Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (1.1.1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4876568-5968776-5969148--2941-4877386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BIB1 Sri!. GEMEINDFBLATT DF.K ISHAI SRABLm i?n in" 111 o\ fiHHWWSGE MEINDE ZU LEIPZIG Nummer I v beigetragen, namentlich die Leittungen dea Averroet wurden durch' die Juden dem abendländischen Betriebe clor Philosophie vermittelt. Waren die jttdiachen Philosophen des Mittelalters M i I begründet der Scholastik, so ist der Amsterdamer Maraimensohn als Hauptbegründer der neuieitlichen Philosophie anzusehen. Spinoza, den die Deutschen „wie einen toten Mund" behandelten, und den die Jüdischen Zeitgenossen exkommunizierten, wird von H. Zeltlin in seinem das Problem des (tuten und Bösen behandelnden Werke unter die Nicht¬ Juden gerechnet, „weil er für NichtJuden schrieb und sein Einfluß, wie der Meines, bei den Nichtjuden größer war als bei den .Inden". Ii\ der Tat ist der Finfluß dieses jüdischen Fremiton auf das gesamte europäische Geistetleben von immenser Ausdehnung und unübersehbarer Weite. Leibnil ging In die Schule Spinozas, die deutsche Klassik und Romantik wurzelt in ihm. die More Goometrico-Mothode der Atsosiationspsychologie, der evolutionistischen Ethik und der materialistischen Qeschichtsphllosophie — sie alle atmen spinozistitchen Heist. Ein wütender Haß war zwar bestrebt, ihn zu verdunkeln, und er galt im IS. Jahrhunderl ..als der verruchtetste, gefährlichste Gottesleugner". ..als der ungesalzene .Indens et Atlieista". ..der Belachgewordene Satanas", der „autor Irreliglosissimus", der „Maledictus".. usw. Seine ungeheuer grofien Verdienste konnten aber durch solche Anfeindungen nicht verheimlicht werden. Mit Lessing beginnt eine völlige Renaissance des Spinotismut. Der nach Leasings Tode auftretende Spinozastreit unterstützt diese Wiedergeburt, indem von ihm tiefste Impulse ausgingen: Lavater, Lichtenberg, Matthias Claudius, Jean Paul. Kant. Schüler u. a. nahmen au diesem Streit innerlich teil. Schölling, Herder und Goethe empfanden den bisherigen Atheisten als den „philosophus theissimus" und Goethe erklärt, der „atheus" Spinoza sei ein „Christianissinius". Das große Erkenntnisprinzip der intellektuellen Anschauung ist von Spinozas Bcientia intuitiva übernommen worden. In ihm wurzelt die Identitälsphilosophie Schöllings, für Hegel ist der Spinozismus „der wesentliche Anfang aller Philosophie", und von ihm gingen dann Teilens, Schleiermacher, L. Feuerbach bia E. v. Hartmann, Was nun Pichte angehl, so beweist Xavier, daß er von Spinozas Kthik und theologisch-politischem Traktate ganz erfüllt war und daß er „par tonte sa culture" vom Spinozismus imprägniert sei. Spinoza schuf so den deutscheu Idealismus „und nicht Kant, sondern Spinoza ist der Vater der deutschen Idealistischen Spekulation, deren wesentlichste Ideen eine Nachbildung, öfter auch eine Abschwächung spinoslttischer Gedanken sind". Auch die Dichtung der nachspinozistischen Zeit erfuhr 1815 den Kinlluß des gebannten Weisen. In Deutschland lobt er fort in Goethe, Lessing und Heine; in England in Byron, Schelly und Koleridge und der englische Professor erließ den Ruf: „Zurück zu Spinoza." Aber auch heute noch Andel Spinoza Fortsetzen und der englische Philosoph McMaggart ist als der moderne Spinoza zu betrachten. Dieser jüdische Stoiker des 17. Jahrhunderts, dieser Fürst im Reiche des Intellektuellen, dieser Führer im Imperium der Ideen schaute tief hinein in die wettbewegende (ieheimkaniiner der Natur und zeigte mit sicherem Blick den richtigen Weg für Jahrtausende. Mit Hecht gab Henau dem Hause, hinter dessen Giebel Spinoza seine Ethik vollendet hatte, und wo er 1077 starb, die unsichtbare Inschrift: „C'est d'ici peut-etre quo Dieu a ötö vu de plus pres." Vom grauen Altertum also bis in die jüngste Neuzeit hinein hat der jüdische Intellekt die Getamtphilosophle bereichert und befrachtet. Weder bloß übornehinend-rezoptiv, wie die Ameise, noch einfach umarbeitoml-synkretistisch, wie die Biene, sondern solbstzougond-kreatorisch, wie die Spinne trat der jüdische Geist in die Schranken der Philosophie. Hat so das jüdische Ingenium bis zum saeculum pbilosophicum eine bedeutende Rolle im philosophischen Schrifttum gespielt, so beginnt mit Mendelssohn eine nachgerade Führerstellung der jüdischen Geistesbetltigung und wir dürfen mit Mückle sagen: „In allen Kulturen des AI endlandet schw ingen irgendwie Kräfte der jüdischen Seele mit." Die Chanukalichter Nach dem Mi.hasch von Dr. P. Jarob Kulm. Zu allen Zeiten blicken wir in den Chanukatagen auf die wackeren Makkabäerlielden zurück, und zu allen Zeiten wurde ihr Andenken gefeiert. Zu allen Zeilen wurden die Chanukaliehtleiii angesteckt, aber nicht immer haben sie Freude und Jubel gebracht Ks gab einst schlimme Zeiten, da unsere Eltern unter dem drückenden Joche übermütiger Körner seufzten, da ihnen die Ausübung der göttlichen Gebote lebensgefährlich wurde, gleich den Zeiten, denen das Fest seine Entstehung verdankt. Selbst das Anzünden der Chanukalichter hatte einmal schlimme Folgen für sie und viele tausend Menschen büßten es mit dem Tode. Das war nämlich zur Zeit des römischen Kaisers Trajan. Als er einst mit seinem Heere auf einem Kriegszuge war, schenkte ihm seine Gattin einen Sohn. Die Geburt des Prinzen wuide allgemein gefeiert und allerorten herrschte Jubel und Freude im Volke. Nur die Juden konnten sich nicht an diesen Festlichkeiten beteiligen, denn der Geburtatag >lcs Prinzen war gerade auf den!>. Ab gefallen, der für sie ein Nationaltrauertag war. An diesem Tage wurden nämlich die beiden heiligen Tempel der erste durch den Babylonicrkönig Nebukadnetar und der zweite durch den römischen Kaiser Titus niedergebrannt und Jerusalem zerstört. Wühlend das Volk sich belustigte, »aßefl die .luden in ihren Synagogen, sangen ihre traurigen Weisen und weinten über den l'ntergang des jüdischen Staates. Natürlich eilten ihre Feinde, die et auch zu jener Zeit schon gab. sofort zur Kaiserin, um sie zu Verleumden. Sie behaupteten, die Juden seien nur aus Bosheit den Lustbarkelten fern geblieben und der Kaiser müsse sie dafür bestrafen. Wohl zürnte die Kaiserin den Juden, als sie diese Klagen hörte, aber die Freude mit ihrem Kinde lief) alles .....lere vergessen und so entgingen die Juden vorläufig einem harten Sehlage. Inzwischen war Chauuka gekommen. In allen jüdischen Häusern rüstete man sich zu diesem Feste. Die Chanukaleuchter wurden hervorgeholt und blankgeputzt, allerlei Spiele wurden vorbereitet und überall herrschte Innige Freude und Festtagsstimmung. Zum Unglück für die armen Juden erkrankte der junge Prinz gefährlich und starb am Rütttage des Chanukafettet. Im ganzen Lande war nun große Trauer und überall beklagte und beweinte man seinen Tod. Die Juden waren in arger Verlegenheit Was sollten sie tun? Sollten sie die Lichter nicht anzünden? Die Weisen hatten es aber für alle Zeiten geboten und man durfte ihr Gebot nicht mißachten. Wenn sie aber die Lichtlein anzündeten, setzten sie sich da nicht der größten Gefahr aus? Würden dann ihre Feinde nicht mit neuen Verleumdungen zur Kaiserin laufen? Lange sehwankten sie und wußten sich keinen Hat. Fudliih siegte ihre Frömmigkeit, und sie beschlossen, das Gebot der Weisen zu erfüllen und die Chanukalichter, trotz aller Gefahr, zu entzünden. Sie hatten sich leider in ihren Feinden nicht getäuscht. Kaum erstrahlte der Lichterglanz in den jüdischen Häusern, als diese auch schon ihre Klagen vor die betrübte Kaiserin brachten. „Siehst du nun" — sagten sie -- „.laß die Juden ein böswilliges Volk sind? Als sich das ganze Land über die Geburt deines Söhnohens freute, saßen sie in ihren Synagogen und saugen Klagelieder, aber jetzt, da alle um den herrlichen Thronerben trauern, da beleuchten sie ihre Häuser und singen fröhliche Weisen." Diesmal war den Feinden das lletzwerk besser gelungen. Die schwergeprüfte Kaiserin schickte sofort einen Eilboten an ihren Manu und ließ ihm bestellen: „Ehe du wilde Völker in fernen Landen bekriegst, züchtige doch lieber die Juden in deinem Lande, die sich gegen dich empört haben." Als der Kaiser diese Botschaft einpling, schiffte er sich sofort mit seinem Heere ein und ein günstiger Wind brachte ihn. statt in zehn, wie er berechnet hatte, schon nach fünf Tagen in seine Heimat. Dies schien ihm ein günstiges Zeichen. Gewiß bin ich jener Adler meinte er von dem es in der Bibel heißt: „Vom Filde der Erde wird Gott ein Volk herbeiführen, wie der Adler herbeischwebt." Fr fiel mit seineu Soldaten über die unschuldigen Juden her und richtete ein schreckliches Blutbad unter ihnen an. Alle Männer und Kinder wurden ermordet, nur die Frauen wurden verschont, um sie zu Sklavinneu zu macheu. Als sie sich aber standhaft weigerten, den Glauben ihrer Väter zu verleugnen, wurden auch sie hingemordet. Ihr Blut floß in Strömen und vereinigte sich mit dem ihrer Männer und Kinder. Darum, wenn wir die Heldentaten der tapferen Makkabäer feiei n, wollen wir auch dieser Männer und Frauen gedenken, die als wahre Märtyrer ihres Glaubens starben und ihr Leben selbst für ein Gebot der Weisen einsetzten.