungen dea Sosiallsnius und die Autgaben der Sozialdemokratie" (1898/99), In dem letztgenannten Werk, das ungeheueres Aufsehen erregte, begründete Bernstein die revionlstische Theorie, die dem Marxschen Gedanken dea revolul onüren Klassenkampfes den Reformstandpunkl und die Lehre von der Evolution entgegenstellt. Auf den sozialdemokratischen Partei- Ingen wurde um seine Richtung erbittert gekämpft. Von 1908 bis zur letzten Wahlperiode gehörte Bernstein dem Reichstag an. Bi rnsteins I n t e ress e f ü r d a b .1 u d e n I u m erwachte spät, i t sein Verhältnis zum Judentum und die jüdische Atmosphäre seines Elternhauses berichtet er in seinen Kindheitserinnerungen, die er .iu- Anlaß seines 75. Geburtstages schrieb und die damals durch die Ita verbreitel wurden. 1ST7 war er aus sozialistischer Überzeugung aus dem Judentum ausgetreten. Aber der Weltkrieg inachte auch bei iluii den |>lick für die Judentrage frei. HUT Bchrieb er einen größeren Aufsatz: „Von den Aufgaben des Judentums im Well kriege", in dem er den Gedanken der jüdischen Mission in dem Sinne entwickelt, daß die .luden infolge ihrer Geschichte und ihrer Stellung unter den Nationen die völkerpolitische Aufgabe haben, für die Verständigung zwischen den Völkern zu wirken. Seit l'.'lü stehl H nstein der Poale Zion-ßewegung nahe. 1924 trat er dein ..Komitee für das urlieitende Palästina" bei und hielt Propagandavorträge zu (umstell der palästinensischen Arbeiterschaft. Kr ist Mitglied des Deutschen Komitees Pro Palästina. Eduard Bernstein gewährte einem Mitarbeiter des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Unterredung, in der er sich über seine Stellung zum Judentum u. a. folgender maßen äußerte: „Wenn ich auch in den siebziger Jahren still und unbemerkt der jüdischen Gemeinschaft den Bücken gekehrt habe, so hin ich doch immer .lüde geblieben, und bin stolz, darauf, von .luden abzustammen. In den siebziger Jahren lud Stoecker, der Vater der heutig« n Nationalsozialisten, ganz besonders in Berlin den Rassenhaß geschürt und da hielten wir als Gegenwehr es für richtig, den Kirchenaustritt /u empfehlen. Wenn ich auch als Redner nirgends den Kirchen austritt propagiert habe, s(> hielt ich mich doch, da ich dem Bureau jener Austrittsversanimlungen angehörte, für verpflichtet, auch für mich den Trennungsstrich zu ziehen. Ich habe es damals im stillen getan, und niemand hat etwas davon erfahren. Heute würde ich es nn ht mehr tun. Denn mau kann es einem Juden, der jetzt die Gemeinschaft verläßt, als Feigheil auslegen. Wer eine bedrängte und unterdrückte Religion verläßt, i-t feig. Die heutige antisemitische Welle ist giftiger denn je, Und darum würde ich In der Jetztzeit niemals den Schritt tun. Ich stelle nicht an. dies an meinem Lebensahend zu erklären. Als Parlamentarier und Politiker habe ich dann als .Konfi ssionsloser' immer die berechtigten Forderungen der deutschen luden weitgehend unterstützt...'* ..Sie sehen.'' sagte Bernstein zum Schluß, ..dati ich trotz der Bußeren Abkehr positiv zum Judentum stehe." Tu. Geburtstag, vsn HM Uesuietta Bnld. Am 21. Dezember vollendete Mit! Henriette Szold, die Schöpferin der zionistischen Frauenbewegung in Amerika und gegenwärtig Mit glied der Zionistischen Exekutive in Palästina, ihr 70. Lebensjahr. Miß Szold, di, in den letzten Monaten wiederum in den Vereinigten Staaten geweilt hat. befindet -ich gegenwärtig auf der Rückreise nach Palästina, wo -i,> in wenigen 'lauen eintreffen wird, um sich der Verwaltung des hebräischen Schulwesens weiter zu widmen. In der „Jüdischen Rundschau" widmet Dr. Nadia Stein der „Schöpferin der Hadassah" einen Aufsatz, in weichem es u.a. beißt: Seit Generationen hat es innerhalb des Judentum! keine Frau gegeben, die k beseeltes Frauentum. so vollendetes Menschentum in sich verkörpert hätte wie Henriette Szold. Was Tauaende von Frauen an ihrem Geschlecht gesündigt, indem sie es verächtlich machten, durch ihreu Unernsl und ihre Oberflächlichkeit, durch ein Leben der Nichtigkeiten und Äußerlichkeiten, das bat diese einsige wieder wettgemacht durch die wundervolle Persönlichkeit, zu der sie sich gebildet, und die hohe Verantwortlichkeit, unter die sie ihr Dasein gestellt hat... Durch ihre Arbeil mit Frauen, durch II««» Arbeil für Frauen, durch Organisierung großei Massen von Krauen ist Henriette Szold zur führenden Persönlichkeil in der jüdischen Öffentlichkeit gereift. Als Schöpferin und Seelengeberin der Organisation der Zionislinnen Amerikas, der „Hadassah", hat sie ihre historische Bedeutung erlangt. Und das nicht nur in der Geschichte ihres eigeneu Volkes, aus dessen Renaissance' die Initiative und Mitarbeit der Hadassah schlechthin nicht wegzudenken ist. Es stellt vielmehr in der Sozialgeschichte der Menschheit bisher ohne Beispiel da, daß es einer Frau gelingen konnte, Zehntausende von Geschlechtsgenossinnen zu einer ideellen Bewegung von solch nationaler Verantwortung zusammenzuschließen. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß die Hadassah 50000 jüdische Krauen, darunter IO000 junge Mädchen. in den Vereinigten Staaten umfaß! und beinahe den gesamten Gesundheitsdienst des jüdischen Palästina mit seiner Unzahl von In« stitutionen und einem Budget von meinals 4 Millionen Mark bestreitet. Die Frauen sind heule nicht zu zählen, die auch außerhalb der Hadassah. sei es als Mitglieder der Histadruth Naschim, sei 68 als Mitglieder der Wizo oder auch sonst wann einen Hauch ihres Geistes verspürt und sich zu ihr bekennen als zu ihrem edelsten Vorbild. I n den „1! 1 ä t I e r u d e s .1 ü d i SC Ii 6 II F r a u e n I) u n (1 e S für Frauenarbeit und Frauenbewegung" (Dezember lit'^it) berichtet Helene Hanna Thon, Jerusalem, ausführlich über die bedeutsamen Leistungen der H a d a 8s a h Organisation in den so schweren Augustlagen des vergangenen Jahres. Wir geben einige Stellen ihrer Darstellung w ieder: Das (i hißte auf dem Gebiete der Verwundeten- und Flüchtlingstürsorge wurde von der „Hadassah" geleistet, der von amerikanischen Zionislinnen eingerichteten Organisation für Gesundheitswesen. Schon in den 'lauen vor dem Ausbruch der Unruhen, als deren bedrohliche Symptome sich mehrten, begann das Rothschild-Krankenhaus der Hadassah in Jerusalem seine Vorkehrungen zu treffen... In diesen Tagen erwies sich deutlicher als je zuvor die enge Verbindung von medizinischer und sozialer Arbeit, die in der Hadassah herrscht zweifellos eine Folge der Tatsache, daß diese medizinische Organisation von Frauen geleitel wird. Vor wenigen Monaten halle die Hadassah das „Haus der Gesundheit" eröffnet, das Ihr Gönner Nathan Straus und seine Gattin ihr gewissermaßen als Gipfel und Krone ihres Werkes der Volks gesundheitspflege gestiftet hatten. In den schönen Räumen dieses Hauses sollten Pflegekurae, eine Mütterberatungsstelle, eine Milchküche, Kinderspeisungen und viele andere Einrichtungen der Gesundheitserhaltung untergebracht werden. In dem Augenblick, als die Flüchtlinge aus den bedrohten Jerusalemer Vierteln, aus Hebron und anderen Orten in die Stadt strömten, verwandelte sich nun das schöne neue Haus in eine Zufluchtsstätte für Hunderte und Tausi Ilde. Unter Aufsicht eines ad hoc geschaffenen Komitees von Ärzten und Schwestern «1er Hadassah und von freiwilligen Helfern wurden im Nu alh> Vorkehrungen zur Unterbringung, Speisung, ärztlichen Überwachung der Flüchtlingsmasse getroffen. Bei diesem Werk erster Hilfe beteiligte sich besonders die palästinensische Frauenorganisation Histadruth Naschim Ibrioth, «leren Mitglieder unter einem Regt n von Kugeln und Steinwürfen aus allen Richtungen der Stadt herbeieilten, um Hand in Hand mit der Hadassah. mit der sie seil Jahren in enger Arbeitaverbindung steht, die Pflege der Flüchtligne zu übernehmen. Einige Räume des Hauses wurden sofort als ein Heim für Flüchtlingskinder eingerichtet, dessen Verwaltung die Histadruth Naschim übernahm. Später war es dann möglich, die Flüchtlinge in ihre verlassenen Häuser zurückzuschicken oder sie bei Ihren Verwandten unterzubringen aber das Kinderheim für 00 Kinder ist geblieben. Unter den kleinen Schwarzköpfchen, die jetzt dort vergnügt spielen und essen, ist manch eines, das heute schon vergessen hat. daß ihm vor einigen Wochen Vater und Mutter erschlagen wurden. — Kranken Flüchtlingskindern, die nicht ihren Tag im Kindergarten verbringen können, teilt die Hadassah noch tüülieh Mahlzeiten und Milch aus. Seit Wochen laufen auch von ihren Mitgliedern in Amerika große Sendungen von Kleidern ein, die von der Histadruth Naschim an die, ih nen alle Habe zerstört und geraubt wurde, verteilt werden. Ähnliche Vorkehrungen wie in Jerusalem hatte die Hadassah in den anderen Orten getroffen der LazaretUaaL den sie, aus Mangel an anderen Bäumen, im Haifaer Technikum eingerichtet hatte, war bald mit Verwundeten aus Haifa und Sated gefüllt. Dabei behandelten die Hadassah-Arzte .luden und Araber gleichmäßig und dabei geschah es. daß ein Koloniearzt, als er gerade einen verwundeten Araber verband, von einem anderen erstochen wurde.