Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (1.1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4876568-5968776-5969148--2944-4877389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
:». Januar 1030 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seit" ,"> JÜDISCHER FRAUENBUND / ORTSGRUPPE LEIPZIG iL Montag, den 13. Januar, 16,30 Uhr im Hotel Hauffe „Die religiösen Richtungen im Judentum Re,erate Frau Cilly Dzialowski: Orthodoxes Judentum Frau Else Cohn: Liberales Judentum Die Referate über „Politische Richtungen im Judentum" erfolgen am Dienstag, den 21. Januar Nolsliindp solcher Organisationen, die kontinuierlich und systematisch arbeiten. Unter diesen Organisationen nimmt der Hilfsverein der Deutschen .luden einen hohen Rann ein, teils durch seine grofien Leistungen in der Vergangenheit, teils durch seine Parteilosigkeit innerhall) der jüdischen Gemeinschaft. In dieser Zeit wirtschaftlicher Depression pflegen viele am falschen Orte zu sparen, nämlich, indem sie sich ihren sozialen Pflichten entziehen, statt ihren privaten Bedarf einzuschränken. Denken Sic selber darüber nach: ich hab* nicht das Zeug zum Prediger in der Wüste." Die Besprechung diente im wesentlichen der Klärung über die weitere Förderung der Hilfsvereinsarbeit in Leipzig. Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens — Ortsgruppe Leipzig. In einer am 9. Dezember 1929 stattgefundenen Mitglieder-Versammlung sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Goldberg, Plauen, zu dem Thema: „Der Triumph der Nationalsozialisten, die Folgen der K o ni m u n a 1 w a h 1 e n vom 17. November 10'J9 für die sächsischen Gemeinde n." Der Lieferant führte folgendes aus: Die Kommunal- und Provinzialwahlen in den meisten der größeren deutschen Länder haben mit erschreckender Deutlichkeit auch dem Weltfremdesten klar werden lassen, was verantwortungsbewußte Führer des Volkes schon seit langem erkannten: Die Welle des Radikalismus ist wieder im Steigen, das Heer der Mitläufer in der Politik strömt zu den radikalen Flügeln ab, zu den Kommunisten und Nationalsozialisten. Vor allem die Nationalsozialisten (Hitlerleute) konnten bei den letzten Wahlen mit einer Stimmziinahme autwarten, die dem Bürgertum und besonders den .luden zu denken geben sollten. Es sind erst drei Wochen seit den Wahlen vergangen, und schon muß festgestellt werden, daß diese kurze Zeit genügte, um den Wahlkampf, der mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geführt wurde, zu vergessen, und gleichzeitig zu vergessen, welche Folgen diese Wahlen haben. Es ist erstaunlich, daß man besonders unter den .luden so schnell vergißt, welche Fülle von Schmutz über die Juden ausgeschüttet wurde; ihr Optimismus, der sie der Meinung sein läßt, daß alles nicht so schlimm Ist, ist eigentlich unbegreiflich. Haben nicht besonders die Juden Veranlassung zu überlegen, wie das Unheil, das a bau wehren nicht möglich ist, wenigstens durch Abwehnuaßnahmen geschwächt werden kann? Ks muß den Juden zugerufen werden: „Gefahr in Sicht!" Wer etwa glaubt, der Nationalsozialismus sei eine brauchbare Waffe gegen d<>n Marxismus, der muß jetzt erkennen, daß die Nationalsozialisten den festgefügten Organisationen der S. P. D. und der K. P. D. noch wenig anhatten können, dafür aber mit um so verheerenderer Kraft die Wtthlennassen der bürgerlichen Parteien dezimieren. Darum erfordert die Stunde erhöhte Wachsamkeit des Bürgertums, das allen Grund hat, sich die rechtsbolschewistische Demagogie der Nationalsozialisten genau anzusehen. Die Vermehrung der Stimmsitfer der Nationalsozialisten ist ja vornehmlich auf Kosten der Bürgerlichen erfolgt. Ks ist auffällig, daß dem Rufe der Nationalsozialisten gerade von dieser Seite aus Folge geleistet wurde, während loch ihr Programm bewußt darauf hinarbeitet, diese Parteien zu mtergraben. Das kommt vielleicht daher, weil das Wort „national" ^anz anders gewertet wird, wie es wirklich der Fall sein sollte. ')ft irenug wurde bisher versäumt, das Rürgertum auf die Täuschung <ler nationalsozialistischen Phrasen hinzuweisen, und man erkannte nicht, daß das, was in jenem Lager unter Nationalismus verstanden wird, nichts zu tun bat mit der traditionsstarken nationalen Sehnsucht ,des deutschen Bürgertums. Für die Nationalsozialisten existiert nur '■in brutaler Gewaltnationalismus, ein verderblicher Scheinpalriotismus wilden Säbelrasselns. Dieser Phrasendonner hat den Deutschen schon vor dein Weltkriege viele Sympathien verscherzt und trägt Schuld daran, daß uns die Versicherung unserer Friedensliebe nirgends geglaubt wird; und es ruft das gesteigerte» Mißtrauen gegen Deutschland hervor. Heute, da das entwaffnete Deutschland umgeben ist von schwerbewaffneten Völkern, die mit Gasbomben, Flugzeugen und Bakterien alle Schrecken des Zukunftskrieges über unser Vaterland hereinbrechen lassen können, ohne daß wir auch nur die entfernteste Möglichkeit einer entsprechenden Gegenwehr haben, sind die nationalsozialistischen Schwertphrasen geradezu lächerlich. Die einzige, allerdings tief bedauerliehe Wirkung, die sie haben, beruht darin, daß sie unseren Gegnern immer wieder für die Verschleppung ihrer eigenen Abrüstung, für die Hinauszögerung der Erfüllung uns gegebener Versprechen Vorwände liefern. Dieser Nationalsozialismus ist also ein Beweis dafür, daß dieser Partei völlig das politische Augenmaß und das nationale Verantwortungsbewußtsein fehlt, was ganz besonders typisch bei dem jetzigen Volksbegehren erkannt werden kann. Deutschland kann nur wieder zu Kräften kommen, wenn es sich auf den Boden des Friedens stellt. Die Nationalsozialisten wollen aber bewußt den Kampf weiterführen und sich mit ihren früheren Gegnern messen. Diese Bewegung ist nur geeignet, das Deutsche Reich zu gefährden. — Sie hat wie jede politische Partei auch ein Wirtschaftsprogramm, d. h. eine Reihe von grundsätzlichen Thesen über die Gestaltung der Wirtschaft aufgestellt. Diese Forderungen verdienen in noch viel höherem Maße die Aufmerksamkeit des Bürgertums, zumal sie von den Nationalsozialisten ihren bürgerlichen Anhängern niemal« deutlich vorgetragen werden. Die NSDAP erkennt den Grundsatz von der absoluten Unverletzlichkeit des Privateigentums nicht an. sondern setzt sich nur in sehr beschränktem Umfange für den Schutz des Privateigentums ein, Sie fordert die Aufhebung der Grundrente, verlangt die Verstaatlichung der Monopolunternehmen und der Mauken und die Kommunalisierung der Warenhäuser. Darüber hinaus fordert sie seit neuestem auch eine Art von Sozialisierung aller größeren Privatbetriebe, an denen den Arbeitern und Angestellten ein Gewinn* beteiligungsrachl gesetzlich garantiert werden soll. Deutschtum und Rasse, das Aushängeschild der Nationalsozialisten, haben nichts miteinander zu tun. Trotzdem wird von den Nationalsozialisten alles abgelehnt, was nicht „deutschblütig" ist. Dabei wird aller vergessen, daß Deutschtum nicht die Schutzmarke irgendeiner europäischen Blutmischung ist. sondern eine geistige Forderung, zu der sich jeder mit Recht tiekennen kann, der die deutsche Sprache spricht, deutscher Kultur teilhaftig ist, mit dem deutschen Schicksal sich verbunden fühlt und vor allem, der selbst deutsch sein will. Wobei es gleichgültig bleibt, welcher Religion man angehört, ob man abstammungsmüßig Franzose ist, wie der Dichter Chimisso, oder auch wie der Sprachschöpfer Friedrich Gundolf, der Kampffliegerheld Leutnant Frankl oder Felix v. Mcndelssohn-Bnrtholdy. Die ganze Entdeutschungsaktion. die die Nationalsozialisten gegenüber den Deutschen jüdischer Abstammung propagieren, ist psychologisch gesehen nichts anderes als der Ausdruck nationaler Unsicherheit und Feigheit, und trotz allem ist es den Nationalsozialisten gelungen, eine derartige Stimmenmehrheit bei den letzten Kommunalwahlen zu erzielen. Es ist ein Beweis dafür, daß der Bürger sich durch die Schaumsehlägeral und das Phrasengedresch derer um Hitler täuschen.ließ und kritiklos den Worten der Führer dieser Partei folgt. Dies ist aber nicht nur hei den Bürgern, sondern auch bei den Arbeitern der Fall. Es ist statistisch nachgewiesen, daß ein Teil des Stimmzuwachses aus den Arbeiterparteien kommt. Im Grunde genommen ist zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten gar kein großer Unterschied mehr. Was der Nationalsozialismus will, den negenwitrtigen Staat, der von ihm als zweites Reich bezeichnet wird.