Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S ite I Nummer 2 Unsere Gemeinde Jahre Israelitischer Kindergarten, Am 12. Januar sind es t"> Jahre her, daß benachbarl der damaligen ..Nähstuhe" in einer leeren Wohnung eines Krochsehen Hauses in der Roaentalgnsae der Israelitische Kindergarten tum ersten Male in Aktion trat. Ea isl den Mitgliedern und Freunden unseres Kindergartens cum Teil noch erinnerlich, dafi sowohl Nähstube wie Kindergarten Kriegaschöpfungen waren, die, der Not der damaligen Zeil Rechnung tragend, ail hoc beschallen und mit primitivsten Mitteln auagestattet wurden. Seitdem sind Jahrsehnte verflossen, aus der Notstandseinrichtung des Kindergartens ist längst eine für die Leipsiger Judenheil unentbehrliche Institution geworden, die nun schon auf zahlreiche „Generationen" in ihrer Besucheriah] zurückblickt. Viele der ehemaligen Zöglinge sind heule berufstätige Menschen, bekleiden kaufmännische Stellungen bei angesehenen Kinnen oder gehen weiteren Auabildungen für verschiedenste Berufe nach. Bei allen, wohl rast ausnahmslos, seigl sich der wohltuende Binflufi des mehrjährigen Besuches des Israelitischen Kindergartens, der die ersten Grundlagen in bezug auf Disziplin, geistige und manuelle Beschäftigung, richtige« Sprechen, manierliches Betragen und nicht zuletzt auf Hygiene und körperliche Pflege gelegt hat. Damals muflte der Wert einer Milchen Grundlage für die Ersiehung erst erwiesen werden. Viele Eltern der IMIeglinge standen diesen Kragen interesselos und zweifelnd gegenüber, und ihnen lag nur daran, die Kinder halbwegs untergebracht zu wissen, während sie selbst ihrem Beruf nachgingen. Aber auch unsere zahlenden Mitglieder und seihst die Verantwortlichen in der Jüdischen Gemeinde lernten erst allmählich den Nutzen, ja den Segen einer Institutinn. wie sie unser Kindergarten darstellt, kennen und schätzen. Heute bedarf es keines Hinweises darauf mehr, dafi es ein Erfordernis ist wie kaum ein zweites in der jüdischen Krziehiings- und Wohlfahrtsarbeit, die Kleinkinder geistig und körperlich zu ertüchtigen, und dafi dazu das allerbeste Erzieherpersonal, die beste ärztliche Überwachung, gute Ernährung usw. gehören, versieht sich für jeden Kingeweihten von selbst. Das, was aber allen freundlichen Interessenten noch lange nicht genügend klar ist, isl eine Krage, die den Vorstand des Israelitischen Kindergartens seit Jahren als drückende Sorge belastet. Die Wohnung, die der Kindergarten mit seinen 50 Pfleglingen, seinen;t Beamtinnen und 1 Hausangestellten in einem llofgchüude in der Auenstraße seil bald 1 t Jahren innehat, entspricht längst nicht mehr den Anforderungen, die an eine solche Institution zu stellen sind. Als erschwerend iritt neuerdings hinzu, daß seit kurzem das Gartengrundstück;in> Nachbarhaus, das uns von der Stadt seit ca. 10 Jahren mietweise überlassen war. entzogen werden muflte, well die Stadt den * iaiien notgedrungen anderweitig mit abgeben mußte. Bs ist kaum /11 verantworten, wenn wir die große Zahl zum Teil sehr zarter und schwächlicher Kinder weiterhin in diesen Bäumen täglich von!) Iiis (i Uhl beherbergen, da deren GrSfle und hygienische Ausgestaltung allzu unzulänglich sind. Nur der hingebungsvollen und suflergewöhn lieh sachverständigen Arbeit unserer jetzigen Jugendleiterin und ihrer zwei treuen Hilfs-Kindergärtnerinnen ist es zu danken, wenn die Kinder auch in dieser engen Behausung noch halbwegs mit Spielen, Essen, Schlafen, Baden usw. zu ihrem Recht kommen. Die ärztliche Überwachung Frl. Dr. Adlers muß hierbei als eminent wertvoll dankbar erwähnt «erden. Neiderfüllt sahen und sehen manche unserer Vorstandsmitglieder die weiträumigen schonen und modern ausgestatteten Wohnungen zu.....ist sind es eigene Häuser —, in denen in anderen Teppiche für jedermann Am 15. Januar beginnt unser sensationeller Inventur-Ausverkauf Städten, wie Köln, München, Elberfeld, Hannover usw.. die jüdischen Kindergärten untergebracht sind. Was in jenen großen und initiieren Gemeinden möglich ist. sollte doch bei allgemeinerem Dafüreinlreten auch in Leipzig zu schaffen sein! Viele Versuche und stärkste Bemühungen hat der Vorstand schon unternommen. Kr wendet sich heute mit diesem Appell gelegentlich des 15. Geburtstages des Israelitischen Kindergartens an alle Juden Leipzigs, vorzüglich an die Vertreter der Gemeindekörperschaften, mit der eindringlichen und warmen Bitte: Helft dazu, daß schnellstens die brennende Wohnungsfrage gelöst, und da ß d i e d a z u erforderlichen Mittel aufgebracht werden! Kür den Vorstand des Israelitischen Kindergartens: Bettina Brenner. Beer Rnrorliow. Anläßlich des 12, Todestages von Beer Borochow veranstaltete die Ortsgruppe der l'oale /Jon eine Gedenkfeier, bei der Herr A. Goldfäden in einer großangelegten Gedenkrede die Persönlichkeit und das Wirken Borochows würdigle. Kr führte etwa folgendes aus: Borochow, der Gründer und Kührer der l'oale /Jon. ist H)t7 jung, voll Tatkraft (er war im Jahre IHM als Sohn eines hebräischen Lehrers in ZlotonOBChl geboren), Inmitten seiner Arbeit, ja man könnte sagen, erst im Beginn seiner Arbeit, der jüdischen Arbeiterbewegung entrissen worden, UnernieBlich ist der Verlust, den durch seinen frühen Tod die Arbeiterbewegung, insbesondere die l'oale Zion, erlitten hat. — Borochow war der Schöpfer der I'oale-Zionistischen Theorie: als erster hat er die organische Einheit von Sozialismus und proletarischem Nationalismus erkannt. Hin wirres Durcheinander herrschte damals im jüdischen proletarischen Lager, inabesondere im proletarischen Zionismus. Borochow hat. was bis dahin keinem gelungen war. Klarheit in den proletarischen Zionismus gebracht, hat ihm eine festliegründete. theoretische Grundlage gegeben. Welchen gewaltigen Kiutluß seine Ideologie auf die sozialistische Welt halte, kann nur der ermessen, der ihre Einstellung zur Nationalitäten-Frage vor Borochow kennt. Ks herrschten Ansichten in dieser Krage, die teilweise als reaktionär angesprochen werden können. Wenn die sozialistischen Theoretiker ihre Auffassung teilweise darin revidiert haben, so geschah es unter «lein Kinfluß der Gedankengänge Borochows. Auch die Vorkämpfer der jüdisch-nationalen Bewegung hatten keine befriedigende Antwort auf die Krage Nationalismus und Sozialismus gegeben. Vielfach haben jüdische Sozialisten den Nationalismus in seinem Grundwesen als etwas Reaktionäres betrachtet: und damit als etwas, was sich mit Sozialismus nicht vereinbaren läßt. Borochow blieb es vorbehalten, eine Verbindung zwischen Nationalismus und Sozialismus herzustellen. Die Sejmlsten betrachteten Sozialismus und Nationalismus als zwei verschiedene Prinzipien, wenn sie auch von dem Sozialismus forderten, daß er sich mit den nationalen Kragen befasse: der Sozialismus hängt von der freien Entwicklung der Nationen ah. Kr soll deshalb den unfreien Nationen die Kntw ickluugsmöglichkeit geben. Im Gegensatz zu den Sejmlsten behandelte der Bund die Juden frage als eine zugleich ethisch und politisch zu lösende Kraue. Im nationalen Befreiungskampf der jüdischen Arbeiter sehen sie eine Ablenkungsgefahr vom Klassenkampf. Andererseits erkannten sie. daß die Assimilation der jüdischen, proletarischen Klein.-nie durch ilie Widerstands-Tendenz der territorialen Nation unmöglich ist. D-i <b" jüdischen proletarischen Elemente ein nationales und kulturelles Eigenleben führen, ist es nötig, die national-kulturelle Autonomie zu erkämpfen, um den jüdischen Massen die Möglichkeit kulturellen AuslebenS zu geben Die nationale Frage wird gleichzeitig mit der sozialen gelöst werden. Auch die Bundislcn behandeln danach Sozialismus und Nationalismus als zwei verschiedene Dinge. Erst Borochow hat ihre Einheit marxistisch begründet. Der Mensch ist ein Gruppenmensch. Er kann sich nur innerhalb der Gesellschaft, in der er lebt, entwickeln. Das gilt auch für die Arbeiterklasse, die ökonomisch und kulturell mit der GeseHschafl verbunden ist. Sie kann sich nur innerhalb der Gesellschaft den Boden schaffen, von dem aus sie ihre Kämpfe zur Verbesserung ihrer Lebenslage führen Wann. Aber ebenso wie ihre wirtschaftlichen Interessen Innerhalb der Gesellschaft andere sind als die der Bourgeoisie, so unterscheiden sich auch ihre nationalen Interessen von denen des Bürgertums. Klassenkampf der Arbeiter ist ein Kampf gegen nationale!{•■ vormundang und gegen wirtschaftliche Ausbeutung. Der wirkliche Träger der Nation ist die Arbeiterklasse. Wie der Klassenkampf ein